Reportage: "Dann ist Kovats der Hero"

10. April 2003, 15:08
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Die Belegschaft in Wien geht fix von der Pleite des Mutterkonzerns aus - Die Hoffnungen ruhen nun auf Mirko Kovats - Eine STANDARD-Reportage

Wien - "Das wird doch alles in Deutschland entschieden. Wir wissen hier nichts Neues. Das ganze Theater geht schon seit mindestens einem Jahr. Wie soll die Stimmung schon sein, wenn man zugesperrt wird?"

Der freundliche Herr beim Kundendienst zuckt resigniert mit den Schultern und kümmert sich weiter um ein paar kaputte TV-Geräte. Er hat an diesem Mittwochvormittag nicht rasend viel zu tun. Gerade eine Hand voll Kunden glaubt, dass sich die Reparatur ihrer Grundig-Geräte noch lohnt. Im Hintergrund läuft "Baywatch" auf einem 4571 Euro teuren Flatscreen.

"Springender Punkt"

Das Wiener Grundig-Werk war bei der Suche des deutschen Mutterkonzerns nach einem Investor stets der "springende Punkt", erzählt Richard S., seit 34 Jahren im Betrieb. Ob der taiwanesische Sampo-Konzern im Vorjahr einsteigen wollte oder zuletzt die türkische Beko-Gruppe, stets wollten die Interessenten zwar die traditionsreiche Marke, nicht aber die Wiener TV-Geräte-Produktion. "Die haben doch selber Riesenproduktionen laufen. Wer kauft schon einen türkischen Fernseher, aber wenn Grundig draufpickt? Die Marke ist das Einzige, was noch etwas wert ist."

Wie es jetzt weitergeht? Der Portier meint lapidar: "Wir sind aufs Radio angewiesen, oder was in der Zeitung steht. Da hat’s ja eh was Positives geben, mit dem Kovats, oder?" Auch sein Kollege hat vom neuerlichen Interesse des österreichischen Industriellen Mirko Kovats gehört, der im Insolvenzfall mit den Masseverwaltern Kontakt aufnehmen will.

Die Arbeiter wissen, was das bedeutet: "Klar kauft der aus dem Konkurs heraus billiger. Der Kovats kann rechnen." Ein anderer meint: "Es macht einen großen Unterschied, ob jemand ein Werk kauft und nachher 500 Leute entlassen muss, oder in der Weiterführung sagen kann, er hat 500 Arbeitsplätze gerettet. Dann ist Kovats der Hero."

Bis Ostern geschlossen

In einer Betriebsversammlung wurde am Mittwoch über die aktuelle Situation informiert - Stimmung neutral, berichtet Betriebsrat Gottfried Nusser. "Bis jetzt haben wir unsere Arbeit, unser Geld, was sollen wir für Spekulationen anstellen?" Im März, als Kovats mit einem Vorvertrag in der Tasche der Belegschaft schon als neuer Eigentümer vorgestellt worden war, platzte der Deal in letzter Minute. Nun soll bis Ende der Woche eine Entscheidung in Nürnberg fallen. Die IG Metall hält ein Insolvenzverfahren für unvermeidlich.

Der rasche Abgang von Grundig-Boss Hans-Peter Kohlhammer und die Berufung des Insolvenzverwalters Eberhard Braun zum Vorstandssprecher wird als klares Signal gedeutet. Ein Grundig-Mitarbeiter trocken: "Jetzt, wo s’ den Kohlhammer gstanzt haben, hat der Kovats eventuell wieder a Chance." (Michael Bachner, DER STANDARD, Printausgabe 10.4.2003)

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    "Wie soll die Stimmung schon sein, wenn man zugesperrt wird?"

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    Mirko Kovats, Industrieller und potenzieller Held.

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