"Das Rotkäppchen bringt heute keinen Wein mehr zur Großmutter"

2. März 2010, 17:00
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Die Wiener Polizei riegelt die Reichsbrücke ab - Rauschig am Steuer ist in der Bundeshauptstadt kaum jemand, dafür sind viele Autos nicht verkehrssicher

"Wenn ich Pech hab, reißen's ma jetzt das Taferl", sagt Mario und lacht. Das Pickerl seines Opels Corsa ist seit zwei Monaten abgelaufen, der Remus-Auspuff kaputt, ebenso die Bremsen. Eine Anzeige hat er sicher. Plötzlich entfährt es der Mitarbeiterin der Landesfahrzeugprüfstelle: "Ich hab ja noch was vergessen!" Sie leuchtet mit der Taschenlampe in den Motorraum. Mario richtet sich seine schwarze Kappe und sagt halbernst: "Na, haben's net!" Die Batterie liegt frei, ist nicht befestigt, das ist gefährlich. Das Auto wird aus dem Verkehr gezogen, Mario muss auf anderem Weg heimkommen. Er hat keinen Alkohol getrunken.

"Dann wird's warm im Auto"

Montagabend, gegen 21 Uhr in Wien-Donaustadt: Während im Cineplexx-Kino die Spätvorstellung beginnt, ist die Reichsbrücke in warmem Gelb hell erleuchtet, im Kontrast dazu das Blaulicht der Polizei: Planquadrat. In einer Schwerpunkt-Aktion passiert Allerlei: Autos werden auf technische Mängel überprüft, es gibt Alkohol-Kontrollen, Drogen und illegale Einwanderer werden ausgeforscht. Mit dabei ist die Landesfahrzeugprüfstelle der MA 46, sie stellt die Gutachten aus für die Anzeigen. Einsatzleiter Oberstleutnant Johann Fiegl ruft dem jungen Mario zu: "Wenn die Plus-Minus Pole die Karosserie berühren, dann wird's kurz ganz warm im Auto."

Frau H., eine agile Mittvierzigerin wird aus ihrem Smart-Car gebeten und zum Alko-Vortest. Dieser misst den Atemalkohol (in Milligramm Alkohol pro Liter Atemluft). Ein Promille entspricht dabei 0,5 mg/l. Sie ist trocken und frohlockt weil sie heute Geburtstag hat. Jedoch: Ihr Kennzeichen ist verschmutzt und dadurch nicht lesbar. Eigentlich eine Verwaltungsübertretung. Einer der rund 15 Polizeibeamten bei der Schwerpunktkontrolle drückt aber ein Auge zu, sie darf weiterfahren.

Die Frau quälen

Rund 110 Vortestgeräte und 159 Alkomatgeräte, die auch mobil im Streifenwagen mitgeführt werden, sind in Wien im Einsatz. 2009 gab es so wenige positive Tests wie noch nie, nämlich nur jeden 20. Der Test geht schnell, es gibt eine höhere Dichte von Kontrollen.

Ein hagerer graumelierter Mann mit Brille steigt aus seiner Luxuskarosse und richtet sich sein schwarzes Sakko gerade: Er habe nur bei einer Weinverkostung ein paar edle Tropfen genossen. Auch er liefert einen negativen Alkotest. Den Zulassungsschein hat seine Frau, weil es ihr Auto ist. "Wenn's ums Fahren geht, quälen sie das nächste Mal aber ihre Frau", sagt der Polizeibeamte Andreas Nissel. Es bleibt bei einer Ermahnung.

Sechs große Kontrollen im Monat

Drei Spuren werden auf eine verengt, mehrere Polizeiautos blockieren den Weg. In einem Wagen der Zivilstreife sitzt niemand drin, der Motor läuft aber. Falls jemand die Straßensperre durchbricht, kann so Ruck Zuck die Verfolgung aufgenommen werden. Wer vor Ort Strafe zahlen möchte, hat grundsätzlich die Möglichkeit das zu tun. Die Vekehrsabteilung ist im Gegensatz zum Streifenwagen immer mit Aircash unterwegs, einem mobilen Bankomaten. "Ein super Ding, das jede Kreditkarte nimmt, die es gibt. Das Problem: Es funktioniert halt fast nie", sagt Andreas Nissel. "Die Akkubatterie geht schnell ein, oft gibt das Gerät schon beim Zahlungsvorgang den Geist auf."

Im Monat gebe es etwa sechs große Kontrollen in Wien, diese seien aber alle organisiert von der Verkehrsabteilung. "Die Bezirke machen ihre eigenen Planquadrate, es sind also unzählige Kontrollen, fast jede Nacht", sagt Brigadier Karl Wammerl, Leiter der Landesverkehrsabteilung Wien. Die erste Schicht läuft zwischen 21.00 Uhr und Mitternacht, dann geht es ab auf die Wache: Anzeigen schreiben, ein bürokratischer Riesenaufwand. Um zwei Uhr laufen die Kontrollen weiter, bis fünf oder sechs Uhr in der Früh.

Gute Statistiken, schlechte Mechaniker

Benjamin schlottern die Knie, er hat die Hände in den Taschen seines Sweat-Shirts vergraben. Er ist auch nicht alkoholisiert. Sein frisierter 114 PS starker Ford Escort hat nicht zugelassene Sportluftfilter, das Kennzeichen ist nicht beleuchtet und hängt nicht an der Heckklappe, sondern an der Stoßstange. Er bekommt eine Anzeige wegen Umbauten an seinem Auto, die er nicht gemeldet hat. "Hauptsache den Mechanikern is immer olles wurscht", sagt ein Polizist.

Es ist fast 23 Uhr, kein Alkolenker ist der Polizei bisher untergekommen. Die Statistiken lügen nicht: Wien hat mit dem Burgenland die wenigsten Alkoholunfälle in Österreich, im Jahr 2009 gab es nur zwei tote Lenker, wo Alkohol im Spiel war. Die Zahlen halten sich seit Jahren im Wien stabil auf niedrigem Niveau, die Menschen nutzen die Öffis.

Rotkäppchen und die braven Leute

Gibt es trotzdem gute Ausreden? "Drei Viertel der Leute sagen: Es war nur ein Achterl. Dass das Rotkäppchen den Wein zur Großmutter bringt, hört man heutzutage nicht mehr", sagt Brigadier Wammerl. Und fährt fort: "Wie die Alkoholisierung zustande kommt, ist dem Gesetzgeber wurscht. Wir hatten einen Fall von einem Fußbodenleger: Der hat den ganzen Tag den Pattex-Kleber in der Arbeit eingeatmet. In der Nacht war er beeinträchtigt und hat den Führerschein abgegeben."

Das Licht auf der Reichsbrücke wird mit der Zeit langsam schummrig, je länger die Aktion dauert. Die kontrollierten Autos reihen sich ordnungsgemäß auf der dritten Spur schief ein. Die Temperaturen sind mild, es hat vier Grad. Den Polizisten ist warm in ihren Warnwesten, vor wenigen Wochen hatte es noch minus neun Grad. Oberstleutnant Fiegl findet die Leute heute brav: "Letzte Woche ist jemand aus dem Auto ausgestiegen, und schon haben wir auf dem Boden gerauft." (Florian Vetter, derStandard.at, 2.3.2010)

  • Wien ist eine Insel der Seligen, was Alkohol am Steuer betrifft. Ein
zurückliegender Fall: In der Nacht von Faschingsdienstag auf
Aschermittwoch gab es bei Schwerpunktkontrollen einen Alko-Lenker in
sechs Stunden.
    foto: florian vetter

    Wien ist eine Insel der Seligen, was Alkohol am Steuer betrifft. Ein zurückliegender Fall: In der Nacht von Faschingsdienstag auf Aschermittwoch gab es bei Schwerpunktkontrollen einen Alko-Lenker in sechs Stunden.

  • Mario, 21 Jahre alt, macht sich keine Illusionen wegen seiner
Schrottkarre: "Das war abzusehen, Geld für ein neues Auto habe ich aber
nicht."
    foto: florian vetter

    Mario, 21 Jahre alt, macht sich keine Illusionen wegen seiner Schrottkarre: "Das war abzusehen, Geld für ein neues Auto habe ich aber nicht."

  • Frau H. liefert einen lupenreinen negativen Alko-Test ab.
    foto: florian vetter

    Frau H. liefert einen lupenreinen negativen Alko-Test ab.

  • Oberstleutnant Johann Fiegl, Gruppenoffizier der Landesverkehrsabteilung, ist nicht nur ob der Parkordnung auf der Reichsbrücke entzückt: "Die Leute steigen auch alle brav aus und wieder ein."
    foto: florian vetter

    Oberstleutnant Johann Fiegl, Gruppenoffizier der Landesverkehrsabteilung, ist nicht nur ob der Parkordnung auf der Reichsbrücke entzückt: "Die Leute steigen auch alle brav aus und wieder ein."

  • Polizeibeamter Andreas Nissel vor dem Kinopalast Cineplexx auf der Reichsbrücke: Er hat nicht nur den Alko-Vortester immer bei der Hand sondern beanstandet auch auffrisierte Autos.
    foto: florian vetter

    Polizeibeamter Andreas Nissel vor dem Kinopalast Cineplexx auf der Reichsbrücke: Er hat nicht nur den Alko-Vortester immer bei der Hand sondern beanstandet auch auffrisierte Autos.

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