Die längste Baustelle der Welt

1. März 2010, 18:16
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Die Vorbereitungen für die Olympischen Spiele in Sotschi laufen auf Hochtouren

Sotschi - Meistens sind es Kleinigkeiten, die sich dann zu einem gröberen Problem auswachsen. "Kirill, ist die Scheibenwischanlage schon repariert?", fragt Daniel Gritsch daher, bevor er in den Lada Niva steigt. Auf den nächsten zehn Kilometern ist es wichtig, den Durchblick zu behalten. Auf einer von tiefen Spurrillen zerfurchten Schlammpiste geht es in steilen Serpentinen von rund 600 Metern Seehöhe hinauf auf 1500 Meter ins Skigebiet Rosa Chutor.

In vier Jahren sollen hier die alpinen Skirennen der Olympischen Spiele stattfinden. Die Rahmenbedingungen für den Bau der Anlagen sind alles andere als einfach. Der kaukasische Boden ist sehr weich und humusreich. "Hier ist gestern ein Bagger den Hang hinuntergerutscht, weil der Boden nachgegeben hat , erzählt Gritsch, der für das Seilbahnunternehmen Doppelmayr die Lifte montiert.

Der Berg wird momentan durchlöchert wie ein Schweizer Käse. Mithilfe von Tiefenbohrungen sollen die Fundamente fixiert werden. Zur Absicherung der föderalen Straße, die bis zum Ziel führen soll, müssen zunächst mehrere Meter hohe Beton-Schutzwände gebaut werden.

Ein Glück für Horst Wiener, den Geschäftsführer der Asamer-Tochter Austromobil. Der oberösterreichische Baustoffhersteller liefert den Beton für die Wände. Das Geschäft mit Baumaterialien läuft gut. So gut, dass Asamer in vier bis fünf Wochen ein zweites Betonwerk im Raum Sotschi in Betrieb nimmt. Insgesamt können dann 200.000 bis 300.000 Kubikmeter Beton produziert werden. Die Mitarbeiterzahl wird von 60 auf knapp 100 aufgestockt.

"Die 45 Kilometer vom Flughafen Adler bis zum Skigebiet Krasnaja Poljana sind eine einzige große Baustelle" , sagt Wiener. Die Unternehmen, die in Sotschi tätig sind, befänden sich auf einer "Insel der Seligen" . Im Gegensatz zum restlichen Russland hat die Wirtschaftskrise zu keinem Zusammenbruch der Bautätigkeit geführt.

"Auf uns hat sich die Krise überhaupt nicht ausgewirkt" , bestätigt Sergej Wolkow, Geschäftsführer von Rosengineering Exploitation, dem Betreiber des Skigebietes Gasprom. Alleine heuer sollen drei neue Lifte gebaut werde.

Die Austragung der Olympischen Winterspiele im Badeort Sotschi ist das Lieblingsprojekt von PremierministerWladimir Putin, der den Baufortschritt regelmäßig persönlich kontrolliert. Nach dem Motto "Geld spielt keine Rolle" soll das einst verschlafene Bergdorf Krasnaja Poljana in ein modernes, internationales Skiresort umgebaut werden. Laut Wedomosti sind die Kosten der Spiele bereits auf über eine Billion Rubel (rund 22,5Milliarden Euro) explodiert. 2007 wurden die Ausgaben mit 315 Milliarden Rubel, damals rund neun Milliarden Euro, angesetzt.

Der österreichische Handelsdelegierte in Russland, Dietmar Fellner, schätzt, dass bisher 15 bis 20 österreichische Firmen im Zusammenhang mit Sotschi 2014 Aufträge erhalten haben. Der Gipfel der Bautätigkeit steht jedoch noch bevor. "Jetzt, wo Vancouver vorbei ist, wird sich alles nur noch um Sotschi drehen" , sagt Fellner. Bei den Vorbereitungen dürfe keine Minute mehr verloren werden.

Gute Chancen aufAufträge haben die Baufirmen Alpine und Strabag. Alpine hat mit der russischen Eisenbahn ein Joint Venture gegründet und wird zwei Tunnel bauen. Transstroj, ein Unternehmen von Strabag-Partner Oleg Deripaska, hat schon fünf Ausschreibungen gewonnen. Strabag hofft auf Aufträge in Höhe von 500 Millionen Euro.

Weltmarktführer Doppelmayr hat in Krasnaja Poljana bereits sechs Anlagen in Betrieb genommen. 14 weitere Lifte befinden sich im Bau. Zutrittsmanagement-Spezialist Skidata, der schon in zwei Skigebieten in Sotschi vertreten ist, hofft auf Folgeaufträge. "Dabei steht nicht ausschließlich das Großereignis im Mittelpunkt. Auch die Nutzung nach dem Event bietet hohes Potenzial", sagt Philipp Heindl, Skidata-Manager in Russland. (Verena Diethelm aus Sotschi, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 02.03.2010)

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    Premierminister Wladimir Putin und Präsident Dmitri Medwedew wärmen sich nach dem Skifahren in den kaukasischen Bergen in einer Schirmbar aus österreichischer Produktion.

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