Mediale Kultur

Der Hegemann-Hype im Feuilleton

26. Februar 2010, 16:26

Die überhitzte Debatte über Helene Hegemanns Roman legt die Mechanismen des Literaturbetriebs und der Medienkultur bloß

Ich gestehe, ich bin verführt worden: von einer Geschichte über den "literarischen Kugelblitz", der ein "heftiges Romandebüt Axolotl Roadkill" hingelegt hat. Bereits groß angekündigt wurde dann für die Folgewoche ein Porträt im Magazin mit Fotostrecke, sodass man sich auch ein Bild vom "Wunderkind" machen konnte. All das wirkte überzeugend: eine 17-Jährige als neuer Shootingstar der deutschen Literaturszene, das neueste deutsche Fräuleinwunder.

Auf meine Bitte hin schrieb unser Berliner Kollege Bert Rebhandl eine Geschichte über Helene Hegemann, wir haben jene Passage aus dem Magazin-Bericht, in dem sie über ihre Wien-Erfahrungen berichtet, zitiert. Ein paar Tage nach dem im Standard erschienenen Porträt wurde bekannt, dass das literarische Wunderkind Teile seines Buches von einem Blogger namens Airen abgeschrieben hat.

Darauf teilte sich das publizistische Lager: in diejenigen, die Hegemann trotz allem weiter als literarisches Ausnahmetalent feierten, und die anderen, die Lobeshymnen auf die Intertextualität veröffentlichten. Seither liefert sich das deutsche Feuilleton einen Schlagabtausch.

Am tollsten treibt es die Zeit - und das aus gutem Grund. Das früher nicht zur Aufgeregtheit neigende Bildungsbürgerblatt hat nicht nur bei mir Interesse, sondern einen regelrechten Hegemann-Hype ausgelöst. Die Hymnen in der normalerweise nicht als überschwänglich bekannten Wochenzeitung machten jedoch neugierig. Also, wenn sogar die Zeit derart positiv schreibt, dann muss ja etwas dran sein.

Es gibt Passagen im Roman, die mitreißen, die sprachlich spannend, anders sind. Auf jeden Fall besser als Charlotte Roches Feuchtgebiete.

Durch ihre Reaktion auf die massiven Plagiatsvorwürfe, die weniger vom Blogger Airen kamen, beschädigte sich jedoch Hegemann - oder vielmehr ihre Berater und der Ullstein-Verlag. Denn auch der Generation Web 2.0 steht nicht zu, einfach abzuschreiben. Mindestens genauso beschädigt sich die Zeit. Fast das ganze vorwöchige Feuilleton wurde der (Selbst-)Verteidigung gewidmet.

Am weitesten holte Iris Radisch aus, die wegen ihres Engagements beim Ingeborg-Bachmann-Preis auch hierzulande bekannte Literaturkritikerin. Sie machte Hegemann zum Opfer einer Männerwelt. "Hegemanns wichtigstes Vergehen besteht nämlich nicht darin, dass sie ihre Quellen verschwiegen und das Vokabular der Drastik manchmal ein wenig zu kokett eingesetzt hat", hebt sie an. "Das würde für einen patriarchalischen Radau wie den stattgehabten kaum ausreichen. Ihr Vergehen besteht vielmehr darin, das Chaos und die Bedenkenlosigkeit einer noch nicht hierarchisierten, noch nicht durch Männerkartelle kontrollierten Medienkultur in den Machtbereich der alten literarischen Leitkultur überführt und dabei einen ziemlichen Auffahrunfall provoziert zu haben."

Das ist nicht nur ziemlich dick aufgetragen, sondern damit schreibt man einer jungen Frau eine Intention zu, die eine 17-Jährige gar nicht gehabt haben kann. Damit nicht genug: Zwei Seiten weiter wird Hegemanns Porträt umkreist von Elfriede Jelinek, Bertolt Brecht, Thomas Mann und Paul Celan. Dazu die Information: "Hegemann schrieb nicht ab, sondern verfasste einen Montagetext, und sie hat berühmte Vorgänger."

Die Neue Zürcher Zeitung bringt offenbar aus der Distanz die nötige Gelassenheit auf, um Erklärungen für die derart aufgeheizte Debatte zu liefern: "Selten hat sich der Literaturbetrieb bereits im Vorfeld eines Buchereignisses derart exponiert wie in der Causa Hegemann." Und weil es nun um die ökonomische Basis des Literaturbetriebs gehe, scheue man sich davor, die Sache beim konkreten Namen zu nennen: "Kein Intertext, keine Materialästhetik - Plagiat. Was denn sonst." (Alexandra Föderl-Schmid, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 27./28.02.2010)

Weiterlesen:

Intertextualität!? - An den Quellen der Literatur
Ein musikalischer Remix trägt keine Fußnoten. Was aber, wenn es sich um Literatur handelt? Über Originale und Plagiate - Ein Essay von Josef Haslinger

Nachahmung als Prinzip - Eigentümlich genial
Schon Aristoteles erklärte die Nachahmung zum Grundprinzip der Dichtung - Historische Anmerkungen zu einer aktuellen Debatte - Von Thomas Weitin

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 33
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Pro Freistaat Kärnten!
 
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Reingelesen in das Buch

gemessen, gewogen und für zu leicht befunden.

Wenn das einen Literaturpreis macht, dann versenkt sich die deutsch Literaturkritik selbst.

Dann ist wohl zu erwarten, dass uns der nächste Arztroman als literarischer Höhepunkt deutschsprachiger Sprachkultur empfohlen wird...

Preger
10
28.2.2010, 17:45
Endlich

schreibt jemand halbwegs vernuenftiges zum Thema!

rasenmähermann
14
28.2.2010, 14:00

Ein vollkommen lächerliches Theater, in dem ich durch meinen Kommentar auch noch mitspiele.

Eine Minderjährige wurde durch einen überehrgeizigen Vater in die Öffentlichkeit gedrängt.

Erstens machen meiner Meinung nach verantwortungsvolle Eltern sowas nicht und zweitens, wenn ich etwas abschreibe habe ich verdammt noch mal zu zitieren. Ich würde von meinem Kind erwarten, dass es ehrlich ist und wenn dem nicht so ist, dann würde das konsequenzen haben.

In Summe zeigt sich ein völlig verkommenes Sittenbild einer berliner Clique.

charley franchini
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das theater ist laecherlich, weil es den voyeuristen so einen riesenspass macht, hegemann auf umstaende, auf die sie eher wenig einfluss hat, zu beschraenken. 17jahre, weiblich, tochter eines kulturschaffenden, noch dazu in berlin. ich finde, das zeigt das voellig verkommene sittenbild des feuilletons. es ist laecherlich, dem vater jetzt einen moralischen vorwurf zu machen. hat irgendjemand noch was zum buch zu sagen, evtl sogar etwas selbst ausgedachtes? in diesem pseudodiskurs schon lange nicht mehr.

A.B. Artig
 
10

Es wurde schon viel zum buch gesagt: es ist schlecht, unoriginell, durchschnittliche teeniearbeit, die nur aufgrund der connevtions zu bekanntheit kam, die besseren teile sind geklaut. Was soll man noch dazu sagen? Reicht doch!

charley franchini
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28.2.2010, 23:57

in summe zeigt sich gigantischer argwohn allem neuen und fremden gegenueber. offensichtlich keine ahnung von berlin, und keine ahnung vom thema. hauptsache mitrotzen. bravo. warte, stehende ovationen gibts auch gleich.

A.B. Artig
 
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Berlin hat mit der Qualitaet des Buches nichts zu tun. Berlin ist schon ok, bloss das buch ist uebel.

Preger
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28.2.2010, 20:10
Stimmt.

Timagoras
 
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28.2.2010, 10:21
"ich bin verführt worden: von einer Geschichte über den "literarischen Kugelblitz" ... Bereits groß angekündigt ... ein Porträt im Magazin mit Fotostrecke, sodass man sich auch ein Bild vom "Wunderkind" machen konnte. All das wirkte überzeugend"


komisch. für mich wirken solche bombastischen ankündigungen und solche mit superlativen getränkten elogen eher abschreckend bzw. reagiere ich auf sowas eher skeptisch.

aber "werbung" wirkt auf verschiedene menschen eben unterschiedlich ... ;o)

Martin Major
 
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du bist der anker der vernunft

:-)

charley franchini
20
28.2.2010, 00:14

naja, schwaches kommentar. medien-zitate gemischt mit ein bisschen interpretation, und als konklusio noch ein zitat. ob ausgewiesen oder nicht, ist egal in diesem fall, das waere mir zumindest egal. der punkt ist, dass der hype durch ein remixen-des hypes hier kuenstlich verlaengert wird, ohne eine neue perspektive zu bringen. riding the wave. ein bisschen ping-pong in der redaktion und wieder ist eine woche kultur um. abgesehen davon wird die mediale figur hegemann immernoch ueberbewertet wahrgenommen, das buch an sich wird ja kaum noch wahrgenommen.

A.B. Artig
 
12
28.2.2010, 10:07

Ich fasse zusammen: alles, was axolotl nicht in den himmel lobt, ist doof.

charley franchini
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28.2.2010, 23:55

unsinn. kommentare auf a.b.artigem niveau nerven aber und bringen nichts, und ein kommentar wie dieses hype-beklagende genauso. read again. und renn mir doch nicht so hinterher, das ist ja peinlich.

A.B. Artig
 
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Du schuldest mir immerhin ein paar antworten, kindchen! Rumtrollen ohne Verantwortung zu übernehmen spielts net!

charley franchini
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hier zu posten hat nichts mit verantwortung zu tun, da nimmst dich selbst wieder viel zu wichtig. da gibt es andere raeume fuer den relevanten diskurs. ich schulde niemandem eine antwort, die diskussion wird einfach weit am thema vorbeigefuehrt, interessiert mich nicht, irgendwelche feststellungen nochmal zu zitieren oder zitate davon lesen zu muessen, das ist mir alles zu bloede. die kopierei von hegemann muss man im kontext sehen, und der wird ihr aufgrund von daddy, alter, und medialer unerfahrenheit nicht zugestanden, und das ist nunmal inakzeptabel, sie als medienfigur auszuschlachten, um sich im wesentlichen daran zu begeilen, und jedes argument von hegemann von vornherein zu verdammen. i couldnt care less.

A.B. Artig
 
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Schoener ausdruck fuer " hab leider keine Argumente"...

charley franchini
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ja sag mal du kleines treues hunderl, solang du nicht lesen willst, und mir aus prinzip nonsense hinterherschreibst, vergeude nicht deine bezahlte arbeitszeit im forum.

A.B. Artig
 
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Schoen, wie du dich immer noch um antwort drueckst. Hat sie jetzt gelogen und geklaut ( mit wissen des vaters) oder nicht?

Ja klar, ich werd direkt von der grossen Hegemannweltverschwörung finanziert! Posting fuer posting natuerlich.

charley franchini
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du bist gestoert. und um diese fragen gings mir ueberhaupt nie. lass doch den vater aus dem spiel, das ist nur noch tiaf. und ne verschwoerungparanoia zu unterstellen ist auch bescheuert, nimm dich nicht so wichtig.

A.B. Artig
 
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Kommt ausser gezeter noch ein argument? Nicht? wie schade...

Pro Freistaat Kärnten!
 
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hast du ihre anderen kommentare nicht gelesen?

wenn ja, dann erübrigt sich deine frage.


zamora falk
00
27.2.2010, 14:35
PKM

wie funktioniert eigentlich der PKM(PrivaterKontrollMechanismus) bei journalisten, oder haben die sowas eh nicht...

light sleeper
04
27.2.2010, 13:42
abschreiben

so, noch ein paar seiten, dann bin ich auch durch.
nur vom hocker gehauen hat mich das alles nicht.
war doch schon alles da. in den 90ern von den wilden jungen amis. allerdings die männlich und schwul. mir kommt da dennis cooper in den sinn.
nach so einer lektüre freut man sich (outing!) regelrecht auf althergebrachte thrillers und krimis a la stieg larsson (immer noch das spannendste, was ich je gelesen habe). und ich greif jetzt gleich zu vater morgana. warum nicht?
ps: schalkos "weiße nacht" ist ein unglaublicher k(r)ampf.

Dr. Muffel
10
27.2.2010, 10:15
/signed

Ein, wie ich subjektiv finde, hervorragender Kommentar. Und ein mutiger dazu, in unserem zunehmend deutschtümelnden Land. Danke !

schwierig
03
27.2.2010, 11:04

Das ist doch kein Kommentar, sondern eine Presserundschau.

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