"Ganz Wien ist ein g’mischter Satz"

4. März 2010, 16:50
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Roland Josef Leopold Neuwirth über den Wein, das Wienerlied, Himbeerwasser und die Schrammeln

derStandard.at: Die umfangreiche Liedersammlung "Wiener Lieder und Tänze" steht unter dem Motto "Wien und der Wein". Wie kann ein mild berauschendes Getränk eine ganze Kultur prägen?

Roland Josef Leopold Neuwirth: Das ist logisch: Nach der Arbeit will man sich entspannen, lachen, weinen, träumen und sich hingeben. Und da ist der Wein in Reichweite. Es geht nicht in jedem Wienerlied um den Wein, aber die Lieder werden beim Wein gesungen. Das haben die Wearner gern: A guads Papperl, an Wein und a Musi - am besten im Garten. Da kommen sie in Scharen. Wenn wir im Sommer beim Bamkraxler spielen, ist es gesteckt voll. Früher haben wir beim Preisegger in Kritzendorf gespielt. Sogar wenn es gestürmt und geschneit hat, sind die Massen gekommen. Die waren wirklich eisern. Wie ang'schraubt.

derStandard.at: Sind das Wienerlied und der Wein untrennbar miteinander verbunden?

Neuwirth: Der Veltliner oder der gemischte Satz gehört zum Wienerlied wie der Bourbon zum Blues. Das ist eine untrennbare Einheit. Wienerlieder sind ursprünglich am Tisch beim Wein gesungen worden. Dafür sind sie geschrieben worden. Das, was die Leute auf der Bühne singen, ist eine andere Sache.

derStandard.at: Muss man selbst Wein trinken, um das Wienerlied verstehen zu können?

Neuwirth: Wir waren verschrien als die ersten Schrammeln, die sich von Himbeerwasser ernähren. Ich bin spät zum Weintrinken gekommen. Vielleicht sind deshalb meine ersten Lieder dementsprechend anders ausgefallen, als meine heutigen?

Ich glaube schon, dass der Wein dazugehört: Er ist ein bedächtiges Genussgetränk, das man nicht so obischütt, sondern "jeden Schluck beißt", wie es in der "Reblaus" so schön heißt.
Es heißt, man hört das Wiener Lied zwischen den Zeilen und man schmeckt auch den Wein zwischen den Zeilen. Zwischen den Weinzeilen.

derStandard.at: "Die Weinprobe" von Rudolf Karl ist ein Lied mit detaillierter Anleitung, wie man den Wein zu trinken hat. Was halten Sie davon?

Neuwirth: Das Lied ist eine Seltenheit, denn der Wein wird im Wiener Lied immer für etwas anderes hergenommen, das ich eigentlich aussagen will. Mir fällt sonst nicht wirklich ein Lied ein, wo es um den Wein selbst geht, außer vielleicht die "Reblaus". Und der Uhudler-Dudler, den ich selbst verbrochen habe - am Klo. Damit hab ich einen Fremdkörper eingebaut, denn den Uhudler gibt's nicht in Niederösterreich und in Wien. Aber das Wort allein ist ja schon einzigartig.

derStandard.at: Wie ist Ihr Verhältnis zur Institution Heuriger?

Neuwirth: In den 70er Jahren waren die Leute beim Heurigen alle Schunkelmonster für mich und meine Lieder ein Faustschlag für sie. Die haben nichts reingelassen, was anders war. Aber heute hören sie uns zu. Wenn wir damals als Hintergrundmusik degradiert wurden, bin ich in die Leute hineingesprungen und hab zum Schimpfen begonnen. Man ist als junger Mensch radikal. Das hat irrsinnig lang gebraucht, bis ich draufgekommen bin: So geht's nicht.

Man braucht dieses Drüberstehen. Statt dass man ihnen eine Watsch'n gibt, lacht man. Aber auf eine ganz eigene Art und Weise. Das ist das Wiener Lied, finde ich. Man muss durch die dreckige Gass'n gegangen sein, damit man so weit kommt.

derStandard.at: Der gemischte Satz ist ja der klassische Heurigenwein...

Neuwirth: Diese Mischung ist ja das Schöne. Ganz Wien ist ein g'mischter Satz. Der entwickelt sich wie jeder Wein immer weiter. Aber Weine, die weniger Alkohol und mehr Zucker haben, entwickeln sich halt nicht gut. Unsere Formation ist auch wie der alte Wein, der immer besser wird. Die Extremschrammeln gibt es seit 36 Jahren. Das soll uns einmal wer nachmachen, dann kann er reden.

derStandard.at: Trinken um zu vergessen, ist das gut oder schlecht?

Neuwirth: Das ist doch gut, oder? Stell dir vor, du würdest nichts vergessen, dann würdest du schon lange nicht mehr leben. Du hättest Magenkrebs und Depressionen am laufenden Band. Die Leute täten sich reihenweise vom dritten Stock runterstürzen.

derStandard.at: Aber was ist mit kollektiver Verdrängung?

Neuwirth: Die gibt's ja gar nicht. Die hat keinen Bestand. Alles kommt heraus. Ich bin einer der wenigen, der sich bekennt und sagt: Das Vergessen ist ein Glück. Dabei meine ich aber nicht die Waldheimgeschichte. In einer bestimmten Position hat man Verantwortung.

derStandard.at: Was halten Sie von der Weinseligkeit?

Neuwirth: Der Wiener ist gerne selig. Meine Großmutter hat immer gesagt: "Na, bist jetzt selig?" Sie hat nie "zufrieden" gesagt. Zufrieden gibt es im Wienerischen gar nicht. Das Selig-Sein ist großartig. Die Sprache manipuliert uns ja ständig. Auch das ist großartig. Das ist aber auch das Fatale: So eine junge Person sagt zu meiner Gitarre: "Tolles Teil." Eine Wienerin! Für mich als Aborigin ist das ein Schock. Ich denke mir: Die reden jetzt so, für die ist alles "lecker".

Die Jungen können nichts dafür, die kriegen das nicht anders mit. Deshalb sind wir gefragt. Wir müssen sagen: "Denk einmal drüber nach, was du da grad gesagt hast." Wir haben in unserem österreichischen Wortschatz viel mehr als ein "Tschüss". Unsere Aufgabe ist, das nicht mit einem "Tschüss" zu erwidern. Ich kann nicht mein Rückgrat verlieren, ich bin ja kein Dackel.

derStandard.at: Aber kommt man da nicht in die Schiene, des zwanghaften Traditionen-bewahren-Müssens?

Neuwirth: Keine Frage. Aber was heißt denn Tradition? Es heißt "das Bewährte". Soll ich etwas aufgeben, das sich bewährt hat? Wenn man zugleich offen für Einflüsse ist, was soll dann daran schlecht sein? Das Leben ist ein Fluss und kein Tümpel. Aber das Kieselsteinderl, das ich da verändere, sollte schon das Kieselsteinderl bleiben.


derStandard.at: Ist das Wienerlied den Wienern vorbehalten?

Neuwirth: Die stärkste Musik, die es überhaupt gibt, ist die Volksmusik - egal, wo sie herkommt - weil sie ein Gesicht hat, sehr selbstbewusst und ganz natürlich ist. Ein Türke der zweiten Generation kann nicht singen: "I bin halt a Weaner" - das geht nicht. Aber es gibt den Krzysztof Dobrek, der ein Pole ist und das Wiener Lied über alles liebt. Der ist wienerischer wie ein Wiener. Er würde durchs Feuer gehen für die Musik.

Wir sind Selbstmörder, indem wir unsere Sprache nicht behaupten. Wir drahn uns ja ham. Indem wir zu den slawischen Einwanderern "nein" sagen, sagen wir zu uns selber "nein". Zum Österreichertum zählen die Immigranten.

Der Hodina ist da noch viel radikaler als ich. Er sagt: "Der Österreicher ist an sich unmusikalisch. Er kennt nicht einmal die eigene Volksmusik." Die einzige Chance sind in meinen Augen die Neu-Wiener, die Zugewanderten, und die Leute, die vom Land kommen und noch einen natürlichen Sprachbezug haben.

derStandard.at: Können Sie mir ein traditionelles Wienerlied mit Wein-Inhalt zitieren, das für Sie Bestand hat?

Neuwirth: "Solang a süffiges Tröpferl gedeiht, kann kumman wos wü, i hoid mi ganz stü." (Anm.: verfasst von Franz Paul Fiebrich)

Oder: "Wann i amol stirb, stirb, stirb,
Dann schütt's in mei Grab hinein
A paar guade Glaserl Wein
Weil i das liab', liab', liab'
Dass i in da Gruabn drin ned durstig bin."
(Anm.: Text Carl Rieder, Musik Carl Rieder nach Josef Strauß)

Aber Sie sollen über den Wein schreiben und wir reden über das Sterben.

derStandard.at: Vielleicht gehören der Wein und das Sterben in Wien auch zusammen?

Neuwirth: Sich ins Nirvana tschechern... da finde ich nichts Böses dran.

derStandard.at: Und Koma trinken?

Neuwirth: Da bin ich ein rigoroser Gegner. Das sind Selbstmörder. Die wollen nicht sein - nicht bei Bewusstsein und nicht sie selber sein. Die wollen weg. Also warum geben die sich nicht gleich die Kugel? Weil sie sich immer wieder hamdrahn wollen, zumindest jedes Wochenende.

Ich glaube, die Unart des organisierten Trinkens kommt aus Norddeutschland. Diese Bierzeltvagabunden sind grauenhafte Zeitgenossen. Das gibt es beim Weintrinken nicht. Da ist das klare Gegenteil der Fall. Allein deshalb muss man schon für den Wein eintreten. Ich tät sogar für ihn eintreten, wenn ich ihn gar nicht mögen würde. Nur mag ich ihn ja. Aber ich muss noch ziemlich weit fahren heut, drum trink ich ein Bier. I tät eh jetzt sofort einen Wein trinken, wann ich nicht fahren müsste. Darf ich jetzt fahren? (Eva Tinsobin, derStandard.at, 04.03.2010)

Info

Roland Josef Leopold Neuwirth schrieb als Chef der "Extremschrammeln" an die 300 Lieder für Duo- und Schrammelbesetzung, darüber hinaus Tänze, Walzer,und Neutöner, einige Orchesterwerke, Theater-, Film- und Hörspielmusik. Sein Ensemble besteht seit 1974 und hat bis dato zwölf Tonträger eingespielt.

Neuwirth steht mit seinem Ensemble für die Erneuerung des Wienerliedes, erhielt dafür 1984 den Sonderpreis der Stadt Wien, wurde 1994 mit dem Nestroy-Ring und 2002 mit dem Silbernen Ehrenzeichen der Stadt Wien geehrt.

  • "Man braucht dieses Drüberstehen. Statt dass man ihnen eine Watsch'n
gibt, lacht man. Aber auf eine ganz eigene Art und Weise. Das ist das
Wiener Lied, finde ich. Man muss durch die dreckige Gass'n gegangen
sein, damit man so weit kommt."
    foto: derstandard.at/tinsobin

    "Man braucht dieses Drüberstehen. Statt dass man ihnen eine Watsch'n gibt, lacht man. Aber auf eine ganz eigene Art und Weise. Das ist das Wiener Lied, finde ich. Man muss durch die dreckige Gass'n gegangen sein, damit man so weit kommt."

  • "Der Veltliner oder der gemischte Satz gehören zum Wienerlied wie der Bourbon zum Blues."
    foto: derstandard.at/tinsobin

    "Der Veltliner oder der gemischte Satz gehören zum Wienerlied wie der Bourbon zum Blues."

  • "Wir waren verschrien als die ersten Schrammeln, die sich von Himbeerwasser ernähren."
    foto: derstandard.at/tinsobin

    "Wir waren verschrien als die ersten Schrammeln, die sich von Himbeerwasser ernähren."

  • "Es heißt, man hört das Wiener Lied zwischen den Zeilen und man schmeckt
auch den Wein zwischen den Zeilen. Zwischen den Weinzeilen."
    foto: derstandard.at/tinsobin

    "Es heißt, man hört das Wiener Lied zwischen den Zeilen und man schmeckt auch den Wein zwischen den Zeilen. Zwischen den Weinzeilen."

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