"Liebe wird zur Angelegenheit der Frau"

4. März 2010, 07:00
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In der Musik, in Romanen, im TV: Liebe ist überall - Die Mitherausgeberin des Buches "Love me or leave me" Doris Guth über Liebe in der Popkultur

In den meisten Filmen kommt sie vor, auf praktisch jedem neuen Album und Romane sind sowieso voll davon - "Love is all around you". Die Liebe in der Populärkultur zu betrachten liegt also nahe und so haben die Kunsthistorikerin Doris Guth und die Philosophin Heide Hammer das Buch "Love me or leave me" (dieStandard.at rezensierte: Mit geschärftem Blick Liebe konsumieren) herausgegeben um sich jene Liebesentwürfe vorzunehmen, vor denen wir umgeben sind. Denn präsentiert wird uns die Liebe meist zwischen relativ jungen und attraktiven Männern und Frauen, die sich getreu der geschlechterspezifischen Rollenverteilung verhalten. Im E-Mail-Interview erzählt Doris Guth von ihrer Untersuchung in Sachen Liebe in Lifestyle-Zeitschriften, über die Auseinandersetzung von Feministinnen mit Liebe und was die Vorstellungen von romantischer Liebe auszeichnen.

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dieStandard.at: Wie sind Sie und Heide Hammer auf das Thema Liebe und Populärkultur gestoßen?

Doris Guth: Liebe ist in unserem Alltag im Rahmen der Populärkultur omnipräsent, in der Musik, auf Werbeplakaten oder im Kino. Überraschenderweise gibt es aber kaum wissenschaftliche deutschsprachige Publikationen, die sich umfassend damit auseinandersetzen. Eva Illouz und Klaus Theleweit haben in der Veranstaltung "Liebesverhältnisse" (Jänner 2008, Akademie der bildenden Künste Wien) sehr eindrucksvoll die möglichen Zusammenhänge zwischen gesellschaftlichen Parametern und individuellem Liebesglück aufgezeigt. Das hat uns motiviert noch tiefer in die Materie einzusteigen und eine Publikation herauszugeben.

dieStandard.at: Welche aktuellen Auseinandersetzung von Feministinnen mit "Liebe" gibt es derzeit?

Doris Guth: Der Feminismus der 70er Jahren hat tendenziell eine sehr kritische Haltung zu Liebesbeziehungen zwischen Mann und Frau, im speziellen zur Institution Ehe, eingenommen, da sie als wesentliche Instrumentarien für die Diskriminierung der Frau gesehen wurden. Diese Kritik war sehr wichtig, um asymmetrische Machtverhältnisse aufzuzeigen. Heute geht es mehr darum neue Modelle und Formen von Liebe zu entwerfen, z.B. polyamouröse Liebesverhältnisse, polare Geschlechterdichotomien aufzubrechen sowie Möglichkeiten und Potentiale im "lieben lernen" zu entdecken. Nach wie vor lässt sich eine gewisse Zurückhaltung in der feministischen Theorie zu diesem Thema beobachten, die erst in den letzten Jahren mehr und mehr aufgebrochen wird.

dieStandard.at: Die Soziologin Eva Illouz hat mit ihren Publikationen zu "Emotionen", "Liebe" oder auch zum "Diskurs der Therapie" in den letzten Jahren viel Aufmerksamkeit erregt. Allerdings hat man den Eindruck, dass sie sehr rasch von "dem" Feminismus spricht, der beispielsweise dem "emotionalen Diskurs" (wie z.B. der Selbstentblößung in Talk-Shows) mit auf den Weg geholfen hätte. Von so einer "Beihilfe" würden sich aber marxistische Feministinnen sicher distanzieren. Wie sehen Sie das?

Doris Guth: Eva Illouz hat sich in ihrem Buch "Konsum der Romantik" (2003) sehr ausführlich mit dem Verhältnis von Liebespraktiken und Konsum beschäftigt. Viele ihrer Thesen sind sehr spannend und anregend, jedoch ein wesentlicher Kritikpunkt an dieser Arbeit ist für mich, dass Fragen nach den Geschlechterverhältnissen nur sehr peripher behandelt werden. In einer ihrer Folgepublikationen "Gefühle in Zeiten des Kapitalismus" (2006) führt sie feministische Debatten in der Form des "feministischen Narrativs" ein, dem gemeinsam mit jenem des therapeutischen Narrativs eine zentrale Rolle zukommt. Beide hätten dazu beigetragen, die Rolle der Familienstruktur für die Bildung des Selbst neu auszuleuchten und das Verhältnis zwischen privater Erfahrung und gesellschaftlichen Strukturen zu diskutieren. Illouz überschätzt meiner Meinung nach den Einfluss des feministischen Narrativs auf diese Prozesse, auch wenn die US-amerikanischen Kontexte, von denen sie spricht, sicherlich andere Wirkungsmöglichkeiten ergaben als die europäischen. Zusammenfassend gebe ich ihnen Recht, dass Illouz einen sehr einseitigen Blick auf feministische Debatten wirft und für ihre Anliegen die sehr zentralen marxistisch-feministischen Überlegungen außer Acht lässt.

dieStandard.at: Können Sie kurz das Verhältnis zwischen dem romantischen Liebeskonzept und "Individualisierungen" erläutern? Diese Thematik kommt im Buch öfters vor.

Doris Guth: Das romantische Liebesideal als eine mögliche Form der kulturellen Liebespraxis entwickelte sich Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts. Trotz stetiger Transformation des Konzeptes zeichnen die gegenseitige Erwiderung der Liebe, die Einheit von Sexualität und affektiver Zuneigung, sowie die Betonung der Individualität nach wie vor romantische Vorstellungswelten aus. Die Einzigartigkeit der Liebe bestätigt die Einzigartigkeit des Individuums. Der darin enthaltene Wunsch nach symbiotischer Verschmelzung und Entgrenzung ist verbunden mit der Konzentration auf eine konkrete Person. In dieser absoluten Setzung der Liebe wird das Paar konstituiert, dessen ausschließliche, gegenseitige Zuneigung eindringlich proklamiert werden kann. Die Verbindung von Individualität und romantischer Liebe birgt ein hohes Glücksversprechen in sich.

dieStandard.at: Sie haben Vorstellungen von Liebe in Life-Style Zeitungen untersucht, können Sie das Ergebnis kurz zusammenfassen?

Doris Guth: Anhand des Liebesdispositivs lässt sich eine klare Polarisierung der Geschlechter in den Sphären der Frauen- und Männerzeitschriften beobachten. Die Feminisierung der Liebe macht partnerschaftliche Zuneigung zu einer Angelegenheit für Frauen - entlang des Stereotyps: Frauen sind emotional, Männer sind rational- und stabilisiert das heterosexuelle Geschlechternormativ. Männlichkeit wird hingegen durch das explizite Ausschließen von Liebesthemen und durch die starke Fokussierung auf (Hetero-)Sexualität in Männerzeitschriften generiert. Obwohl diese beschriebene Feminisierung der Liebe eine dominante Tendenz darstellt, ist sie kein einheitliches Phänomen. Es gibt auch deviante Darstellungen des verliebten Mannes. Der Grad der männlichen Involviertheit in Liebesdingen steigt mit jenen Geschlechterverhältnissen, die sich am weitesten von traditionellen Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit entfernen. Die Resultate machen auf jeden Fall deutlich, wie eng das Erlernen des Gefühlsverhaltens mit der Aneignung des Geschlechts verbunden ist - im Sinne von "performing emotion" als "performing gender". (Die Fragen stellte Beate Hausbichler, dieStandard.at, 4.3. 2010)

Zur Person
Doris Guth ist Kunsthistorikerin und Assistenzprofessorin an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind unter anderem zeitgenössische Kunstproduktion und Geschlechterverhältnisse, Liebe und Feminismus im 20. Jahrhundert und Geschlechterpolitik an Universitäten. 

Buch
"Love me or leave me. Liebeskonstrukte in der Populärkultur", Hg. Doris Guth, Heide Hammer, Campus Verlag, 2009

Weitere Lesetipps
Eva Illouz "Gefühle in Zeiten des Kapitalismus", Suhrkamp Verlag, 2007, EUR 12, -
Zeitschrift des IWK "Liebeskonzepte und Geschlechterdiskurs"; Heft 3-4, EUR 12,50 (IWK- Mitteilungen)

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    "Liebe ist in unserem Alltag im Rahmen der Populärkultur omnipräsent. Überraschenderweise gibt es aber kaum Publikationen, die sich umfassend damit auseinandersetzen", so Doris Guth.

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