Wiener Staatsoper

Opernmarathon der Demütigungen

1. März 2010, 16:51
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    foto: apa

    Grandioses Zentrum eines sehr guten neuen Werkes: Marlis Petersen (als Medea) in Aribert Reimanns neuer Oper.

Die Uraufführung von Aribert Reimanns Oper "Medea" wurde ein voller Erfolg: Ein intensives Werk und eine profunde musikalisch-szenische Umsetzung

Wien - Es ist nicht unbedingt so, dass der momentan pompös aus seinem Amt scheidende Ioan Holender jenes dickliche Buch, das er dreihundertfach Opernballbesuchern schenken ließ (um ihnen bilderreich von den Opernabenden seiner Ära zu erzählen), einstampfen und gänzlich neu auflegen muss. Es reicht, wenn nur die noch in den Handel zu bringenden anderen 300 Exemplare mit schönen Fotos dieser Medea-Uraufführung erscheinen.

Zweifellos aber ist diese Medea der bisher gelungenste Programmpunkt jener zurzeit (singend und sprechend) absolvierten Abschiedsorgie, die Holender der Öffentlichkeit zum Finale seiner Amtszeit angedeihen lässt. Und dies keinesfalls nur deshalb, weil das Erteilen eines Opernauftrags - im Gegensatz zum direktorialen Opernballgesang - zur Kernkompetenz eines Opernchefs gehört.

Vielmehr: Aribert Reimann ist ein kompaktes, schillerndes Werk gelungen, das unzweifelhaft Spuren jahrzehntelanger Musiktheatererfahrung in sich birgt. Daneben aber auch eine gehörige Portion Musikfeuer entfacht, das man manch reifem Spätwerk nicht unbedingt andichten möchte.

Vom ersten (Perkussives mit Bläsern mischenden) Takt an herrscht im Orchestergraben eine aufgeladene Atmosphäre mit zum zerreißen gespannten instrumentalen Nerven. Reimann hat zwar ungemein komplexe rhythmische und metrische Verschachtelungen ersonnen. Aus den strukturellen Fäden, Knäueln und Überlagerungen entsteht jedoch unmittelbar Wirksames. Also klangsinnliche orchestrale Psychogramme angstgebeutelter Figuren, deren innere Befindlichkeit sich als vielschichtiger philharmonischer Klang (großartig betreut von Michael Boder) materialisiert. Zuweilen wälzt sich die Musik gnadenlos wie Lava dahin. Andernorts wird sie durch schmerzvolle Streicher oder massige Bläsereinwürfe und archaische, rhythmische Ausuferungen dominiert. Immer steht sie jedoch elegant in psychologisch charakterisierender Beziehung zu den Figuren.

Etwas Zweisamkeit

Im Zentrum natürlich Medea: Reimann schenkt ihr zwar Momente des Friedvollen, wenn sie in Erinnerungen schwelgt. Und auch in den seltenen Augenblicken, da sich noch einmal so etwas wie Intimität zwischen ihr und ihrem sich langsam abwendenden Gatten Jason einstellt, hört man aus dem Orchestergraben flehende, adagiohafte Linien der Zuneigung. Und schließlich das Ende: Nach Medeas Feuerrache, die Jasons Gattin in spe, Kreusa, dahingerafft hat, und nachdem auch Medeas Kinder nicht mehr am Leben sind, herrscht in der finalen Szene nur noch resignative Klarheit der Klänge.

Bis dahin hört man indes auch aus dem instrumentalen Dickicht jede Zurückweisung, jede Demütigung, überhaupt jeden seelischen Schlag heraus, den Medea zu ertragen hat - als Musik von höchster Angespanntheit. Reimann hat dabei in Regisseur Marco Arturo Marelli einen sanft bebildernden Partner, der hier eine harte Gerölllandschaft entwirft, die schließlich frappante szenische und auch musikalische Verdichtungen produziert. Während nämlich der Raum für Medea immer enger wird, geht der hintere Teil der schrägen Geröllbühne langsam hoch. Und während Medea singt, rollen Steine plötzlich bedrohlich auf sie zu und verschmelzen auch akustisch mit der Musik zu einem klaustrophobischen Soundambiente. So wie Marelli die Sphäre der um Asyl ringenden Flüchtenden (Medea und Jason) durch die klare Trennung der Steinlandschaft von dem über ihr schwebenden Penthouse markiert (in dem Kreon und Kreusa logieren), so klar hat auch Reimann mit vokalen Mitteln charakterliche Unterschiede markiert.

Zwar sind jedem und jeder - nicht nur Medea (wobei für sie der schwerste Part reserviert ist) - zahllose Koloraturen auf den Leib geschrieben worden. Allein, wüsste man nicht, wer wer ist auf der Bühne, man würde dennoch die glissandoseligen Linien der unbeschwert-verspielten Kreusa (glänzend Michaela Seliger) zuordnen. Und unschwer würde man jenes mitunter in Stottergesang mündende Parlando dem König Kreon (profund Michael Roider) attestieren.

Wie auch zweifelsfrei die bisweilen eitel sich aufschwingenden Gesänge vor allem zu Jason (souveräne vokale und szenische Gestaltung durch Adrian Eröd) passen, der opportunistisch die Seite wechselt und an seiner Integration in die eine hohe Stellung versprechende Gesellschaft anbahnt.

Figur ohne Ruhe

Am klarsten jedoch ließen sich die exaltiertesten Gesänge des Werkes zuordnen. Medea (souverän an ihrer Seite Elisabeth Kulman als Gora) wird von Reimann koloraturmäßig grandios belebt, die Linien sind heikel und geben der Figur kaum Ruhe, wodurch Reimanns Ideen auch szenische Kraft erlangen, indem sie die Figur auch gestisch prägen. Die Regie muss nur noch wenig zuarbeiten. Marlis Petersen hingegen hat eine konditionelle, vokale und gestalterische Leistung auf phänomenalem Niveau zu leisten.

Und bei ihrem Marathon der Demütigungen stimmt alles: Das Versonnene, das Exaltierte - alles kommt mit vokaler Sicherheit, Flexibilität und Eindringlichkeit über die Rampe und mündet schließlich in illusionsloser Akzeptanz der womöglich nahenden Strafe in Delphi. Grandios.

Medea/Holender ist also eine höchst erfolgreiche Liaison geworden. Sie möge nun zu einer Medea/Meyer-Beziehung werden. Der kommende Direktor sollte dies Werk ins Repertoire überführen. Anscheinend ist es leichter, dem über die Jahre kaum zur Offenheit ermunterten Staatsopernpublikum ein neues Werk zu servieren (schöner Applaus, nur ein lächerliches Buh), als eine anspruchsvolle Regieversion eines sattsam bekannten Werkes.

Aber das ist eine ganz andere Holender-Geschichte. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD/Printausgabe, 02.03.2010)

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22 Postings
Giuseppe Verdi1
01
wenn schon eine medea oper dann cherubini

p-hammer was spricht gegen 50 Jahre live Erfahrung, sie waren halt nicht dabei, in Wien sprechen jene die dabei waren noch vom Gastspiel der Toti dal Monte und der Sacala Lucia wenn Sie wissen wovon ich schreibe!

Kontrahent1
00
Über so einen Zeitraum

erlebt man dann halt gelegentlich die von Robert Waloch dann und wann zitierte 'Referenz-Aufführung'.

Anja rewa
32

Hab am Sonntag die Uraufführung gesehen und kann dieses ganze Lob nicht verstehen.
Im ertsen Teil passte Instrumentalisierung mit dem Gesang nicht ganz zusammen.
Außerdem beginnt mich die klassische zeitgenössische Musik zu langweilen, die Architektur übrigends auch, wenn wir schon dabei sind.

Timagoras
 
00
"Außerdem beginnt mich die klassische zeitgenössische Musik zu langweilen"


grundsätzlich kann ich diese aussage verstehen, wenn auch nicht ganz teilen,
aber im gegenständlichen fall kann von langeweile keine rede sein.
im gegensatz zu mancher mozart- oder verdi-oper habe ich mich keine sekunde lang gelangweilt, was sowohl an der musik, als an der dramaturgie und der regie liegt.
mir hat's rundum gefallen :o)

Isogseich Eini
00

Bei allem Respekt: dass die zeitgenössische Musik und Architektur sie in Bausch und Bogen langweilen, sagt nichts über das Objekt Ihrer Langeweile aus, schon eher über das Ausmaß Ihrer Begeisterungsfähigkeit.

Kontrahent1
00
Jetzt würde mich nur interessieren,

wer von den postern hier im Forum (vom Rezensenten spreche ich garnicht) schon einmal die Cherubini-Medea live gesehen hat (womöglich mit Callas) und eine Wertung wagt.

nestor
00

vergisst man denn ganz die sehr eindrückliche Inszenierung der Cherubini Medea vom grandiosen Tambosi im Steinhof, mit Eva Steinsky als Medea und dem damals noch als Bass singenden Roman Sadnik ( nun Helden Tenor an La Scala, Volksoper usw.), was durch den Kindermord auf der Waschmaschine, einen kleinen Skandal in Wien auslöste.....???? das waren noch Opernzeiten......

Robert Waloch
12
NUN DENN!

Dann möchte ich - bleiben wir doch in Wien! - auf die MEDEA in der Staatsoper verweisen, wo einst die Rysanek triumphierte (und rings um sich ein tolles Ensemble hatte, bis hin zur Gruberova als 1. Magd).
Die MEDEE jünst erst im Th.a.d.W. hatte zwar eine interessante Protagonistin, der "Rest" rings um sie war aber eher flau...
Die Reimann-MEDEA ist szenisch packendes Musik-Theater (Dank an Marelli bis hin zum Geröll). M. M. erstaunlich bleibt nur das Faktum, dass die helle Griechen-Welt und das dunkle Kolchis mit den gleichen musikalischen Ausdrucksmitteln gezeichnet werden.
Für mich die größte Überraschung war die unerhörte Attitüde des Herolds (Cencic) - das war musikalische Erregung pur.

Kontrahent1
01
Man dankt

und freut sich !

p-hammer
02
Ich meld mich mal (mit Einschränkung)

Ja, habe ich.
Allerdings nicht mit der Callas - dafür bin ich deutlich zu jung; und ich erlaube mir die Behauptung, dass eine Erinnerung über rund 50 Jahre wohl auch bei Zeitzeugen nicht wirklich brauchbar wäre. Das natürlich bezogen auf "live" - die Aufnahme hab ich schon.

Gesehen habe ich sie vor geraumer Zeit im Theater an der Wien (in der frz. Fassung). Vergleichbar sind die beiden Opern nur insoweit, als beide "divenzentriert" gestaltet sind - also die Titelrolle die gesamte Oper dominiert. Schon bei der Stimmdefinition ist der Unterschied für einen Vergleich wohl zu hoch - von der Musiksprache ganz zu schweigen.

Wertung: Das ist die "Medea" für Elektra/Wozzeck-Fans und Belcanto-Verächter.
Sonst: Geschmackssache.

Kontrahent1
00
Danke,-

übrigens, ich habe live-Aufnahmen aus der Scala mit Callas. Einmal aus der 'dicken' Zeit mit fulminanter Gesangsleistung (unter Schippers) dann aus der 'dünnen' Zeit (unter Bernstein) mit grandiosem Ausdruck. Jedenfalls Ihre Meinung zusammen mit der von Robert Waloch haben mich veranlasst, doch zu gehen. Das hat weit mehr Substanz als die o.a. Rezension.

Robert Waloch
01
JA, BITTE

Besuchen Sie die Aufführung! Es ist der szenische Gesamteindruck, der für die Werkwahl spricht. Die Musik allein würde nicht reichen, da hörten Sie und ich schon besser argumentierte Intervallsprünge (etwa in der "Frau ohne Schatten"). Wenn sich der Vorhang öffnet, könnte auch "Elektra" gespielt werden. Das Gespräch Medeas mit Gora bleibt vom Wort her unverständlich; mit dem Auftritt Jasons ändert sich das dann! Und je näher es zum Finale kommt, desto dichter wird das Geschehen: Marelli hat Reimann da die perfekte Bühnenlösung geboten!

baumfreund
02
war ein spannender abend

regie, sänger/innen, orchester großartig, im repertoir wird sich dieses werk wahrscheinlich (ohne diese besetzung) nicht halten können.

mane orlando santiago de aranjuez
01
ganz Ihrer Meinung ...

... ich denke sogar, die dargebotene hohe Gesangskunst und diese feinfühlige, überwältigende Marelli-Inszenierung überdecken eine auf zu monotonen Spannungsbögen aufbauenden Komposition

lilian
00
ad herrschaften oberhalb: zwei meinungen, die ähnlich jener sind, die

man schon bei der generalprobe vernehmen musste/durfte: im repertoire wird diese oper untergehen.
schade.

IchbinIch5
12

Das ist halt immer auch ein bisschen herbeigeredet. In Wien bringt man viel zu selten zeitgenössischen Opern, also kennt der Großteil des Publikums diese Musik nicht, also traut sich erst recht niemand, den ersten Schritt zu machen. Aber wenn einmal eine zeitgenössische Oper gespielt wird heißt es: Na einmal ist in Ordnung, aber öfter? Das hält sich doch nicht. Man redet also den Nicht-Erfolg herbei, damit man sich wiederum nicht öfter mit zeitgenössischer Musik beschäftigen muss und so weiter. Da beißt sich der Hund Opernwelt selbst in den Schwanz ...

lilian
00
sie meinen also nicht, dass ein opernereignisse

auch von den jeweiligen erste klasse sängern abhängt? im repertoire sind eben meist nicht dieselben sänger, wenngleich dieselbe oper - aber DAS macht eben einen unterschied. da muss man nichts herbeireden. mir wäre es nur allzu recht wenn ich unrecht hätte ;-)

p-hammer
08
Max Cencic übersehen/überhört?!

Nichts für ungut - aber wie schafft man es, bei einer derart langen Rezension mit keinem Wort, den ersten Auftritt des Countertenors Max Cencic nicht einmal andeutungsweise zu erwähnen.

Um das nachzuholen:
Cencic hatte als Herold (der im Übrigen fast soviel Netto-Singzeit hat wie Kreusa und Gora zusammen) einen großen und einprägsamen Auftritt. Bemerkenswert war vor allem die stimmliche Durchschlagskraft, bei dieser Stimmlage in großen Häusern immer ein Risikofaktor. Insgesamt ein bemerkenswertes Debut an der Staatsoper; im Theater an der Wien war er (konzertant) ja bereits mehrfach zu hören.


Maria Gugging
01

Ein international sehr erfolgreicher österreichischer Counter-Tenor vom Standard völlig ignoriert: das ist halt wieder mal typisch Ljubiša Tošic.

Ich freu mich jedenfalls schon auf Samstag, wenn ich mir Medea ansehen kann. Zumindest im Radio konnte ich die Premiere ja mitverfolgen und fürs Archiv aufzeichnen :))

Léonor de Guzman
10
hauptsache

der Kritiker macht wieder mal Werbung für das Holender-Geschreibse!

Léonor de Guzman
03
die Durchschlagskraft

von Cencic hat mich auch sehr positiv überrascht. Alle Achtung!

eine kleine dezime
00

koloraturmäßig!

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