"Die Fahrgäste haben sich rasch zurecht gefunden"

2. März 2010, 15:16
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Die ÖBB zeigen sich in einer ersten Bilanz mit dem Provisorium in Meidling zufrieden - Bei den Bahnkunden regiert Gelassenheit

Wien - "Es ist viel los, aber es geht", kommentiert eine junge Frau den Fahrgastandrang in der U6. Wie viele andere steigt sie wochentags am Weg in die Arbeit am Bahnhof Wien Meidling in die Straßenbahn um. Immerhin sehe sie dank der neuen Anzeigetafeln im Bahnhofsgeschoß, "ob sich das Laufen, um den 62er zu erwischen, noch auszahlt". Ähnliche Gelassenheit herrscht bei vielen Kunden der ÖBB, für die der Nahverkehrsbahnhof seit 13. Dezember die Funktion des Südbahnhofs übernommen hat. 55.000 statt bisher 45.000 Fahrgäste pro Tag machen den Umsteigeknoten bis zur Inbetriebnahme des neuen Wiener Hauptbahnhofs in drei Jahren zum frequenzstärksten Bahnhof Österreichs.

"Eigentlich kein Problem"

Im Unterschied zum Südbahnhof bleiben den Bahnkunden in Meidling nur wenige Minuten, um die nunmehr in Matzleinsdorf fertig zusammengestellten Züge einzusteigen. "Eigentlich kein Problem", meint eine ältere Dame, die zwei Mal monatlich von Meidling aus mit der Bahn nach Budapest fährt.

"Man hat uns vorausgesagt, dass wir im Chaos versinken werden - das war nicht sehr ermutigend", erinnert sich Herwig Wiltberger, Vorstand der ÖBB-Infrastruktur, an die Befürchtungen. Nach elf Wochen fällt eine erste ÖBB-Bilanz positiv aus: Nach einer "Phase der Eingewöhnung" habe man ein "Niveau der Pünktlichkeit, auf das wir stolz sein können". Die Pünktlichkeit der S-Bahn wird seit Jahresbeginn mit 97,3 Prozent beziffert, im Fernverkehr auf der Südbahn betrug sie durchschnittlich 85 Prozent.

Neuer Warteraum

Rund 63 Millionen Euro wurden in die Aufrüstung des Bahnhofs Meidling, von der Einrichtung zusätzlicher Fahrkartenautomaten und Personenkassen bis zu neuen Monitoren und einem Infopoint, investiert. Auch erste Nachbesserungen hat es bereits gegeben: neben zusätzlichen Luftschleieranlagen, um die Winterkälte in den Griff zu bekommen, ein Warteraum beim Durchgang Kerschensteinergasse.

Zwar macht der Warteraum, der seit einem Monat geöffnet aber noch nicht ganz fertig gestellt ist, am Dienstagvormittag einen eher verlassenen Eindruck. "Im Durchschnitt sitzen aber schon fünf bis zehn Leute drinnen", erklärt ein Security-Mitarbeiter, der am Bahnhof seinen Dienst verrichtet. Dass nicht noch mehr Bahnkunden Zuflucht im Warmen suchen, führt er vor allem darauf zurück, "dass die Fahrgäste eher knapp vor der Abfahrt herkommen, weil sie wissen, dass die Züge nicht lange halten". Wer länger warten müsse, suche gerne ein Lokal in der Meidlinger Hauptstraße auf.

Lob für die Flexibilität der Bahnkunden gibt es von Werner Kovarik, Vorstand der OBB-Personenverkehr. Die Fahrgäste hätten sich schnell auf die neuen Bedingungen eingestellt und "rasch zurecht gefunden". Dass es keine Gastronomie innerhalb des Bahnhofs gebe, liege am Platzproblem. Man könne keinen vollständigen Ersatz für einen Hauptbahnhof bieten, sonst brauche man diesen nicht, betont Kovarik.

Parkplätze werden weiterhin gesucht

Anfangsprobleme hat es laut dem Personenverkehrs-Vorstand mit Autobesitzern gegeben, die ihr Fahrzeug in nicht dafür vorgesehenen Bereich abstellten. Die "Kiss & Ride"-Anlage, die im Bereich der Kerschensteinergasse kurzes Parken erlaubt, um Bahnkunden ein- und aussteigen zu lassen, werde aber gut angenommen, so Kovarik, der seinen Appell erneuerte, mit öffentlichen Verkehrsmitteln anzureisen. "Wir sind noch immer dabei Parkplätze zu suchen, das Thema ist noch nicht abgehakt", lässt zudem Infrastruktur-Vorstand Wiltberger durchblicken. (glicka, derStandard.at, 2. März 2010)

  • "Eigentlich kein Problem", so eine Bahnkundin zum kurzen Aufenthalt der Züge am Bahnhof Wien Meidling.
    foto: derstandard.at/gedlicka

    "Eigentlich kein Problem", so eine Bahnkundin zum kurzen Aufenthalt der Züge am Bahnhof Wien Meidling.

  • "Stolz" sind die ÖBB auf das seit Jahresbeginn erzielte Pünktlichkeitsniveau.
    foto: derstandard.at/gedlicka

    "Stolz" sind die ÖBB auf das seit Jahresbeginn erzielte Pünktlichkeitsniveau.

  • Einen Warteraum gibt es seit Anfang Februar beim Durchgang Kerschensteinergasse.
    foto: derstandard.at/gedlicka

    Einen Warteraum gibt es seit Anfang Februar beim Durchgang Kerschensteinergasse.

  • Weiterhin von den ÖBB gesucht werden Parkplätze rund um den Bahnhof Meidling.
    foto: derstandard.at/gedlicka

    Weiterhin von den ÖBB gesucht werden Parkplätze rund um den Bahnhof Meidling.

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