Vranitzky und Egon Bahr über Visionen in der Politik
Wien - "Es kommt selten vor, dass in meiner Gegenwart jemand von Visionären spricht" , vermerkte Altbundeskanzler Franz Vranitzky selbstironisch. Dabei werde ihm der Spruch, "Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen" , zu Unrecht zugeschrieben.
Am 40.Jahrestag des Wahlsieges von Bruno Kreisky am 1. März 1970 war viel von Visionären die Rede. "Jemanden vom Format eines Kreisky oder eines Willy Brandt sehe ich im heutigen Europa nicht" , sagte Egon Bahr. Der 87-Jährige war am Montag Ehrengast, als im Kreisky-Forum eine Ausgabe von Brandts Korrespondenz und Reden präsentiert wurden. Als wichtigster Berater des ehemaligen deutschen Kanzlers bestimmte er über Jahre die Außenpolitik Deutschlands mit. Die Debatte zwischen Bahr und Vranitzky moderierte Standard-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid.
Asylzentren, Schimmel und Käse
"Brandt und Kreisky hatten einen weltweiten Blick" , erklärte Vranitzky. Politiker von heute hätten nur unmittelbare Themen im Blick, wie "Asylzentren" und "Schimmel im Käse" . "Bleibt Politik an der Oberfläche, kommt sie nur im Boulevard vor" , sagte Vranitzky. Kreisky dagegen sei es gelungen, "den Stellenwert Österreichs in der Welt zu heben und zu prägen" . Brandt wiederum habe mit seiner Entspannungspolitik gegenüber dem Osten den ersten Schritt zu einem vereinten Europa gesetzt.
"Brandts Ziele waren größer als die Bundespolitik - das lässt sich auch über Kreisky sagen" , sagte Bahr. Ihre persönliche Freundschaft prägte auch ihre politische Zusammenarbeit. Vor der Nazi-Diktatur nach Schweden geflüchtet, freundeten sich die beiden im Exil in Stockholm an. Dort arbeiteten sie gemeinsam an einer Nachkriegsordnung für Europa.
Eine Vision Brandts bleibt jedoch unverwirklicht: eine gemeinsame Stimme Europas nach außen, als politische Föderation. Bahr dazu: "Brandt dachte, die Vereinigung Europas wäre näher als die Wiedervereinigung Deutschlands. Doch die anderen Länder wollten den Nationalstaat gar nicht abschaffen." (Alexandra Fanta, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.3.2010)