"Jugendliche interessiert, wie Religion tickt"

3. März 2010, 11:53
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Kann Ethikunterricht objektiv sein? Bereitet Religion auf das Leben vor? - Bei der Diskussion "Religion im Klassenzimmer" prallten Meinungen aufeinander.

Wien - "Für mich war es immer ganz normal, dass ein Kreuz in unserer Klasse hängt. Ich bin zwar Muslim, aber es gehört einfach zur Schule dazu" , erinnert sich Sami (21) an seine Schulzeit. Als die Schüler mal in einer anderen Klasse unterrichtet wurden, fiel ihnen sofort auf, dass das Kreuz umgedreht worden war. "Niemand von uns war bekennender Christ, doch trotzdem war es uns wichtig, dass das Kreuz richtig hängt" , schildert der Student im Rahmen der Diskussion "Religion im Klassenzimmer?" vergangenen Mittwoch.

Verwunderung macht sich vor allem bei Diskutantin Heide Schmidt breit. "Fühlen sich muslimische Schüler dadurch nicht benachteiligt?" , wendet sich die Gründerin des Liberalen Forums an Amena Shakir. Die Direktorin der Akademie für islamische Religionspädagogik kann dieses Verhalten aber nachvollziehen. "Für die muslimischen Jugendlichen ist das Kreuz selbstverständlich. Es ist historisch gewachsen und hat keinen Einfluss auf sie" .

Moderiert von Standard-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid, erregt das Thema auch bei den anderen Podiumsgästen, dem evangelischen Bischof Michael Bünker sowie Brigitte Moser von der Erzdiözese Wien, die Gemüter. "Religion wird derzeit hauptsächlich in Publikationen des Innenministeriums diskutiert, unter dem Aspekt der Sicherheit. Ist das ein angemessener Umgang?" , möchte Bünker wissen. Religion sei doch auch auf sozialer Ebene, im Gender-Bereich oder der Bildung wichtig. Die Grundwerte jeder Schule seien zudem durch ein "Schulethos" geprägt.

Shakir stimmt ihrem Vorredner zu. "Religion ist ein fester Bestandteil des öffentlichen und privaten Lebens." Die Schule gebe das entsprechende Rüstzeug mit, um für das Leben gewappnet zu sein. "Doch wie soll man Schüler auf das Leben vorbereiten, ohne die Religion zu thematisieren?"

 Friedensstiftender Unterricht

Laut Moser sei es besonders wichtig, einen "friedensstiftenden, integrativen Unterricht" anzubieten. Diesem Gedanken können alle Diskutanten etwas abgewinnen. Denn die Klassengemeinschaft verkörpere die Pluralität in der Gesellschaft. Religionen seien "identitätsstiftend" , betont Moser. "Nur wer seine Identität kennt, kann gut verankert in einer demokratischen Gesellschaft leben." Eine relevante Funktion der Schule sei es, Werte zu vermitteln und den Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, ihre Identität zu entwickeln. Auch sie ist der Meinung, dass die religiöse Weltanschauung, "vermittelt durch den Unterricht" , einen Platz im öffentlichen Diskurs haben müsse.

Schmidt plädiert hingegen für den Ethikunterricht, der in Österreich seit 1997 angeboten wird. "Ich halte es für eine wichtige Forderung, ihn als Pflichtgegenstand anzubieten - das wäre neben dem Religionsunterricht durchaus zulässig." Der Ethikunterricht kann österreichweit an 194 Schulen als ergänzendes Pflichtfach ab der neunten Schulstufe gewählt werden. Er sollte einen anderen Zugang zur Religion bieten, um Objektivität zu erhalten und Empathie zu verhindern, so Schmidt.

Shakir widerspricht: "Es ist unmöglich, eine neutrale Persönlichkeit für diese Art des konfessionslosen Unterrichts zu finden."

Schmidt lässt nicht locker: "Dies wäre ein Ansatz für das gegenseitige Verständnis und den Respekt. Das vermittelte Wissen soll Vorurteile abbauen und zur Integration beitragen." Für Bünker spielt neben den Fakten der persönliche Kontakt eine große Rolle. "Wir haben die Informationen über die Weltreligionen, aber interessant wird es erst, wenn wir Erfahrungskontexte knüpfen" . Die Hürden dabei würden weniger in den Religionen als vielmehr im gegenseitigen Verständnis liegen. "Die Jugendlichen interessiert, wie die Religion tickt."

Und sie wollen mitreden, wenn es etwa um religiöse Symbole in ihren Klassenzimmern geht. "Warum kann nicht jede Klasse selbst darüber abstimmen, ob sie ein Kreuz haben möchte?" , fragte ein junger Mann aus dem Publikum. Schmidt hält das für unangemessen, denn: "Entweder es sind alle Symbole vertreten oder keine."

Nicht auf Klassen abgestimmt

Der Bischof meint, dass man derartige Diskussionen dennoch "näher an den Schülern" führen müsse. Oft würden Beschlüsse gefasst, die nicht auf die Realität der Klasse abgestimmt seien.

Vor allem beim Symbol des Kopftuches gehen oft die Wogen hoch. So meint Shakir, dass "es in Österreich Gott sei Dank eine andere Regelung" als in Deutschland gibt, wo "viele junge deutschsprachige Musliminnen aufgrund des Kopftuchgesetzes arbeitslos werden oder nicht mehr studieren, weil sie keine Aussichten auf Jobs haben" . Probleme seien dennoch vorhanden. Es müsse selbstverständlich sein, dass man nicht immer nur das Kopftuch sieht. Denn: "Ein Miteinander muss doch möglich sein." (Nermin Ismail, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.3.2010)

  • In der Akademie für islamische Religionspädagogik (IRPA) diskutierten der evangelische Bischof Michael Bünker, die Direktorin der IRPA, Amena Shakir, Standard-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid (Moderation), die Gründerin des Liberalen Forums Heide Schmidt und Brigitte Moser von der Erzdiözese Wien
    foto: standard/hendrich

    In der Akademie für islamische Religionspädagogik (IRPA) diskutierten der evangelische Bischof Michael Bünker, die Direktorin der IRPA, Amena Shakir, Standard-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid (Moderation), die Gründerin des Liberalen Forums Heide Schmidt und Brigitte Moser von der Erzdiözese Wien

  • Vor allem beim Symbol des Kopftuches gehen während der Diskussionoft die Wogen hoch
    foto: standard/hendrich

    Vor allem beim Symbol des Kopftuches gehen während der Diskussionoft die Wogen hoch

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