Sümpfe Mesopotamiens als "Kriegsgewinnler"

14. April 2003, 09:00
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Gebiet zwischen Euphrat und Tigris erfährt neue Aufmerksamkeit - humanitäre und ökologische Hilfe könnte Hand in Hand gehen

Nairobi - Sie gelten nach mancher Interpretation als der Ort, der in der Bibel als Garten Eden benannt wird. Doch die Zustände im einst fruchtbaren Sumpfland von Mesopotamien sind alles andere als paradiesisch. Seit Jahren warnen Umweltschützer vor der Vernichtung der Sümpfe zwischen den heiligen Flüssen Euphrat und Tigris. Das Feuchtland, dessen Kern im Süden Iraks liegt, könnte nun vom Krieg gegen den Irak profitieren, meinen Vertreter des UN-Umweltprogramms (UNEP).

"Sieht man es positiv, dann gab es nie zuvor soviel Aufmerksamkeit für die gefährdete Region wie seit Ausbruch des Krieges", erläutert Nick Nutall in der UNEP-Zentrale in Kenias Hauptstadt Nairobi. Seit zwei Jahren prangert die UN-Organisation das Austrocknen und das damit verbundene Artensterben in der Region an. Das Sumpfgebiet zwischen Iran, Irak, Syrien und der Türkei umfasste einst 20.000 Quadratkilometer. "Bis vor zehn Jahren war es noch halb so groß wie die Schweiz - heute sind noch sieben Prozent der ursprünglichen Fläche intakt", sagt Nutall. Der Großteil davon, Hawr Al-Azim, befindet sich im Iran, das Kernland, Hawr Al-Hawizeh, im Irak.

Landwirtschaft versus Ökologie

Die Umleitung der Flüsse durch über 30 große Dämme in der Region sind nur die eine Erklärung für das Austrocknen des Marschlands. "Den größten Schaden haben interne Bewässerungsaktivitäten der Bevölkerung hinterlassen", erklärt Nutall. "Insbesondere im Irak wurden zahlreiche Kanäle abgezweigt, um Felder zu bewässern." Wo aber einst Wasserkanäle Felder und Gärten fruchtbar machten, ziehen heute Nomaden mit ihren Kamelen durch die Wüste. Zahlreiche Pflanzen-, Vogel- und Fischarten verschwanden.

"In den vergangenen 100 Jahren haben wir die Hälfte der weltweiten Sumpfgebiete verloren", sagt UNEP-Chef Klaus Töpfer. "Und die fortschreitende Austrocknung des Mesopotamischen Marschlands bestätigt, wie nötig entschiedenes und konkretes Handeln ist." Dies wäre nach Ansicht Nutalls mehr als eine Umweltmaßnahme. "Es ist auch eine humanitäre Initiative, indem den Bewohnern zu besseren Lebensverhältnissen verholfen wird", meint der UNEP-Sprecher.

Bestandsaufnahme

Eine durch den Balkan und Afghanistan erfahrene UNEP-Einheit zur Erfassung von Umweltschäden nach Kriegen stehe schon bereit, um so schnell wie möglich mit der Bestandsaufnahme zu beginnen. "Wir haben bisher keine Belege dafür, dass es in der Sumpfregion größere Umweltschäden durch brennende Ölfelder oder Munitionsrückstände etwa vom Ausmaß des letzten Golfkrieges gibt", meint Nutall. "Aber das Land dort ist ohnehin derart mit Pestiziden und Salz verkrustet, dass die Rehabilitation ganz vorsichtig vorangebracht werden muss." Es reiche nicht, einfach die Dämme zu öffnen. "Vorher muss das Land entgiftet werden." Eine der größten Aufgaben werde es aber sein, die angrenzenden Länder von der Zusammenarbeit zu überzeugen. (APA/dpa)

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