Wäre es besser gewesen, meine Großmutter oder Jackson C. Frank gewesen zu sein - Ich muss entscheiden
Grobe Hausfrau oder kaputter Künstler? Das sollte mich weiterbringen.
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Gestrandet auf ihrem Doppelbett wie ein Walfisch las meine Riesengroßmutter vom Morgen bis zum Abend erotische Romane. Keine Spur von Nachdenklichkeit. Ich vermisse Jackson C. Frank, den verkrüppelten Sänger. Großmutter knackte Walnüsse mit dem Messer. Sie stach mit der Spitze in die weiche Mitte rein. Als ihr das Messer entglitt, schnitt sie sich tief. Hier geht es nicht um meine Großmutter. Leider kommt man an ihr nicht so leicht vorbei. Sie nahm eine Gabel aus dem Waschbecken und griff mich an. Diese derbe und rauflustige, derbe und rauflustige, derbe und rauflustige Frau kennt keinen Blues. Jackson C.
In einer Schule in Amerika, während des Musikunterrichts, explodierte ein Tank auf dem Gang. Die Feuerwalze drang bis ins Klassenzimmer und brannte die Schulkinder ab. Ein Junge blieb übrig mit Narben und Depressionen und lernte Gitarre spielen. Auf dem Foto ist er meinem Onkel vielleicht ein bisschen zu ähnlich. Als meine Großmutter mich mit dem Bild in der Hand sah, schloss sie daraus, dass in unserer Familie verbotene Leidenschaft herrscht. 22 Jahre nach dem Feuer lag Jackson C. Frank, der Übriggebliebene, im Hotelzimmer und dachte mit großer Sehnsucht und Gleichgültigkeit an Marlene, ein Mädchen aus seiner Klasse. Ihr Foto ist irgendwo im Internet zu finden: elf Jahre, schwarz-weiß. Sein Foto ist auch im Internet: ungefähr fünfzig, einäugig, schwarz-weiß, mit der Gitarre. Mein Foto ist übrigens auch leicht zu finden. In Farbe.
Wie alles andere auch, zu singen, zu erzählen ist ein Gemütszustand. Seine Freunde in den Bars, alles, was sie sahen, waren seine Narben, und ihm war es längst egal, dass er Marlene liebte. Plötzlich begriff er im Rausch, dass alle weggehen sollten. Weg mit euch! - Herein mit Marlene. Why don't you let Marlene come in. Um mich dazu zu bringen, das Lied leiser zu machen, bewarf mich meine Großmutter mit einem Pantoffel. Dann hörte ich es noch zehnmal, doppelt so laut. Why don't you let Marlene come in.
Persönlich gekannt habe ich ihn natürlich nicht. Seine Schulkameraden sind verbrannt. Depression. Paul Simon hat sein Album produziert. In einer Schießerei verlor er das linke Auge. Sein Kind starb. Er konnte keine brauchbaren Lieder mehr schreiben. Er wurde obdachlos. War er nett?
Meine Großmutter kannte ich dagegen recht gut: Sie wärmte jeden Tag um fünf, um elf und dann am Abend ihren Kaffee auf. Einmal tötete sie fast die ganze Familie mit Rattengift, als sie es aus Versehen statt Mehl in die Nudelsauce eingemischt hatte, aber das wissen schon alle. In Wirklichkeit waren wir nie in Gefahr, da niemand, nicht mal sie selbst, aus ihren Töpfen aß.
Die einzige tragische - und weniger groteske - Geschichte über meine Großmutter spielte sich während des Krieges in einem Partisanenlager ab. Zu ihrem Geburtstag hatte sie für die Soldaten einen Kuchen gebacken, den sie am Fenster bis zum Mittagessen aufbewahren wollte. Kaum hatte sie sich umgedreht, war der Kuchen weg. Die Soldaten, die Idioten, hätten ihn gestohlen und heimlich alleine aufgegessen.
Wenn ich an meine Großmutter denke, denke ich an einen Kugelkörper und seltsame Geräusche, die sie beim Gehen, dank ihrer kaputten Hüfte, produzierte. Kleinigkeiten, ihre dünne, durchsichtige Strumpfhose.
Wenn ich an den Sänger denke, denke ich an das Foto, die Lieder und die wenigen biografischen Stichwörter. Wir brauchen jeweils ein Foto oder eine Zeichnung von unserem Lieblingssänger oder Künstler oder Wissenschaftler, um an ihn denken zu können. Letztendlich wäre es völlig egal, wenn man diese Bilder vertauschen würde, behaupte ich jetzt mal zur Probe. Ich behaupte, das Bild hier könnte auch durch eines von Freddie Mercury ersetzt werden. Hm. Nein, das stimmt nicht, Depro-Chic und camp-schrill vertragen sich nicht so gut. Dafür könnte man aber Michael Jackson und Freddie und sogar Mick Jagger ohne Bedenken durcheinanderwürfeln. Und all die Wissenschaftler und Singersongwriter untereinander sowieso.
Jackson C. Frank, wie auch immer er aussah und wie auch immer er war. Jackson C. Frank, wie wir ihn gern in wenigen Sätzen beschreiben. Jesus, der Märtyrer mit Alkoholproblem. Der Mann, der die Lieder geschrieben hat, die er geschrieben hat. Der Junge, der seine Freunde im Feuer verlor.
Das innere Leben meiner Großmutter ist mir ein Rätsel. Sie ist längst tot, und in den letzten Worten ging es ums Geld. Aber nicht so, wie es einem Geschäftsmann ums Geld geht, sondern einem Kriegskind, dazu einer geschiedenen ungebildeten alleinerziehenden Mutter: ob es genug geben wird. Erstaunlich selbstlos. Ich hätte von ihr erwartet, dass sie sich im letzten Moment in einen Dämon verwandelt und uns mit in den Tod zieht, aber das muss mein Problem bleiben. Vielleicht besaß sie eine mir unbekannte Tiefe, aber es sah für uns so aus, als sei da nicht viel mehr als die Sorge um Lichtschalter und Türschloss: An. Aus. Offen. Zu. Zu? Zu. An? Aus. An? An? Bitte, aus. Zu.
Jackson C. Frank litt, und das verstanden alle, solange die Lieder schön waren. Mit der Zeit wurde er immer verrückter, sang nur noch schlecht, verlor Kinder und wurde dick. Ich war vier, als er in New York verzweifelt versucht hatte, Paul Simon zu finden und stattdessen auf der Straße blieb. Obdachlos, wegen Schizophrenie behandelt, die er nicht hatte, schließlich wurde er von Freunden gefunden und in Woodstock untergebracht. Bevor er New York verließ, saß er eines Tages am Strand und verlor das linke Auge in einer Random-Schießerei, und so weiter.
In ihren letzten Jahren war meine Großmutter: zu schwer, verrückt, böse, senil, mit kaputter Hüfte, sonst gesund, verließ nie unsere Wohnung. Jackson C. war: obdachlos, zu schwer, verrückt, depressiv, kaputt, mehrfach krank, blind oder halbblind, talentlos.
Sie war 30 Jahre älter als er, als sie starb. Zwei Kinder, zwei Enkelkinder, eine Wohnung (im Scheidungsprozess gewonnen), nie gelitten, immer geschrien, befohlen, gedroht und gekämpft.
Er hatte nichts.
Am Tag vor ihrem Tod, als die Mitglieder meiner Familie sie packten, um ihre schon völlig verklebten Haare zu schneiden und ihren 150 Kilo schweren Körper zu waschen, schrie sie aus vollem Hals: "Lasst mich in Ruhe. Ich bin die Herrin der Familie!" Nach der Beerdigung hieß es: "Sie war eine mächtige Frau mit einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit." Dann wurde sie immer seltener erwähnt.
Eine einfache Frage
Der Sänger dagegen wird nach seinem Tod immer wieder von völlig fremden Leuten ausgegraben. Ein europäischer Nick-Drake-Fan kommt zu dem anderen und sagt, dass er jetzt weiß, von wem Blues run the game stammt. "Oho?", sagt der andere. "Ja", sagt der erste, "von einem total armen, unbekannten Sänger. Und das ist schon ein Grund, ihn zu lieben. Eine tragische Gestalt."
Wir versuchen richtig, erfolgreich und gut zu leben. Wir wollen nicht zum Ende kommen und uns fragen müssen: "War es das jetzt?" "Wieso habe ich nicht mehr/weniger gearbeitet; wieso habe ich nicht mehr/weniger Spaß/Sex/Freunde/Kinder/Kuchen gehabt?" Aber es ist so schwer, ein Rezept für das gelungene Leben zu finden. Deshalb stelle ich mir eine einfachere Frage: ob es besser wäre, meine Großmutter oder Jackson C. Frank gewesen zu sein.
Statt zwischen unendlich vielen Existenzmöglichkeiten muss ich in dem Fall nur zwischen zwei konkreten Biografien entscheiden. Zwischen der groben Hausfrau und dem kaputten Künstler. Das sollte mich weiterbringen.
Ich hätte im Prinzip nichts dagegen, auf meinem Bett Tag und Nacht erotische Romane zu lesen. Das bringt der Großmutter einen ersten Punkt. 0:1.
Die linke Zahl ist immer der Musiker, die rechte immer meine Großmutter.
Lieber würde ich meine Verwandten nicht mit der Gabel angreifen, was meine Großmutter gemacht hat, und was der Sänger nicht gemacht hat. Damit gleicht er auf 1:1 aus. Das Lebensbewertungssystem funktioniert einfach. Jede positive Tatsache bringt einen Punkt, und jede negative einen Punkt für den Gegner.
Zum Beispiel möchte ich die Zuneigung zum Blues behalten, wie der Sänger, und unnötige Konflikte vermeiden, im Unterschied zu meiner Großmutter. Dadurch verliert sie zwei Punkte, einen für Nicht-Blues und einen für Konflikte, also zählen wir 2 mehr für Jackson C. Frank. 3:1.
Weiter im Text steht, dass er Freunde im Feuer verlor und mit Ganzkörperverbrennungen und akuten Depressionen herumlief. Niemand würde sich so etwas wünschen. Diese drei Sachen: 1) der Verlust der Freunde; 2) die Narben; und 3) die Depression; sind eindeutig negativ. Damit muss Jackson C. seine Führung abgeben und sich vorübergehend mit 3:4 begnügen.
Es wird vielleicht bis zum Schluss so spannend bleiben. Mir ist das Ende jedenfalls auch unbekannt. Alles live. Zwei Leben werden verglichen, nur eines kann gewinnen.
Im nächsten Duell geht es um Fertigkeiten und Verrücktheiten. Gitarre spielen können wie Jackson C. wäre gut. Perverse Geschichten auf Unschuldige projizieren wiederum nicht. Zweiteres bezieht sich auf die abseitigen Fantasien meiner Großmutter über Vergewaltigungen, verbotene Begierden und Sünden in unserer Familie, die sich vermutlich aus ihren erotischen Romanen speisten. Damit kassiert der Sänger noch zwei Punkte. Einen für seine Fertigkeit mit der Gitarre und einen zweiten dafür, dass er weniger pervers war als die 80-jährige serbische Rentnerin - es steht 5:4.
Gleich darauf erhöht er auf 6:4 mit dem edlen Gedanken an Marlene. Why don't you let Marlene come in.
Andererseits reduziert die Tatsache, dass er nach so vielen Jahren den Unfall noch nicht verarbeitet hat, seinen Vorsprung auf 6:5.
Einen weiteren Punkt bringt dem Sänger die Bekanntschaft mit Paul Simon ein bzw. das Album, das damals aufgenommen wurde. 7:5.
Das verlorene Kind, das verlorene Auge und die Obdachlosigkeit des Amerikaners regenerieren die Gegnerin. Wir haben einen Zwischenstand von 7:8.
Wegen meiner Annahme, dass er nett war, erhöht er auf 8:8, und da es nicht sehr verlockend klingt, aus Senilität die Familienangehörigen fast umzubringen, was mit der Großmutter in Verbindung gebracht werden kann, stehen wir bei einem 9:8 für ihn.
An dieser Stelle gewinnt die Großmutter Punkte für jeden relativ gut erzogenen und relativ gesund ernährten Menschen, um den sie sich gekümmert hat (mit mir sind es drei) und geht mit 9:11 wieder in Führung.
In der Folgezeit drängt der Musiker auf einen neuen Treffer mit seinem künstlerischen Lebensstil im Gegensatz zu Großmutters Agoraphobie. 10:11.
Mit der Selbstlosigkeit in ihren letzten Worten verwertet sie die Chance zum 10:12 und noch einen Zähler bringt die im Scheidungsprozess gewonnene Wohnung. 10:13.
Sie ist zwar angeblich zu Hause im Schlaf gestorben, aber wochenlang davor war sie halbtot und in einem monströsen, erbärmlichen, unmenschlichen Zustand. Jackson C. verbrachte seine letzten Tage im Krankenhaus mit einer Lungenentzündung und anderen Beschwerden. Auch das muss unangenehm gewesen sein, aber organisierter. 11:13. So endet der Kampf mit dem elften Punkt für den Amerikaner, wegen seines Todesstils. Die Siegerin ist trotzdem meine Großmutter mit 13.
Großmutter hat Jackson C. Frank besiegt. Sie ist gut! Mal sehen, wie sie sich gegen Lady Diana schlägt. (Barbi Marković, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 27./28.02.2010)
morris 007
arme barbi, sie sollte mal urlaub am bauernhof machen, die frische landluft macht rosige wangen und bessert die laune!
speckerl
noch nie so einen schwachsinn gelesen.
Zur Person:
Barbi Marković, geb. 1980 in Belgrad, studierte
Germanistik. Seit 2005 lebt sie in Wien. Ihr Debüt Ausgehen erschien im
April 2009 bei Suhrkamp.