Sotschi 2014 bangt um NHL-Stars - Wiedersehen von Crosby und Miller
Was am Sonntag um fünf vor drei pazifischer Zeit passierte, übertraf alles, was der Sport jemals in Kanada geliefert hatte. Als Sidney Crosby im Canada Hockey Place nach 7:40 Minuten der Overtime den glänzenden US-Goalie Ryan Miller bezwang, war eine Nation völlig aus dem Häuschen. Schon hatten sich die Kanadier auch über den vorzeitig fixierten Sieg im Medaillenspiegel gefreut, aber das war quasi der Wind eines Lercherls im Vergleich zu dem, was in dem Moment zwischen Pazifik und Atlantik abging, als Eishockey-Gold daheim war, als Millionen einen kollektiven Freudenbrüller losließen.
"Es war einfach nur laut. Die Freude über den Sieg mit den Mitspielern, mit ganz Kanada zu teilen, ist fantastisch. Dieses Tor befreit ein ganzes Land" , sagte Superstar Crosby, der für den amtierenden Stanley-Cup-Sieger Pittsburgh Penguins arbeitet, in Pennsylvania neun Millionen Dollar pro Jahr lukriert.
"The Next One" , sagen sie zu dem 22-Jährigen aus Nova Scotia in Anlehnung an "The Great One" , Wayne Gretzky. "Ich kann mir gut vorstellen, wie es in Kanadas Straßen zugeht. 2002 war ich ja selbst auf der Straße." Um jenes Gold zu feiern, welches Kanada bei den Spielen in Salt Lake City durch einen 5:2-Finalsieg gegen die USA gewann. Aber der Heimsieg ist von unermesslichem Wert in einem Land, in dem Eishockey ein bisschen mehr ist als Sport, nämlich ein wesentlicher Teil der Kulturgeschichte. "Es ist unser Spiel" , pflegen sie zu sagen.
Mit der achten Eishockey-Goldenen überholte Kanada die Sowjetunion (7) im ewigen Medaillenspiegel. Russland, gegen die Gastgeber im Viertelfinale untergegangen, brachte es auf einen Olympiasieg. Coach Mike Babcock: "Ein unbeschreibliches Gefühl, Vancouver und das ganze Land hinter sich zu wissen." Die TV-Einschaltquote war so hoch wie nie zuvor, und die Polizei ließ in Vancouver die Liquor Stores schon während des Spiels schließen, um allzu großer Fröhlichkeit entgegenzuwirken. So nebenbei fixierte Kanada mit 14 Goldmedaillen in Vancouver einen Olympiarekord.
Übrigens sind nur nur zwei kanadische Spieler, Goalie Roberto Luongo (Vancouver) und Stürmer Jarome Iginla (Calgary) in Kanada beschäftigt, der jüngste Stanleycupsieg eines kanadischen Klubs gelang 1993 (Montréal).
"Das war grausam" , sagte US-Goalie Ryan Miller, zum wertvollsten Spieler des Turniers gewählt, zum aus der Sicht der Seinen denkbar unglücklichen Spiel. Miller, der in Vancouver 94,56 Prozent aller Schüsse abwehrte, nur acht Tore kassierte, davon sechs gegen Kanada, ist ein Arbeitskollege des Österreichers Thomas Vanek bei den Buffalo Sabres. Bereits am Montag hatte die National Hockey League ihren Betrieb wieder aufgenommen. Und heute, Dienstag, treffen Crosby und Miller einander schon wieder, die Sabres besuchen nämlich die Penguins.
Die Einschaltquoten beim olympischen Turnier - nicht nur im Finale, auch beim 5:3 der USA gegen Kanada in der Vorrunde - waren in beiden Ländern deutlich höher als bei Stanley-Cup-Finalserien. Ob es bei den Spielen 2014 in Sotschi wieder zum Gipfeltreffen der NHL-Stars kommt, wird in den nächsten Jahren zu klären sein. Naturgemäß wünscht sich IOC-Präsident Jacques Rogge, der bei der Schlussfeier in der Nacht auf Montag die Spiele für beendet erklärte, sich bei Kanada bedankte und die olympische Fahne an Sotschis Bürgermeister Anatoli Pachomow übergab, die besten Spieler bei Olympia. Die NHL beklagt Verluste durch die Betriebssperre in der an sich einnahmestärksten Zeit, fordert eine Beteiligung am olympischen Gewinn. Dies wird von den Olympiern allerdings ausgeschlossen. (Benno Zelsacher aus Vancouver, DER STANDARD, Printausgabe, Dienstag, 2. März 2010)