Feuchtblattern: Viele bekommen sie

9. April 2003, 13:01
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... doch wenige denken daran, dass sie ernsthafte Konsequenzen haben können

Taormina - Die Realisierung des Schutzes gegen lebensgefährliche Pneumokokken- und Meningokokken-Infektionen bei Kindern sind die derzeit wichtigsten Impfprojekte in Österreich. Doch dann könnte der Kampf gegen die Feuchtblattern (Varizellen) anstehen. Die sind nämlich für Kinder und Erwachsene bei weitem nicht so "harmlos" wie viele Menschen annehmen. Eine Immunisierung bietet guten Schutz, erklärten am Mittwoch internationale Experten beim europäischen Kongress zu Kinderimpfungen in Taormina (bis 11. April).

"Es stimmt schon, dass die Feuchtblattern im Großen und Ganzen eine gutartige Krankheit sind. Aber es gibt Komplikationen, von denen drei bis fünf Prozent laut französischen Schätzungen tödlich verlaufen", erklärte Univ.-Prof. Dr. Daniel Floret von der Intensivstation der Kinderabteilung vom Hospital Edouard Herriot in Lyon bei einem Symposium von Aventis Pasteur MSD.

Zahlen

Der Experte ging in einem Netzwerk von 45 pädiatrischen Intensivstationen in Frankreich der Frage nach, ob denn die hoch infektiösen Varizellen mit den lästigen Bläschen samt Fieber etc. wirklich so "gutartig" sind wie man gemeinhin glaubt. Floret: "Wir haben in den Jahren 1998 bis 2001 immerhin 68 Aufnahmen von Kindern in den Intensivstationen wegen Feuchtblattern registriert. Zehn der Kinder oder rund 15 Prozent starben. 16 haben bleibende Schäden davon getragen."

Floret weiter: "Unsere Arbeit ist natürlich nicht umfassend, aber mein Eindruck ist, dass wir es seit einigen Jahren mit einer Zunahme der Komplikationen durch Feuchtblattern zu tun haben und dass sie häufiger als angenommen sind. In unserer Studie entfielen übrigens 76,5 Prozent der Fälle von Komplikationen auf sonst gesunde Kinder." - Bisher glaubt man, dass schwere Folgen der Varizellen speziell Kinder mit einem aus anderen Gründen geschwächten Immunsystem treffen würden.

Dauergast

Doch die Mehrheit der Feuchtblattern-Fällen treten eben unter den Gesunden auf. Deshalb entfällt auch die Masse der Komplikationen auf die Gruppe dieser Betroffenen. Einmal infiziert, wird man das Virus nicht mehr los. Im höheren Alter verursacht des den lästigen bis extrem schmerzhaften Herpes zoster.

Die Feuchtblattern bekommt in einer dagegen ungeimpften Bevölkerung fast jeder Mensch: In Frankreich rechnet man mit pro Jahr an die 700.000 Erkrankungen (95 Prozent der Betroffenen unter 20 Jahre). In den USA waren es bis zur Einführung der generellen Feuchtblattern-Impfung bei Kindern im Jahr 1996 vier Millionen Fälle pro Jahr (mit 11.000 Spitalsaufnahmen und rund 100 Todesfällen). In Ländern wie Deutschland und Österreich treten die meisten Erkrankungen bis zum Alter von zehn Jahren auf.

Impfung

Seit 1995 gibt es einen gut verträglichen und sehr wirksamen Impfstoff gegen die Feuchtblattern. In Österreich wird die Immunisierung derzeit nur Mädchen und Frauen im gebärfähigen Alter (Übertragung auf das Ungeborene bzw. Babys) empfohlen, wenn sie keine Varizellen gehabt haben.

Doch die USA entschlossen sich zur strikten Bekämpfung der Feuchtblattern. Univ.-Prof. Dr. Philip LaRussa von der Columbia University: "Alle Kinder im Alter zwischen zwölf und 18 Monaten sollen dagegen geimpft werden, zumindest aber im Alter zwischen 19 Monaten und zwölf Jahren. Rund 40 Millionen Vakzin-Dosen gegen die Varizellen wurden injiziert."

Ergebnisse

Die Ergebnisse lassen sich sehen: In drei Regionen mit 1,2 Millionen Einwohnern als Beispiele (Antelope Valley/Kalifornien, Travis County/Texas und West Philadelphia) wurde die Zahl der Feuchtblattern-Erkrankungen seither dramatisch reduziert. LaRussa: "Die Wirksamkeit der Impfung beträgt an die 90 Prozent ." So ging die Zahl der Erkrankungen in der Region in Kalifornien um 76 Prozent zurück, in Texas und in dem Gebiet in Philadelphia um jeweils 86 Prozent.

Berichte über ernst zu nehmende Nebenwirkungen gab es nur ausgesprochen wenige (1,6 Fälle auf eine Million Immunisierungen). Ein Teil davon ließ sich aber auf "echte" Varizellen und nicht auf die Impfung zurückführen.

Zwei Bedenken haben bisher die Immunisierung gegen die Feuchtblattern gebremst: Es könnte zu einer Verschiebung der Erkrankung in das höhere Lebensalter und/oder zu einer Vermehrung von Herpes zoster-Fällen kommen. Beides wäre unangenehm.

Geteilte Meinungen

Dazu sind die Experten noch nicht einer Meinung. Univ.-Prof. Dr. Lucina Titone, Infektionsexperte von der Universität von Palermo - in Sizilien wurde mit der generellen Varizella-Impfung von Kindern begonnen: "Auf Grund mathematischer Berechnungen (mit US-Datenbasis, Anm.) erwarten wir keine Verschiebung der Häufigkeit der Erkrankung ins höhere Lebensalter. Es könnte auch zu einer Reduktion von Herpes zoster bei Erwachsenen kommen." Das würde auch den US-Erfahrungen entsprechen.

Andere Fachleute hingegen halten eine vorübergehende Zunahme von Herpes zoster bei Erwachsenen für möglich. Auch dagegen soll es in einigen Jahren eine Impfung für Erwachsene geben.

Kinder aber könnten schon in zwei bis drei Jahren sehr gut gegen die Varizellen geschützt werden: Es wird heftig daran gearbeitet, ein Kombi-Vakzin gegen Masern-Mumps-Röteln (MMR) und die Feuchtblattern auf den Markt zu bringen. Österreichische Fachleute haben sich bereits positiv über ein solches Vakzin ausgesprochen. Zusammen mit der Sechsfach-Kinderimpfung (Diphtherie,Tetanus, Pertussis, Polio,Hämophilus B und Hepatitis B) wäre das dann ein weiterer Fortschritt im Kampf gegen infektiöse Erkrankungen.(APA)

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