Probebohrungen im Filmarchiv

2. März 2010, 20:36
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In dem Projekt "Film.Stadt.Wien" gehen Wissenschafter auf Spurensuche in fast vergessenen Amateur-, Dokumentar- und Avantgardefilmen - Dabei finden sie neue Bilder der Stadtgeschichte

In einer langen Reihe von abgeteilten Kobeln sortieren Frauen in blütenweißen Schürzen mit geschickten Handgriffen Wäsche aus großen Säcken, während der charmante Abteilungsleiter einer gut gekleideten Dame mittleren Alters die Vorzüge der Wiener Habsburg-Wäscherei anpreist. Wie am Schnürchen wird die schmutzige Wäsche in riesigen Trommeln gewaschen, um dann von einer Armada an strahlenden Mitarbeiterinnen getrocknet, gebügelt und sauber zusammengelegt wieder an die Kundinnen ausgeliefert zu werden - die sich so die mühsame Handarbeit am Waschbrett ersparen.

All das zeigt ausführlich ein sogenannter Industriefilm, produziert vom Reichsverband Österreichischer Hausfrauen im Jahr 1936 - noch lange, bevor die Waschmaschine ein selbstverständliches Haushaltsgerät war. "Hier wird im Gegensatz zu den Spielfilmen dieser Zeit das Bild eines sehr modernen Wiens gezeigt", schildert Siegfried Mattl vom Ludwig-Boltzmann-Institut für Geschichte und Gesellschaft (LBIGG), Leiter des Projekts "Film.Stadt.Wien".

"Mit Filmen wie diesen tut sich ein vergessener Kosmos von Stadtgeschichte auf, vom Beginn der Fließbandarbeit über das Frauenbild bis hin zum Aufbau der Wiener Textilwirtschaft", betont Michael Loebenstein, Projektmitarbeiter vom Österreichischen Filmmuseum. "Und der Film zeigt, dass schon sehr früh die Komponente der Erotik genutzt wurde", fügt Hanna Schimek hinzu, die mit Gustav Deutsch die Filme aus künstlerischer Perspektive analysiert.

In "Film.Stadt.Wien" widmen sich Wissenschafter und Künstler gemeinsam dem bisher kaum erforschten Korpus an hunderten "orphan films", also Amateur-, Dokumentar-, Industriefilmen und Wochenschauberichten sowie Avantgarde- und Experimentalfilmen, die in den Archiven des Filmmuseums und der Gemeinde Wien schlummern. Finanziert wird das Projekt durch den WWTF (Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds), der 2008 eine neue Förderschiene an der Schnittstelle zwischen Kunst und Wissenschaft ins Leben gerufen hat.

"Es geht uns um die Entwicklung von neuen Methoden, wie mit diesem Feld der Stadtgeschichte und -identitäten umgegangen werden kann", beschreibt Loebenstein den Hintergrund. In der ersten Projektphase wurde eine Bilderbank entworfen, ein erstes Konvolut von Filmen in Form von "kontrollierten Probebohrungen" gesichtet und auch eine Auswahl im Filmmuseum gezeigt und diskutiert.

Rohe Stadtbilder

"Die rohen Bilder der Stadt geben oft Rätsel auf oder zeigen schon vergessene Tätigkeiten, Schauplätze und Gesten", sagt Mattl. Entdeckt wurden auch heute nicht mehr gängige Gattungen wie der Preisrätselfilm, der im Fall von Wo sind die Millionen? selbst ein Stadträtsel aufgibt: Der Streifen der Yellow Taxi Comp. Ges. ohne b.H., New York-Stadlau aus dem Jahr 1925 (Bild oben) beschreibt eine detektivische Schnitzeljagd durch Wien. Dabei wurden Orte gezeigt, die von den Teilnehmern identifiziert werden mussten - eine Fundgrube für die Historiker.

Schließlich steht im Mittelpunkt der wissenschaftlichen Arbeit die Rolle, welche die Stadt Wien selbst in den Filmen spielt und welche Formen der Öffentlichkeit sie trägt. "Das geht von militanten Konflikten wie beim Justizpalastbrand 1927 über die Darstellung des 'Anschlusses' 1938, über den Triumphzug des Olympiasiegers Karl Schranz 1972 bis hin zu Faschingsumzügen", sagt Mattl. Mithilfe neuer Einblicke in Öffentliches und Privates soll die etablierte Stadt- und Filmgeschichte um weitere Facetten ergänzt werden.

So traten beim Durchforsten der Archive wahre Schätze an unentdeckter Filmkunst zutage: Der grüne Kakadu (1928/29) ist ein Krimi, der von einem Ottakringer Filmklub unter der Regie des 20-jährigen Rauchfangkehrers Franz Hohenberger gedreht wurde - ausschließlich aus Privatmitteln hergestellt und mit befreundeten Amateuren als Schauspieler. "Es fallen sofort Bezüge zu anderen Filmemachern wie dem frühen Jean Renoir auf", bemerkt Hanna Schimek über die offensichtlich cineastischen Kenntnisse des Hobbyfilmers.

Geplant ist ein Symposium, langfristig wäre auch der Aufbau eines Online-Archivs möglich. Die Forscher sind überzeugt: Der Fundus an Stadtbildern könnte noch zahlreiche Folgeprojekte beschäftigen. (Karin Krichmayr/DER STANDARD, Printausgabe, 03.03.2010)

  • Ein Fahrrad als Belohnung im Preisrätselfilm "Wo sind die Millionen" aus dem Jahr 1925. Dafür mussten Teilnehmer Wiener Orte identifizieren. Nicht nur dieser Film, an dem die Zeit schon genagt hat, ist eine Fundgrube für Film- und Stadtforscher.
    foto: österr. filmmuseum

    Ein Fahrrad als Belohnung im Preisrätselfilm "Wo sind die Millionen" aus dem Jahr 1925. Dafür mussten Teilnehmer Wiener Orte identifizieren. Nicht nur dieser Film, an dem die Zeit schon genagt hat, ist eine Fundgrube für Film- und Stadtforscher.

  • Der Krimi "Der grüne Kakadu", 1928/29 von einem 20-jährigen Rauchfangkehrer gedreht, ist eines der entdeckten Highlights.
    foto: österr. filmmuseum

    Der Krimi "Der grüne Kakadu", 1928/29 von einem 20-jährigen Rauchfangkehrer gedreht, ist eines der entdeckten Highlights.

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