Modelle für Vorhersage der Folgen von Seebeben sollen überprüft werden
Honolulu - Unmittelbar auf das Erdbeben vor der chilenischen Küste am 27. Februar mit einer Stärke von 8,8 Mw auf der Momenten-Magnituden-Skala wurde eine Tsunami-Warnung für den Pazifischen Raum ausgegeben. Nur wenige Stunden später wurde wieder Entwarnung gegeben. Warum das Meer im Verhältnis zu Stärke des Bebens so ruhig geblieben ist, bereitet den Wissenschaftern Kopfzerbrechen.
Zwar rissen von den Erdstößen ausgelöste Riesenwellen in Chile selbst zahlreiche
Menschen in den Tod, in anderen Pazifik-Anrainerstaaten verursachte der Tsunami
aber keine größeren Schäden. Für den Geophysiker Gerard Fryer vom
Tsunami-Warnzentrum ist das ein echtes Rätsel: Bei einem Seebeben der Stärke 8,8
vor Chile hätte er fatale Folgen auch für Hawaii erwartet, sagte Fryer.
"Ich hätte gesagt: Das wird übel. Aber es war nicht so. Und wir müssen jetzt
herausfinden, warum es nicht so war."
Eine mögliche Ursache für die Fehlprognose sei, dass das Zentrum des Bebens
näher an der Wasseroberfläche lag als angenommen, erklärte Fryer. Hätte sich der
Erdstoß in größerer Tiefe ereignet, so wäre mehr Wasser verdrängt und damit auch
ein größerer Tsunami ausgelöst worden. Überdies gingen die bisher verwendeten
Modelle davon aus, dass die Geschwindigkeiten der einzelnen Wellen sowie die
Intervalle dazwischen bei jedem Tsunami in etwa gleich seien. Tatsächlich gebe
es aber erhebliche Unterschiede, die für die Zerstörungskraft der Wellen
durchaus bedeutsam seien.
Präzises Modell in der Testphase
Die präziseste Vorhersage für den Verlauf des Tsunami am vergangenen
Wochenende lieferte offenbar ein Modell, das derzeit noch in der Erprobungsphase
ist: "Unsere Prognose war ziemlich zutreffend", sagte der Direktor des
Tsunami-Forschungszentrums in Seattle, Vasily Titov. Weil das in Seattle
verwendete Modell aber noch in der Testphase ist, wurde ausgerechnet diese
Prognose nicht veröffentlicht, sondern lediglich an die übrigen
Tsunami-Warnzentren weiterverbreitet.
Dass überhaupt ein Tsunami-Alarm herausgegeben wurde, sei aber die richtige
Entscheidung gewesen, betont der Geophysiker Fryer. Immerhin wurden in Hawaii
und Neuseeland rund 16 Stunden nach dem Erdbeben in Chile bis zu zwei Meter hohe
Flutwellen registriert. (red/APA/apn)