Gastgeber Kanada hat nach holprigem Beginn die Medaillenwertung gewonnen. Das wegen seiner Kosten kritisierte und verspottete Konzept "Own the podium" gilt als der Stein der Weisen
Vancouver - Als die Sonne verschwand, kam der Goldregen. Vor einer Woche verspotteten die kanadischen Medien ihre Athleten noch als Versager, nun feiert der Gastgeber nach einem überragenden Endspurt im verregneten Vancouver das beste Abschneiden einer Nation in der Geschichte der Olympischen Winterspiele.
„Unser Nationalstolz kocht über", titelte also die Tageszeitung Globe and Mail, „es sind goldene Spiele geworden!" Mit vierzehnmal Gold siebenmal Silber und fünf Bronzemedaillen übertrafen die Gastgeber die Sowjetunion, die 1976 in Innsbruck eine Bilanz von dreizehnmal Gold, sechsmal Silber und achtmal Bronze erreicht hatte. Hunderttausende feierten die Erfolge ihrer Olympioniken auf den Straßen, sangen immer wieder ihre Nationalhymne „O Canada". Vancouver wurde zur Partyzone.
Dabei stellten die Gastgeber ihr Licht sogar noch unter den Scheffel. Denn in Kanada wird der Medaillenspiegel nicht nach den Olympiasiegen, sondern nach der Gesamtanzahl der Medaillen erstellt. In dieser Bilanz lag vor den letzten beiden Entscheidungen ausgerechnet der Erzrivale USA (37) vorne. „Sogar in Japan wird es anders berechnet", schrieb ein Kommentator: „Warum quälen wir uns nur so?"
Das lange Warten auf den ersten Olympiasieg auf heimischem Boden, den Freestyler Alexandre Bilodeau am vierten Tag sicherte, scheint Lichtjahre entfernt. Und Chris Rudge wird sich wohl etwas schämen für seinen Ausspruch, den er zu Beginn der zweiten Woche getätigt hatte. „Wir leben nicht im Trottelparadies", sagte der Geschäftsführer des Nationalen Olympischen Komitees von Kanada auf die Frage, ob die USA in der Medaillenbilanz dieser Spiele noch einzuholen seien.
Auch die Kritik am 117 Millionen Dollar (82 Millionen Euro) schweren Exzellenzprogramm „Own the podium" ist längst verstummt, seit Charles Hamelin im Shorttrack, Snowboarder Jasey Jay Anderson im Parallel-Riesentorlauf und die Herrenmannschaften im Eisschnelllauf, Shorttrack und im Curling das Land zum Teil unverhofft in den finalen Goldrausch versetzt haben. „Ruhm gibt es nicht umsonst", schrieb die National Post nun milde. „Aber wir müssen noch mehr tun."
In der Vorbereitung auf die Olympischen Sommerspiele 2012 in London will die Regierung noch einmal 22 Millionen Dollar (15,3 Millionen Euro) für Medaillen ausgeben.
Vor einer Woche waren positive Äußerungen über die heftig umstrittene „Own the podium"-Kampagne fast noch undenkbar gewesen. „Wir ziehen uns um, kreischen und verlieren", klagte die Vancouver Sun nach einer Pechsträhne der Kanadier im sonnigen ersten Teil der 16 Tage, „Blown the podium" (Das Podium vergeigt) sei sicherlich der passendere Slogan. Inzwischen haben die Medien jedoch sogar einen „neuen Patriotismus" ausgemacht, ähnlich jenem, der in Deutschland anlässlich der Fußball-WM 2006 ausbrach.
Für Olympia-Organisator John Furlong steht auch fest, dass die Spiele die Stadt Vancouver verändert haben: „Ich habe Bürgermeister Gregor Robertson schon gesagt, dass er eine ganz andere Stadt zurückbekommt." Möglich, dass Robertson darüber hinaus bald von Furlong beerbt wird. Eine Mehrheit will ihn als nächsten Bürgermeister. (sid, red, DER STANDARD, Printausgabe, Montag, 1. März 2010)