Eine Filmgeschichte auf Nebenwegen

2. März 2010, 14:45
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Das Österreichische Filmmuseum lädt derzeit zu einem Gang durch die deutsche Filmgeschichte: "Deutschland in der Nacht" enthält viele rare Arbeiten aus sieben Jahrzehnten und eine markante Auslassung.

Wien - Ein US-Soldat deutscher Herkunft erlebt anno 1954 sein blaues Wirtschaftswunder: In seinem beschaulichen Heimatort ist nichts mehr beim Alten, die Gemeinde ist durch und durch korrumpiert. Man dient sich den Besatzungssoldaten an, hat aber vor allem den eigenen Vorteil im Auge. "Die goldene Pest" heißt der großartige Film noir von John Brahm, der selbst aus der Emigration zurückgekehrt ein schneidendes Bild seiner Zeitgenossen entwarf - ganz anders als man es sonst mit dem heimatfilmseligen BRD-Nachkriegskino assoziiert.

In der Schau, die im Österreichischen Filmmuseum derzeit eine deutsche Filmgeschichte in 37 Werken erzählt, sind neben solchen Ausnahmefilmen unter anderem auch Alexander Kluge, Werner Schroeter, Werner Herzog und Rainer Werner Fassbinder mit Arbeiten vertreten, die Dokumentaristen Klaus Wildenhahn, Eberhard Fechner, Thomas Heise und viele weitere liebe Bekannte.

Der zeitliche Bogen reicht zurück bis zu frühen Klassikern wie Friedrich Wilhelm Murnaus "Nosferatu, eine Symphonie des Grauens" (1922). Phil Jutzis weniger bekannte Adaption von Alfred Döblins monumentalem "Berlin - Alexanderplatz" (1931) wird gezeigt. Thomas Harlans "Wundkanal" (1984) läuft gewissermaßen als "double bill" mit seinem Making-of "Unser Nazi / Notre Nazi" von Robert Kramer. Eine andere Rarität jüngeren Datums ist "Utopia" (1982) von Sohrab Shahid Saless: eine dreistündige schonungslose Studie von Abhängigkeitsverhältnissen und Machtspielen, angesiedelt in einer Wohnung, in der fünf Frauen für ihren Zuhälter anschaffen müssen.

Wirkliches Leben

Der aus dem Iran stammende Filmemacher, der eine Zeitlang auch in Wien studierte, konnte ab Mitte der 1970er-Jahre in der BRD ein Dutzend (Fernseh-)Filme realisieren (1998 starb er in den USA). "Utopia" sei "der härteste Film, den Saless bisher gemacht hat", schrieb die große Filmkritikerin Lotte Eisner, die das Werk des Regisseurs schätzte, "aber er hat das Recht dazu. Weil der Film das Leben zeigt, wie es in Wirklichkeit ist."

Eine andere Gelegenheit, selten Gezeigtes vorzuführen, bleibt komplett ungenutzt: Ab Mitte der 60er-Jahre ging in der BRD eine ungewöhnliche große Zahl an Filmemacherinnen an die Arbeit, deutsche Realität abzuklopfen, und schlug dabei auch ästhetisch interessante Wege ein. Davon ist in der Schau, die alleine "Wahlkampf 1932", ein eindringliches Zeitdokument der Avantgardefilmerin Ella Bergmann-Michel, und zwei Arbeiten von Danièle Huillet und Jean-Marie Straub (aner-)kennt, rein gar nichts zu sehen.

Für Filme von Helke Sander, Helga Reidemeister, Ula Stöckl, Elfi Mikesch, Monika Funke, Claudia von Alemann oder Ulrike Ottinger, um nur ein paar zu nennen, ist in diesem "Vorschlag einer 'anderen' deutschen Filmgeschichte" ganz einfach kein Platz vorgesehen. Einer der im Programmheft angesprochenen "Risse" in dieser Schau verläuft exakt zwischen Männern und Frauen. (Isabella Reicher / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.3.2010)

 

Bis 8. 4. im Filmmuseum

  • Eskalierende Machtspiele auf engem Raum: Manfred Zapatka in "Utopia"  von Sohrab Shahid Saless.
    foto: multimedia, hamburg / zdf, mainz

    Eskalierende Machtspiele auf engem Raum: Manfred Zapatka in "Utopia" von Sohrab Shahid Saless.

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