Am Montag wird der Prozess gegen den Haager Angeklagten Karadžić fortgeführt - Analyse
Mit den einleitenden Worten von Radovan Karadžić wird am Montag der im vergangenen Oktober begonnene Prozess gegen den Expräsidenten der bosnischen Serben vor dem UN-Tribunal für Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien fortgesetzt. Zwei Tage lang darf Karadžić seine Verteidigung schildern, danach wird die Anklage ihren ersten Zeugen vorführen.
Der Gerichtshof lehnte zuvor Karadžićs Forderung ab, ihm mehr Zeit für die Vorbereitung seiner Verteidigung zu billigen. Der Neuropsychiater, der sich selbst verteidigen möchte, beklagte sich, dass er "nicht in der Lage ist, die rund 2,5 Millionen Seiten dicke Dokumentation durchzugehen" . Deshalb boykottierte er den Prozessbeginn. Um weitere Verzögerungen zu vermeiden, setzte ihm das Tribunal einen Pflichtverteidiger auf, der jedoch den Prozess aus dem Publikum verfolgen wird. Das 1993 gegründete Tribunal sollte bis Ende 2012 aufgelöst werden. Am Freitag begann der Prozess gegen den früheren bosnisch-serbischen Offizier Zdravko Tolimir, unter anderem wegen Genozids in Srebrenica. Auch Radovan Karadžić ist wegen Völkermords und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt.
Es ist vielleicht der letzte große Prozess vor dem UN-Tribunal, das sowohl von den betroffenen Ländern, als auch von Russland und westlichen Staaten oft kritisiert worden ist und somit die letzte Chance für Herstellung von Gerechtigkeit für die Verbliebenen der Kriegsopfer in Bosnien-Herzegowina und eine Katharsis der Gesellschaft.
Denn, der wichtigste Protagonist der jugoslawischen Tragödie, Serbiens Ex-Präsident Slobodan Milošević, ist 2006 im Gefängnis des Tribunals vor dem Urteilsspruch gestorben; und von dem Kriegskommandant der bosnischen Serben, Exgeneral Ratko Mladić, fehlt jede Spur. Neben Karadžić gilt Mladić als der Hauptverantwortliche für den 1995 begangenen Genozid in Srebrenica, bei dem rund 8000 muslimische Buben und Männer systematisch in wenigen Tagen hingerichtet worden sind.
Eines der bei seiner Gründung deklarierten Ziele des Tribunals war nicht nur gegen mutmaßliche Kriegsverbrecher einen Prozess zu führen, sondern auch zur Versöhnung der Völker des Westbalkans beizutragen. Letzteres Vorhaben ist völlig gescheitert. Laut Umfragen im vergangenen Jahr halten rund 83 Prozent der Kosovo-Albaner die Serben für ihre Feinde, das tun auch 51 Prozent der Kroaten und fast jeder zweite bosnische Muslim.
Verschwörungstheorien
Die Serben erwidern diese Gefühle gegenüber anderen Völkern gleichermaßen. In der Region leben viele Menschen mit der Überzeugung, dass sie noch einen Krieg erleben werden. Die wegen Kriegsverbrechen Angeklagten gelten im eigenen Volk größtenteils als Helden. In der Regel sind Verbliebene der Kriegsopfer empört wegen der zu milden Urteilen gegen die Täter, während viele in der Volksgruppe der Verurteilten Verschwörungstheorien pflegen.
Eines der Fehler des Tribunals war es, in den ersten Jahren seine de facto politische Rolle zu verweigern, statt sich mit dieser auseinanderzusetzen. Und das, obwohl der Einfluss westlicher Staaten auf die Ankläger offensichtlich war, was auch die frühere Chefanklägerin, die Schweizerin Carla del Ponte, zugegeben hat.
Mit dem Programm "Outreach" bemühte sich das Tribunal erst ab 1999 aktiv in den betroffenen Staaten über lokale Büros sein Image zu verbessern. Doch da war es zu spät, der durch Vorurteile entstandene Schaden konnte nicht mehr repariert werden. Und daran wird auch der Prozess gegen Karadžić nichts ändern. (Andrej Ivanji aus Belgrad/DER STANDARD, Printausgabe, 1.3.2010)