Nicht die jetzigen Aufschläge auf griechische Staatsanleihen sind das Problem, sondern die absurd niedrigen Renditen bis 2008
Rund 300 Basispunkte, oder drei Prozentpunkte, beträgt derzeit der
Zinsabstand (Spread) zwischen griechischen Staatsanleihen und deutschen Bundesanleihen.
Investoren, der ein griechisches Papier kaufen, verlangen einen Aufschlag in
dieser Höhe, um das Risiko eines Staatsbankrottes zu kompensieren.
Für
Griechenland ist dies eine teure Angelegenheit und für europäische Politiker
ein Krisensymptom, für das Hedgefonds verantwortlich gemacht werden und das
dringend beseitigt gehört.
Aber man könnte genauso gut diesen Zinsabstand als Normalzustand betrachten
und sich darüber wundern, warum es ihn nicht schon viel früher gab. Bis zur
Euro-Einführung 1999 gab es bereits einen deutlichen Zinsabstand zwischen
griechischen und deutschen Papieren. Damals wollten sich Investoren vor allem
das Risiko einer Abwertung der Drachme, der griechischen Währung, durch höhere
Renditen abgelten lassen.
Im Vorfeld des griechischen Euro-Beitritts 2001
schrumpfte dieser Abstand, um danach fast völlig zu verschwinden. Von 2001 bis Sommer 2008 warfen griechische Staatsschulden nur 25
Basispunkte, oder ein Viertelprozentpunkt, mehr ab als deutsche und etwa gleich
viel wie österreichische Papiere. Der Abstand zu den Bundesanleihen wurde
damals vor allem mit technischen Faktoren, etwa der geringeren Liquidität,
erklärt.
Rückblickend war das ein Wahnsinn. Mit der Beseitigung des Wechselkursrisikos
taten die Finanzmärkte so, als ob griechische Staatsanleihen überhaupt kein
Ausfallsrisiko hätten. Und das, obwohl Griechenland auch in diesen Jahren
deutlich höhere Schulden und Defizite vorwies als das EU-Musterland
Deutschland.
Auch bei Unternehmensanleihen werden bei gleicher Währung, wenn es kein
Wechselkursrisiko gibt, die Bonitäten dennoch anders bewertet. Warum also nicht
bei Staaten?
Die deutsche Wirtschaft litt gewaltig unter dieser Markteinschätzung der
relativen Bonität. Mit dem Euro verloren deutsche Unternehmen, private
Kreditnehmer und auch der Staat den bisherigen Zinsvorteil, während die
europäischen Konkurrenten plötzlich Zugang zu billigen Krediten hatten. Ökonomen führen einen guten Teil der Wachstumsschwäche unter der
rot-grünen Regierung Schröder auf diesen Zinseffekt zurück.
Griechenland profitierte davon hingegen enorm, genauso wie Italien, Spanien,
Portugal und Irland. Aber letztlich erwiesen sich die niedrigen Zinsen als
vergiftetes Geschenk für diese Staaten. Denn sie lösten einen Kreditboom aus,
der Preise und Löhne in die Höhe trieb und damit die Wettbewerbsfähigkeit der
Volkswirtschaften schwächte.
Und das billige Geld ersparte den Ländern jene harte ökonomische Disziplin,
die man sich eigentlich von der Euro-Einführung
erwartet hätte. Wer einer Währungsunion beitritt, begibt sich des
Instrumentes der Abwertung und muss bei einer Verschlechterung der
Wettbewerbssituation den Gürtel enger schnallen, also die Lohnkosten senken.
Die deutsche Exportindustrie tat das von 2002 bis 2007 und steht heute besser
dann denn je. Die Südflanke der EU genoss inzwischen die Party und leidet nun
unter einem furchtbaren Kater.
Warum die Finanzmärkte den Griechen und Spaniern nicht höhere Zinsen
abverlangte, ist rückblickend unverständlich. Offenbar gingen die
Investoren davon aus, dass es in der Währungsunion kein Ausfallrisiko gibt,
weil – allen anderslautenden Verträgen zum Trotz - jedes bankrotte Land ohnehin
aufgefangen wird. Und vielleicht werden sie damit Recht behalten, wenn das
große EU-Rettungspaket für Athen wirklich zustande kommt.
Das mag für den Augenblick besser sein als ein finanzieller Kollaps, der
zumindest politisch den Euro gefährdet. Aber wenn sich alles beruhigt hat und
die Krise vorbei ist, kann man nur hoffen, dass Griechenland & Co. nie
wieder von den Märkten so behandelt werden, als wären sie genauso so sicher wie
Deutschland oder Österreich.
Nur nachhaltig höhere Zinsaufschläge werden dazu
führen, dass die jetzigen Reformen und Sparmaßnahmen auch durchgehalten werden.
Erst wenn die Wirtschaftspolitik im „Club Med“ wirklich der der Deutschen
gleicht, verdienen sie die Zinsparität.