"Uni Brennt"

Vom Brennen und Studieren

Sebastian Pumberger, 18. März 2010, 11:41

Die Audimax-Bewegung legt eine Dokumentation der Studentenproteste vor - Eine Besprechung - Mit Gewinnspiel

An einem Donnerstag im Oktober wurde das Audimax besetzt. Schon zwei Tage zuvor haben Studierende - unter Beteiligung von Lehrenden - die Aula der Akademie der bildenden Künste in Beschlag genommen um gegen die Implementierung des Bologna-Systems an der Kunsthochschule zu protestieren.

Die Folgen sind bekannt. Wochenlang - bis kurz vor Weihnachten - blieb der größte Hörsaal der Hauptuni besetzt, wurde zum Zentrum der "Unibrennt-/Unseruni-Bewegung", die sich national und international ausbreitete. Grundlage für die studentische Organisation und Koordination des Unmutes über Studienbedingungen sowie -hierarchie war die Basisdemokratie. Zig Arbeitsgruppen bildeten sich um einzelne Aspekte und Konzepte zu bearbeiten. Im Plenum wurden laufend die Fortschritte präsentiert. Im Laufe des Novembers traf sich als Teil der basisdemokratischen Proteste auch zum ersten Mal die "Arbeitsgemeinschaft Buchveröffentlichung".

Einer der Gründe für das Wachsen und die Wahrnehmung der Studentenproteste war die mediale Vernetzung über das Internet, die Schaffung einer Zeitung oder die Einrichtung eines ständigen Livestreams aus dem Audimax. Angesichts der Anwendung des "Web 2.0" während der Besetzung scheint es beinahe anachronistisch, dass die erste Dokumentation der Proteste als Buch erscheint. Man wollte auf das Medium der Universität schlechthin, das Buch, zurückgreifen, so die Herausgebergruppe in der Einleitung. Auch um zu zeigen, dass man Teil der universitären Welt sei. Das dieser Tage im Verlag Turia+Kant erschienene Buch ist eine subjektive Dokumentation, eine Einordnung von Protest und Ursache aus der Sicht der Protestierenden. "Grundsätzliches, Kritisches, Atmosphärisches" - so verspricht der Untertitel des Buches - der Proteste sollen thematisiert und eingeordnet werden.

Dabei ist das Buch keine chronologische Beschreibung. Gut die Hälfte des Buches beschäftigt sich mit den grundsätzlichen Problemen unseres Universitätssystems, die erst zur breiten Mobilisierung der Studierenden führte. Bologna, Ökonomisierung der Bildung, Ausbildung anstelle von Bildung sind grobgefasst die Problemstellungen im ersten Teil des Buches.

"Teil von Unmündigkeit verloren"

Es ist ein dicht bepacktes Buch geworden. Doron Rabinovici stellt die Studierendenproteste in den Kontext eines allgemeinen Widerstandbegriffes. "Wer sich die Freiheit nimmt, für sie einzustehen, hat einen Teil von Unmündigkeit verloren", schreibt Rabinovici den Studierenden ins Stammbuch. Erich Ribolits und Paul Kellermann setzen sich mit den Begriffen Bildung und Ausbildung grundätzlich auseinander. Einer der Haupteile widmet sich dem Bologna-System. Nicht an Geld alleine mangelt es, es braucht ein neues System, einen verstärkten Dialog in den Universitäten - so der Grundtenor. Mit bedacht gingen die Herausgeber des Buches an die Auswahl der Texte und Autoren. Etablierte Professoren - wie Konrad Paul Liessmann -, Journalisten - wie Martin Blumau von FM4 - oder Studentenvertreter - wie Sigrid Maurer oder Eva Maltschnig - sind unter den Autoren ebenso wie Studierende, die sich während der Proteste engagierten.

Zwei weitere Kapitel widmen sich der Lebenswelt der Studierenden und der Arbeitswelt von Lehrenden. Obwohl auch Professoren den Protest teilweise unterstützten, waren es vor allem die LektorInnen und der Neue Mittelbau, der in ähnlicher Weise an der Umstrukturierung der Uni Wien zu leiden hatte. Thomas Schmidinger weist in seinem Beitrag daraufhin, "dass zwar generell große Sympathien für die Uniproteste unter verschiednenen Lehrendengruppen vorhanden waren, diese jedoch unter den ProfessorInnen weit weniger verbreitet waren als unter LektorInnen, ProjektmitarbeiterInnen und Neuem Mittelbau."

"Aus den besetzte Hörsälen"

Soweit zu den Ursachen des Protests. Der umfangreichste Teil - "Aus den besetzten Hörsälen" - beschäftigt sich mit den Organisationsformen des Protests. Studierende berichten über ihre Erfahrungen, schildern Organisationsstrukturen und Entwicklungen. So zentral das Audimax für die mediale Wahrnehmung der Studierendeninteressen auch gewesen war, so dezentral versuchten die Studierenden sich zu organisieren. Die Vernetzung und Abstimmung mit anderen Universitäten wurde zum wichtigen Bestandteil des Meinungsfindungsprozesses. Hier steckt sicherlich auch ein Problem der Internetmobilisierung. Durch den Aufbau einer virtuellen Protestwelt kam es dazu, dass Studierende von zu Hause aus an den Protesten "teilnahmen", immer weniger zeigten sich persönlich im Audimax oder in anderen besetzten Hörsälen des Landes. Studierendenberichte, Fotos und Forderungen bilden den athmosphärischen Teil. Doch auch Rektoren und Ministeriumsvertreter kommen zu Wort. Ausgewählte Reden, die prominente Personen im Audmax hielten, sind ebenfalls abgedruckt.

"Uni Brennt" ist ein subjektives Buch von und über die Studentbewegung, aber auch ein Positionspapier über das Studieren unter dem System "Bologna" aus studentischer Sicht.  Es versammelt eine Fülle von Berichten, Positionen und versucht nicht nur den Protest und die Probleme darzustellen, sondern einen Beitrag zur Hochschuldiskussion an sich zu leisten. An diesem Buch zeigen sich schließlich auch die Fähigkeiten die Studierende entwickeln, wenn sie frei darüber entscheiden, was zu ihrem Studium gehört und was welche Priorität hat. Es zeigt schließlich auch die Ernsthaftigkeit studentischer Anliegen. Für manche gehörte es im Wintersemester 2009/2010 dazu Teil der Audimax-Bewegung zu sein. Es ist die Semesterarbeit einer Bewegung. (seb, derStandard.at, 18.3.2010)


Veranstaltungshinweis:

Am Donnerstag, 18.3.2010, findet um 19 Uhr im Depot (1070 Wien, Breitegasse 3) die Buchpräsentation des "Uni Brennt"-Buches mit anschließender Diskussion statt. Bei der Diskussion nehmen unter anderem Eva Maltschnig (ÖH), Erich Ribolits, Karin Schönpflug (beide Uni Wien) und die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz teil.

Kommentar posten
21 Postings
pr re
64
19.3.2010, 23:01
oder Studentenvertreter - wie Sigrid Maurer oder Eva Maltschnig

Sebastian Pumberger!
haben Sie sich mit den anliegen auseinandergesetzt?!
wenn Sie nicht gendern, ists Ihre sache, aber hier ein unsensibler affront. wenn Sie jedoch zb in der letzten zeile (der veranstaltungshinweise) fr Streeruwitz das attribut 'schriftstellerin' zubilligen, die beiden kolleginnen der ÖH gleichzeitig im text aber nicht einmal als 'vertreterinnen' wahrnehmen, bezeugt das Ihre ignoranz, oder?
schon vergessen?
uni brennt.

jack johnson
 
14
19.3.2010, 10:47
Goderl kraulen??

1 x ÖH (SozÖK + KGesch), 2 x Uni Wien (1x Gender, 1 x Sowi) Steeruwitz und dazu noch 1 x KriSu

Das wird ja eine 'kontroverse' Diskussion...

luchmhor
25
18.3.2010, 20:50

Da verwechselt jemand bildungspolitische Probleme mit Bologna.

ushka
33
18.3.2010, 21:27

geht doch Hand in Hand miteinander, oder?

luchmhor
34
18.3.2010, 21:59

Ähm, nein. Absolut nicht.

WLG
02
19.3.2010, 12:23

doch, schon. Der Bologna-Prozess ist ein Teil der Bildungspolitik.

luchmhor
50
19.3.2010, 13:07

Ja, ein Positiver.

qwertztt
00
19.3.2010, 17:56
seh ich auch positiv...

..aber die Umsetzung is durch die Blume gesprochen net so guat gelungn, oder?

luchmhor
00
19.3.2010, 17:59

Was genau wurde schlecht umgesetzt?

Ach ja: STEPs, Voraussetzungsketten, der Creditsystem für

SiSe
00
19.3.2010, 21:53

Mobilität, studierendenzentriertes Lernen, gemeinsamer Hochschulraum usw. usf.

luchmhor
00
20.3.2010, 09:35

Mobilität haut super hin, hier wird vieles schlecht gemacht.
Was genau ist studierendenzentriertes Lernen?
Der gemeinsame Hochschulraum ist ja erst im Aufbau und wird immer mehr vernetzt. Vor allem durch sprachliche Barrieren gehts nicht so schnell.

SiSe
00
20.3.2010, 10:57

Der Aufbau des EHR endete eigentlich letzte Woche (ein Hauptziel des Bolognaprozesses war bis 2010 den EHR zu schaffen).
Mobilität haut super hin? Wo leben Sie, es gibt Anerkennungsprobleme, jede Uni kocht hier ihr eigenes Süppchen - auch die entsprechenden Statistiken beweisen es.
Studierendenzentriertes Lernen - http://en.wikipedia.org/wiki/Stud... d_learning

luchmhor
00
20.3.2010, 11:32

Und die Anerkennungsprobleme waren vorher nicht da? Bologna versucht eben diese Dinge zu lösen (und ist noch nicht fertig). Nur weils eine "Deadline" gibt, heisst das noch lange nicht, dass dann alles fertig ist.
Ja, Mobilität hat sich mit Erasmus und Bologna sehr gut entwickelt.
Zu studierendenzentriert: kann sich positiv auswirken, natürlich auch negativ, deswegen ist der wiki-Artikel auch als nicht neutral markiert.

Es gibt hier im Standard einige Diskussionen mit Bologna "Experten" zu diesem Thema. Leider sind da viele Kritiker zu Hause geblieben, weil die Argumente einfach nicht halten.

SiSe
00
20.3.2010, 12:42
Teil 2/2

Anerkennungsprobleme gab es auch früher, aber gerade durch die ECTS-Punkte und dem 3-gliedrigen Bolognasystem gäbe es nun genügend Mittel für erhöhte Mobilität.
Nehmen wir mal nur die ECTS Punkte her.
1 ECTS Punkt in Österreich bedeuten einem durchschnittlichen Studentenworkload von 25 Stunden (lt. UG2002 entsprechen 60 ECTS 1500 Arbeitstunden). Um nun einen ganz konkreten Fall zu benennen: Ich bekomme für mein kleines Entwerfen im Diplomstudienplan an der TU-Wien nur 4 ECTS-Punkte, Studierende im Masterstudiem jedoch 5 ECTS Punkte - obwohl der Output gleich hoch ist...

luchmhor
00
20.3.2010, 16:27

Da solltest du mal den Studienprogrammleiter fragen, warum hier das ECTS System ad absurdum geführt wird.

SiSe
00
20.3.2010, 12:35
Teil 1/2

Ich will den Bolognaprozess auch gar nicht schlechtreden, er hat grundsätzlich gute Absichten. Aber sich hinzustellen und sagen, dass mehr oder weniger alles super ist (so wie ich aus Ihren Postings lese) ist leider auch nicht ganz richtig.
Das größte Problem an der Bolognaumsetzung ist die gleichzeitige Reform der Universitäten mit dem UG 2002. Vieles was dort schief ging bzw. mit dem UG2002 implementiert wurde (z.B. Universitäten als Aktiengesellschaften, Verwirtschaftlichung der Universiäten - siehe dazu auch die div. Papiere des ERT, der OECD, Gats bzw. Trips) wird nun Bologna in die Schuhe geschoben.

luchmhor
00
20.3.2010, 16:25

Sag ich ja, hat wenig bis gar nichts mit Bologna zu tun.

SiSe
01
21.3.2010, 00:15

Man/Frau kann aber die gesamte Veränderung der letzten 20 Jahre aber nicht trennen, es spielen viele kleine bzw. große Faktoren hinein.
Wieso ist auch die Wirtschaft für den Bolognaprozess, sehen Sie mal die div. Actionlines des Bolognaprzesses durch die Augen der Industrie.
Natürlich kann man es auch aus den Augen der Studierenden sehen - und es sieht ganz anders aus.

Wichtig im Bolognaprozess ist, wer die Auslegung der Actionlines definiert - aus meinen Augen derzeit hauptsächlich die Wirtschaft, statt der direkten Beteiligten (alle Uniangehörigen).

Ein weiteres großes Problem ist die Einflussahme der EU (Lissabonstrategie) - siehe dazu z.B. das Paper des VSS: http://bit.ly/bbKok4

luchmhor
00
21.3.2010, 08:59

VSS: Schweizer Studenten sind EU-skeptisch. Überraschung.

Um Bologna zu beurteilen muss man diese Faktoren trennen. Die Beteiligten haben es in der Hand wie Bologna umgesetzt wird, aber viele Professoren leben in ihrem eigenen kleinen Universum und fürchten um Einfluss.

SiSe
00
21.3.2010, 12:23

auch wenn die Schweizer Studenten EU-skeptisch sind, zeigt doch gerade dieses Papier, wie von einzelnen Organisationen versucht wird, massiv Einfluss auf den Bolognaprozess (welcher keine EU-Sache ist) genommen wird.

tda
00
19.3.2010, 23:28

man kann ja sogar "employability" mit auflisten. bachelor und employability? nichtmal das hat in österreich funktioniert...

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