Allerweltspartei sucht Aufbruchsstimmung

3. März 2010, 17:28

Am Mittwoch fiel der Startschuss: Mit dem Projekt "Österreich 2020" will sich die SPÖ öffnen, um ihren Absturz zu verhindern - Politologe Wolfgang Merkel empfiehlt, NGOs wie Attac Parlamentssitze anzubieten

Wien - "Es gibt so etwas wie einen Niedergang der sozialdemokratischen Parteien" : Wolfgang Merkel spricht eine für sein Publikum bittere Wahrheit aus. Der Politologe von der Berliner Humboldt-Universität ist einer der ersten Experten, den die SPÖ nach Wegen in eine rosige Zukunft gefragt hat, doch sein Ausblick ernüchtert. "Eine Rückkehr aufs Niveau der 60er- und 70er-Jahre mit Wahlergebnissen über 40 Prozent wird nicht möglich sein." Der Abstieg, von dem Merkel spricht, lässt sich im Fall der SPÖ an eindeutigen Zahlen ablesen. Die wieder eroberte Kanzlerschaft übertüncht, dass die Sozialdemokraten bei den Nationalratswahlen 2008 mit 29,3 Prozent am historischen Tiefpunkt landeten; die ÖVP war halt noch schwächer. Debakel bei Regionalwahlen zählen längst zur schmerzlichen Routine.

Die SPÖ will sich nicht vorwerfen lassen, dieser Erosion tatenlos zugesehen zu haben. Entgegen ihrem Ruf, für platten Populismus anfällig zu sein, haben die Sozialdemokraten eine Art Visionenwettbewerb gestartet, um "die großen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen" zu meistern. Mit dem Hirnschmalz beigezogener Experten sollen originelle Konzepte entstehen - fernab der routinierten, ewig gleichen Denkmuster. "Österreich 2020" nennt die SPÖ ihr Projekt, es ist nicht das einzige, das so heißt (siehe unten). Den Startschuss gab Parteichef Werner Faymann am Mittwochabend dort, wo Wiener Politiker am liebsten auftreten, wenn sie sich hochmodern präsentieren wollen: im Museumsquartier.

Volksparteien ohne Volk

"Keynotespeaker" Merkel hat für die Sozialdemokraten auch eine tröstliche Botschaft parat: Sie sind nicht die Einzigen, die am absteigenden Ast sitzen. "Volksparteien verlieren allgemein an Zuspruch" , sagt der Politologe im Standard-Interview, was weniger mit politischem Versagen als mit Veränderungen in der immer komplexeren Gesellschaft zusammenhänge. Viel individualistischer als früher "fliehen die Menschen aus den großen Verbänden, die - von der Gewerkschaft bis zur Kirche - die Gesellschaft einst vorgeprägt haben." Während spezialisierte Klientelparteien auf dem Vormarsch sind, falle es "Allerweltsparteien" - keine Herabwürdigung, sondern ein Fachbegriff, sagt Merkel - zunehmend schwerer, mit ihrem breiten Angebot alle Schichten der Bevölkerung unter einen Hut zu bringen.

Merkels Gegenrezept: Statt sich einzuigeln, müssten sich Volksparteien über ihre traditionellen Vorfeldorganisationen hinweg öffnen und stärker mit NGOs kooperieren. "Das Unkonventionelle, Unorthodoxe hat Zulauf" , sagt der Politologe und empfiehlt entsprechende Angebote: "Warum soll eine Partei wie die SPÖ nicht auch einmal Vertretern von Attac, Human Rights Watch oder Transparency International anbieten, fürs Parlament zu kandidieren?"

Kein Comeback der Heroen

Stilistische Anbiederung an Figuren wie den Discowahlkämpfer Heinz-Christian Strache, der bei Jungwählern gut ankommt, nennt Merkel einen "Holzweg" . Überhaupt hält er nicht die Person, sondern die Politik für den Schlüssel: "Mit Kreisky, Palme, Brandt hatte die Sozialdemokratie hochcharismatische Figuren. Ich glaube aber auch, dass die Bürger gegenüber diesen Heroen skeptischer geworden sind." Statt einzelner Lichtgestalten empfiehlt er die skandinavischen Sozialdemokraten als Vorbild, die den Spagat zwischen einer flexiblen, dynamischen Wirtschaft und sozialer Absicherung schafften und Chancengleichheit vor allem mit einem Rezept förderten: Bildung.

Für "absolut notwendig" hält Merkel den Versuch der SPÖ, "sich nun zu öffnen und nicht traditionalistisch die Politik des vergangenen Jahrhunderts zu betreiben" . Zum Abschluss hat der Experte Aufmunterndes parat. "Abschüssige Ebenen" , die unvermeidbar in den Abgrund führten, gebe es in der Politik nicht, sagt er mit Verweis auf überholte Untergangsszenarien: "Das Ende der Sozialdemokratie wurde zum ersten Mal 1980 ausgerufen." (Gerald John, DER STANDARD, Printausgabe, 4.3.2010)

 

 


Politologe Merkel: "Das Unkonventionelle, Unorthodoxe hat Zulauf."

 

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 67
1 2
Pro Freistaat Kärnten!
 
01
10.3.2010, 16:36
Also dir Rudas hat mal gesagt, mehr als 50 Prozent der Wähler

wollen eine Politik für die Menschen ....


....


....


...

da erübrigt sich wohl jeder weitere Kommentar zum Zustand der SPÖ und der Auswahl des Personals.

Walter Bimini
20
das problem spö erledigt sich zum glück von selbst.

François Marie Arouet
11
SPÖ 2020: Rudas Laura....*lol*

...wird wohl ein MinderketInnenProgramm werden!

lehrerlämpel
01
denkt man in der SPÖ daran, den 700 000.- euro jahresgehalt der bonze michaelis zu kürzen

und solche gagen in zukunft zu vermeiden?

auchnixzusagen
13

Die Krise der SPÖ findet ihren Ausdruck in einem Namen: Laura Rudas!

Wenn man in der Hoffnung auf eine Zwangsverjüngung ein derart politisch unfertiges Mädel von der Uni holt und zur Bundesgeschäftsführerin macht, die dann wiederum sich mit lauter politisch unfertigen Mädels von der Uni in ihrem Stab umgibt, darf sich keiner mehr wundern, dass diese Partei nicht mehr auf die Beine kommt.

Keine Ideen mehr und auch kein Personal: Also muss man sich aus NGOs bedienen.

Andi Johnsa
 
01
15.3.2010, 21:44
Bitte was

sind unfertige mädels?

also ich halt von der rudas auch nicht sehr viel, aber statt solcher kommentare solltest deinen namen zum programm machen...

nimmerlustig
02
SPÖ: alles Gute

auf dem Weg nach unten!
Freundschaft!

Fred Wirtschaftsflüchtling
14
Fällt der SPÖ nichts mehr ein?

Vielleicht aus jeder NGO einer ins Parlament? Und sparen wir uns gleich die Wahl!
Jede NGO hat eine sektorale Sichtweise von Themen, das ist ja erschreckend. Wie wollen die praktische Lösungen finden? Spaßig wird dann die Parteienfinanzierung, über Spendengeld.
Wer die NGOs ruft, soll abtreten. Thema verfehlt. Job nicht erledigt.

Ava Tar
36
NGOs wie Attac Parlamentssitze anzubieten - gute Idee!

irgendwoher braucht die SPÖ frisches Blut
Menschen, die noch auf Barrikaden klettern
frische Ideen, frische Motivationen
Menschen, die für etwas stehen (und nicht bei Lufthauch umfallen)

Ich finde die Idee ausgezeichnet !

Denn aus sich heraus gebiert die SPÖ nur noch Inzest, dem die Rutschn gelegt wird

Die ersten Parlamentssitze an Blaha und Kuba - heuer noch

Die waren im letzten Jahrzehnt die einzigen, die noch auf Barrikaden standen, als es darum ging für die Wähler zu kämpfen.

Sabrine Grünbaum
00
kuba arbeitet einmal bei schieder

baha macht einmal ihr studium fertig und kuba arbeitet bereits als expertin im kabinett von staatsekretär andreas schieder (vgl. https://www.bmf.gv.at/Finanzmin... start.htm) ;-)

p.s. laura rudas hat ihr studium bereits vor einiger zeit als magistra abgeschlossen...

Walter Bimini
20
rudas ist eine selbst auferlegte strafe der spö.

Der Waehlerwille
 
23
http://www.hagalil.com/archiv/20... lobals.htm

soviel zu attac.

so frisch sind diese ideen teils nun auch wieder nicht.

man könnte auch sagen. seit 70 jahren nicht mehr in. (offiziell)

solange attac ein abgrenzungsproblem gegen strukturellen antisemitismus von teilen der organisation/gruppe hat .. ist es ebenso inakzeptabel diese ins parlament zu bringen, genau wie FP und BZ und konsorten.

Sein und Haben
22

Auch durch 2x posten zum selben Thema wird ihr Quargel nicht richtiger:

http://www.attac.at/blindeflecken.html
http://www.attac.de/themen/re... tremismus/





Enrico Furioso
14
Attac ist

1. eine heterogene Sammelbewegung, ein globalisierungskritisches Netzwerk, darin sind alle möglichen Grüppchen und Gruppierungen drinnen, auch solche, die nicht immer sonderlich kluge Dinge vertreten.

2. ist nicht jeder, der Israel kritisiert, ein Antisemit, auch wenn haGalil das häufig suggeriert. Ich für mein Teil halte die Palästinenserpolitik Israels für haarsträubend dumm und gefährlich, und zwar nicht nur für Israel selbst; ich glaube aber nicht deswegen gegen Menschen jüdischen Glaubens voreingenommen zu sein. Israel und Judentum sind für mich keine Synonyme.

Fritz Wunderlich
00

hehe, 1. ist wie abgeschrieben aus grigats kritik an den bemühungen zur verharmlosung

santa fe
 
13

die SPÖ könnte vielleicht noch zu ihrer identität zurückfinden, wenn sie auf progressive sozialpolitik umschaltet. das wäre allerdings eine grosse überraschung. verknöcherung, "professionelles" opportunitätsdenken, rationale verschlafenheit verhindern jedes neue leben.

liebe (ex-)freunde, überdenken sie doch bitte nochmals ihre position gegenüber dem BEDINGUNGSLOSEN GRUNDEINKOMMEN. sie haben noch ein paar verprügelte denker in euren reihen. holen sie diese aus ihren schutzlöchern und geben sie ihnen eine chance. es mag eure eigene letzte chance sein.

Winter20
03
Bedingungsloses Grundeinkommen

und gleichzeitige Abschaffung aller Transferzahlungen. Damit könnte man tausende Beamte einsparen.
Ob das in der SPÖ konsensfähig ist?

Walter Bimini
00
sowohl spö als auch övp sind im kern beamten seilschaften

beonders deutlich war es bei gusenbauer gegen schüssel als der arbeiterkammer beamte gegen den wirtschaftskammer beamten angetreten ist.

Winter20
16
Skandinavische Sozialdemokraten als Vorbild!

Schwedens Sozialdemokraten haben Arbeitslosen-, Kranken- und Kindergeld gekürzt, das Pensionsantrittsalter erhöht. In Schweden geht man heute im Schnitt vier Jahre später in Pension als in Österreich. Die SPÖ ist dem Reiz des Lebens auf Kosten anderer erlegen und setzt sich für die permanente Alimentierung von Leistungsfernen, Pensionisten, Subventionsempfängern und Parteigünstlingen ein.
Früher traten die Sozialisten für gerechte Bezahlung von Leistung, Chancengleichheit und gegen die Bevormundung durch die Kirche in gesellschaftspolitischen Fragen ein. So ist es der SPÖ früher gelungen, einen breiten Mittelstand für ihre gesellschaftspolitischen Positionen UND Solidarität mit den sozial Schachen zu gewinnen.

Ava Tar
02

Wenn Sie die schwed. Pensionsreform meinen, die wurde von 4 Parteien ausgearbeitet - ohne die Sozidems

sie ist aber in ihrer Mischung dennoch sozial (Mindestpension an Preise gekoppelt = gesicherte Kaufkraft im Alter; zwar auf bescheidenem Niveau aber besser als bei uns wo die Mindestpensionisten heute noch 90% der Kaufkraft haben die Mindestpensionisten unter Vranitzky hatten - denn wie lebt man von 90% des Existenzminimums?)

jeff5
01
leistungsfern ist eine brillante feststellung.

da sollte es nur fettes grün geben.

Enrico Furioso
01
"Früher traten die Sozialisten für gerechte Bezahlung von Leistung, Chancengleichheit und gegen die Bevormundung durch die Kirche in gesellschaftspolitischen Fragen ein. "

Und mit Ausnahme der Emanzipation von der Bevormundung durch die Kirche in gesellschaftspolitischen Fragen hat die SPÖ in allen diesen Dingen versagt.

Spitzenmeldungen der letzten Tage: soziale Durchlässigkeit im Bildungssystem nicht gegeben; Einkommensschere Frauen vs. Männer: Österreich an vorletzter Stelle in der EU; das Prekariat bzw. prekäre Beschäftigungsverhältnisse wachsen Jahr um Jahr (gegenwärtig ca. 12% aller Erwerbsfähigen in Österreich).

Die österreichische Gesellschaft driftet auseinander.

Wasmichstört
11
Ich habe soeben eine Vision...

...ohne Rudas ging es besser... uiiii!

Marquis
13
Warum spricht niemand vom Untergang der ÖVP?

Dass die SPÖ ihre Probleme hat wird offensichtlich von ihren Feinden und Gegnern genüßlich ausgeschlachtet. Aber die ÖVP ist ja auch keine Gewinner Partei. Die letzten beiden Bundeskanzler waren und sind Rot, der Bundespräsident ist Rot, die größte Stadt Österreich ist Rot. Steiermark und Salzburg gingen an die Roten. Gewinner die ÖVP?

Also mal ehrlich auch die ÖVP hat ihre Legitimationsprobleme, denn die Beamten und Bauernpartei hat weder Konzepte noch verfolgt sie ihre eigenen Ideale des christlichen Sozialen. Nichts als kapitalistischer Opportunismus in Sicht.

joko_pat
00

PS: Norbert Leser: Der Untergang des Adlers - echt zu empfehlen.

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