"Kein Moslem nennt mich rassistisch"

1. März 2010, 10:35
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Einen anderen Umgang mit dem Islam fordert Ex-Muslimen-Gründerin Mina Ahadi - ansonsten drohten Islamismus oder Rechtsextremismus

Österreich sei ein Beispiel dafür, "was herauskommt, wenn man gar nichts tut", sagt Mina Ahadi, die Gründerin der mittlerweile europäischen Bewegung der Ex-Muslime: Politik, Intellektuelle und "die Multikulti-Bewegung" hätten zum Islamismus geschwiegen. Sollte sich daran nichts ändern, befürchtet Ahadi Schlimmes: "In zehn Jahren werden Ausländer auf der Straße geschlachtet werden." Am vergangenen Freitag kam Mina Ahadi nach Wien und nahm sich Zeit für ein Gespräch mit Maria Sterkl.

derStandard.at: Vor drei Jahren haben Sie in Deutschland die Bewegung der Ex-Muslime gegründet. Nun wächst sie zu einer europäischen Bewegung heran. Wie erklären Sie sich das?

Mina Ahadi: Jahrelang haben islamische fanatische Organisationen monologartig über Millionen von Menschen geredet – und eine breite Bevölkerung war nicht einverstanden damit, aber schaute ratlos zu. Wir haben begonnen, dieses Tabu zu brechen: Man kann kritisch sein und man kann sich gegen diese Terrororganisationen durchsetzen.

derStandard.at: Muss man Ex-MuslimIn sein, um kritisch zu sein?

Ahadi: Wichtig ist: Im Islam ist Austreten ein Tabuthema. Selbst, wenn man ausgetreten ist, redet man nicht darüber. Es ist wichtig, hier Vorbild zu sein. Und wir haben auch im Iran und in arabischen Ländern viel Aufmerksamkeit bekommen.Wenn man heute über Frauenprobleme aus islamischen Ländern redet, dann sind die Hauptredner nicht mehr Islamische Organisationen.

derStandard.at: Wer sind diese Islamischen Redeführer in Deutschland?

Ahadi: Das sind viele: Millî Görüş, der Zentralrat der Muslime. Und einige deutsche Konvertiten, die noch viel schlimmer sind.

derStandard.at: Wie sehen Sie die österreichische Situation?

Ahadi: Österreich ist ein Beispiel dafür, was herauskommt, wenn man gar nichts tut. Wenn man so tut, als ob es keine Probleme gäbe, landet man dort, wo Österreich heute steht. Und dann passiert folgendes: Entweder die Islamisten setzen sich durch, oder die Rechtsextremisten.

derStandard.at: Wer trägt hier die Verantwortung?

Ahadi: Die Politik und die Multikulti-Bewegung. Bisher hieß es: "Die Ausländer sind alle nett, die haben eine andere Kultur und das geht uns nichts an, wenn sie zuhause die Frauen schlagen." Wir sagen: Stopp, es ist genug. Wenn heute Mädchen in Wien keinen Freund haben dürfen, wenn Mädchen ein Kopftuch tragen müssen, dann haben wir ein Problem. Und da kritisiere ich am schärfsten die Intellektuellen: Diejenigen, die erklären, sie seien Humanisten, Atheisten und was auch immer: Alle haben bis jetzt geschwiegen.

derStandard.at: Was verlangen Sie von den Intellektuellen?

Ahadi: Menschenrechte sind nicht ein Eigentum Europas. Wenn sich jemand humanistisch nennt, dann muss er anerkennen, dass Menschenrechte universal sind. Wenn jemand nichts zu essen hat, dann ist es egal, woher er kommt. Und wenn ein Mensch zuhause geschlagen wird, ist das nicht in Ordnung – unabhängig davon, welcher Religion er angehört. Ich bin absolut gegen dieses Schweigen und gegen den Kulturrelativismus.

derStandard.at: Warum wurde geschwiegen?

Ahadi: Die Leute haben Angst vor Terrororganisationen. Wir haben 30 Jahre nach der Islamischen Machtübernahme im Iran mit einer Bewegung zu tun, die auch verstärkt in Berlin und Wien auftritt und versucht, sich zu zeigen. Eine Moschee ist nicht mehr nur ein Gebetsraum, sondern ein Zeichen dieser Bewegung. Wieso gibt es jetzt vor jedem Moscheebau einen vehementen Kampf, warum war es früher nicht so?

derStandard.at: Vor 30 Jahren war auch die Opposition nicht so stark.

Ahadi: Ich behaupte: Die Muslimen selbst kommen gar nicht auf die Idee, noch eine größere Moschee zu brauchen. Das sind politische Organisationen, die dahinter stecken – und manchmal steckt auch Druck von Regierungen dahinter. Die Türkei investiert Millionen Euro in Moscheebauten wie zum Beispiel in Köln.

derStandard.at: In der Schweiz wurde der Minarett-Streit aber nicht von den Muslimen angezettelt, sondern von den Rechtspopulisten.

Ahadi: Okay. Man kann ohnehin nicht gegen ein Modell eines Gebäudes sein, gegen Minarette zum Beispiel. Aber auch, wenn es von den Rechten gekommen ist: Sehr viele Leute haben dafür gestimmt. Und in Wien würden auch 80 Prozent dafür stimmen. Ich sage Ihnen: Wenn wir jetzt nicht anfangen, über eine humane Politik nachzudenken, dann werden alle diese 80 Prozent schön langsam zu den Rechten abbiegen.

derStandard.at: Wie stellen Sie sich so eine humane Politik vor?

Ahadi: Wir müssen Flagge zeigen und sagen: Moment, Leute, wir sind Muslime, wir kommen aus verschiedenen Ländern, wir leben hier aus verschiedenen Gründen, wir sind gegen Rassismus, aber: Wir möchten hier keine Insel einer fanatischen, mittelalterlichen Kultur errichten. Ich verlange von allen Leuten: Mischen Sie sich ein, das geht uns alle an. Das ist nicht ein Problem der Ausländer. Wenn nur eine Islamische Organisation hier Fuß gefasst hat, dann ist die freie Meinungsäußerung in Gefahr, dann ist der Säkularismus in Gefahr. Und am Ende hetzen die Menschen gegen Ausländer. Im Flugzeug habe ich eine österreichische Zeitung gelesen, in der sehr offen gegen Ausländer, gegen Asylwerber gehetzt wird. In Deutschland wäre das nicht möglich.

derStandard.at: Es wird auch sehr offen gegen Muslime gehetzt – mit Sprüchen wie "Daham statt Islam".

Ahadi: Genau das ist mein Problem. Davor habe ich schon vor zehn Jahren gewarnt. Aber keiner hat eine effektive Politik gegen die Rechten gemacht. Jetzt sitzen wir hier. Und wenn in den nächsten zehn Jahren immer noch nichts passiert, dann haben wir ein großes Problem. Dann werden Ausländer auf der Straße geschlachtet werden.

derStandard.at: Sie haben das Schweizer Minarettverbot begrüßt. Warum muss man alle Muslime bestrafen, um man islamischen Fanatismus zu bekämpfen?

Ahadi: Was die SVP (Schweizerische Volkspartei, Anm.) betrifft, bin ich sehr kritisch. Jede Partei, die gegen Menschen hetzt, kritisiere ich aufs Schärfste. Aber man muss einen Unterschied machen zwischen der Kritk an Islamischen Organisationen, und dem der Hass gegenüber Muslimen. Wenn ich sage, das Kopftuch ist nicht in Ordnung, dann ist das kein Kampf gegen Frauen mit Kopftuch. Meine Kritik richtet sich gegen Kopftuchzwang. Aber ich verteidige alle Frauen, die Kopftuch tragen. Da muss man unterscheiden.

derStandard.at: Trotzdem befürworten Sie das Minarett-Verbot – ganz ohne zu differenzieren.

Ahadi: Es stimmt, dass man nicht pauschal gegen ein Gebäude sein kann. Aber nach der Abstimmung, als alle über die Ausländerfeindlichkeit gestöhnt haben, habe ich gesagt: Ich verteidige diese Stimmung. Denn das ist eine Stimmung gegen die Scharia, gegen Islamismus. Moschee, Minarett, Kopftuch – das alles sind politische Symbole. Hier gibt es eine Wunde. Und darüber müssen wir reden. Wenn wir nicht darüber reden, dann gewinnt die SVP.

derStandard.at: KritikerInnen der Schweizer Abstimmung sagen, dass moderate Muslime durch das Ergebnis motiviert werden könnten, sich einer fundamentalistischen Form des Islam zuzuwenden. Berechtigt?

Ahadi: Natürlich hat jedes Ereignis seine Wirkung. Aber ich habe es satt, dass man alles rechtfertigen will. Wieso ist die Volksabstimmung so ausgegangen? Was ist hier das Problem? Darüber nicht gesprochen, sondern nur darüber, dass die Muslimen jetzt radikalisiert werden. Natürlich werden sie radikaler – weil über das Problem nicht gesprochen wird.

derStandard.at: Sie sind gegen Moscheebauten. Warum nicht gegen Kirchen, gegen Synagogen, gegen Buddhistische Tempel?

Ahadi: Ich bin dagegen, dass jetzt in Europa Moscheen gebaut werden. War die Diskussion über Moscheebauten vor zehn Jahren schon so wichtig?

derStandard.at: Wäre sie so wichtig, wenn nicht bestimmte politische Kräfte daraus Kapital schlagen wollten?

Ahadi: Ich weiß nicht, wie es in Österreich ist. Aber in Deutschland will man sogar in kleinen Dörfern eine noch größere Moschee bauen. Ich frage mich: Woher kommt dieser Druck? Woher kommt das Geld? Ich habe viele Freunde, alle Muslime. Und die sind am allermeisten gegen Moscheebauten. Man versucht dort, Männer und Frauen getrennt zu halten. Man muss dort ein Kopftuch tragen. Und es gibt einen Antisemitismus, der in den Moscheen verbreitet wird.

derStandard.at: Es scheint, als machten Sie wenig Unterschied zwischen Islam und Islamismus.

Ahadi: Islamismus oder politischer Islam ist eine Bewegung. Wenn wir das hinter uns gelassen haben, können wir auch über den Islam reden. Und natürlich sind alle Religionen frauenfeindlich und menschenfeindlich. Aber vorher müssen wir kämpfen. Nicht so, wie die islamischen Feministinnen, die erklären, man müsse den Koran nur richtig interpretieren: Wenn da Schwarz auf Weiß steht, du darfst deine Frau schlagen, dann sagen sie, mit ihrem guten, feministischen Herz, du darfst sie nicht sehr stark schlagen, sondern nur ganz leicht, wie mit einer Serviette. Ich habe mit diesen Feministinnen viel zu tun gehabt. Aber im Leben habe ich immer gesehen: Geschlagen wirst du immer mit sehr harten Sachen.

derStandard.at: Warum sollte sich eine junge Frau, die zwar gegen die Tradition ihrer Eltern kämpft, aber dennoch gläubig ist, sich von den Ex-Muslimen begeistern lassen?

Ahadi: In Deutschland haben wir Töchter und Söhne von Muslimen, die ganz frei leben wollen. Ihnen will ich eine Stimme geben. Dann gibt es die, die zwischen zwei Welten leben. Wenn wir von der ersten Gruppe viele Sympathien bekommen, dann werden wir auch in der zweiten Gruppe ein paar Leute anziehen. Die Mädchen, die einen Freund haben, sind dann nicht mehr schmutzig. Und wenn man von Rechtsextremen angegriffen wird, braucht man nicht den Islam zu verteidigen. Man kann humane Rechte verteidigen.

derStandard.at: Was ist mit jenen jungen Frauen, die sagen, sie tragen das Kopftuch aus freien Stücken, völlig ohne Druck?

Ahadi: Natürlich gibt es die, und die sagen auch, sie sind emanzipiert und das geht niemanden etwas an. Natürlich: Wenn wir in einer normalen Welt leben würden, dann würde es niemanden etwas angehen. Aber wir leben nicht in einer normalen Welt. Wir leben in einer Welt, in der Islamisten versuchen, sich mit Geld, Macht, und Morddrohungen durchzusetzen.

derStandard.at: Wäre es ein gangbarer Weg, gemäßigte Muslime zu unterstützen, aber radikale Bewegungen umso stärker zu sanktionieren?
Man soll radikale Bewegungen sanktionieren. Bewegungen wohlgemerkt, nicht Menschen. Aber moderate Bewegungen unterstützen – warum? Warum ist Religion im 21. Jahrhundert so wichtig? Ich möchte, dass Religion privat bleibt. Für mich wäre ein gangbarer Weg, islamistische Gesetze zu bekämpfen, aber Menschen aus islamischen Ländern zu verteidigen. Das ist die Politik, die ich mir wünsche.

derStandard.at: Sollte man Kreuze aus Spitalzimmern und Schulklassen entfernen?

Ahadi: Genau. Öffentliche Räume müssen neutral sein. Wenn ich in ein Krankenhaus gehe, möchte ich auch dort als Mensch behandelt sein – unabhängig von meiner Überzeugung. Ich will nicht, dass sich ein Arzt offen als Marxist zeigt. Arbeitsplätze sollen neutral bleiben.

derStandard.at: Wie wollen Sie es schaffen, sich von den Rechten abzugrenzen?

Ahadi: Mit der Sprache. Wenn die Medien uns helfen und uns nicht immer wieder ins rechte Eck schieben, dann geht es. Wenn ich im Fernsehen bin und mich mit meiner Lebensgeschichte erkläre, dann erreiche ich auch junge Frauen, die zuhause mit dem Kopftuch sitzen. Die Leute verstehen, dass ich Menschenrechtsarbeit mache. Kein Moslem kommt auf die Idee, mich rassistisch zu nennen. Von der Community habe ich es nie gehört – von Deutschen schon.
derStandard.at: Was halten Sie vom Begriff Islamophobie?

Ahadi: Das ist ein Schutzmechanismus der Islamisten. Ein VErsuch, Kritik mundtot zu machen.

derStandard.at: Ist Islamophobie also ein Kontrukt?

Ahadi: Wie ich gesagt habe: Ein Schutzmechanismus. Die Islamischen ORganisationen sind immer beleidigt. Wenn sie kritisiert werden, sind sie beleidigt. Ich bin auch beleidigt, weil ich Ex-Muslimin bin und deshalb nicht weiß, ob ich morgen noch am Leben sein werde. Ich bin sehr beleidigt, weil diese Bewegung meinen Mann umgebracht hat.Ist das die gleiche Form von Beleidigt-Sein wie das jener Herren, die beleidigt sind, weil ich sage, das Kopftuch ist schlecht?

derStandard.at: Dass es kollektive Ressentiments gegenüber Muslimen gibt, bezweifeln Sie?

Ahadi: Nein. Ich bin auch der Meinung, dass man pauschale Angriffe stoppen muss. Und diese Pauschale Einteilung in "Alle Muslime sind Terroristen" hat zugenommen. Aber warum hat der Rassismus zugenommen? Wenn man sich nicht von Islamismus distanziert und ein Klima schafft, das verhindert, dass kritische Stimmen gegen Islamismus reden, dann bewirkt man, dass ganz normale Menschen sich den Rechten zuwenden, und dass ganz normale Menschen auch Sympathie für Terror bekommen.

derStandard.at: Sind Sie gläubig?

Ahadi: Natürlich nicht – oh mein Gott!

(derStandard.at, 1.3.2010)

Zur Person

Mina Ahadi floh als politische Aktivistin gegen das Schah-Regime 1981 aus dem Iran in die Kurdenregion des Irak. 1990 kam sie nach Wien, sechs Jahre später zog sie nach Köln. Bis heute ist Ahadi, deren Mann ein Jahr vor ihrer Flucht ermordet wurde, im Iran zum Tode verurteilt. 2004 gründete sie das Internationale Kommittee gegen Steinigung, 2007 den deutschen Zentralrat der Ex-Muslime. Nachahmegründungen in mehreren europäischen Ländern folgten – zuletzt auch in Wien.

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  • "Bisher hieß es: Die Ausländer sind alle nett, die haben eine andere
Kultur und das geht uns nichts an, wenn sie zuhause die Frauen
schlagen": Mina Ahadi
    foto: derstandard.at

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  • "Wieso gibt es jetzt vor jedem Moscheebau einen vehementen Kampf, warum war es früher nicht so?"
    foto: derstandard.at

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