EU-Wirtschaftsregierung gesucht

3. März 2010, 19:08

Die Union braucht bessere Koordination - aber die Frage ist: Wer hat die Macht?

Angela Merkel will sie. Die Franzosen wollen sie schon seit mindestens zwanzig Jahren. Auch der Vorsitzende der sogenannten Euro-Gruppe, in der die Länder der Währungsunion verbunden sind, also Luxemburgs Premier Jean-Claude Juncker, begehrt sie neuerdings stark. Und seit der Präsentation des neuen Zehn-Jahres-Planes der EU zur Ankurbelung von Wirtschaft und Wachstum in Europa ist nun klar, dass auch José Manuel Barroso, der Präsident der EU-Kommission, sie für sehr notwendig hält, damit die Union aus ihrer schweren Wirtschaftskrise wieder herausfindet: die "EU-Wirtschaftsregierung".

Seit Wochen macht dieses Wort auf allen Ebenen der europäischen Politik nun Furore. Die deutsche Kanzlerin hat es ebenso selbstverständlich in den Mund genommen wie der französische Präsident Nicolas Sarkozy beim EU-Gipfel Mitte Februar. Der verlieh dem Ganzen noch zusätzlich Gewicht und Zauber, indem er sagte, dass er in der Runde der G-20-Staaten, also der Wichtigsten der Welt, diesbezüglich einen Vorschlag machen werde.

Auf den ersten Blick könnten die Bürger daher vermuten, dass es nun wirklich ernst wird mit dem gemeinsamen Europa. Denn "EU-Regierung", das klingt tatsächlich nach etwas Großem, Neuem, etwas Mächtigem. Nach einem Gremium, das nun beginnen könnte, sich der vielfältigen Probleme der Wirtschaft und des Arbeitslebens der europäischen Bürger direkt anzunehmen; das den einzelnen Staaten vorschreibt, was sie zu tun haben.

Das Problem ist nur: Es handelt sich um eine Illusion. Alle Genannten verwenden zwar dasselbe Wort (wenn auch in verschiedenen Sprachen anders nuanciert), aber sie meinen jeweils etwas ganz anderes, wenn sie eine regierungsartige wirtschaftliche "Koordinierung" fordern.

Was nach Annäherung in der EU klingt, ist in Wahrheit nur der Ausdruck dafür, dass in der Union - zwischen den einzelnen EU-Staaten selbst wie auch unter den gemeinschaftlichen EU-Institutionen - ein heftiger Kampf darüber ausgebrochen ist, wie die Union in Zukunft geführt werden soll; wer führt; wie politische Entscheidungen getroffen werden sollen.

Es geht um die Macht. Dass diese Kontroverse jetzt inmitten der schweren Wirtschaftskrise ausgebrochen ist, zu der jetzt auch noch die Krise des Euro und der Währungsunion wegen der Probleme in Griechenland hinzukommt, ist kein Zufall.

Die Union hat einen Zustand wechselseitiger Verbundenheit (und Abhängigkeit) erreicht, in dem eine Grundsatzentscheidung fällig wäre: Soll die Integration noch weiter gehen als bisher, sollen die Nationalstaaten beschnitten werden (was die französische Grundidee einer "Wirtschaftsregierung war)? Diese Variante wird klassisch von der Kommission bevorzugt und vom EU-Parlament. Oder soll es eher in die andere Richtung gehen, indem die einzelnen Staaten sich stärker zusammenschließen und über die EU-Institutionen hinweg die wichtigsten Entscheidungen im Europäischen Rat der Regierungschefs an sich ziehen? Da würden die mächtigen Länder dominieren. Diese Variante meint Merkel mit "EU-Regierung". Deutschland fürchtet politischen Einfluss auf den harten Euro der Zentralbank. Dabei hätte das EU-Parlament das Nachsehen, wie auch die Kommission.

Einfach zu lösen ist das Dilemma nicht, denn dafür müsste man den EU-Vertrag neu interpretieren. In der Praxis werden sich die bestehenden Institutionen zusammenraufen müssen. (Thomas Mayer, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 04.03.2010)

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17 Postings
iohui
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vielleicht können die herrschaften einmal verständlich und eindeutig artikulieren, welche kompetenzen sie zusätzlich von national zur eu verlagern wollen.


so weit ich das sehe, war die eu noch nie was anderes als eine wirtschaftsregierung, und nur das.
gegründet für die wirtschaft, verwaltet als machtorgan der finanz- und konzernwirtschaft, und sich nur diesen mächtigen lobbys verpflichtet fühlend.

ich frage mich, was das die g20 staaten angeht. usa, japan, china, kanada... fragen uns ja auch nicht, wie sie ihr land regieren sollen.

mein eindruck ist eher, dass mit solchen themen davon abgelenkt wird, dass die eu die anstehenden probleme, die schon länger in ihre zuständigkeit gefallen sind, in keiner weise lösen kann und auch für die gewünschten zuständigkeiten nichts auch nur annähernd zielführendes anzubieten hat, ausser machtgier.

her wig
00

Eine Vision. Damit kann man dann zum Arzt gehen - oder sich darüber streiten, was denn nun wer wirklich damit mient. Und in der Realität stellt sich die Frage, wer wofür zuständig sein soll und wie man welche evtl. fälligen Änderungen umsetzt... Also kein Grund zur Panik, das dauert noch.

aiuto
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ENDLICH

Ja, endlich wird eine europäische Wirtschaftspolitik diskutiert. Mir war schon vor Einführung des EURO bange, ob das ohne gemensame Wirtschftspolitik gehen wird. Man hat de facto das Pferd von hintzen aufgezäumt und den Euro ohne Schaffung der entsprechenden Kontrollinstanzen eingeführt. Nur auf den "good will" der Staaten zu vertrauen war halt doch ein bißchen wenig, wie wir jetzt sehen. In diesem Sinne wünsche ich mir und der EU ehestmöglich die Einführung einer solchen europäischen Wirtschaftsinstanz.

EU-Austretter
21

Und was ist eigentlich eine "Wirtschafts"-Regierung?

Wäre das Gegenstück dazu eine "Gesellschafts"-Regierung?

Und worüber dürfte letztere entscheiden, wo läge die Macht?

Im Klartext: "Wirtschaftsregierung" ist ein Euphemismus für: Regierung - aber so offen will man das eben nicht aussprechen.

EU-Austretter
21
Wieder mal eine Scheindiskussion: EU-Wirtschaftsregierung - aber wie? Die Frage, was für grandiose Vorteile eine solche überhaupt bringen soll, wird dabei gar nicht erst aufgeworfen.

Aber das spielt ja keine Rolle, den Nationen kann man jetzt ganz leicht den Sündebock für die Krise zuspielen, und wenn nur die EU mehr Macht gehabt hätte, wäre es natürlich nie im Leben zu dieser Krise gekommen.

Mal im Ernst, die Frage Zentralismus/Dezentralismus war entscheident für das Zustandekommen der Krise?

Selbstverständlich nicht, aber diese Frage entscheidet mit darüber ob die tieferen Krisenursachen abgestellt werden können, im Zentralismus stehen die Chancen schlechter, da die Krisenursache und die wichtigste Machtfrage eins sind:

Das Zinsgeldsystem:

http://www.webinformation.at/material/... ystem.pdf.


Thomas Wetschnig
11
Die Frage der Macht wäre nicht so schwierig.

Die Mandatare des Parlamente sollten sie habeb, aber bezüglich der Wirtschaftsregierung nur jene, die aus den Ländern der Eurozone kommen.

Let's agree not to agree
20
Das waren noch Zeiten

als Kohl und Mitterrand Händchen haltend in Verdun der Schrecken des Krieges gedachten.
Ihre Erben scheinen vergessen zu haben warum die EU gegründet wurde, ihr selbstgefälliges Machtgezerre treibt die Union in den Ruin

Sag' zum Abschied leise "Euro"
 
51
EUdSSR


"...Zehn-Jahres-Planes der EU..."

"...den einzelnen Staaten vorschreibt, was sie zu tun haben..."

griasdi
02
definition quatschkopf

"Sag' zum Abschied leise "Euro""

wimmerl
47

Also die bisherigen Erfahrungen mit der Kommission (Korruption, Verschwendung, Bürokratie, keine politische verantwortung) führen mich zu dem Schluß:Haushaltspolitik muß Nationalstaatssache bleiben. Die kann ich wenigstens abwählen. Die Komiker in Brüssel nicht. Ein zutiefst undemokratisches gebilde soll über unser aller Wohlergehen bindende beschlüsse fassen (d.h. über die bereiche hinaus, wo sie es jetzt schon zu österreichs Schaden= Transit, gentechnik, Arbeitsmarkt u.v.a) und wir können uns nicht einmal dagegen wehren. Kluge Schweizer und dumme österreicher, die den Vranitzkys( der € ist eine Wohltat=siehe Griechenland und bald die anderen PIGIS) und Konsorten auf den Leim gegangen sind.

griasdi
12

"Haushaltspolitik muß Nationalstaatssache bleiben" toller vorschlag. referenz: griechenland
"Die kann ich wenigstens abwählen" natürlich kannst du das. und wer kommt dann an die macht? grundsätzlich diesselben idi...en.
"und wir können uns nicht einmal dagegen wehren" natürlich können wir: wahlen zum eu parlament. dies ist einflußreicher und wichtiger als jedes nationale und fällt nebenher die besseren entscheidungen. aber du lässt dir ja lieber vom dichand seinen müll ins kopferl füllen.
"Kluge Schweizer und dumme österreicher" ja sehr kluge schweizer: zahlen fast ebensoviel wie wir an die eu aber bekommen nichts und dürfen nicht mitreden.
du solltest dich vielleicht informieren bevor du hier so einen müll postest.

John Waters
10
Echt?

Das EU-Parlament fällt die besseren Entscheidungen, schreiben Sie? Das es eine Institution ist, deren demokratischer Wert in vordemokratischen Zeiten des 19.Jahrhunderts angesiedelt ist, wiss ma aber schon? Sollte man zumindest, wenn man die anderen aggressiv angeht ("Müll ins Kopferl füllen").

Macht nix, es fällt ja auf jeden Fall die besseren Entscheidungen. Immer. Muss so sein, weil Sie es ja schreiben...

Thomas Wetschnig
25
Wie es aussieht .............

.......... wenn Haushaltspolitk nationale Sache ist, kann man momentan am Besten am Beispiel Griechenlands sehen!
Das Gesamtbudget der EU beträgt gerade mal 1% der Summe aller Budgets der 27 Mitgliedsstaaten (Nur 1 von 100 Steuereuros geht nach Brüssel) und mit 60000 Beamten (das ist so viel, wie die Stadt Wien beschäftigt) werden immerhin 60% der europäischen Rechtssetzung getätigt. Einen schlankeren Verwaltungsapparat gibt es wohl nirgendwo sonst auf der Welt.

Bertel Mann
10
"Die kann ich wenigstens abwählen."

Richtig! Und Lissabon wurde geschaffen, um diesen (wenn auch kleinen Einfluss) so indirekt zu machen, dass er vernachlässigbar ist: mehr Kompetenzen nach Brüssel, zur Beschwichtigung - aber nicht zum Ausgleich - mehr Pseudokompetenzen an das EU-"Parlament".

Im Übrigen wird jetzt in der Krise natürlich das grundsätzliche Problem der EU schlagend. Was will sie zukünftig sein: Staatenbund oder Bundestaat.
Und ohne klares Ziel gibt es auch keine klare Strategie - wie man deutlich sieht.

Bergdolm
07
Regierung "abwählen"


Lass uns einmal vorher über "Regierung wählen" nachdenken:

Medienzaren wie "Dichands", "Berlusconis" u. u. u. gibt es überall, die massivst mit ihrer Medienmacht das Wahlverhalten "lenken".

Ich komme immer mehr zur Ansicht, dass "wir" nur Scheindemokratie spielen (dürfen).

Dass das "einzelstaatliche" EU-System viel zu träge ist, wirklich vernünftige Entscheidungen auszuarbeiten und umzusetzten, scheint unumstritten zu sein.
Selbst in den USA ist es schwierigst, Dinge durchzuführen, wenn keine klaren Mehrheiten da sind. Dort ist der Präsident derzeit auch a lame duck.

So blöd und provokant es klingt:
Die Chinesen mit ihrem System werden uns bald überholen. Leben wollte ich dort natürlich nicht.
Aber "überleben" ...

griasdi
11

das ist das alte problem der kollektiven meinungsfindung: entweder schnelle entscheidungen aber weinig mitsprache oder träge entscheidungen und viel mitsprache. der mittelweg wäre sowas wie der stein der weisen.

und wie man an österreich sieht wäre zuviel mitsprache recht schlecht (siehe wahl 99: 27% fpö)

Ggg14
00
27.3.2010, 13:51

Außerdem hat man das Problem, dass die Entscheidungen vom Informationsgrad der Entscheidungsträger abhängt. Und der ist in Europa mehr als mies, womit sich natürlich auch die Politik der letzten Jahre erklärt.

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