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El Silbo spricht man nur auf La Gomera.
Dichte Passatwolken haben die Häuser und die einzige Straße des Dorfes in ein milchiges Grau gehüllt. Auf La Gomera, der zweitkleinsten der Kanarischen Inseln, kann sich das Wetter minütlich ändern. Hat eben noch die Sonne gewärmt, trägt die Luft nun eine feuchte Kälte mit sich. Tropfen sammeln sich in den Haaren und auf der Kleidung. Hier oben in Chipude, einem Bergdorf mit 50 Menschen, in fast 1000 Meter Höhe, ist es nun so ruhig, dass man seine eigenen Schritte hören kann. Kein Auto fährt, niemand sonst scheint unterwegs zu sein.
Doch wenn man genauer hinhört, ist da dieses melodische Pfeifen, ein Zwitschern, das wie das Singen eines Kanarienvogels klingt. Es kommt aus einem kleinen Gemüsegarten. Dort steht Isidro Ortiz zwischen Kartoffeln und Rüben. Er hat Karotten und Tomaten geerntet, für den Abend möchte er seinen Freund Pancho zum Essen einladen. Also formt er mit dem Zeigefinger seiner linken Hand einen spitzen Winkel und schiebt den Fingerknöchel zwischen seine Lippen. Die rechte Hand hält er an den Mund, als wolle er etwas rufen, doch heraus kommen keine Worte, sondern hohe, langgezogene Töne, die sich immer wieder senken und übergehen in kurze, trällernde Laute. Würde der 77-Jährige rufen, könnte Pancho ihn nicht hören - dieser wohnt rund einen Kilometer entfernt. Deshalb pfeift Isidro Ortiz.
Kulturgut
Der Mann mit dem schütteren Haar und der Brille spricht El Silbo (übersetzt: der Pfiff). Die auf vier Vokale (a, e, i, o) und vier Konsonanten (ch, k, y, g) limitierte Pfeifsprache gibt es nur auf La Gomera. "Hier Isidro! Hallo Pancho?" - "Hallo Isidro! Hier Pancho! Was?", zwitschert es zurück. Lange und tiefe, dann hohe und kurze Töne wechseln sich ab. "Komm zum Essen, neun Uhr! Bring Wein mit!" - "Vielen Dank, bis später!"
Bis in die 60er-Jahre, so erzählen die Älteren, habe es in den Bergdörfern geklungen wie in einem riesigen Vogelkäfig, ein ständiges Pfeifen und Flöten. Als sich aber das Telefon auf der Vulkaninsel verbreitete, wurde die Sprache langsam vergessen. Und als die Unesco El Silbo vor 28 Jahren in die Liste der erhaltenswerten Kulturgüter aufnahm, lebte gerade noch ein Dutzend Silbadores, die das Pfeifen fließend beherrschten. Meist Ziegenhirten, die sich über die vielen Schluchten mit der Familie und den Freunden verständigten. Auch Isidro Ortiz war sein Leben lang Hirte und lernte El Silbo von seinen Eltern. "Damals hatten wir weder Strom noch Telefon", erzählt er, "über die Täler hinweg erfuhren wir alles, auch von Geburten oder Todesfällen." In einer Stunde konnte sich eine Nachricht über die gesamte Insel verbreiten. Steht der Wind günstig, sind die Pfiffe bis zu acht Kilometer weit zu hören.
Aus dem Atlasgebirge
Seit wann es El Silbo auf der Atlantikinsel gibt, ist unklar. Mindestens 500 Jahre, sagen die Gomeros. Man glaubt, dass die Sprache von Volksgruppen aus dem Atlasgebirge im heutigen Marokko stammt, die seinerzeit auf die Kanarischen Inseln übersiedelten. Die Logik des Pfeifsystems ist weit einfacher nachzuvollziehen. Steht man auf einem Felsen und möchte weit rufen, wird man die Hände zu Hilfe nehmen und zu einem Schalltrichter formen, und zwar so, dass man die Konsonanten betont. Den letzten Konsonanten eines Wortes wird man dabei besonders in die Länge ziehen. "So funktioniert auch Silbo", sagt Isidro Ortiz. Wenn jemand ein einfaches Wort pfeift, ergeben die Silben bestimmte Tonlagen und zusammengehängt eine Melodie. Und wie beim Rufen auch wird der letzte Konsonant in einen langgezogenen Pfiff übersetzt.
Seit zehn Jahren wird die Pfeifsprache in den Schulen La Gomeras als Pflichtfach unterrichtet. Von der ersten bis zur vierten Klasse gibt es Noten fürs Pfeifen. Zunächst müssen die Schüler verschiedene Töne treffen, später dann ihre Namen und ganze Sätze trällern können. "Wir versuchen die Sprache zu retten" , sagt Isidro Ortiz, der einer von drei Lehrern ist. In Zeiten des Mobiltelefons würde sonst kaum jemand El Silbo lernen wollen. Zudem machen Alltagsgeräusche wie der Motorenlärm von Autos oder landwirtschaftlichen Maschinen die Verständigung immer schwieriger. "Es muss möglichst ruhig sein" , so Ortiz. Prompt klingelt das Handy. Sein Freund Pancho ist dran und bedankt sich nochmals für die Einladung zum Essen. Eine Frage aber hätte er noch: Soll er weißen oder roten Wein mitbringen? "Rotwein", pfeift Isidro Ortiz in den Hörer, lacht und legt auf. (Oliver Lück/DER STANDARD/Album/Printausgabe, 27./28.2.2010)
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