Kopf der Tages

Uruguays neuer Präsident José "Pepe" Mujica

1. März 2010, 19:28
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    foto: reuters/andres stapff

    José "Pepe" Mujica ist seit Montag Präsident von Uruguay.

Gemütlicher Sozialist für alle Fälle

Die Garde der volkstümlichen linken Präsidenten Südamerikas ist um ein schillerndes Exemplar reicher: Seit Montag amtiert in Uruguay der frühere Blumenzüchter, Stadtguerillero und Landwirtschaftsminister José Mujica.

Auf den ersten Blick wirkt der 74-Jährige, den seine Anhänger nur "Pepe" nennen, mit seinem Schnurrbart und wehendem Haarschopf wie ein gemütlicher Großvater. Doch in Debatten zeigt sich der Autodidakt und Krawattenverächter als wortgewandter Intellektueller mit Witz, der alle Register der Volkssprache ziehen kann.

In den frühen 1960er-Jahren gehörte Mujica zum Gründungszirkel der Tupamaro-Rebellen. Einmal wurde er angeschossen, viermal verhaftet, zweimal gelang ihm die Flucht aus einem Hochsicherheitsgefängnis. Das Militärregime von 1973 bis 1985 erlebte er komplett hinter Gittern, inklusive Folter und langer Isolationshaft.

Mujica steht zu seiner Vergangenheit: "Am meisten bereue ich, dass wir es nicht geschafft haben, die Diktatur mit Fußtritten zu beenden", bekannte er vor seinem Wahlsieg als Kandidat des Linksbündnisses im November 2009. Bei den Tupamaros lernte er auch die neun Jahre jüngere Lucía Topolansky kennen. Nach Ende der Diktatur kamen beide frei. Mujica wurde zunächst Abgeordneter, dann Senator und 2005 Landwirtschaftsminister. Als Senatspräsidentin nahm ihm seine Frau jetzt den Amtseid ab.

Beide wollen weiterhin in ihrem kleinen Häuschen am Rande Montevideos wohnen. Vier Fünftel seines Gehalts wird der neue Staatschef für soziale Zwecke abtreten. Er versteht sich als "libertärer Sozialist", der viel für selbstverwaltete Fabriken übrighat, aber wenig für Staatsdirigismus. Neulich trat er im Seebad Punta del Este vor 1700 Unternehmern aus aller Welt auf und versprach ihnen solide Investitionsbedingungen. Als "größte Verpflichtung" sieht Mujica die Aufgabe, die Kluft zwischen Arm und Reich in Uruguay zu verringern.

Viel mehr als sein Vorgänger Tabaré Vázquez ist Mujica ein engagierter Verfechter der lateinamerikanischen Integration. "Wenn wir uns nicht zusammenschließen, sind wir in der Welt, die auf uns zukommt, zu einer neokolonialen Rolle verdammt", warnt er. Als Erstes will er die arg strapazierten Beziehungen zu Argentinien einrenken. Seine Strategie: "Wir haben viel Geduld. Wir setzen uns an die Brücke und trinken Mate-Tee". (Gerhard Dilger/DER STANDARD, Printausgabe, 2.3.2010)

anakabasa
 
00
12.4.2010, 20:27
vivir la utopia!

...endlich mal ein ernstzunehmender libertärer impuls!
und wer einbisschen zeit hat sollte sich einmal diese arte-doku über den libertären sozialismus in spanien reinziehen.
http://www.youtube.com/watch?v=J7y0T3P-AZU

Kunigunde IV
03
"Gemütlicher Sozialist"

aber nur solange, solanger er keine Reformen anpackt, die der Oberschicht oder den Konzernen weh tun.

Dann werden unsere Medien sofort den Teufel in ihm erkennen und ihn uns ausmalen.

Olivre
03

ein weiterer wichtiger schritt in richtung eines starken lateinamerikas.
allerdings muss ich mich dem vorredner anschließen. bin auch schon auf die negativen berichte über ihn gespannt. wär doch ein weiterer kandidat für die "achse des bösen"...

Thomas Arnoldner
 
03
El Pueblo Unido!

Alles Klar, "Libertärer Sozialist" wird natürlich wieder mal unter Anführungszeichen geschrieben, die sind ja so gaanz besonders pöööhhse!!!

Überhaupt freue ich mich schon in Zulunft auf die "Objektive" Berichterstattung der "Qualitätsmedien" und "Menschenrechtsorganisationen"
aus Urugay.

Michail Bakunin
02

Ich glaube, das liegt einfach daran, dass in unseren Breitengraden mit dem Begriff "libertärer Sozialist" (fast) niemand etwas anfangen bzw. das ideengeschichtlich einordnen kann. Die Geschichte der libertär-sozialistischen ArbeiterInnenbewegung ist defacto aus dem Gedächtnis der Gesellschaft und der Linken verschwunden - letztere hat sich einfach vielzulange am Staatssozialismus russischer Prägung orientiert. Dabei gäbe es einen reichen Schatz an Utopien für das 21. Jahrhundert zu entdecken...

Auf www.anarchismus.at finden sich Klassiker des libertären Sozialismus, von denen vor allem Rudolf Rocker´s Schriften den Unterschied zu autoritär-sozialistischem Staatsdirigismus deutlich machen. Auch Orwells politische Texte sind hier lesenswert.

Manuel Eder, hinter mir die Sinnflut
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Das ist mal ein echter Linker. Nicht so wie der grausliche Hugo.

santamonica
03
eine beeindruckende person, hoffentlich bleibt er so radikal ehrlich

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