Österreich in der Mittelwelle

26. Februar 2010 18:29

Zur Bedeutung des Bisambergs für "drei Nymphen am See", Hörerlebnisse in der Taubstummengasse und was der ORF dem "Kernreiter Rudl" zu verdanken hat - Nachträge zur Vorgeschichte einer Sprengung

Wenn man schon ein Monument wie den Mittelwellensender auf dem Bisamberg zum Einsturz bringt, sollte man dessen Anfänge nicht unerwähnt lassen.

Die hochangesehenen Radioingenieure der Österreichischen Radioverkehrsaktiengesellschaft - kurz Ravag genannt - suchten seinerzeit einen geeigneten Platz für einen modernen Mittelwellensender.

Die Zeit der Detektoren war schließlich vorbei. Nach peniblen Berechnungen wurden sie fündig: Ein ganz bestimmtes Grundstück wurde vermessen und für gut befunden. Genau dieses Grundstück gehörte aber einem gewissen "Kernreiter Rudl". Dieser wies sich als ehemaliger Kutscher eines Erzherzogs aus, was plausibel klang, denn er war noch ordinärer als der Kutscher des ehemaligen Kronprinzen Rudolf namens Bratfisch.

Der "Kernreiter Rudl" verlangte für den Verkauf seiner Wiese nicht nur den zehnfachen Verkehrswert, sondern auch eine Fixanstellung bei der Ravag. Der Handel wurde abgeschlossen, der Sender gebaut und der "Kernreiter Rudl" wurde Kraftfahrer auf einem Übertragungswagen.

Kontinuität im Wandel

Seit meiner Kindheit verfolgte mich das schlechte Programm von Radio Wien. Vor allem Musiksendungen. Der Nachmittag gehörte den sogenannten Salonorchestern. Sie spielten Charakterstücke oder Suiten mit Titeln wie Am Waldesrand, Ein Student geht vorbei, Drei Nymphen am See von Komponisten wie Alois Pachernegg oder Emil Waldteufel. Und alles kam wie ein Tsunami auf Mittelwelle über den Bisamberg .

Diese Welle schwemmte mich auf meiner studentischen Jobsuche in den Himmel: Ich wurde Sprecher und Reporter beim amerikanischen Sender Rot-Weiß-Rot. Dort gab es die beste Musik, die besten Nachrichten, die besten Unterhaltungssendungen. Und unser Sender stand auf dem Kahlenberg.

Der Österreichische Staatsvertrag, ein Glück für die Nation, war ein Unglück für "Rot-Weiß-Rot". Die Amerikaner zogen ab, der Sender wurde zugesperrt. Schluss mit Vergnügt um elf und Fred Ziller, Schluss mit Watschenmann und Radiofamilie, Schluss mit Musik zum Träumen mit Luise Martini und Teddy Podgorski. Jetzt regierten wieder die Nymphen am See.

Wer das Glück hatte, bei Radio Wien als Asylant aufgenommen zu werden, dem öffnete sich im Funkhaus eine Harry-Potter-Welt der Dreißigerjahre. Alle Angestellten trugen weiße Arbeitsmäntel und waren über 40 Jahre alt. Sie waren immer treue Diener des Regimes, sei es bei der Heimwehr, wie der amtierende Direktor Henz, oder bei der NSDAP oder bei beiden. Der Generaldirektor hieß Übelhör und wohnte in der Taubstummengasse.

Es gab im ganzen Haus kein Toilettenpapier. Das wurde nur einmal pro Woche an die Fixangestellten ausgegeben.

Meine Bezugsperson war ein Fixangestellter namens Stockhammer. Er hatte täglich eine schwere Aufgabe zu bewältigen. Er musste eine Sendung mit dem Titel Bericht aus Berlin von 20 auf zehn Minuten kürzen. Ich sollte ihn entlasten. Und es war wirklich nicht leicht. Schließlich sollte ja der Sinn und der Inhalt dieses Berichtes im Wesentlichen erhalten bleiben. Verzweifelt und schwitzend quälte ich den Techniker im Tonstudio. Der meinte schließlich, dass mein Chef, der Herr Stockhammer, viel schneller wäre als ich. Und tatsächlich: Er musste ein Genie sein. Kaum war er im Schneideraum verschwunden, kam er mit der bearbeiteten Rolle schon wieder zurück.

"Wie machen Sie das, Herr Stockhammer", fragte ich ihn. Da lächelte er milde, nahm mich in den Schneideraum mit, startete das Tonband und schnitt es nach zehn Minuten ab. Voila!

Himmelfahrtskommando

Nach diesem lehrreichen Einstieg in die Mittelwelle durfte ich auch manchmal auf Reportage fahren. Einmal zum israelischen Botschafter. Mit dem "Kernreiter Rudl". Ein Himmelfahrtskommando. - Der Botschafter war sehr nett und bot mir nach dem Interview ein Glas "Carmel Wein" an. Ich lehnte ab mit dem Hinweis auf den wartenden Fahrer. Jetzt rief der Botschafter, trotz meiner flehentlichen Proteste, den "Kernreiter Rudl" herein.

Das konnte nicht gutgehen.

Der Botschafter war aber gut aufgelegt und erzählte einen jüdischen Witz: Sitzen zwei Juden in einem Hotel in Tel Aviv. Sagt der eine zum anderen: "Entschuldigen Sie, von wo sind Sie?" Sagt der andere: "Aus New York." - "Aus New York? Allerhand. Was machen Sie in New York?" - "Ich hab eine Zeitung." - "Sie haben eine Zeitung? Wie heißt die Zeitung?" - "Semit." - "Semit? Und davon können Sie leben?" - "Die Goim lesen verkehrt: Times."

Der Botschafter erstickte vor Lachen. Der "Kernreiter Rudl" wurde immer argwöhnischer. Erstens schmeckte ihm der "Carmel Wein" nicht, und zweitens hatte er den Witz nicht verstanden.

Dann erzählte der Botschafter noch, leutselig wie er war, über das Leben in Israel. Er beklagte, dass alles teurer wird, dass die Fußballer schlecht spielen, dass die Autobusse unglaubliche Verspätungen haben und die Politiker machen, was sie wollen.

Der Groschen fiel

Dann machte er eine Pause, um noch etwas "Carmel Wein" zu holen. Und in diese Pause sagte der "Kernreiter Rudl": "Also des is guat, sehr guat! Des is ja genauso wie bei uns - bei de Weißen."

Vielleicht denken Sie, dass das nicht hierher gehört. Ich glaube schon. Man hätte das alles sagen sollen, bevor man den Mittelwellensender auf dem Bisamberg gesprengt hat.

Die Explosion wäre viel prächtiger ausgefallen. (Thaddäus Podgorski/DER STANDARD, Printausgabe, 27./28.2.2010)

Zur Person

Der Schauspieler, Autor und Regisseur (Jahrgang 1935), war von 1986 bis 1990 ORF-Generalintendant.

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    14 Postings
    Laandaks
    27.02.2010 19:48
    Mittelmaß in der Selbstlobwelle...


    Das hat die Bacher-Mannschaft immer schon ausgezeichnet: Die ausgeprägte Neigung zu Selbstlob und Selbstbespiegelung.

    Aber der Witz mit der "Times" war wirklich gut. Insofern war der Artikel nicht unnötig.

    moshe dayan
    27.02.2010 14:13
    großartig zu lesen

    schöner schöner artikel. danke vielmals dafür.

    Ava Tar
    27.02.2010 10:32
    zwischenzeitlich

    ist Herr Teddy dann auch Chef von diesem - übrigens herrlich beschriebenen, danke! - Vollkofferhaufen geworden und kann sich dank Absurdvertrag mit Traumpension mehr Klopapier leisten, als er jemals wird verbrauchen können ;o)

    heiliger strohsack!
    27.02.2010 09:19
    Und wieder ein Stück echtes Österreich verschwunden...

    ...oder wollte da ein Herr Karl Spuren verwischen?

    austromir
     
    27.02.2010 08:20
    Teddys Lehr- und Wanderjahre

    sind immer wieder interessant und amüsant. Der "Stockhammer-Schnitt" war noch Jahrzehnte später eine Legende im Funkhaus. Der ernstere Hintergrund zur Sprengung: Die Mittelwelle könnte wieder, wie einst in RAVAG-Tagen, ein europaweit in guter Qualität zu empfangendes Programm transportieren. Die Digitalisierung macht's möglich. Leider spielt die Industrie nicht mit. Sender gibt es bereits oder sie ließen sich leicht konvertieren. Die Sendekosten (Strom) sind bis zu 90% geringer. Empfänger gibt es auch - nur kennt sie niemand, weil sie nicht beworben werden. Siehe http://www.drm.org/ . Danke, Teddy Podgorski, für Ihre Reminiszenzen.

    watzlilaus "walmoerder" wondratschek
     
    27.02.2010 08:17
    Gnade der spaeten Geburt

    Ich habe nur Erinnerung an die 60er, wuchs aber im dumpfkatholischen Milieu auf: Die geschilderten Zustaende erscheinen mir aber durchaus plausibel.

    Danke, Teddy, und denjenigen Deiner Generation, die begonnen haben, diesen Mief beiseite zu raeumen!

    Heinz Anderle
     
    27.02.2010 06:55
    Stand der "Rot-Weiß-Rot"-Sender nicht auf dem Wilhelminenberg?

    Der Bisamberg lag in der sowjetischen Zone.

    Die beiden Sendemasten auf dem Bisamberg wurden von den Amerikanern zuerst 1951 in Kronstorf (OÖ) an der Enns aufgestellt, um "Rot-Weiß-Rot" ins sowjetisch besetzte Niederösterreich auszustrahlen.

    Neben dem "Watschenmann" hatte der Sender übrigens einen noch früheren Hit: "Wir lernen denken" (1945 - 1946, dann wegen Unruhestiftung oder Nutzlosigkeit abgesetzt).

    Dr. Heinz Anderle, Freigeist

    Iris Hajicsek
    Iris Hajicsek
    27.02.2010 04:32
    *Thumbs up*

    Ein herzliches Dankeschön für die Vermittlung dieser unerwarteten alternativen Sichtweise auf die Sprengung des Senders Bisamberg. Samstag 4 Uhr früh - und schon ist das Wochenende von der Stimmung her gerettet. :-) Ich hoffe, bald noch mehr von dieser satirischen Qualität hier lesen zu dürfen! Vielleicht wird noch eine Medienkolumne daraus?

    santa fe
     
    27.02.2010 01:02

    super artikel.

    Andres Wood
    27.02.2010 00:30
    Eines unterschlägt der Teddy Podgorski aber völlig...

    Interessant, daß ich als 1962 Geborener alle die von ihm genannten "Radio Rot-Weiß-Rot" Sendungen, wie "Beschwingt um elf", "Watschenmann" oder "Musik zum Träumen" kenne. Die liefen nämlich in den 70er und (teils) bis tief in die 80er Jahre hinein auf OE3.

    Richtig: der ORF hat sowohl die Sendungen, wie das Personal übernommen. Also so schlimm war das Unglück für Radio Rot-Weiß-Rot nicht, vor allem durch den Weitblick eines Gerd Bacher in den späten 60ern.

    Außerdem ist der Beitrag sehr polemisch und geht mit keinem Nebensatz auf das gestorbene MW Engagement des ORF ein. Wie verzopft, konservativ und unkreativ der ORF 1950 war? Das waren alle staatl. Institutionen damals, vom Burgtheater bis zur Kammer der Filmschaffenden...

    Michael Pronay
     
    28.02.2010 09:52
    Nur der guten Ordnung halber . . .

    . . . aber der Watschemann wurde auf Ö1 wiederbelebt, ich kann mich (als 1953 geborener) noch gut daran erinnern, muss in der zweiten Hälfte der 60er gewesen sein.

    Insofern hatte T. P. sehr wohl recht.

    Tipp-Assistent
    27.02.2010 14:20
    Sie scheinen um 0:30 schon einiges durcheinanderzubringen

    1. Die Einstellung von Radio Rot-Weiß-Rot war 1955, Gerd Bachers ORF-Reform kam erst 1967.

    2. Der Watschenmann war bis in die frühen 70er auf Ö1, nicht auf Ö3.

    3. "Beschwingt um 11" war eine unmoderierte Sendung, wo einfach eine Platte nach der anderen gespielt wurde. (Ö 3 stimmt). Podgorsky spricht von einer Sendung "Vergnügt um 11".

    4. Von 1950 ist im Artikel nichts zu lesen. Podgorsky spricht von der Zeit zwischen 1955-1967.

    Andres Wood
    27.02.2010 18:53
    Teils richtig...

    Ich lasse mich gerne korrigieren, soferne sich Ungenauigkeiten einschlichen.

    "Der Watschenmann war bis in die frühen 70er auf Ö1,"

    Punkt für Sie, ändert aber an meiner Kernaussage nichts.

    "Die Einstellung von Radio R-W-R war 1955, Gerd Bachers Orf Reform 1967"

    Habe nie anderes behauptet! Man kann ja Personal und Konzept auch 12 Jahre später übernehmen.

    "Von 1950 ist im Artikel nichts zu lesen..."
    Podogorski spricht von seiner Tätigkeit bei Radio R-W-R, also vor dessen Einstellung 1955. Darauf bezog ich mich. Hätte aber vielleicht exakter 1953 oder 1954 lauten sollen = "ca. 1950" wäre besser forumliert gewesen.

    Aber auch das sollte an der Kernaussage nicht ändern: Die allgemeine Verzopftheit Anfang der 1950er.

    yesterday came suddenly
    27.02.2010 18:48
    ad 3)


    "Vergnügt um 11" gab es auch noch zumindest in der 2.Hälfte der 1950er Jahre auf 'Wien II' (kann aber auch sein 'Wien I') und war "unmoderiert".
    Zu Beginn der Sendung wurden alle folgenden Interpreten im Schnelllauf aufgezählt und groß war bei uns Kindern der Jubel, wenn nicht nur Lolita oder Fred Bertelmann, sondern Freddy, Peter Kraus, oder gar Elvis Presley, Paul Anka, oder Harry Belafonte angesagt waren.
    An moderierten "Schlager"-Sendungen sind mir die "Polydor-Hitparade" am Samstag, sowie "Gut aufgelegt" (Eva Maria Kaiser) jeweils Anfang der 1960er in Erinnerung.

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