"Dieses Modell ist absolut frauenfeindlich"

3. März 2010, 06:54
269 Postings

Dagmar Hackl, Rektorin der Pädagogischen Hochschule Wien, kritisiert das neue Turnus-Lehrer-Modell

Bis Jahresende will Wissenschaftsministerin Beatrix Karl ein Konzept zur "Lehrerbildung NEU" erarbeitet und verhandelt wissen. Die Rektorin der Pädagogischen Hochschule, Dagmar Hackl, sieht im Gespräch mit derStandard.at die bislang bekannten Veränderungsvorschläge kritisch. Vor allem die Schaffung eines berufsbegleitenden Masters – dem "Turnus-Lehrer" - lehnt sie ab. Dadurch würden Lehrer mit Bachelor nicht als vollwertige Lehrer angesehen und vor allem Frauen einer zusätzlichen Belastung aus Familien, Arbeit und Studium ausgesetzt. Die Fragen stellte Sebastian Pumberger.

derStandard.at: Was bleibt bei der derzeitigen Ausbildung auf der Strecke?

Hackl: Wir können uns zu wenig damit beschäftigen, angehende Lehrer in ihrer Persönlichkeit vorzubereiten. Die Frage, was muss jemand können, der in fünf oder 20 Jahren Lehrer ist, können wir nicht behandeln. Auch das Thema Migration kommt beispielsweise in Wien zu kurz. Sie können interkulturelles Denken nicht lernen, das ist eine Haltungsänderung im Zugang auf Menschen. Dazu braucht man Zeit. Aber alles was ich in diesem Bereich mache, muss ich in einem anderen Bereich weglassen. Wenn wir heute einen Lehrer ausbilden, ist der 40 Jahre im System. Wir bilden nicht für die Schule von morgen aus, sondern für die Schule von 2050. Was mir an dem Strategiepapier zur "Lehrerbildung NEU" der Experten fehlt ist die Korrelation mit der Schulrealität.

derStandard.at: Das Konzept der "Lehrerbildung NEU" sieht ein Grundstudium in Form eines Bachelors vor.

Hackl: Ein sechssemestriger Bachelor ist für die gesamte Lehrerausbildung in der heutigen Zeit zu wenig. Das pädagogische Kernstudium – wie im Konzept der Lehrerbildung NEU vorgesehen – mit einem Bachelor ist insofern wichtig, als danach alle eine pädagogische und fachliche Grundausbildung haben. Wir können aber schon heute an der Pädagogischen Hochschule bei weitem nicht alle Anforderungen in diesem Zeitraum erfüllen.

derStandard.at: Das Konzept der "Lehrerbildung NEU" sieht jedoch auch einen weiterführenden Master vor.

Hackl: Vorgesehen ist, dass alle LehrerInnen nach dem Bachelor als "Turnus-Lehrer" in das Schulsystem einsteigen und dann in fünf Jahren einen berufsbegleitenden Master absolvieren. Erst dann ist man ein vollwertiger Lehrer. Ich kann mir das in der Realität nicht vorstellen. Das österreichische Schulsystem ist dadurch geprägt, dass wir eine ganzheitliche Pädagogik haben. Das bedeutet, dass der Lehrer, der unterrichtet auch den Leistungsfortschritt der Schüler bewertet. Wenn ich ein System errichte, wo Lehrer mit Bachelor-Abschluss nicht alles tun dürfen – wahrscheinlich auch nicht die Bewertungen vornehmen – laufen wir in eine große Qualitätsfalle. Was machen die, die nicht bewerten? Sie werden den Unterricht so gestalten, dass andere sie möglichst gut benoten.

derStandard.at: Welche Auswirkungen hat so ein "Turnus-Modell"?

Hackl: Der Lehrberuf ist ein durchaus weiblicher Beruf. Eine junge Frau arbeitet in der Schule, soll berufsbegleitend einen Master machen und will vielleicht ein Kind haben. Was verlangt man von den Frauen noch? Dieses Modell ist absolut frauenfeindlich. Wenn jemand den Master dann nicht schafft, ist vorgesehen, dass die Person als Assistenzlehrer an den Schulen bleibt. Wir können es uns nicht leisten, dass Frauen jahrelang Assistenzlehrer bleiben, weil sie eine Doppelbelastung haben. Eine Variante wäre ein vierjähriger Bachelor für die Sekundarstufe I und die Volksschule, denen wir die Möglichkeit geben – wann auch immer – einen Master zu machen. Eine andere Möglichkeit wäre, dass alle Lehrer den Master direkt machen. Das wäre eine Qualitätssprung. Was ich ablehne ist, dass in der Sekundarstufe II Bachelor-Lehrer unterrichten. Dort sollte sofort ein Master-Abschluss notwendig sein.

derStandard.at: Wissenschaftsministerin Beatrix Karl hat bei der Regierungsklausur in Graz mehr Wissenschaft in der Lehrerausbildung gefordert. Wie sehen Sie das?

Hackl: "Mehr Wissenschaft" ist ein Slogan, der permanent geprägt wird. Die Frage ist, wie wissenschaftlich ein Lehrer sein muss. Ich glaube die Aufgabe der Pädagogischen Hochschulen besteht darin, dass wir den Lehrern ein gutes Maß an Reflexionsmöglichkeit vermitteln und das Wissen darüber, wie man sich neueste wissenschaftliche Erkenntnisse zu eigen macht. Nicht jeder Lehrer soll ein Wissenschafter sein.

derStandard.at: Was halten sie von Karls Vorschlag auch gemeinsame Fakultäten zwischen Universitäten und Pädagogischen Hochschulen zu schaffen?

Hackl: Wir sollten jetzt wo wir die Pädagogischen Hochschulen haben, diese nicht gleich unter das Dach von Universitäten stellen. Ich plädiere eher dafür, dass wir Pädagogische Universitäten schaffen, die dann in den Fachwissenschaften sehrwohl mit Fachuniversitäten kooperieren.(derStandard.at, 3.3.2010)

Zur Person:

Dagmar Hackl war 16 Jahre als Lehrerin in Wiener Pflichtschulen tätig, hat im Fach Pädagogik promoviert und arbeitete als Unternehmensberaterin. Seit 1. Oktober 2007 ist sie Rektorin der PH Wien.

Link

PH Wien

  • "Nicht jeder Lehrer soll ein Wissenschafter sein."
    foto: ph wien

    "Nicht jeder Lehrer soll ein Wissenschafter sein."

Share if you care.