Fragwürdige Zusagen für Entwicklungshilfe

Franz Fischler, 26. Februar 2010 18:39

Österreich ist immer mit dabei, wenn es ums Versprechen geht

Oktober 1970, Österreich stimmt dem Uno-Beschluss zu, bis Mitte der 1970er-Jahre 0,7 Prozent des Bruttonationalprodukts (BNP) für Entwicklungszusammenarbeit zu leisten. Österreichs Leistung 1975: 0,21 Prozent.

September 1975, Österreich stimmt dem Uno-Beschluss zu, die Erfüllungsfrist des 0,7-Prozent-Ziels bis Ende der 1970er-Jahre zu verlängern. Österreichs Leistung 1979: 0,19 Prozent.

Juni 1992, Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro: Die Industrieländer inklusive Österreich bekräftigen ihre 0,7 Prozent-Zusage, Umsetzungsziel ist das Jahr 2000. Österreichs Leistung 2000: 0,23 Prozent.

Juni 1997, Österreich unterstützt die Resolution zur intensiveren Umsetzung der Riovereinbarung inkl. 0,7-Prozent-Versprechen. Österreichs Leistung 1997: 0,24 Prozent.

September 2000, Millennium Summit in New York: Beschluss der Millennium Development Goals mit Unterstützung Österreichs mit dem Unterziel für Industrieländer, 0,7 Prozent des BIP für Entwicklungsländer bereitzustellen. Österreichs Leistung 2000: 0,23 Prozent.

März 2002, Internationale Konferenz über Entwicklungsfinanzierung in Monterrey, in dessen Schlussbericht die EZA-Quote und deren Erfüllung behandelt wird. Österreichs Leistung 2002: 0,26 Prozent.

Februar 2006: EU-Zeitplan zur Erfüllung der 0,7-Prozent-Ziele wird angenommen; 0,56 Prozent bis 2010 als Zwischenziel, bis 2015: 0,7 Prozent.

Österreichs Leistung 2006: 0,47 Prozent. Prognose für Österreichs Leistung 2010: 0,29 Prozent. (Aus: Die 20 Stigmata der österreichischen Official-Development-Assistance-Quote.)

Die Tatsachen sprechen für sich. Österreich ist immer mit dabei, wenn es ums Versprechen geht, und immer mit dabei, wenn es um das Brechen all dieser Versprechungen geht. Der einzige mildernde Umstand ist die Tatsache, dass Österreich nicht das einzige Land ist, das seine Versprechen trotz Anwendung von viel "kreativer Buchhaltung" nicht einhält.

Nach Berechnungen der Österreichischen Forschungsstiftung für internationale Entwicklung, haben wir in den letzten 30 Jahren rund 20 Milliarden US-Dollar bezahlt und mehr als 30 Milliarden US-Dollar sind wir den Armen der Welt schuldig geblieben.

Warum wundern wir uns dann, wenn unsere Zusagen von den Entwicklungsländern und von den internationalen Organisationen nicht mehr ernst genommen werden?

Mit welchem Recht fordern wir eine 100-prozentige Erfüllung von deren Zusagen, z. B. gegenüber dem IWF, ein? Oder nehmen wir uns selbst nicht mehr ernst? (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27./28.2.2010)

Zur Person

Franz Fischler, promovierter Agronom, war Landwirtschaftsminister und EU-Agrarkommissar. Derzeit ist er Präsident des Ökosozialen Forums.

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Ndugu
08.03.2010 14:13
Danke!

Endlich nennt einmal jemand die Dinge beim Namen!
Österreich hat sich in diesem Bereich wirklich alles andere als einen guten Namen gemacht; was andere (ähnlich kleine) Länder betriftt:
Irland oder Schweden z.B. haben die 0,7% längst erreicht und streben inzwischen 1% an.

leser 4712
28.02.2010 16:15
genauso glaubwürdig

sind diese herrschaften, wenn sie "versprechen" die steuern nicht zu erhöhen, mehr für's volk (im eigenen land zu arbeiten), gerecht zu sein und, und, und (liste lässt sich fortsetzen).

das einzige, was für diese "herren" interessant ist, sind die städte, wo sie hinfahren dürfen, um nicht einhaltende zusagen zu geben. streicht ihnen einfach die reisekosten, kürzt die anzahl der parlamentarier, passt die pensionen dem asvg an und erhöht dafür die entwicklungshilfe für die, die's wirklich brauchen!

nina yankow
28.02.2010 12:42

danke für den beitrag, aber wieso bitte sollte es ein "mildernder umstand" sein, wenn andere regierungen dasselbe spiel spielen?

Angie Jan
27.02.2010 18:29
Mit den Entwicklungshilfezahlungen

werden sowieso nur schweizer Bankkonten gemästet. Ergo sind auch 0,29 Prozent des Bruttonationalprodukts immer noch viel zu viel.

Wieviel Demokratie ist es bitte?
27.02.2010 10:04
Wir können nichts schicken


Österreich hat selber nichts mehr.

Ein Blick ins Parlament genügt:

http://static2.orf.at/vietnam2/... n2_big.jpg

PetFri
27.02.2010 04:34
Zuallererst:

Es heißt korrekt "Entwicklungszusammenarbeit" und nicht "Entwicklungshilfe". Letzteres ist herabsetzend, geradezu faschistisch. Einfach grauslich und entwürdigend. Die brauchen doch keine Hilfe! Ein konstruktiver Vorschlag: Man könnte noch gendern: "EntwicklungszusammenarbeitIn" oder so ähnlich...

+DieMeinung+
26.02.2010 18:51
Einfache Frage

Na und was hat all die Entwicklungshilfe gebracht ?

Den Afrikanern geht es heute schlechter als jemals zuvor. Durch subventionierte Waren aus aller Welt bricht die gesamte lokale Produktion zusammen und einige afrikanische Staaten beginnen bereits ihr Land zu verkaufen ...

johannes schenk1
28.02.2010 19:25
vieleicht zu einfache Frage?

Wo wäre "Afrika" - wenn wir das so schön über einen leisten scheren wollen - ohne entwicklungszumsammenarbeit heute?
das ist eine der eigentlichen fragen.
eine andere; warum ist afrika nicht dort, wo es sein könnte?
wieviel schuld haben daran die nichtafrikanischen handelnden länder, und wieviel die afrikanischen selbst?
oder: wieviel haben die entwicklungsgelder zahlenden länder zugleich mit ihrer unterstützung mit anderen maßnahmen zerstört?
oder: wer erzählt von dem leid das der kalte krieg nach afrika gebracht hat?
oder...
wollen sie wirklich so komplexe themen mit so "einfachen fragen", die eigentlich einfache oder besser: "simple antworten" sind, abhandeln?

buff flyer
28.02.2010 23:50
nüchtern betrachtet gibts zwei möglichkeiten

weiterwurschteln, geld verplempern u/o in die schweiz schaffen ohne jedes ergebnis oder re-kolonialisierung. für zweiteres fällt europa und amerika wohl aus, bleiben china und indien. naja, und so wirds wohl auch kommen.

jetzt ohne maghreb und ohne südafrika, damit es nicht zu pauschal wird.

buff flyer
28.02.2010 18:35
afrika ist der verlierer der kalten krieges

seit 1989 interessiert es keinen mehr: die europäer haben ihre investitionsmöglichkeiten vor der haustür und die politisch motivierten geldgeber sind ausgefallen.

insofern ist das engagement der chinesen etc nicht unbedingt das schlechteste: das können möglicherweise interessen gleichgeschaltet werden, was mit europa oder amerika sicher nicht mehr geht.

Jesus "George W. Bush" Christus
27.02.2010 19:37

Das ist nicht ein Resultat von Entwicklungshilfe (auch, wenn die nicht optimal gemanaged wird), sondern primär das Resultat unseres Agrar-Protektionismus. Wollen Sie afrikanichen Ländern einen Markt für Agrar-Produkte geben? Dann müssen wir (EU, USA) aufhören, unsere Agrarproduktion zu subventionieren und Quoten abschaffen.

Nicht nur haben afrikanische Länder dann die Chance, ihre lokale Agrarwirtschaft zu retten - sie können dieser Agrarwirtschaft auch internationale Exportmöglichkeiten geben. (Und wenn Importgenehmigungen dann an sozialen Zielen orientiert sind, hat Afrika für die nächsten 20 Jahre (mindestens) Wachstumsmöglichkeiten.

Ernst Kratochwil
27.02.2010 22:08
Ist das nicht nur eine Ausrede die keiner Prüfung standhält?

Immer wenn man fragt wo das nun konkret wäre, wo die lokale Produktion durch die subventionierte Landwirtschaft ruiniert wird, kommt wenig Konkretes an Antwort.

Und das Wenige erweist sich dann meistens als sehr fadenscheinig. D.h. es werden dann Staaten genannt die ein mittelalterliches Sytem der Landwirtschaft haben, die noch dazu mehr als 40% der Bevölkerung beschäft, die sich in den letzten Jahrzenten dazu verdoppelt hat und die noch oft auf Importe angewiesen ist.

Dass das - unabhängig ob es eine subventionierte Konkurrenz gibt oder nicht- nicht funktionieren kann ist logisch.
Entweder sind die Preise zu niedrig (Subventionen) oder zu hoch (Biosprit) - Schuld sind auf jeden Fall immer die Industriestaaten.



Jesus "George W. Bush" Christus
28.02.2010 21:14

Weil Sie unbedingt ein bestimmtes Land wollen: Senegal.

Früher agrarwirtschaftlicher Selbstversorger, dann wurde der Markt durch subventionierte Überschüsse aus der EU ruiniert, die unter dem lokalen Marktpreis angeboten wurden. Jetzt sind die Preise gestiegen, die lokale Produktion wäre wieder günstiger, aber die Bauern sind weg.

Ernst Kratochwil
28.02.2010 21:42
Das steht aber in Wikipedia anders

und wenn Sie dort genau die Kennziffern studieren, werden Sie bemerken dass ein durch EU-importe ruinierte Landwirtschaft wirklich nicht deren Problem ist.

78% in der Landwirtschaft beschäftigt erzeugen 20% des BIP, müssen Lebensmittel importieren weil die Anbaufläche zu gering ist da für den Export Erdnüsse und Baumwolle angebaut werden, die Bevölkerungszahl hat sich in den letzten 20 Jahren verdoppelt (!) , 65% sind Analphabeten...





nina yankow
28.02.2010 13:08

es macht einen gewaltigen unterschied, ob zB ein land mit viel zuckerrohranbau diesen zucker in "fairem" wettbewerb verkaufen kann, oder ob absetz- und preisgestaltungsmöglichkeiten durch massiv subventionierten zucker aus zuckerrüben eingeschränkt sind (nestlé, cola). wenn 40% der bevölkerung (beschäftigte in der landwirtschaft), mehr mit ihrem beruf verdienen würden, können sie auch ihre kinder länger zur schule schicken und es gäbe geld zum investieren in maschinen/geschäfte/firmen. wenn die agrarbeschäftigten, kooperativen und auch viele großgrundbesitzer nicht (viel) mehr verdienen, als sie zum leben brauchen, kann die entwicklung nur stagnieren (außer investoren würden eine neue industrie, zB im bereich neue energien, aufbauen)

Ernst Kratochwil
28.02.2010 13:26
Dafür bekommt die Bevölkerung vor Ort die Waren

billiger und könnte um dieses Geld die Kinder länger in die Schule schicken, oder Maschinen kaufen usw.


Btw von welchem Fall sprechen Sie konkret?

Wessen Zuckerrohrproduktion wird durch wessen Subventionspolitik ruiniert?

nina yankow
28.02.2010 15:38

nein, die bevölkerung vor ort kriegt die waren NICHT billiger. also: in manchen ländern arbeiten um die 40% in der landwirtschaft, ohne option, mit etwas anderem geld zu verdienen (weil dafür eben zu wenig überschüsse da sind), und wenn diese menschen wegen der subventionen der EU und USA ihre güter für weniger geld verkaufen können, zB weil nestlé und coca cola für die verwendung europäischen zuckers für ihre exportprodukte jährlich milliardensubventionen bekommen, oder weil obst von der EU auf den markt geschmissen wird, das gleich billig ist wie das selbst produzierte, dann haben diese in diesem sektor der landwirtschaft Beschäftigten weniger einkommen, weshalb sie auch für die produkte aus der EU mehr arbeiten müssen als zuvor.

Ernst Kratochwil
28.02.2010 16:33
Na billiger muß es für die einheimischen dort sein,

wo angeblich mit den subventionierten Waren die einheimische Produktion unterboten wird.

Aber grundsätzlich, wo 40% der noch dazu ständig steigenden Bevölkerung von der Landwirtschaft leben soll, kann nirgendwo viel übrigbleiben.
Das geht wegen der geringen Wertschöpfung nicht.
Die können auch, abgesehen von speziellen Bedingungen, nicht konkurrenzfähig sein, zu Staaten wo 5-10% in der Landwirtschaft arbeiten. Mit und ohne Subventionen.


Sie haben nicht auf meine Frage um welches Land es konkret geht geantwortet.

nina yankow
28.02.2010 18:47

Vielleicht sollten Sie sich auch mal ein paar grundlegende informationen ansehen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Expo... subvention
http://en.wikipedia.org/wiki/Agri... al_subsidy
http://tinyurl.com/yc5lbm5

Die Welthungerhilfe zu Exportsubventionen:
http://tinyurl.com/yc26rfe

Eine Presseaussendung zu den Agrarsubventionen:
http://tinyurl.com/ybbytqu

Ein Tagesschaubericht zu den Subventionen:
http://tinyurl.com/6bfht2

nina yankow
28.02.2010 18:17

ist das so schwer zu kapieren? wenn ich wegen US- und EU-subventionen weniger verdiene, dann habe ich nix davon, wenn ich "dafür" lebensmittel kaufen kann, die mit den heimischen produkten preismäßig konkurrieren können (obwohl westliche löhne für die herstellung gezahlt wurden und transportkosten dazukommen) - und jene leute, die sie kaufen können, die schaden damit dem heimischen markt. und was für einen nutzen irgendein afrikaner davon haben soll, dass nestle, cola & co produkte mit subventioniertem zucker & öl & weizen exportieren, das müssen Sie mir bitte auch mal erklären.

das betrifft nicht nur einen bestimmten staat, sondern so ziemlich alle entwicklungsländer, die lw. rohstoffe & lebensmittel exportien

byron sully
27.02.2010 14:07

"Durch subventionierte Waren aus aller Welt bricht die gesamte lokale Produktion zusammen"

so ist es. aber eben das ist nicht entwicklungshilfe, sondern kapitalistischer neokolonialismus (wobei es freilich auch länder wie simbabwe gibt, die sich ganz ohne beitrag des erste-welt-kapitalismus selber zugrunde wirtschaftet haben).

nina yankow
28.02.2010 13:10

simbabwe ganz ohne beitrag der ersten welt? wenn fast alle großgrundbesitzer weiße überbleibsel des kolonialismus sind, kann man das nicht wirklich so sagen.

byron sully
28.02.2010 16:26

ich rede nicht von den 1970er jahren, ich rede von heute.

Josef Obermaier
26.02.2010 19:38
was hat all die Entwicklungshilfe gebracht ?


Jahr Bevölkerung in Millionen
-10000 4
-1000 50
-750 60
-500 100
-400 162
-200 150
1 170
200 190
400 190
500 190
600 200
700 207
800 220
900 226
1000 310
1100 301
1200 360
1250 400
1300 360
1340 443
1400 350
1500 425
1600 545
1650 470
1700 600
1750 790
1800 980
1850 1.260
1900 1.650
1910 1.750
1920 1.860
1930 2.070
1940 2.300
1950 2.400
1960 3.020
1970 3.700
1974 4.000
1980 4.430
1987 5.000
1990 5.260
2000 6.070
2050 9.000 (Extrapolation)

buff flyer
28.02.2010 22:34
die extrapolation setzt auf eine reproduktionrate von 2,35 auf

2050 ist zu weit weg, weil die frauen noch gar nicht geboren sind. 7,5-8 mrd für 2030 passen ungefähr, aber der rest ist spekulation.

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