Pate wollte vor Urteil sterben

9. April 2003, 17:19
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Dramatisches Finale im Wiener Mafiaprozess - Selbstmordversuch mit Putzmittel

Wien/Warschau - Ungeduldige Finger trommeln auf das Richterpult. Alle sind da, alle bis auf einen: den Angeklagten. Will der mutmaßliche Mafiapate Jeremiasz Baranski (57) etwa sein eigenes Urteil versäumen? Das Warten im Wiener Landesgericht wird schließlich von Baranskis derzeitigem "Hausherrn" von der Justizanstalt Josefstadt beendet: "Der Insasse wurde Mittwochfrüh um 4.40 Uhr bei einer Routinekontrolle bewusstlos in seiner Zelle aufgefunden." Wahrscheinlich: ein Selbstmordversuch mit Putzmittel. Sicher: Baranski ist nach Auspumpen des Magens außer Lebensgefahr. Voraussichtlich: ein Tag Krankenhausaufenthalt.

Wie berichtet, werden dem früheren Polizeispitzel und gebürtigen Polen, der 1998 unter mysteriösen Umständen die österreichische Staatsbürgerschaft erhalten hat, mehrere Mordaufträge zur Last gelegt. Darunter auch das Attentat auf den ehemaligen polnischen Sportminister Jacek Debski vom 12. April 2001 in Warschau. Die Causa ist deshalb zweigeteilt: Baranski steht in Österreich vor Gericht, seine mutmaßlichen Komplizen parallel dazu in Polen. Auch dort verläuft das Verfahren äußerst brisant.

Wie sich Dienstag in Warschau herausstellte, dürfte Baranski erst jüngst ausgetrickst worden sein: Es war seit einiger Zeit bekannt, dass der mutmaßliche Pate aus seiner Zelle heraus immer wieder per (verbotenes) Handy Kontakt zur Außenwelt hatte. Doch anstatt ihm das Gerät sofort wegzunehmen, wurden die Gespräche abgehört und aufgezeichnet.

Falsches Alibi

Als Dienstag in Warschau eine Zeugin Baranski ein Alibi lieferte, hielt man ihr den Mitschnitt eines Handygesprächs vom 24. März vor. "Du bist wie meine Tochter, ich brauch' deine Hilfe", soll sich Baranski laut Protokoll eingeschmeichelt haben. Die Frau ließ sich schließlich zu einer Falschaussage überreden, doch der Schwindel flog durch die Handyüberwachung auf, sie wurde unmittelbar nach ihrer Aussage in Warschau verhaftet.

Ähnlich ist es, wie berichtet, auch einem Polen in Österreich ergangenen, der für Ba^ranski im Zeugenstand gelogen hatte. Auch er wurde verhaftet und hat mittlerweile seine Aussage widerrufen.

Ob das Zusammenbrechen seiner Verteidigungsstrategie Baranski zu dem Selbstmordversuch getrieben hat, ist Spekulation. Das Putzmittel, das er geschluckt hat, ist eine kalklösende Flüssigkeit, die Häftlingen zur Reinigung von sanitären Einrichtungen erlaubt wird. Deshalb blieb die Flasche auch bei der Zellenrazzia, bei der Baranski nur wenige Stunden zuvor das Handy endgültig abgenommen wurde, unberührt. Woher Baranski das Mobiltelefon überhaupt hatte, ist ungeklärt. "Er hat es jedenfalls, wie man nun weiß, sehr häufig verwendet", sagte Friedrich Matousek, der Leiter der Staatsanwaltschaft Wien. In Gefängnissen sei vieles verboten, aber praktisch alles zu haben.

Die Weiterführung der Verhandlung ist für 19. Mai geplant, und es könnte wiederum spannend werden. Baranskis Verteidiger, Rechtsanwalt Karl Bernhauser, will einen Zeugen präsentieren, der den Mord an Jacek Debski beobachtet haben will und seinen Mandanten entlastet. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.4.2003)

Dramatisches Finale im Wiener Mafiaprozess: Wenige Stunden vor dem geplanten Urteil unternahm der Angeklagte in seiner Zelle einen Selbstmordversuch, indem er ein Putzmittel trank. Doch Ärzte konnten das Leben des mutmaßlichen Paten retten.

Von Michael Simoner und Adam Romer. Romer ist Redakteur der größten polnischen Tageszeitung "Gazeta Wyborcza".

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