Malcolm X - ein schwarzer Moslem?

01. März 2010, 20:51

In vielen muslimischen Communities ist ein rassistischer Geist noch immer zu spüren - Von Moussa Aboumansour

Vor 45 Jahren starb der schwarze US-Bürgerrechtler Malcolm X. In den 90ern wurde er zum Mythos - die Hip Hop-Kultur entdeckte ihn wieder. Ansprachen von ihm wurden in Raps gesampelt, sogar der damalige US-Präsident Bill Clinton trug eine schwarze Kappe mit dem großen weißen „X". Spike Lee verfilmte sein Leben mit Denzel Washington in der Hauptrolle. Danach verflüchtigte sich der Hype. Was ist von seinem Leben heute noch präsent? Leider muss ich sagen: In den verschiedenen muslimischen Communities ist der Rassismus, den Malcolm X überwinden wollte, heute noch immer zu spüren.

Die "besseren Muslime"

Einige Beispiele: Ein muslimischer Lehrerausbildner behauptete in einem Institut vor den versammelten SeminarteilnehmerInnen, dass „ die Türken" die besten Muslime seien. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem türkischen Studienkollegen, der mir erklärte, warum seiner Meinung nach in diesem Institut in dem einen Raum „die Araber" und im anderen „die Türken" beten würden. Ich kann auch nicht vergessen, wie mir dort auf einmal als nichttürkischer Student bestimmte Räumlichkeiten für die Gebetswaschung nicht mehr zu Verfügung standen.

Tradierte Vorurteile

Ähnliches wiederholt sich heute im Klassenzimmer mit meinen SchülerInnen.
Bestürzend ist die Tatsache, dass sie im Unterricht zwar eigene Diskriminierungserfahrungen thematisieren, aber kein Mitgefühl für andere Opfer von Diskriminierung entwickeln können. Es schmerzt, wenn im Religionsunterricht junge muslimische SchülerInnen darauf beharren, dass Roma Menschen zweiter Klasse seien. Mazedonische Albaner schimpfen über die türkischsprachige Minderheit in Mazedonien, die das Albanertum verleumden würden.

Auch Konflikte zwischen kurdisch- und türkischsprachigen SchülerInnen kommen immer wieder vor. Sie schwelen dahin, und bei aktuellen tagespolitischen Ereignissen werden sie auch im Klassenzimmer laut und manchmal heftig verbalisiert. Die Vorwürfe untereinander sind beliebig austauschbar mit jenen, die sich manchmal auch gegen sie als Minderheit richten und seit jüngster Zeit gegen eine nicht existenten monolithischen Block: „die Muslime".

Immer neue Underdogs

Die hierarchisch als tieferstehend betrachteten Minderheiten wechseln. Einmal sind es die Hasara, welche von SchülerInnen mit afghanischem Hintergrund abwertend betrachtet werden, dann wird „den Bosniaken" vorgeworfen, keine aufrichtigen Muslime sein zu können, den Arabern wird Verrat an den Osmanen vorgehalten und ein Teil arabischsprachiger Muslime äußert sich abwertend über „die Maghrebiner" - und so weiter.

Das spiegelt sich auch in den Moscheevereinen und deren Abspaltungen wider. Ein anderer kleiner Teil aber ist davon überzeugt, dass hinter allen Unbill am Ende doch „die Juden" stecken. Diese äußert sich in Form des schwachsinnigen Boykotts von Produkten wie „Ariel" oder Discounter-Filialen, die angeblich den Krieg gegen die Palästinenser mitfinanzieren würden.

Ausgrenzung zur Identitätsgewinnung

Es ist schmerzhaft, darüber zu schreiben, dass wir Muslime uns in dieser Gesellschaft zunehmend marginalisiert fühlen, gleichzeitig aber - oder vielleicht genau deswegen - exklusivistisch agieren. Der Psychoanalytiker Erikson konstatierte bei in ihrer Identität erschütterten Jugendlichen einen Hang zur Ausgrenzung anderer, um so ihre Identität zu sichern. Die Shell-Jugendstudie beschrieb dieses Verhalten bei den „robusten Materialisten", also bei deutschen Jugendlichen, die sich gesellschaftlich benachteiligt fühlen und zum Rechtsextremismus neigen. In meinem Alltag nehme ich das als Überbetonung der Ethnie und manchmal aggressive Ausgrenzung und Abwertung des jeweils „Anderen" wahr. Das versteckt sich manchmal in verletzenden Witzen, Zuschreibungen oder in einer entsetzt gestellten Frage: "Stimmt des wirklich, ihre Ehefrau is a Schwabo?".

Achtung, Coca Cola!

Es ist immer das gleiche Schema, mit dem man gegen „die Anderen" mobilisieren kann. Seien es die seit Jahren kursierenden Kettenmails, dass man wegen Muslimen in Schulen nicht mehr „Grüß Gott" sagen und keine Kruzifixe aufhängen dürfte oder Kettenmails, welche die Muslime vor „Coca Cola" warnen, weil dies eine versteckte Botschaft in arabischer Schrift enthalte: „kein Gott, kein Muhammad", womit bewiesen wäre, dass „die Amerikaner" sich gegen „die Muslime" verschworen hätten. Schockierend dabei ist, dass das System „wir" gegen „die Anderen" stets funktioniert und unreflektiert reproduziert wird, auch in den muslimischen Communities.

Malcolm X alias Malik el-Shabazz, einst Frontmann der rassistischen „Nation of Islam", hatte auf seinem Wege der Emanzipation den des separatistischen Nationalismus eingeschlagen. Das persönliche Zerwürfnis mit der Organisation und seine Reisen in  Teile der muslimischen Welt zeigten ihm, dass er einen Irrweg eingeschlagen hatte. Nicht Nationalismus und Rassismus, sondern deren Überwindung wurden zu seinem Ziel, das ist sein Vermächtnis, und es kostete ihm das Leben. Sein Vermächtnis ist heute kaum zu spüren. (derStandard.at, 1.3.2010)

Zur Person

Moussa Aboumansour ist Pädagoge und in der Erwachsenen- und Lehrerfortbildung tätig. Er lebt in Linz.

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sandard
17.03.2010 21:34

muslimnazis

M B83
18.03.2010 00:44
Wow, Respekt!

Suuper, was für ein qualifizierter Kommentar! Bei manchen Leuten wird man das Gefühl nicht los, dass sie ihren Tagesfrust abends in Internetforen rauslassen. Ich wär' froh, wenn sich diese gefrusteten Menschen stattdessen in Boxvereinen austoben würden. Damit wäre uns allen geholfen ...

giftwitwe 
16.03.2010 14:34

kleine bock-gärtner situation ... ;)

zb: "Ein anderer kleiner Teil aber ist davon überzeugt, dass hinter allen Unbill am Ende doch „die Juden" stecken. "

sorry, aber das ist kein kleiner teil sondern die überwältigende mehrheit der moslems die ein problem mit juden hat.

joady
17.03.2010 18:12
-treibungen...

der "kleine teil" war vielleicht untertrieben, "die überwältigende mehrheit" ist wiederum übertrieben (und fast gehässig).

nicht, dass nicht ohnehin jeder kleine oder große teil zu viel wäre.

giftwitwe 
20.03.2010 09:10

glauben sie mir, es IST die überwiegende mehrheit der moslems die juden hasst. DAS ist das problem, nicht dass ich es erwähne.

M B83
16.03.2010 03:09
Interessanter Artikel

Der Artikel ist sehr gelungen u. entspricht leider der Wahrheit. Gut, dass dies angesprochen wird! Es ist erschütternd, dass unter uns Muslimen, die wir doch durch das Wissen um den Einen barmherzigen Gott (swt) u. den Proph. Muhammed, der mit so vielen wegweisenden Beispielen als Vorbild der Toleranz u. Güte dienen könnte, einige Menschen sind, die erschreckend rücksichtslose Kommentare über Andere - auch über ihre Glaubensschwestern u. -brüder - von sich geben. Ganz besonders abartig sind Kommentare wie "Sie/er ist ein schlechter Muslim", "Ach, der ist Maliki/Hanafi/Shafi/Hanbali/...", "Sie trägt ihr Kopftuch so oder so/Sie trägt gar kein Kopftuch/so enge Jacken, die ist doch keine Muslima." Es ist allein Gottes Recht, dies zu beurteilen!

frune
02.03.2010 19:01
Sehr interessanter Artikel, danke!

Der Mensch in seiner Eigenschaft als Herdentier neigt immer dazu, sich mit "seiner Gruppe" als Benachteiligter zu gefallen. Nichts befriedigenderes kann er finden, als sich mit seinen Nächsten in der Position des "ungerecht Behandelten" zu wähnen.

Und dieses Phänomen ist keineswegs auf religiöse Gruppen beschränkt.
Innerösterrechisch gab es dieses Phänomen selten extremer als zur Zeit der "Sanktionen", als sich die überwältigende Mehrheit der Österreicher in der Rolle der "ungerechtfertigterweise Diskriminierten" zu befinden glaubte und dieses Gefühl des "Opferdaseins" weidlichst genoss und plötzlich ohne zu hinterfragen das Geheul eines Jörgis nachahmte.
FPKZÖ setzen auf dieses Phänomen seit Jahren-und zwar ausschliesslich. Resultat:40%+

Mirko Czentovic
02.03.2010 18:10
Spinn ich

oder ist der letzte Absatz plötzlich umgeschrieben?

Mirko Czentovic
02.03.2010 18:01
Malcolm X wurde ermordet

Im Artikel steht euphemistisch "starb". In seiner ersten Phase, als Anhänger der "Nation of Islam", kann man Malxolm X wohl Rassismus vorwerfen, später distanzierte er sich deutlich von dieser Organisation und ihren Ideen. Kein Wert dazu im Artikel. Das zum einen. Wie andere schon schrieben, der Zusammenhang zu den anderen Themen ist recht gekünstelt, plötzlich taucht der Name Erik Erikson auf usw. Letztlich ist der Artikel ein recht wirres Elaborat.

M B83
16.03.2010 02:14
Bitte erst zu Ende lesen!

Im letzten Absatz steht klar: "Nicht Nationalismus und Rassismus, sondern deren Überwindung wurden zu seinem [Malcom X's] Ziel, das ist sein Vermächtnis, und es kostete ihm das Leben."

Also bitte erst zu Ende lesen und nicht einfach nach dem ersten Absatz drauflos kritisieren!

haider1
02.03.2010 22:46
genau das steht doch dort, dass malcolm x den rassismus

der nation of islam hinter sich gelassen hat. vielleicht solltest du ihn erst einmal vollständig lesen.

erikson kommt ins spiel, weil sich der artikel um ausgrenzung der "anderen" dreht, genau das behandelt erikson.
also ich vermute, du hast den ganzen artikel nicht vollständig gelesen und wenn, dann nicht vollständig erfassen können oder fühlst dich ertappt.

mica he
02.03.2010 16:03
Ohne Aufklärung gibt es m.E. auch keine

Abwendung von Stereotypen, Vorurteilen...
Daher finde ich die Feststellungen des Autors für islamisch geprägte Gesellschaften auch nicht überraschend...
Abgesehen davon habe ich aus persönlichen Erfahrungen den Eindruck, dass in vielen der erwähnten Länder (Türkei, Pakistan...) nationale Chauvinismen quasi zur Staatsideologie gehören und auch in Schulen etc. eher gefördert als hinterfragt werden.

byron sully
02.03.2010 14:35
ein seltsamer kommentar,

auch wenn ich vielem (v.a. in der mitte) zustimme, aber den zusammenhang mit malcolm X überreiße ich nicht ganz - vor allem, da sich der großteils des kommentars um (nicht afroamerikanische) muslimInnen in österreich und deutschland dreht, die in kaum einem zusammenhang mit malcolm X stehen. denn malcolm X ist als symbol wohl in erster linie eine afroamerikanische figur und viel weniger (obwohl moslem) eine muslimische.

bixente uhudla  
02.03.2010 18:10

dervzusammenhang ist folgender...

vor seiner mekka-reise war malcolm x ein glühender moslem,aber auch ein durchaus rassistischer afroamerikanischer nationalist(die nation of islam war in den usa damals eine rein schwarze angelegenheit)

nach seiner mekka-reise war malcolm x immer noch überzeugter muslim,den rassismus und nationalismus hat er aber hinter sich gelassen...

der autor wünscht sich einen ähnlichen lernprozess für die in europa oder in islamischen ländern lebende muslime...

byron sully
03.03.2010 00:56

das wird aber in diesem kommentar kaum ernsthaft so erklärt, sondern nur in einem kleinen nebensatz am ende miterwähnt.

nemo sander
16.03.2010 07:28
das steht am anfang und am ende

warum verbeißt du dich so darin? hast du bestimmte gruppeninteressen zu vertreten?

Emil i Lönneberga (advocatus diaboli)
02.03.2010 14:55

Es geht um Malcolm Xs Reise, bei dem im "echte" Muslime erklärt haben, dass das was er bei der Nation of Islam gelernt hat falsch ist und der echte Islam tolerant usw. ist. Daraufhin wurde Malcolm X ein toleranter "echter" Muslim. (-- und anscheinend sind halt viele Teilnehmer des muslimischen Religionsunterrichts in Österreich untereinander nicht so tolerant wie Malcolm X)
Steht zumindest so in seiner Autobiographie.

katharsis84
02.03.2010 13:26
"coffee is the only thing i like integrated..."

gerade malcolm x als beispiel für "integration" und rassismusüberwindung anzuführen zeugt von einer zu unreflektierten sichtweise.

bixente uhudla  
02.03.2010 18:15

malcolm x machte in seinem leben einige wandlungen durch...zunächst vom kleinkriminellen und zuhälter zum militanten und rassistischem nation of islam-fundi,und von dort weiter zum eher gemässigten bürgerrechtler...

ist bis heute ja nicht ztur gänze geklärt wer hinter seiner ermordung steckt-die geheimdienste oder ehemalige noi-fundis die ihm seine abkeher vom militanten schwarzen nationalismus nicht verzeihen konnten...

Sara KM   
02.03.2010 17:01
bitte ordentlich recherchieren!

ja Malcolm war radikal - aber mit zunehmendem Alter und zunehmendem Einblick in die NOI wuchs sein Unbehagen mit der Ideologie eines Elijah Muhammad - und er lehnte sich so sehr dagegen auf, dass sein einstiger Mentor ihm Sprechverbot erteilte, an das Malcolm sich nicht hielt.
spätestens als er dann zu einer Pilgerreise nach Mekka aufbrach, war er geläutert und kam vom nationalistischen Islam bzw. von der Überlegenheit der Schwarzen ab.

Malcolm hat sicher viele Dinge gesagt, die Unsinn waren - doch im Gegensatz zu anderen hat er es erkannt!!!

vielleicht mal versuchen mit: http://en.wikipedia.org/wiki/Malcolm_X

katharsis84
02.03.2010 18:17
bitte nicht bös sein...

... aber "ordentlich recherchieren" bei wikipedia erscheint mir doch ein wenig paradox ...

Sara KM   
08.03.2010 16:08
wieso?

man kann dort wirklich gute, ordentlich recherchierte Sachen finden. und der Artikel über Malcolm X ist echt ok, vor allem weil es auf Deutsch keine Solobiographie gibt.

aber, um zu beruhigen :-)
http://www.amazon.de/Martin-Lu... 616&sr=8-2
gutes Buch!!

aqualung
02.03.2010 13:57
ach, warum denn?

nachdem er den rassismus am eigenen leib erlebt und ihn später zu seiner ideologie gemacht hat, hat dieser bemerkenswerte mensch esdoch geschafft, seinen horizont zu öffnen und seine meinung zu ändern!
auch wenn er aufgrund seiner ermordung nur mehr knapp ein jahr zeit hatte, seine neue überzeugung auszuleben, gehörten zum zeitpunkt seines todes schon schwarze, weiße, demokraten,repuklikaner, sozialisten und andere aktivisten wie martin luther king zu seinen freunden. wenn das kein gutes beispiel ist!

katharsis84
02.03.2010 17:50

es war auch nicht in meinem sinne den "black nationalism" zu werten. malcolms wandel zu "el-Shabbaz" ist erst spät erfolgt und war meiner meinung nach mehr von persönlicher bedeutung, als er gesellschaftlichen impact haben konnte. am meisten einfluss hatte er wohl als aushängeschild der "nation of islam" als "gegenspieler" kings.

systemfehler1
02.03.2010 06:29
Was für´n Satz!

Ich kann auch nicht vergessen, wie mir dort auf einmal als nichttürkischer Student bestimmte Räumlichkeiten für die Gebetswaschung nicht mehr zu Verfügung standen.

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