Dynamitlose Dänen ließen die Österreicher im Jahres-Auftaktspiel billig davonkommen - Das Positive ergab das Negative
Nicht nur die frostigen Temperaturen in Wien ließen schon vor dem Spiel erahnen, dass im ehrwürdigen Ernst Happel-Stadion kein Leckerbissen auf die 13.500 Zuseher warten würde. Das konservative 4-4-2 das Trainer Didi Constantini aufs Feld schickte, schrie förmlich: "Heute darf alles passieren, aber verlieren geht nicht".
Mit Franz Schiemer und Julian Baumgartlinger waren in der Mitte ganz eindeutig keine Kreativkünstler aufgeboten. Die mussten in Form von Daniel Beichler und Veli Kavlak an den Flügel Platz finden, aber dort gab es lange keine Anbindung an die Stürmer. Wenn Constantini sich weigert, Andreas Ivanschitz einzuberufen - was ja an sich legitim ist - muss er im Spiel durch die Mitte irgendwann eine Alternative präsentieren.
Zement anrühren
Das ÖFB-Team zog jedenfalls an diesem Abend lieber 30 Meter vor dem eigenen Tor einen Abwehrwall hoch und vermieste den Dänen das eh nur zaghafte Offensivspiel. Taktisch diszipliniert und kaum von den zugewiesenen Positionen abweichend, machten die Österreicher die Räume eng. Probleme hatten sie jedoch mit der weiträumig angeordneten dänischen Formation: Ungedeckte Gegner an den Flanken fanden sich immer wieder. Sowohl im hinteren (Jessen, Silberbauer), als auch im vorderen Drittel (Rommedahl/Kron-Dehli).
Die Verkörperung forcierten Defensivspiels ohne jegliche offensive Impulse war Paul Scharner, mit dem Constantini "jetzt wieder gut ist". Er stabilisierte als Innenverteidiger die Mannschaft und spielte trocken das von ihm Verlangte. Die Kehrseite der Medaille: Jegliche der sonst von Scharner üblicherweise produzierten Überraschungsmomente gingen verloren.
Die kritische Zone war also gut bewacht. Überall sonst konnten die Gäste - in eher gemächlichem Tempo agierend - unbelästigt machen, was ihnen beliebte. Nach einer Viertelstunde blitzte die Ballbesitz-Statistik auf den Bildschirmen auf und sorgte für ein Raunen auf den Medienrängen: 22 zu 78 Prozent zugunsten der Gäste. Eine Heimmacht sieht anders aus.
Und das obwohl die Dänen mit einer stark ersatzgeschwächten Mannschaft antraten. Acht ihrer Spieler standen noch nicht in der Meisterschaft, drei davon waren in der Anfangsformation zu finden. Von den 18 Spielern auf der Kaderliste kommen 10 gemeinsam auf 14 Teameinsätze. "Sechs bis sieben" Stammkräfte vermisste Trainer Morten Olsen.
Mitbringsel der Gäste
Schlussendlich machten diese Dänen sich das Leben selbst schwer. Immer wieder wurden unnötige Freistöße vor allem auf der Kavlak-Seite verursacht. Aus einer der ersten dieser Standardsituationen erfolgte das 1:0, auch hier sah die skandinavische Abwehr nicht gut aus. Sowohl Scharner als auch Schiemer wurden nicht genau markiert - das Fehlen von Verteidiger-Größen wie Liverpools Daniel Agger machte sich bemerkbar.
Quasi im Gegenzug verschonte Kroldrup die ÖFB-Elf noch, als er vom Fünfer aus unbedrängt den Ball an die Latte knallte. Er kam - wie häufig in der ersten Halbzeit - über die Fuchs-Seite. Der Bochum-Verteidiger wirkte mehrmals wie auf verlorenem Posten und vermag seine Bundesliga-Leistungen noch selten ins Team zu übertragen. Zwei Minuten später köpfte Arsenal-Stürmer Nicklas Bendtner von der anderen Abwehrseite sträflich unbelästigt dann doch zum Ausgleich ein.
Doch auch wenn die österreichische Hintermannschaft ihre Reihen bei nahezu jedem weiten Querpass zu langsam nachschob, blieben die Dänen in der Folge harmlos. Gegen Ende der Halbzeit kamen die Österreicher sogar endlich zu etwas Ballbesitz. In der 34. Minute konnte diesbezüglich die erste längere Staffette registriert werden.
Dann verschenkten die Dänen erneut eine Standardsituation: Beim Eckball zum 2:1 jubelten vermutlich vor allem die japanischen Journalisten: Hüne Roman Wallner gab den bekanntermaßen ebenfalls großgewachsenem WM-Gegner der Dänen Hoffnung, als er ohne zu springen am Fünfer einköpfen durfte. Zwei Tore trotz deutlicher Unterlegenheit können als durchaus günstiger Spielverlauf gelten. Dänischer Unaufmerksamkeit sei Dank.
Mehr Initiative in der zweiten Hälfte
In der zweiten Hälfte ließen die Dänen durchblicken, dass das Ergebnis für sie an diesem Abend nicht die größte Rolle spielte, die Österreicher wirkten etwas initiativer.
Wenn etwas nach vorne ging, dann meist über Einzelaktionen von Kavlak. Erst mit Fortdauer des Spiels kam auch Ekrem Dag mit seinen Vorstößen zu auffälligen Momenten. Beichler war am Flügel komplett abgemeldet. Als Wallner ausgewechselt wurde und der Grazer seine bei Sturm gewohnte Position hinter der Spitze einnehmen durfte, konnte er sich besser in Szene setzen.
Plötzlich konnte Österreich auch durch die Mitte mehr tun, als Marc Janko mit hohen Bällen anzuschießen. Das hatte übrigens zur größten Chance des Abends geführt: Doch nach gutem Körpereinsatz und schneller Drehung, vermochte der Salzburger Torjäger die Kugel nicht an Stoke-Torhüter Sörensen vorbei zu bringen.
Fragen ohne Constantini'sche Antworten
Möglich, dass sich die Alternative zur Ivanschitz-Einberufung hier anbietet. Kavlak anstelle eines Sechsers, je ein schneller Flügelspieler links und rechts und Beichler im Zusammenspiel mit Janko in der Mitte - das hätte Charme. An diesem Abend bekam das bemerkenswert dankbare Publikum die Variante allerdings nicht zu sehen.
Den reservierten Österreichern drang taktische Disziplin aus jedem Stollen. Erst nach dem Wechsel verband sich spielerisches Stückwerk das ein oder andere Mal zu größeren Zusammenhängen. Das Team zeigte sich ausschließlich reaktiv orientiert, ein Wille zum Spiel war eher nicht erkennbar. Der dänische Ansatz wirkte im Vergleich zur ängstlichen (oder realistischen?) Abwartehaltung der Österreicher jedenfalls deutlich frischer.
Mit der gegen Dänemark gebotenen Taktik wird es in der EM-Qualifikation möglicherweise gelingen, das ein oder andere Spiel nicht oder nicht hoch zu verlieren. Sich darauf zu verlassen, dass in einem Bewerbspiel auch von irgendwo zwei Tore herkommen, wäre aber nicht zu empfehlen.
Dass Österreich seit acht Jahren wieder einmal siegreich aus einem Jahres-Auftaktspiel hervorging, kann noch keinen Grund zur Zufriedenheit geben oder einen Silberstreifen am Horizont erkennen lassen. Auch im neunten Spiel der Ära Constantini bleiben bei einem sicherlich anständigen Ergebnis doch einige Fragen unbeantwortet. (tsc, rob, derStandard.at 4.3.2010)