"Nur über Breitbandnetze zu reden, ist zu wenig"

2. März 2010, 16:26
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Kommunikationswissenschafterin Ursula Maier-Rabler über die Auswirkungen von IKT auf Arbeitsprozesse und fehlenden politischen Rückenwind

Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) sind Schlüsselfaktoren der modernen Wissensgesellschaft. Österreichs alte Industrien sterben, in einer immer stärker an Dienstleistungen orientierten Wirtschaft steigt daher die Bedeutung der IKT als Produktivitätsfaktor. Kommunikationswissenschafterin Ursula Maier-Rabler im Interview mit derStandard.at-Interview über flexible Bürozeiten, überhöhte Erwartungen am Arbeitsmarkt und warum hierzulande zu einseitig debattiert wird. 

derStandard.at: Warum ist es für Arbeitnehmer immer wichtiger, eSkills zu haben?

Maier-Rabler: Der Umgang mit IT ist eine Voraussetzung, um in der heutigen Zeit am Arbeitsprozess teilzunehmen. Die Durchdringung in den Büroorganisationen ist ein Faktum.

derStandard.at: Was hat IKT für Auswirkungen auf Wachstum und Beschäftigung?

Maier-Rabler: Alle setzen auf IKT und wer nicht dabei ist, verliert den Wettbewerb und somit Arbeitsplätze. Da geht es fast schon um einen globalen Mythos. Ich finde das übertrieben. Das ist auch branchenabhängig: Ich werde durch den Einsatz von IT nicht mehr Dachdecker bekommen. Die Zahl neuer Arbeitsplätze wird nicht so stark wachsen, dafür wird es aber mehr Skills und Qualität geben.

derStandard.at: Wie wird Arbeit unter neuen technologischen Aspekten in den kommenden zehn Jahren organisiert werden?

Maier-Rabler: Das revolutionäre Potenzial für neue Arbeitsformen wäre da, die Frage ist wie man das ganze bewertet. Was nicht funktioniert ist, traditionelle Arbeitsorganisation mit neuen Technologien zu bewerkstelligen so wie es derzeit geschieht. Gewerkschaftliche Errungenschaften wie der 8-Stunden Tag sind kontraproduktiv. Wenn ich als Unternehmen profitieren will, muss Leistung ergebnisorientierter werden. Der Computer ist ja Universalinstrument, ich kann in der Arbeit im Internet surfen, meine Reise buchen oder meinen Facebook-Account pflegen. Als Arbeitgeber das zu kontrollieren, ist aber der falsche Weg. Wenn jemand im Büro Internetsurfen will, soll er das tun. Das Arbeitsprojekt muss er dann halt am Abend oder am Wochenende fertig machen.

derStandard.at: Ist digitale Infrastruktur so wichtig wie die von Bahn/Straße oder Energie?

Maier-Rabler: Davon bin ich überzeugt. Dabei geht es um die Verschmelzung von Arbeit und Privat: Ich brauche dieselbe Qualität daheim wie im Büro, muss unabhängig unterwegs arbeiten können. Dazu ist eine leistbare, flächendeckende Informationsinfrastruktur nötig.

derStandard.at: Die Kundenorientierung im Internet nimmt zu, gibt es noch großes Jobpotenzial im E-Governmentbereich?

Maier-Rabler: Ich denke schon. Im Zusammenhang mit E-Government stehen aber öfter Rationalisierungsideen im Vordergrund, weniger die Schaffung von neuen Arbeitsplätzen. Für die Kommunikation mit dem Bürger stellt man einfach einen Computer hin. Für ein besseres Kundenservice spielt das Internet aber eine große Rolle, auch für die Außendarstellung von Unternehmen.

derStandard.at: Wie weit ist es noch zum E-Home? Stichwort: Assisted living.

Maier-Rabler: Die Forschung beschäftigt sich mit diesem Thema intensiv, auch EU-weit. Vor allem im Bereich "ambient environment". Egal ob ich jung oder alt bin: Die Umgebung weiß, dass ich da bin, ich kann mit ihr interagieren. Der Computer wird unsichtbar, das Leben findet in einer digitalen Wolke statt. Die Arbeit kann schon im Büro nach Hause delegiert werden: Ist es warm daheim, ist der Ofen geheizt? Derzeit wird das sehr stark im Seniorenbereich erprobt, eine Ausweitung auf alle Usergruppen ist sicher der nächste Schritt.

derStandard.at: Alfred Harl, Obmann des Fachverbandes Unternehmensberatung und Informationstechnologie, sieht bis 2020 schwarz für die Branche. Der IT-Nachwuchs fehle. Mangelt es an Fachkräften?

Maier-Rabler: Ja und nein. Software-Engineerer haben wir viele. Die setzen brav um, was man ihnen sagt. Beim Zukunftsdenken für neue Technologien schaut es aber schon schlecht aus, die Innovation fehlt. Es gibt zu wenige Möglichkeiten, projektorientiert zu arbeiten. Die Leute müssten auch mehr im Ausland Know-How sammeln. Die Asiaten sind uns da weit voraus.

derStandard.at: Politisch tut sich auch wenig. Warum gibt es noch immer keinen Regierungsbeauftragten für IKT?

Maier-Rabler: Das ist eine Frage, die ich schon seit über zehn Jahren stelle. Ich war 1994 in den USA, gerade als dort das Internet groß geworden ist. Der damalige Vizepräsident, Al Gore, Mr. Internet, ist durch Amerika getingelt und hat in Idaho irgendwelchen Farmers-Frauen erklärt, dass das Internet-Zeitalter begonnen hat. Im selben Jahr bin ich nach Österreich zurückgekommen und seitdem suche ich einen Al Gore in unserem Land. Was fehlt, sind Politiker die das Thema IKT leben und glaubhaft vermitteln, mit Herzblut. Nicht nur in den Schulen, sondern auch in der breiten Bevölkerung.

derStandard.at: Was wird das "Kompetenzzentrum Internetgesellschaft" bringen?

Maier-Rabler: Das ist wieder "the old boys club", wie ich es nenne. Die Hälfte aller Internet-User sind Frauen, im Vorstand ist aber keine Frau vertreten. Das bewegt sich wieder in alten Schienen, die üblichen Verdächtigen sitzen zusammen. Die Ziele lauten weiterhin: Forcierung der Breitbandnutzung, mehr Zugang zum Internet. Das ist aber nur eine Seite der Medaille.

derStandard.at: Wenn es um IKT geht, wird meistens über Breitbandnetze geredet.

Maier-Rabler: Und das ist definitiv zu wenig. Politiker lieben es über Infrastruktur zu reden. Das kann man gut verkaufen, der qualitative Teil im IKT-Bereich ist schwer zu messen. Skills sind aber gleichbedeutend mit Infrastruktur. Es geht um die Fähigkeit, existierende Technologien zu verwenden. Man muss den Menschen erklären, warum ein souveräner Umgang mit IT notwendig ist. Die Frage muss lauten: Was können die Technologien für mich tun? Und nicht: Wie kann ich mich den technischen Umständen anpassen? (Florian Vetter, derStandard.at, 2.3.2010)

 

Zur Person:

Ursula Maier-Rabler (52) ist Geschäftsführerin des ICT&S Center (Center for Advanced Studies and Research in Information and Communication Technologies & Society) sowie Assistenzprofessorin am Institut für Kommunikationswissenschaft an der Universität Salzburg.

  • Wenn der Wohlstand der Gesellschaft auf dem Spiel steht: Für Kommunikationswissenschafterin Ursula Maier-Rabler ist es alarmierend, dass Österreich in den letzten Jahren in allen einschlägigen IKT-Rankings nur mehr im Mittelfeld zu finden ist.
    foto: standard/robert newald

    Wenn der Wohlstand der Gesellschaft auf dem Spiel steht: Für Kommunikationswissenschafterin Ursula Maier-Rabler ist es alarmierend, dass Österreich in den letzten Jahren in allen einschlägigen IKT-Rankings nur mehr im Mittelfeld zu finden ist.

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