Donauraum-Strategie der EU soll die Region wirtschaftlich, ökologisch und sozial aufwerten
Die Donau, viel besungen und verklärt: Mit einem Entwicklungsprojekt der EU soll sie zu jener Lebensader Mittel- und Südosteuropas werden, die ihrem Mythos auch im Alltag der Menschen entspricht.
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Wien - "Unbekümmert um die Waisen an ihrem Ufer fließt die Donau ins Meer, der großen Überzeugung zu." In seinem berühmten Werk Donau - Biographie eines Flusses hat Claudio Magris intuitiv und feinsinnig die Ausgangslage für ein großes europäisches Projekt beschrieben. Das war vor einem Vierteljahrhundert.
Heute, Donnerstag, wollen Regierungschefs und Minister aus 14 Staaten, unter ihnen Bundeskanzler Werner Faymann, und Vertreter zahlreicher Regionen in Budapest ein Signal geben: Die "große Überzeugung" soll sich im Alltag der Menschen des Donauraumes in höherer Lebensqualität niederschlagen, wirtschaftlich, sozial und kulturell. Die "Waisen" entlang des Flusses - jene Länder, die noch nicht in der EU sind oder ihr vielleicht nie angehören werden - sollen eine neue Familie finden. Pathetisch gesprochen.
Prosaisch lautet der Name des Projekts: EU-Strategie für den Donauraum. Koordiniert wird sie vom neuen Regionalkommissar, dem Österreicher Johannes Hahn (siehe Interview). Acht EU-Mitgliedsländer und sechs Nichtmitglieder sind beteiligt. In öffentlichen Befragungen und einer Reihe von Konferenzen sollen die Einzelprojekte formuliert werden. Die nächste Konferenz findet von 19. bis 21. April in Wien und Bratislava statt, im Mai und Juni folgen Treffen in Ruse (Bulgarien) und Constanta (Rumänien). Beschlossen werden soll die Donauraum-Strategie während der ungarischen EU-Präsidentschaft in der ersten Jahreshälfte 2011.
Ungarn hat das Projekt denn auch zur Priorität seines Vorsitzes erklärt. Die inhaltlichen Schwerpunkte: Verkehr/Energie/Informationstechnologie unter Berücksichtigung des Umweltschutzes sowie die sozio-ökonomische Integration. Insgesamt wollen die Magyaren auch die regionale Identität stärken und sich dabei auch eng mit Österreich abstimmen. "Wir hoffen auf ein Wir-Gefühl", heißt es aus Budapest.
In Wien sieht man das etwas nüchterner. Der Blick für das Gemeinsame müsse teilweise erst geschaffen werden, meint Botschafter Johannes Eigner, der im Außenministerium das Projekt betreut. Abgesehen davon, dass das von Budapest beschworene Wir-Gefühl in der Slowakei und Rumänien leicht missverstanden werden könne (mit Blick auf die dortigen ungarischen Minderheiten), wirke das "einigende Band", die gemeinsame "Lebensader", vielfach noch stark trennend. So gibt es auf den rund 400 Kilometern Donaugrenze zwischen Rumänien und Bulgarien noch immer nur eine einzige Brücke.
Als eine Hauptaufgabe sehen alle Beteiligten die bessere Schiffbarmachung der Donau. Seetransporte aus Österreich zum Suezkanal beispielsweise, die großteils über Rotterdam und die Straße von Gibraltar laufen, sind über die Donau-Schwarzmeer-Route um zwei Drittel kürzer, also auch ökologisch sinnvoll. Große Herausforderung: mit der erforderlichen Vertiefung der Fahrrinnen nicht andererseits das Ökosystem Donau noch weiter zu belasten. (Josef Kirchengast/DER STANDARD, Printausgabe, 25.2.2010)