Ausfall im Wundertütenland

03. März 2010 17:52
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    Foto: disney

    Spaßfaktor in einem einfallslosen Film: Helena Bonham-Carter als rote Königin des "Unterlands"

Mit viel inszenatorischem Schnickschnack hat Tim Burton aus "Alice im Wunderland" ideenarmes Spektakelkino geformt

Statt Unsinn und Anarchie bestimmen handelsübliche Attraktionen den Film.

Wien - Rechtzeitig zur allerneuesten "Alice im Wunderland" von Tim Burton hat das British Film Institute die allererste Verfilmung aus dem Jahr 1903 (Regie: Cecil Hepworth und Percy Stow) auf Youtube gestellt. Sie dauert nur knapp zehn Minuten (ursprünglich waren es zwölf), erzählt aber eigentlich schon alles, was für das Kino aus Lewis Carrolls irrwitzigem Kinderbuchklassiker zu holen ist. Natürlich sind das nicht die Sprachspiele, die Sinn und Unsinn verkehren, sondern die optischen Möglichkeiten: Alice, die entweder zu groß oder zu klein ist und auf eine Katze trifft, die geisterhaft entschweben (aber noch nicht grinsen) kann.

Mehr als hundert Jahre später fährt Tim Burton, der große Fantast des Mainstreamkinos, in seiner bei Disney realisierten Variante des Stoffes alle ihm zu Gebote stehenden künstlerischen Mittel auf und schafft ein lebloses Hybrid, das justament in den Momenten am überzeugendsten ist, wo es sich auf traditionelle visuelle Verschiebungen verlässt. Die neuartige Verschmelzung von Realfilm, Computeranimation und Motion-Capture wirkt hingegen mäßig überzeugend, das momentan unerlässliche 3-D bloß aufgepfropft (und unangenehm dunkel); auch die bei Burton sonst so reizvoll detailverliebte Ausstattung gerät zu üppig und verwandelt das Wunderland zum vollgestopften Wundertütenland. Imagination, um die es bei Carroll nicht unwesentlich geht, wird so eher erdrückt als beflügelt.

Alice für neuen Markt

Die von der Newcomerin Mia Wasikowska verkörperte Alice ist kein ganz kleines Mädchen mehr, sondern an der Schwelle zum Erwachsensein - eine markante Abweichung, mit der man offenbar den ergiebigeren Markt von Jugendlichen einbeziehen wollte. Um sich der Verlobung mit einem blaublütigen Langweiler zu entziehen, kehrt Alice in die "Unterwelt" zurück. Sie nimmt sie als einen Traum wahr, der ihr von fernen Kindheitstagen vertraut erscheint. Damit wäre sie eigentlich die prädestinierte Burton-Heldin - eine, die in ihrer Fantasie eine Heimstatt findet, die sie den Zurichtungen der Wirklichkeit vorzieht. Mit drolligen bis unheimlichen Freunden wie dem Hutmacher (Johnnie Depp), der wie der durchgeknallte Bruder von Ronald McDonald aussieht und von einer Nebenfigur bei Carroll nunmehr ins Zentrum rückt.

Doch der wahllose Rückgriff auf die Figuren verdankt sich anderem Kalkül: Die Disney-geeichte Drehbuchautorin Linda Woolverton ("König der Löwen", "Die Schöne und das Biest") packte das Personal in eine hundsgewöhnliche und entsprechend langatmige Märchenform um zwei verfeindete Königinnen - sowie Alice als Erlöserin, die ihre Rolle erst annehmen muss. Man wollte dem episodischen Charakter des Buches eine dramatischere Note verleihen; aber muss man dann Alice wie in einem x-beliebigen Fantasyfilm zur protofeministischen Jeanne d'Arc stilisieren, die sogar das einem Gedicht entstammende Monster Jabberwocky bezwingt?

Kaum verwunderlich, dass in diesem konventionellen Korsett anarchischer Nonsens und widersinniger Liebreiz nur selten aufblitzen. Der roten Königin (Helena Bonham-Carter), mit rübenhaftem Kopf und Geisha-Kussmund, gehören mit ihren "Kopf ab!" -Rufen und dem versklavten Tierpersonal die besten Momente. Auch ihre Gegenspielerin in Weiß (Anne Hathaway) betört mit ihrem Spleen. Doch solche Details retten keinen Film, der mit zu vielen äußerlichen Einfällen die große Einfallslosigkeit in seinem Inneren verbirgt. (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.3.2010)

 

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 68
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kodiak
07.03.2010 14:18

schreiberling: off with his head! ;-)

Christoph Karl Steininger
07.03.2010 02:40
Also ich komm grad vom Film

und kann nur sagen daß er bezaubernd war. Sicher es ist nicht alles Gold was glänzt, aber aus einem Kinderbuch mit anarchischem Humor einen solchen Film zu machen war schon eine Herausforderung.
Für Kinder ist der Film wohl zu grausam und brutal, unter 12 nicht zu empfehlen.
Es waren bei der Nachmittagsvorstellung eh keine Kinder im Saal.
Johnny Depp war als Mad Hatter genial, einzig seine Textpassagen sind zu schnell gesprochen und wegen des schottischen Akzents nicht gleich verstehbar.
Der Jabberwocky spricht natürlich mit der Stimme von Chris. Lee.
3D war nicht zu dunkel, (und wenn dann passts). Die Kritik ist überzogen!

Humanist
 
07.03.2010 02:38
Mehr erwartet...

Hab mir den Film auch noch schräger, skuriller und lustiger vorgestellt. Ja, hab mir mehr erwartet.

Rune Rebellion
05.03.2010 20:04
Prima...

...wie zu erwarten war, eine schlechte Kritik im Standard. Dann kann ich ja beruhigt in den Film gehen ;)

Jeder hat das Recht auf meine Meinung
05.03.2010 05:59

Hätte lieber eine Verfilmung von "AmericanMcGee's Alice" gehabt - ein psychisch schwer gestörtes Mädchen und ein ebenso zerstörtes Wunderland, eine vom Krebs gezeichnete Grinsekatze - herrliche Geschichte....Doch das ist wahrscheinlich ein Projekt dass leider nie den finalen Weg in die Kinos schafft.

Benebeltes
04.03.2010 19:20
Eigentlich...

...mag ich ja keiner der immer nörgelnden Standard.at Kommentarposter sein, aber wer Johnny Depp schon nicht richtig schreiben kann, der sollte von Filmbewertungen lieber ablassen. Danke.

Anstaltskind
04.03.2010 16:47
Lucy in The Sky with Diamonds

mehr gibts dazu nicht zu sagen :-)

Charlies trauriges Auge
04.03.2010 14:18
Typische Standard-Kritik

Ich hatte das Glück, den Film schon sehen zu dürfen und bin begeistert. Und allen den er nicht taugt, hab dazu ein nettes Flashgame gefunden... Da kann man den Figuren von Alice so richtig eine auf die Mütze hauen...
http://apps.facebook.com/whac-a-pa... velId=3010

Asy
04.03.2010 17:23
Sie sind nicht zufällig bei einem Konzern, der aufgrund einer Maus und Ente existiert, angestellt....;)??

log lady
04.03.2010 17:13
???

wie man sich für diesen faden aufguss begeistern kann, ist mir wirklich ein rätsel. ich mag burton sehr. aber dieser film erscheint mir eine astreine disney-auftragsarbeit .... hoffe ich zumindest. der alte disney trickfilmklassiker ist übrigens besser als das hier. und jan svankmajers ALICE ist sowieso die beste und interessanteste variante, eine die auch das albtraumhafte der vorlage ausfindig macht.

eleon
05.03.2010 10:07

ihnen ist aber schon klar, dass es sich hier nicht um ein remake, sondern um einen anderen teil der geschichte handelt!?

log lady
05.03.2010 12:45
ich weiß

im stile von HOOK. ganz schlimm das alles ...

DemHerrnKarlSeineFrau
04.03.2010 13:28
3D ist leider bei jedem Film noch "dunkel"...

abgesehen davon find ich die kritik sehr, sehr subjektiv...
die vielen "schmückenden" fremdwörter täuschen darüber auch nicht hinweg...
schade für den standard...

mr mustard
05.03.2010 11:24
ja und?

das ist doch das wesen von kritiken, dass diese subjektiv sind, oder?

Early
06.03.2010 22:15

Bei Computerspielen sind die meisten immer noch der Meinung, dass eine Kritik rein objektiv sein MUSS. ;)

Wickinger
04.03.2010 12:14
wieder ein 3D-Film

deshalb werde ich ihn mir nicht ansehen!

neferaton
04.03.2010 11:08

Komisch eigentlich, auf Spiegel.de steht irgendwie genau das GEgenteil.

Stickme
04.03.2010 10:45
Rote Königin

Vielleicht habe ich das falsch in Erinnerung oder falsch verstanden, aber waren die Herzkönigin und die rote Königin nicht zwei verschiedene Figuren?
Die Herzkönigin war die Figur die im ersten Teil (Alice im Wunderland) jeden köpfen lassen wollte.
Der roten Königin begegnet man im zweiten Teil (through the looking glass) und wirkt auch vom Charakter anders. Und der zweite Teil spielt auch nicht im "Wunderland"...

queen of soup
04.03.2010 14:06

die burton-alice-version vermantscht beide bücher und erfindet diese seltsame durchgängige handlung dazu. die ausrede dafür: alice war als kleines mädchen schonmal im wunderland (und hat buch 1 und 2 erlebt). jetzt an der schwelle zum erwachsenwerden kehrt sie zurück, weil sie das wunderland vor der herrschaft der bösen königin und den jabberwock retten muss.
das passt alles nicht so ganz zusammen und ist vor allem sehr weit weg von der episodischen und hübsch zusammenhanglosen vorlage (die eben deswegen spitzen fantastisches vorlesematerial für kleine kinder ist). die frau drehbuchautor woolverton dürfte sich da am dramatischen stil der narnia-reihe orientiert haben, da kehren ja die kinder auch mal zur rettung von narnia zurück.

queen of soup
04.03.2010 14:14
hoppala

... vor der herrschaft der bösen königin und DEM jabberwock, muss es natürlich heißen.
wer auf die schnelle nochmal nachlesen will vorm kino: hier http://joergkarau-texte.de/PDF/Alice... erland.pdf eine recht brauchbare übersetzung beider teile ins deutsche.

ricko
04.03.2010 10:28

disney eben. da kann auch ein tim burton einpacken.
disney hatte auch mal ein anderes gesicht, siehe 'the black hole'

ricko
04.03.2010 10:52

darf man fragen, warum hier mit rot bewertet wurde?? stimmt es etwa nicht, dass disney bis auf ganz wenige ausreisser nur den 'ab 6 bis 12' markt bedient??

AlBundyFan
 
04.03.2010 12:48
also ich bin schon weit weit über 12

aber filme wie toy story, monster ag usw. gefallen mir immer noch und ich schau sei mir gern an.

t 3
 
04.03.2010 17:14
man kann davon ausgehen,

dass disney bei pixar nicht allzuviel entscheidungskompetenz hatte. schon gar nicht in kreativen belangen - zum glück...

ricko
04.03.2010 14:02

ja, ich auch, aber ich bin NICHT die zielgruppe.

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