Gesucht: Erlebte Migration

1. März 2010, 16:05
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Die Sammlung Frauennachlässe auf der Uni Wien archiviert Selbstzeugnisse von Frauen. Aufzeichnungen von Migrantinnen existieren kaum

Die Tasse mit dem grünen Tee wird vorsichtig beiseitegeschoben, um bloß nicht auf eines der Hefte zu kleckern. Auf dem mit leicht vergilbtem Papier gebundenen Schulheft ist das Wort "Diarius" zu lesen. Es ist ungefähr 60 Jahre her, dass hier ein Mädchen ihren Alltag mit Zeichnungen festhielt. Bäume, Häuser und Berge - Eindrücke aus Südtirol. Beim Aufschlagen des nächsten Tagebuchs ereilt einen ein beklemmendes Gefühl. Der Eintrag aus dem Frühjahr 1939 beginnt mit den Worten "Es war eine grauenvolle Nacht...", und erzählt von den zunehmend eingeschränkten Lebensverhältnissen der Verfasserin.

Über die Bedeutung von Selbstzeugnissen

Selbstzeugnisse sind es, die Geschichtsdarstellung aus einer sehr lebensnahen Perspektive erlauben. Meist werden sie in schriftlicher Form abgelegt und finden im günstigsten Fall in einem Archiv ihren Fortbestand. Ein Besuch in der Sammlung Frauennachlässe am Institut für Geschichte der Universität Wien macht die Notwendigkeit der Archivierung solcher, auch als "Ego-Dokumente" bekannter, Nachlässe bewusst.

Aufruf an Migrantinnen 

Aktuell umfasst der Bestand Nachlässe von 231 Personen, mit einem Migrantinnen-Anteil von zehn Prozent. Im Rahmen des Sammelschwerpunkts zum Thema "Migration" soll der Bestand erweitert werden. Dies ist aus zwei Gründen wichtig: Einerseits aus der Forschungsperspektive, da Selbstzeugnisse signifikante Hinweise auf die Sprache, den Wandel in der Sprache und die Identität liefern. In diesem Kontext ist es beispielsweise für die Forschungsanalyse relevant zu wissen, wie lange ein Briefwechsel der Migrantinnen mit dem Herkunftsland bestand. Das zweite Anliegen ist ein politisches. Wien gilt als multikultureller Schmelztiegel. Der Bestand und die Archivierung multilingualer Dokumente sind maßgebend für die Analyse der politischen und geschichtlichen Entwicklung der Stadt. In diesem Bereich sei die dokumentierte Forschung noch unterrepräsentiert, erklärt Univ. Prof. Dr. Edith Saurer, Leiterin der Sammlung Frauennachlässe: "Es ist an der Zeit, diese Dokumente zu sammeln, sonst sind sie irgendwann weg."

"Erlebte Migration" 

Der Aufruf zielt insbesondere auf eine Erweiterung von Selbstzeugnissen aus dem 20. und beginnenden 21. Jahrhundert ab. Zwar sind MigrantInnen-Dokumente aus vergangenen Epochen verfügbar, nicht aber aus der jüngsten Vergangenheit. Dabei ist die "erlebte Migration", also migrationsbezogene Aufzeichnungen, für die Forscherinnen von großem Interesse. Material aus der Zeit der Gastarbeiter-Migration beginnend in den 1960-ern ist genauso begehrt wie Aufzeichnungen darüber, wie afrikanische Flüchtlinge ihre Ankunft in Europa aus der vergangenen Dekade erlebten. Für jene, die dem Aufruf der Sammlung Frauennachlässe folgen möchten, hier ein Tipp: Großartige Fundgruben sind erfahrungsgemäß Dachböden.

In ihrer Form ist die Sammlung Frauennachlässe europaweit einzigartig. Das 1991 gegründete Archiv dokumentiert und analysiert private Schriftstücke und Fotografien von Frauen, deren Verwandten und FreundInnen für die Nachwelt und zur wissenschaftlichen Nutzung. Der Bestand erstreckt sich von Tagebüchern über Korrespondenzen bis hin zu Schulheften, literarischen Texten und Fotografien. Darunter befinden sich auch Nachlassaufzeichnungen von Frauen, die aus Italien, Deutschland, der verschiedenen Ländern der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie, aber auch nach Polen, Saudi-Arabien, Argentinien oder Australien migriert sind.

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Sammlung Frauennachlässe

  • Eine Reise nach Ägypten, 1909.
    foto: frauennachlässe, uni wien

    Eine Reise nach Ägypten, 1909.

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