"Guter Wein muss nicht immer teuer sein"

5. März 2010, 17:01
59 Postings

Silvia Tiemann, ausgebildete Wein-Sommelière und Restaurantleiterin, findet nichts Anrüchiges an Wein aus dem Supermarkt

Silvia Tiemann ist Leiterin des Restaurants Artner am Franziskanerplatz im ersten Wiener Gemeindebezirk. 2007/2008 hat sie sich am Wifi zur diplomierten Wein-Sommelière ausbilden lassen. Im Interview mit derStandard.at erzählt die 32-jährige Gastronomin was einen guten Wein ausmacht, über die richtige Lagerung und warum sie nichts gegen Wein aus dem Supermarkt hat.

****

derStandard.at: Was macht einen guten Wein aus, welche Faktoren sind wichtig?

Silvia Tiemann: Für mich ist ein Wein dann gut, wenn er schmeckt - dazu gehört, dass er "passt". Ein leichter, unkomplizierter Jungwein kann - in der richtigen Situation - ebenso ein guter Wein sein, wie ein schwerer, reifer Rotwein. Was jemand bevorzugt hängt ja nicht nur vom Wein selbst ab, sondern auch vom Essen oder von der Tischgesellschaft, aber auch vom Preis-Leistungsverhältnis.

derStandard.at: Haben Sie Tipps, worauf man bei der Lagerung von Wein allgemein achten sollte?

Silvia Tiemann: Das ist eine klassische Frage für die Sommelierprüfung. In der Gastronomie tun wir uns da ja ein bisschen leichter, weil der Stellenwert des Weines generell immer mehr zunimmt und dafür auch gerne investiert wird. Zuhause sollte man vor allem darauf achten, dass der Wein möglichst dunkel und bei konstanter Temperatur gelagert wird. Optimal wäre eine Temperatur von rund zwölf oder 13 Grad Celsius und eine Luftfeuchtigkeit von etwa 60 Prozent. Der Lagerraum sollte geruchsneutral und möglichst frei von Erschütterungen sein. Wenn man keine Möglichkeit für einen privaten Weinkeller hat, sollte man als Weinliebhaber zumindest in einen guten Klimaschrank investieren, um möglichst lange Freude an den guten Tropfen zu haben.

derStandard.at.: Was würden Sie als Spezifika des österreichischen Weins bezeichnen?

Silvia Tiemann: Diese Frage lässt sich nicht so generell beantworten, da jede Rebsorte ihre Besonderheit hat - und alles, was mit der Traube und später mit dem werdenden Wein passiert, hat Einfluss darauf. Grundsätzlich bietet Österreich alles: vom leichten, spritzigen bis zum vollmundigen Weißwein, vom fruchtigen, tanninarmen bis hin zum kräftigen, lagerfähigen Rotwein.

Die DAC Klassifizierung deklariert sortentypische und gleichzeitig gebietstypische Weine, zum Beipsiel steht der DAC Mittelburgenland für einen fruchtbetonten, würzigen Blaufränkischen, der DAC Weinviertel für einen trockenen, pfeffrig würzigen, feinfruchtigen Veltliner.

derStandard.at.: Muss guter Wein immer teuer sein? Was hält eine Sommelière wie Sie von Weinen aus dem Supermarkt um wenige Euro pro Flasche?

Sivlia Tiemann: Viele gute und erfolgreiche Winzer sind auch mehr und mehr in Supermarktregalen vertreten - das tut der Qualität dieser Weine aber keinen Abbruch. Ich glaube nicht, dass man generell sagen kann, dass Supermarktweine weniger taugen. Auch nicht, dass guter Wein immer teuer sein muss. Durch dieses Angebot rückt der Winzer näher an den Verbraucher und das ist gut so. Es ist doch letztendlich egal, woher ein guter Wein kommt, oder?

derStandard.at: Was begeistert Sie an der Welt des Weins?

Silvia Tiemann: Was mich gleichzeitig begeistert, aber immer wieder auch sehr fordert, ist die ständige Veränderung. Ein Wein ist keine fixe Komponente, die man klar beschreiben kann. Er verändert sich im Laufe der Lagerdauer, die Jahrgänge sind oft sehr unterschiedlich, Weinbaugebiete verändern sich - oft kommen neue dazu und man lernt wirklich ständig Neues. Wichtig ist, dass man sich mit Hilfe von Fachzeitschriften weiterbildet und möglichst viele Verkostungsmöglichkeiten wahrnimmt. Und dass man manchmal daran denkt, auch einen guten Tropfen wieder auszuspucken (lacht).

derStandard.at: Verraten Sie zum Schluss Ihre persönlichen Lieblingsweine?

Silvia Tiemann: Einen konkreten Lieblingswein habe ich nicht. Beim persönlichen Weinkonsum bin ich sehr patriotisch veranlagt: Ich greife bei 90 Proeznt aller Weine, die ich für mich selber oder für Freunde und Bekannte kaufe, zu österreichischen Produkten. Dabei ist es auch immer sehr empfehlenswert, auch viele Weine unbekannterer, kleiner Winzer zu versuchen. Dabei stößt man immer wieder auf große Überraschungen. Ein Beispiel dafür ist 2002, Blaufränkisch Dürrau vom Weingut Amminger, Horitschon: Dieser Wein hat jetzt eine sensationelle Trinkreife und begeistert mich persönlich durch Aromanoten von Leder und Tabak, reifen, roten Beeren und einer schönen Ausgewogenheit von Tannin und Säure. Beim Weißwein greife ich gerne auf den Massive A. weiß, Weingut Artner, Höflein zurück. Das ist ein reinsortiger Chardonnay, ausgebaut im Barriquefass, den ich unseren Gästen immer gerne "wie ein Croissant" beschreibe: voll, rund, buttrig - großartig. (Maria Kapeller, derStandard.at)

Das Wifi (Wirtschaftsförderungsinstitut) bietet österreichweit drei aufeinander aufbauende Sommelierkurse an: Eine Ausbildung zum/zur Weinexperten/-in, zur/zum Sommelière/Sommelier Österreich sowie zur/zum Diplom-Sommelier/-e. Derzeit hat der österreichische Verein der Diplomsommeliers 365 Mitglieder. In einigen Bundesländern gibt es zusätzlich die Ausbildung zur/zum Jungsommelière/Jungsommelier.

Auch die Weinakademie Österreich bietet Seminare zum Thema Wein sowie ein vierstufiges Weinakademiker-Programm an.

  • Silvia Tiemann ist diplomierte Wein-Sommeliére. Was Sie an der Welt des Weins fasziniert ist die ständige Veränderung: "Ein Wein ist keine fixe Komponente, die man klar beschreiben kann."
    foto: derstandard.at

    Silvia Tiemann ist diplomierte Wein-Sommeliére. Was Sie an der Welt des Weins fasziniert ist die ständige Veränderung: "Ein Wein ist keine fixe Komponente, die man klar beschreiben kann."

  • Schritt zwei bei der Wein-Degustation: Riechen, welche Düfte man wahrnimmt.
    foto: derstandard.at

    Schritt zwei bei der Wein-Degustation: Riechen, welche Düfte man wahrnimmt.

Share if you care.