"Rudelbumsen ist keine Kunst"

2. März 2010, 06:56
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Straches FPÖ höhnt gerne über die "political correctness" anderer Parteien - In Kunstfragen agiert sie bieder wie niemand sonst

Wien - Was ist Kunst? Diese diffizile Frage scheint zumindest für Helmut Tiller beantwortet. "Rudelbumsen ist keine Kunst", sagt der 65-jährige FPÖ-Bezirkspolitiker, "das kann ich auch." Er engagiert sich als stellvertretender Obmann im "Kulturring 22", dem Kulturverein der FPÖ Donaustadt. "Aber ein Swingerclub", sagt Tiller, "hat nichts mit Kunst zu tun. Und es ist eine Schweinerei, den als Kunst zu deklarieren."

Empörung im Gleichschritt mit dem Boulevard

Bezirksfunktionär Tiller liegt damit voll auf Linie der FPÖ-Spitze rund um Parteichef Heinz-Christian Strache. "Die Rathaus-SPÖ muss schon völlig durchgeknallt sein, wenn sie öffentlichen Gruppensex mit 90.000 Euro unterstützt", schnaubte Strache vergangene Woche. Zeitgleich rollte der Stein des freiheitlichen Anstoßes durch sämtliche österreichischen Boulevardmedien: Der Schweizer Künstler Christoph Büchel hatte im Untergeschoß der Secession einen Swingerclub installiert - inklusive aktivem Personal.

Was versteht die FPÖ unter Kunst? Offenbar nicht Büchels künstlerische Visionen. Im "Kulturring 22" lädt Tiller mit seinen Mitstreitern zu Tanzabenden bei Schlagermusik, zum Preisschnapsen, oder man baut gemeinsam einen Punschstand auf. Weiterer Vereinszweck: die Pflege von Kriegerdenkmälern in der Donaustadt. Hin und wieder organisiere er auch Vernissagen in Gasthäusern. "Wir unterstützen heimische Künstler", betont Tiller, "weil da brauch' ich keinen aus der Schweiz dazu."

"Diese Kunst bekomme ich auch am Gürtel"

Doch was stört nun am subventionierten Swingen? FPÖ-Kultursprecherin Heidemarie Unterreiner zieht die Grenze der Kunst dort, wo der Steuerzahler dem Künstler zur Hand geht: Die Secession sei von Bund und Stadt Wien gefördert, "alle Österreicher zahlen dafür. Da wird ein Musentempel missbraucht für Agitation", beharrt sie gegenüber derStandard.at auf ihrem Standpunkt. Stünde sie an Stelle von Bezirksvorsteherin Ursula Stenzel (ÖVP), hätte sie Büchels Projekt nicht genehmigt, und die Secession solle auch kein Geld mehr bekommen.

Denn: Die Aussteller würden sich mit solchen Aktionen nicht mehr an ihre eigenen, mehr als hundertjährigen Statuten halten, richtet Unterreiner der "Vereinigung Bildender KünstlerInnen" aus. "Sie sollen sich einmal besinnen, und ich würde denen die Rute ins Fenster stellen, sich auf die eigenen Statuten zu berufen", meint sie im Hinblick auf künftige Subventionen. "Man muss darüber nachdenken, ob ich jetzt Kunst fördere, die ich auch für privaten Eintritt am Wiener Gürtel bekomme."

"Das ist direkte Zensur"

Der Grünen-Kultursprecher Wolfgang Zinggl bezeichnet solche monetären Drohgebärden als "direkte Zensur. Seit wann entscheiden Politiker, welche Kunstwerke gefördert werden?" Er vermutet aber keine tiefere Absicht hinter der freiheitlichen Empörung. "Ich glaube nicht, dass die FPÖ irgendein Kunstverständnis hat. Sie machen alles, was populistisch nutzt, und die Kunst bietet da eben eine Gelegenheit", meint Zinggl zu derStandard.at.

Unterreiner bestreitet, aus dem Wiener Innenstadt-Skandälchen politisches Kleingeld schlagen zu wollen. Vielmehr fordert sie, die Politik solle künftig darüber nachdenken, "welche Kriterien es für Kunst geben kann außer festgeschriebenen Gesetzen". Unterreiner denkt da an bestimmte "Sitten und Normen".

Sitten und Gebräuche

Kunst, sagt Unterreiner, sei gerade in der Kulturnation Österreich identitätsstiftend. "Wenn man jetzt alles zur Kunst deklariert - auch was gar keine Kunst ist -, dann achtet man unsere kulturelle Identität nicht, auch nicht die österreichischen Sitten und unseren Wertekanon." Zinggl meint ob dieser Befürchtungen, die FPÖ solle sich "doch dann lieber Nationalpartei und nicht freiheitliche Partei nennen".

Vehement bestreitet Unterreiner jedenfalls, ihre Empörung gründe darauf, dass ihr manche Kunst schlicht nicht gefalle. Bezirksfunktionär Tiller, in der Donaustädter FPÖ zuständig für Museen und Brauchtumspflege, gibt hingegen unumwunden zu, "ein Waldmüller gefällt mir halt besser. Heute kannst auf einem Bild gar nix mehr erkennen. Vielleicht bin ich auch schon zu alt, aber ich versteh's nicht, und was ich nicht verstehe, werde ich nicht unterstützen." (Lukas Kapeller/derStandard.at, 2.3.2010)

  • Der FPÖ-Obmann und die Kunst: "Völlig durchgeknallt" findet Strache manche Subventionen.
    foto: matthias cremer

    Der FPÖ-Obmann und die Kunst: "Völlig durchgeknallt" findet Strache manche Subventionen.

  • Bezirkspolitiker Tiller unterstützt heimische Künstler, "da brauch' ich keinen Schweizer".
    foto: kulturring 22

    Bezirkspolitiker Tiller unterstützt heimische Künstler, "da brauch' ich keinen Schweizer".

  • Kulturveranstaltung: Der dritte Nationalratspräsident Martin Graf feiert mit der FPÖ Donaustadt und dem Kulturring 22 zu Schlagerklängen den "Tanz in den Herbst".
    foto: kulturring 22

    Kulturveranstaltung: Der dritte Nationalratspräsident Martin Graf feiert mit der FPÖ Donaustadt und dem Kulturring 22 zu Schlagerklängen den "Tanz in den Herbst".

  • Inserat der Wiener FPÖ: "Alles, was populistisch nutzt."
    foto: fpö

    Inserat der Wiener FPÖ: "Alles, was populistisch nutzt."

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