Knapp vorbeigeschritten

28. Februar 2010, 18:09

Oft ist es klug, nicht nur einen Schritt nach dem anderen zu setzen, sondern auch darauf zu achten, nicht den zweiten vor dem ersten zu tun

Wer ein Pedometer hat - so nennt man dieses ehrwürdige Ding namens Schrittzähler auch oder eigentlich -, darf sich unglücklich schätzen. Denn er kann sich selbst nichts mehr vormachen. Ein wenig ist es wie die Rufdatenspeicherung, nur noch persönlicher, intim beinahe. Unbarmherzig zeichnet das Pedometer nämlich ein stundenübergreifendes Bewegungsprofil, sodass man am Abend dann den Tag loben oder verfluchen kann anhand und mithilfe von Kilokalorien.
Es helfen keine Ausreden wie Schneekonsistenz, Nebelbank, Zeitnehmungsspanne und so weiter. Wer an Schritten spart, wird nie jene Kilometerleistung erreichen, deren es eben bedarf, um nach und durch Vancouver zu kommen.

Der Standard hat sich's leicht gemacht und gleich seinen Meistergeher und oftmaligen Mariazell-Bezwinger, Herrn bez, ins Westkanadische geschickt, um ihn nach Hause philosophieren zu lassen.

Weshalb nun auch dem letzten Betreuer der ÖSV-Alpinherren klargeworden sein dürfte, dass das mit den Schritten so eine Sache ist. Oft ist es nämlich klug, nicht nur einen Schritt nach dem anderen zu setzen, sondern auch darauf zu achten, nicht den zweiten vor dem ersten zu tun. Das hieße nämlich, den Tag schon vor dem Abend zu loben. Die Ernte vor dem Drusch. Den Medaillenregen vor der Siegerehrung.

Extrem viele Schritte fehlten ja nicht. Doch wie heißt es im Fußball, da werden durchschnittlich zwischen 6345 und 10.211 Schritte pro Mann und Spiel getan, so trefflich: Knapp vorbei ist auch daneben. Aber die Fußballer haben's natürlich gut. Die haben Tatsachenentscheidungen. Am Berg dagegen gibt's nur diese nichtssagende Ziellinie. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, Printausgabe, Montag, 1. März 2010)

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