Wolfgang Schüssels Atom-Einstieg

28. Februar 2010, 18:31

Der Altkanzler kann formal Abgeordneter bleiben - Wegen möglicher Interessenkollisionen sollte er jedoch ganz rasch die offizielle Politik verlassen

Dass die Industrie Politiker in exzellent bezahlte Vorstands- oder Aufsichtsratsposten lockt, ist nichts Neues. US-Politiker machen das seit Jahrzehnten vor - nicht selten freilich mit einem verständlichen Grundmotiv: In den USA kosten Wahlkampagnen viel Geld, und Minister verdienen weniger als bei uns. Also dienen postpolitische Managerkarrieren oft der Rückzahlung von Schulden.

In Österreich war das lange nicht so. Erstens weil Wahlwerbung zu einem Großteil von den Steuerzahlern finanziert wurde. Zweitens weil die Verstaatlichte Industrie genug Möglichkeiten bot, Politiker mit Spitzengagen irgendwo zu verräumen.

Heute ist das nicht mehr ganz so. Einer der Verursacher dieser Situation ist der politische Oberprivatisierer Wolfgang Schüssel. Als Abgeordneter mit Kanzlerhintergrund verdient er zwar 11.000 Euro brutto (vermutlich 6500 Euro netto). Aber das liegt weit unter den Bezügen pensionierter Spitzenmanager.

Also hat er Angebote gesichtet und hat sich bei einem deutschen Energie- und Atomkonzern als Aufsichtsrat verdingt. Ähnlich wie der Schüssel-Vorgänger Franz Vranitzky, der bei Magna diese Rolle spielt. Anders als Viktor Klima, dem Chef von VW Südamerika. Noch einmal anders als Gerhard Schröder, Ex-kanzler in Deutschland und Joschka Fischer, sein Vize. Diese beiden sind Berater.

Allen gemeinsam ist: Sie mischen in der Industriepolitik mit. Weil sie so viele Leute kennen, sind sie ihr Geld wert.

Während Schröder für den russischen Gasprom-Konzern und damit auch für die Errichtung der Northstream-Pipeline arbeitet, bildet Schüssel mit Fischer künftig im deutschen Energiekonzern RWE (an verschiedenen Schalthebeln) eine schwarz-grüne Koalition. Der ehemalige deutsche Außenminister ist inzwischen zum Tausendsassa im Consulting-Business avanciert - politisch-strategisch gehört er zum Think-tank von George Soros und hat mit Madeleine Albright (Außenministerin unter Bill Clinton) eine Firma, bei der man Vorträge buchen kann. Auf ökonomischer Ebene berät Fischer nicht nur RWE, sondern auch BMW und Siemens.

RWE hat 2009 einen Umsatz von 48 Milliarden Euro gemacht. Hauptgeschäft sind Öl Gas und Strom, neuerdings auch Windenergie. Im Moment tobt ein Streit um die Übernahme eines holländischen Konzerns, der auch AKWs betreibt.

Schüssels Energie-Einstieg ist damit gleichzeitig ein Atom-Einstieg. Schüssel war nie Anti-AKW-Aktivist, zum Unterschied von Schröder und Fischer, die den Atom-Ausstieg Deutschlands politisch durchgesetzt haben.

Seine neuen Auftraggeber werden sich vor allem die Kontakte des Exkanzlers auf dem Balkan (zum Beispiel nach Kroatien) zunutze machen. Und seine Ablehnung des EU-Beitritts der Türkei wird er angesichts der Nabucco-Klänge nicht mehr so laut intonieren.

Formal kann Schüssel Abgeordneter bleiben. Wegen möglicher Interessenkollisionen sollte er jedoch ganz rasch sein Nationalratsmandat zurücklegen und die offizielle Politik verlassen. Das wäre ein sauberer Vorgang. (Gerfried Sperl/DER STANDARD-Printausgabe, 1.3.2010)

Kommentar posten
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Salz Burger
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15.3.2010, 13:05
ich freue mich für Wolfgang Schüssel

Ein Österreicher, der die von der öffentlichen Meinung diktierte Staatsreligion "Atomkraftwerke sind pfui" ignoriert und das tut, was er für richtig hält. Hätten wir doch mehr mutige Politiker.

G e o r g
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"... Schröder und Fischer, die den Atom-Ausstieg Deutschlands politisch durchgesetzt haben."

Naja, sie haben ihn auf eine Weise durchgesetzt, die es der Atomindustrie ermöglicht, ihre AKWs sehr lange und flexibel weiterzubetreiben, um im Falle einer neuen Regierung (wie eben jetzt) den Ausstieg aus dem Ausstieg zu betreiben. Atomkraftgegner haben das schon in den 1990ern kritisiert.

starghost
 
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die armutsgrenze

ist fürs wolferl(sorry für diese fast liebevolle anrede,aber er hat uns,das volk ja auch recht liebevoll behandelt)voerst kein thema.das salär steht ihm zu,hat er doch durch unsere sympatiezurufe den EU-Job knapp verpasst.er hat immer g´schaut,unsere,äh,seine interssen in den vordergrund zu stellen,dabei war er halt viel g´scheiter im vorgehen als der gorbach -tilo.und g´scheitheit gehört belohnt.ach ja,und lasst ihn doch sein mandaterl,er braucht schliesslich und endlich auch eine portokassa.freut euch mit ihm,seht ihn doch nicht so schwarz!

1116er
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ach hätte er doch

diesen karriereschritt schon vor 15 jahren gemacht!

Nik M
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Gratulation an Herrn Schussel zum ersten Job

Schuessel hat sein ganzes Leben lang nicht gearbeitet, es ist klar, dass er die Position eines Aufsichtsrat de facto nicht ausueben wird. Schuessels Bestellung faellt wohl eher unter Landschaftspflege.

Ich seh schon den naechsten Prozess vor mir, in dem ein Politiker argumentieren wird dass er aber wirklich nichts dafuer kann, weil er von all dem nichts verstanden hat.

So will ich Euch die Wahrheit gründlich sagen
21
Der Herr Dr.Schüssel ist ein sehr frommer und sehr bescheidener Mensch.


Die ganzen Neider können sicher sein, dass er seine Aufsichtsrat-Tantiemen sowie den die ASVG-Höchstpension übersteigenden Teil seiner Frühpension wohltätigen Institutionen zukommen lassen wird.

Nur weil er so bescheiden ist, hat er das der Öffentlichkeit noch nicht mitgeteilt.

starghost
 
00
falsche bescheidenheit

bringt aber keinen glorienschein!und den hätte er sich doch verdient.

schlechter Gutmensch
10
Sein Protest gegen Temelin....

... war ja auch sehr bescheiden...

damals hat mich das noch gewundert....

Poldi Prettljausn
30
Dass Schüssel in den Aufsichtsrat von RWE einziehen wird,

bezeugt nur, dass die Qualitäten von Schüssel in den höchsten Kreisen der deutschen Wirtschaft ihre Anerkennung finden.

Im Gegensatz zu Herrn Klima, der nach Argentinien auswandern musste, wo ihn keiner kannte, damit er noch einmal neu anfangen konnte.

A propos Klima: Dass er bei VW Argentinien den großen Zampano spielen darf, macht ihn ja auch noch nicht gleich zum CO2-Klimaterroristen. Genauso wenig wie der RWE-Aufsichtsrat Schüssel zum Atomlobbyisten macht.

1116er
03
mein tipp

nach der täglichen lektüre der aussendungen ihrer parteizentrale würde ich empfehlen:
*informieren sie sich doch mal über die unterschiede in den bereichen verantwortung, fähigkeiten und dementsprechende anerkennung von vorständen im unterschied zum aufsichtsräten.
*lesen sie obigen artikel! dort finden sie den grund für den einzug ihres heros in den AR (kleiner tipp: als 'qualitäten' bezeichnet man das nur selten)

Josef A.
18
Schüssel, aalglatt wie immer.

Gegen die Tschechen ist er gemeisam mit der Krone und den Blauen wegen den AKW Temelin hergezogen.
Nun ist er beim Energie- und Atomkonzern EON als Aufsichtsrat tätig.
Integer sein. Diese Eigenschaft kennt Schüssel nicht.

starghost
 
00
das

macht er doch bloss aus purem selbsterhaltungstrieb,bevor er sich der armut hingibt,beisst er einne und lässt dies alles über sich ergehen.

stefan81
20

das hat nichts mit integrität zu tun. damals war es seine aufgabe dafür oder dagegen zu sein, jetzt hat er eben eine neue aufgabe.

Michael B
02
Man sucht sich seine Meinung nach seiner Aufgabe.

Und nicht etwa seine "Aufgaben" nach seiner Meinung.
DAS ist echt österreichisch (Siehe "Herr Karl").

irrelevant uninteressant
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Das ist ECHT ÖVP!!

Vater von Lisa
52
So sehr ich Wolfgang Schüssel schätze,

aber so mächtig, als dass er über den Atom-Einstieg von RWE entscheidet, ist er nicht.
Lieber Herr Sperl, Sie sollten Ihre Ursache-Wirkungs-Ableitungen noch einmal überdenken!

Michael B
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Wenn er nichts zu entscheiden hat - wer braucht ihn dann dort?

starghost
 
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soziales image

die brauchen dort einen arbeitslosen um ihr soziales image aufzuwerten

Somebody Someone
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Praktisch: sobald also >=2 etwas zu sagen haben, brauchen sich beide keine Sorgen mehr machen, denn keiner von beiden entscheidet etwas alleinig...

Murmel166
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Neider

Schüssel war - zumindest in seiner Kanzlerschaft - der letzte große Staatsmann seit Kreisky, den Österreich im In- und Ausland mit Stolz herzeigen konnte.
Und Österreich war stolz.

Eine vergeigte Kanzlerwahl später - und Schüssel wird
a) zur verspotteten Witzfigur
b) zum gesinnungslosen Profiteur
c) zum klerikalen Kerzerlschlucker
stilisiert.

Oh Du mein Österreich! Aber mit Bomben und Granaten!

starghost
 
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murmel,murmel

t-bonesteak
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ein großer staatsmann?

wer seine kanzlerschaft auf die unterstützung der rechtsextremen gründet, ist kein großer staatsmann.

sohn des kronos
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Dann waren aber Karl Renner und Bruno Kreisky auch keine großen Staatsmänner!


Der eine rief das österreichische Volk 1938 dazu auf, FÜR den Anschluß an Hitlerdeutschland zu stimmen und der andere ließ sich mit einem ehemaligen SS-Mitglied ein, um seine Regierung zu bilden zu können.

Alles klar?

G e o r g
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Ja und? Ändert das etwas an der Beurteilung Schüssels?

sohn des kronos
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Nein, das ändert nichts!


Es sei denn, sie bezeichenen Kreisky oder Renner als großen Staatsmann....

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