GNOME3: Ein Blick in die Zukunft des Linux Desktops

7. März 2010, 16:37
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Von aktuellen Fortschritten bei der GNOME Shell über einen neuen Look und Änderungen am Dateimanager bis zu weiterführenden Konzepten für GNOME 3.2/3.4

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montage: andreas proschofsky / grafiken: hylke bons, jakub steiner, andreas nilsson

Beinahe acht Jahre ist es bereits her, dass sich das GNOME-Projekt seinen letzten großen Versionssprung gegönnt hat: Im Juni 2002 wurde GNOME 2.0 veröffentlicht und brachte damals massive Veränderungen für den Linux-Desktop mit sich: Ein großer Teil der Basistechnologien wurde neu geschrieben, zahlreiche neue Funktionen und Anwendungen kamen hinzu. Ein Unterfangen, mit dem man die Basis für die kommenden Jahre legen sollte, das allerdings auch durch erhebliche Verzögerungen gekennzeichnet war, GNOME2 erschien schließlich mehr als ein Jahr später als ursprünglich erhofft.

Lehrreich

Probleme aus denen man rasch seine Lehren zog, in Folge sollte GNOME mit einer beinahe schon verblüffenden Zuverlässigkeit alle sechs Monate eine neue Version der eigenen Softwarezusammenstellung veröffentlichen. Neue Features wurden nach und nach eingeführt, weitere Programme kamen mit praktisch jeder Release hinzu. Ein System, das natürlich auch so seine Schattenseiten hat, schleppt GNOME doch bis heute einige veraltete Technologien mit sich herum, die man selbst schon längst nicht mehr als zeitgemäß ansieht.

GNOME3

Also entschloss man sich im Sommer 2008 zum großen Schnitt: Mit GNOME 3.0 sollen im Herbst 2010 - konkret visiert man derzeit den 29. September für die Veröffentlichung an - zahlreiche Komponenten in die wohlverdiente Softwarepension geschickt werden, das grafische Toolkit GTK+, das die Basis von GNOME bildet, soll dabei ebenfalls aufgeräumt werden. Gleichzeitig will man den Versionssprung aber auch dazu nutzen, um die Bedienungskonzepte der eigenen Software grundlegend zu hinterfragen, eine neue User Experience einzuführen, Änderungen an bestehenden Programmen vorzunehmen und den Look zu überarbeiten. Vor kurzem haben sich die DesignerInnen des GNOME-Desktops zu einem Usability-Hackfests in London getroffen und dabei die Pläne für GNOME 3.0 weiter präzisiert, sowie gleich Ideen für darüber hinaus gehende Verbesserungen am Desktop geschmiedet. Ein guter Anlass, einen aktuellen Blick auf den Entwicklungsstand von GNOME3 zu werfen, und die weiteren Vorhaben etwas ausführlicher zu skizzieren.

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screenshot: andreas proschofsky

Die Kernkomponente der neuen User Experience von GNOME3 stellt die GNOME Shell dar, eine zunächst vornehmlich von Red Hat vorangetriebene Neuentwicklung, die mittlerweile aber auch substantielle Beiträge aus der Community erfährt. Die dahinter stehenden Konzepte hat man in zahlreichen Iterationen verfeinert, und in einem ausführlichen Design-Papier [PDF] zusammengefasst. Freilich verdeutlich nichts die Ansätze der GNOME Shell besser als sie selbst auszuprobieren, die offene Entwicklung im Source-Code-Repository des Projekts erlaubt hier sich einen tagesaktuellen Überblick zu verschaffen.

Panels

Einmal gestartet ersetzt die GNOME Shell diverse Kernkomponenten des bisherigen Desktops: Allen voran das GNOME-Panel samt dem zugehörigen Startmenü und diversen Applets, zusätzlich kommt statt dem gewohnten Fenstermanger Metacity die auf der 3D-Bibliothek Clutter basierende Weiterentwicklung Mutter zum Einsatz. Auf den ersten Blick sieht so ein GNOME-Shell Desktop trotzdem nicht viel anders als GNOME 2.x aus. Das Redesign des oberen Panels sowie die vollständige Entfernung des unteren - samt der dort bislang befindlichen Task-Liste - ist hier wohl noch die auffälligste Neuerung.

Auslöser

Der Umfang der Neuerungen offenbart sich allerdings bei der Aktivierung des "Activities-Overviews", der wahlweise durch das Anklicken des entsprechenden Knopfs, den Druck der "Windows"-Taste oder das Schieben des Mauszeigers in die linke obere Ecke  aufgerufen werden kann. Öffnet sich dann doch ein Übersichtsmodus, der gleich eine ganze Reihe von Aufgaben übernimmt.

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screenshot: andreas proschofsky

So werden zunächst einmal in der linken Spalte die wichtigsten Anwendungen für den Schnellzugriff präsentiert. Diese Ansammlung lässt sich nach Belieben umgestalten, alle installierten Anwendungen können über einen Klick auf die "Applications"-Zeile eingeblendet und per Drag & Drop in die Liste der eigenen Favoriten hinzugefügt weren. Gerade geöffnete Anwendungen sind dezent grau hinterlegt, über einen Rechtsklick auf das Icon können auch auf diesem Weg einzelne Fenster eines Programms ausgewählt oder ein zusätzliches Fenster geöffnet werden.

Orte

Unter dieser "App Well" genannten Abteilung werden die wichtigsten Orte aufgelistet, also Geräte und Bookmarks wie sie auch im Sidebar des File Manager Nautilus zu finden sind. Das Aushängen von Wechseldatenträgern oder aktiven Netzwerk-Mounts kann hier ebenso direkt vorgenommen werden. Die dritte große Abteilung bildet die Liste der zuletzt benutzten Dokumente, ähnlich wie bei den Applications kann hier über einen Klick noch etwas ausführlicher in der Vergangenheit gegraben werden.

Suchen

All dies wird von einem Suchfenster ergänzt, das Anwendungen, Orte und Recent Documents gleichermaßen durchforstet. Praktischerweise ist dieses beim Aufruf des Overlays automatisch fokusiert, wer gern per Tastatur arbeitet, kann also vom Desktop ausgehend einfach die Windows-Taste drücken und die ersten Buchstaben der gesuchten Anwendung eintippen, um sie dann per Return-Taste flott zu starten - ähnlich einer auf die absoluten Basics reduzierten Version von GNOME Do. Bleibt zu hoffen, dass die GNOME Shell in Zukunft hier auch die Vorlieben der NutzerInnen "lernt", um noch flotter auf Eingaben reagieren zu können.

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screenshot: andreas proschofsky

Den Großteil des Bildschirms nimmt in der GNOME-Shell aber die Vorschau auf die aktiven virtuellen Desktops ein. Von Haus aus kommt hier immer nur ein Workspace zum Einsatz, dies lässt sich aber je nach Bedarf dynamisch bis zu 16 Stück ergänzen. 

Overview

Die Repräsentation der offenen Programme ist dabei äußerst übersichtlich - und auch optisch durchaus ansprechend -  gelungen, sind mehrere Anwendungen auf einem Desktop offen, werden diese nebeneinander präsentiert. Mit dem Mausrad lässt sich an einzelne Fenster näher heranzoomen, ein Klick darauf verlässt das Overlay und bringt das entsprechende Programm in den Vordergrund. Zusätzlich können Programme zwischen den Workspaces per Drag & Drop verschoben weren, neue Anwendungen lassen sich gezielt aus dem "App Well" auf eine bestimmte Oberfläche ziehen und so dort öffnen.

Wahlweise

Die vorhandenen Workspaces lassen sich dabei in zwei verschiedenen Darstellungsmodi überblicken, neben dem oben abgebildeten Grid, gibt es auch eine lineare Ansicht (siehe Bild davor). In dieser wird immer nur eine Oberfläche auf einmal dargestellt, der Wechsel erfolgt dann entweder über kleine Icons darunter, einen Schiebebalken oder die Nutzung des Mausrads.

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screenshot: andreas proschofsky

Für den schnellen Wechsel zwischen den geöffneten Anwendungen bedarf es aber nicht notwendigerweise eines Aufrufs des Overlays. Wie schon von früheren Versionen gewohnt, kann mit der Tastenkombination Alt+Tab eine Schnellauswahl aufgerufen werden. 

Konzeptionelles

Hier zeigt sich auch ein weiterer entscheidender Unterschied der GNOME Shell zu dem Interface von GNOME 2.x - das grundlegende Konzept ist Anwendungs- und nicht Dokument/Fenster-orientiert. Im konkreten Beispiel bedeutet dies, dass mehrere Fenster eines Programms unter dem Programm-Icon zusammengefasst werden, darunter erlaubt dann eine Miniaturvorschau eine weitere Differenzierung.

Übergreifend

Und noch ein Unterschied: Der Alt+Tab-Switcher funktioniert Workspace übergreifend, es werden also wirklich sämtliche geöffneten Programme dargestellt. Dabei werden allerdings Programme auf dem gleichen Desktop und jene auf anderen durch eine dünne graue Linie getrennt ausgewiesen. Auch die Reihung der Programme auf der Liste folgt diesem Ordnungsprinzip, dies ist deswegen wichtig, da so ein ganz kurzes Alt+Tab immer zwischen den Programmen am gerade aktiven Desktop wechselt und nicht wild in der Gegend herumspringt.

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screenshot: andreas proschofsky

Ein weiteres zentrales Konzept der GNOME Shell ist das neue Benachrichtigungssystem, das mit dem konzeptionellen Mischmasch in diesem Bereich aufräumen soll. Der bisher für verschiedenste Dinge genutzte rechte Teil des Top-Panels soll künftig wirklich nur mehr für Status-Nachrichten - also etwa Akku-Ladestand, Netzwerkverbindung oder Lautstärke - genutzt werden - während alle temporären Informationen ans untere Ende des Bildschirms wandern.

Manueller Aufruf

Aktuelle Nachrichten werden wie gewohnt kurz eingeblendet, wer den Mauszeiger umgehend über die Benachrichtigung bewegt, kann dann gleich mittels Mausclick zum Aufmerksamkeit einfordernden Programm wechseln. Nach ein paar Sekunden verschwinden die Benachrichtigungen automatisch wieder, für alle Ewigkeit verloren sind sie damit freilich nicht: Mit einer Mausbewegung in die untere rechte Ecke wird eine Auflistung der zwischenzeitlich verpassten Mitteilungen eingeblendet.

Fenster

Zusätzlich zu den bisher schon vom notification-daemon oder (bei Ubuntu) von notify-osd dargebotenen Nachrichten informiert die GNOME-Shell-Lösung auch darüber, wenn Fenster Aufmerksamkeit verlangen. Also etwa wenn durch das Klicken auf einen Link im Mail-Programm ein neuer Tab in einem bereits geöffneten Webbrowser aufgemacht wurde. Oder auch wenn ein Bild in den andernorts laufenden GIMP importiert wurde. Ein Klick auf die Benachrichtigung führt dann automatisch zum entsprechenden Workspace.

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screenshot: andreas proschofsky

Zwei kleine Details noch: Neben dem Activities-Knopf gibt es einen Eintrag, der über das aktuell im Vordergrund befindliche Programm informiert, das Ganze ist grafisch recht nett mit einer vergrößerten Version des zugehörigen Icons hinterlegt. Gerade startende Programme sollen hier künftig mit einer kleinen Animation gekennzeichnet werden, außerdem denkt man darüber nach in späteren GNOME-Shell-Versionen den Zugriff auf zentrale Anwendungsfunktionen wie "Quit" hierher zu verlegen. In der Mitte des Panels gibt es die gewohnte Desktop-Uhr, ein Klick darauf fördert einen Mini-Kalender zu Tage, die von GNOME 2.x gewohnte Auflistung anstehender Tasks vermisst man hier derzeit allerdings noch.

Technik

Durchaus interessant sind auch die Grundlagen der GNOME Shell: Geschrieben ist das ganze nämlich vornehmlich mit Web-Technologien wie Javascript und CSS, eine Entscheidung mit der man die Zugangshürden zur Entwicklung - und zum Design der Oberfläche - senken will. Auf die Geschwindigkeit der Darstellung hat diese Entscheidung übrigens keine Auswirkung, da hierfür die von Intel - in C - entwickelte 3D-Bibliothek Clutter zum Einsatz kommt. Für EntwicklerInnen ist mit Looking Glass eine eigene Javascript-Konsole fix integriert, außerdem sind bereits die Anfänge eines Erweiterungssystems in den aktuellen Versionen der GNOME Shell zu finden.

Funktionell

Auch wenn so manches Feature derzeit noch nicht vollständig implementiert ist, der Look noch Feinschliff braucht (und auch bekommen soll, siehe etwa die GNOME3-Mockups auf der folgenden Seite) und die Usability-Tests erst richtig ins Laufen kommen, funktioniert die GNOME Shell im aktuellen Zustand doch bereits verblüffend gut. Die Alltagsnutzung birgt dabei auch die eine oder andere interessante Erkenntnis: So kommt dem Desktop in GNOME3 schlicht weniger Bedeutung zu, da ein Teil der Funktionalität ohnehin in der Shell angeboten wird. Auch die Nutzung der Anwendungen im "maximierten" Zustand bietet sich geradezu an - etwas das konzeptionell bei der Shell übrigens auch durchaus so gedacht ist. In Zukunft will man diese Tendenz noch durch laufende Verbesserungen am Window Manager - etwa mit der Möglichkeit zwei Fenster automatisch nebeneinander anzuordnen - weiter fördern.

>> Weiter gehts auf der nächsten Seite mit Änderungen am Nautilus, einem neuen Look und mehr

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