...verlangen ebensolche Antworten. Ein Modell-Interview von und mit Nicola Werdenigg
Wer sich die Mühe macht, die Fragen Sieger-Interviews zu vergleichen, wird feststellen, dass es selten Abweichungen in den stereotypen Fragefloskeln gibt. Es ist nicht weiter verwunderlich, wenn auch den Athleten die Fragerei so zum Hals heraushängt, dass ihnen nur mehr eintönige Antworten einfallen; zumal man nach dem Ziel den Sauerstoff eher zur Regeneration als zur Formulierung von Antworten benötigt. Stellvertretend für alle betroffenen Sportler und aus der ausgeruhten Position am PC, einige richtig blöde Antworten. (Die Fragen wurden einem Interview mit Andrea Fischbacher in einer Österreichischen Tageszeitung entnommen)
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Wie war die Fahrt?
Es ging bergab und gab mehrere Kurven. In diesem Zusammenhang war es vor allem wichtig die Hangabtriebskraft richtig einzuschätzen und die Berechnung der auftretenden Fliehkraft voll in die Linienwahl einzubeziehen. Natürlich darf man während der Fahrt den Schnee nicht außer acht lassen. Er war diesmal besonders weiß, was eine große Herausforderung für das Auge darstellt, insbesondere an die Stäbchen und Zäpfchen. Auch der Luftwiderstand hat eine wichtige Rolle gespielt, deshalb habe ich noch kurz vor dem Start mit dem Taschenrechner eine Berechnung der aktuellen Strömungsverhältnisse angestellt. Es herrscht hier in Whistler ja ein extrem labiler Luftdruck und das Körpervolumen ist durch die exotische, nordamerikanische Kost auch etwas anders als zu Hause. Alles in allem kann ich sagen, dass die Fahrt recht konstant vom Berg ins Tal geführt hat und am Ende wieder einmal die Zeit durch hoch sensible Lichtschranken im Ziel gemessen wurde.
Wie haben sie sich im Ziel gefühlt?
Ich hatte nach dem Abschwingen eine Pulsfrequenz von genau 164 Herzschlägen pro Minute. Der Blutdruck konnte leider nicht gemessen werden, da sich unterwegs die Manschette des Messgeräts gelockert hatte. Die Laktose-Werte lagen im Normalbereich für so ein schwieriges Rennen. Ich war etwas durstig und erhielt von meiner Physiotherapeutin sofort die entsprechende isotonische Flüssigkeitszufuhr. Festgestellt habe ich sofort nach der roten Linie, dass ich an der Kopfhaut stark transpirierte, was wohl auf das hervorragende Isolationsmaterial im neuen Helm zurückzuführen ist. An den Zehen hat es etwas gekribbelt, das Öffnen der Skischuh-Schnallen hat aber sofort Abhilfe geschaffen. Meine erste mentale Reaktion nach Beendigung des Laufs, kann ich diesmal am besten mit der empirisch, psychologischen und soziologischen Analyse der Existenzweisen im Sinne von Erich Fromm beschreiben. Ich habe seine Maschinen fixierten Beispiele auf Ski, Skischuhe, Unterwäsche ja sogar die Hangneigung und elektronische Anzeigentafel umgelegt und die Frage "Haben oder Sein?" aus einem gänzlich neuen Blickwinkel betrachten können. Es ging dabei im Kern der Sache um die Abwägung von "Bestzeit haben" oder "Olympiasiegerin sein". Wenn Sie verstehen was ich meine?
Haben Sie Gold schon realisiert?
Wie Sie sicher wissen gibt es in der Philosophie zur Frage, was real ist, eine Vielzahl zum Teil erheblich widerstreitender Auffassungen. Dabei wird grundsätzlich die ontologische von der erkenntnistheoretischen und schließlich von der wissenschaftstheoretischen Sichtweise unterschieden. Ich neige persönlich eher zur Theorie der Agonie des Realen. Die aktuelle Realität ist für mich ein Kampf der festen Bezüge. So gewinnt die Goldmedaille auf Kosten der optimalen Fahrt an Macht. Ich habe mir deshalb schon überlegt, die Medaille einschmelzen zu lassen und mir daraus Zahn-Inlays anfertigen zu lassen, damit ich ständig daran erinnert werde, wie ich auf den letzten Metern vor dem Ziel, die Zähne zusammenbeißen musste. Sie müssen nämlich wissen, dass die sanitären Einrichtungen am Start nicht ausgereicht haben, um vor so einem schweren Rennen die Bedürfnisse aller Läuferinnen beinahe gleichzeitig zufrieden zustellen.
Wem haben sie nun zu danken?
Große Anerkennung gilt Mathias Zdarsky, der die alpinen Skiwettkämpfe zu Anfang des 20sten Jahrhunderts ins Leben rief. Ich möchte sogar soweit gehen und jenen Unbekannten Jägern danken, die vor mehr als 10.000 Jahren auf die Idee kamen Holzscheiter als Fortbewegungsmittel im Schnee zu verwenden. Ohne ihre Spitzfindigkeit stünde ich zweifelsfrei heute nicht auf dem Siegespodest. Gerne dankend erwähnen möchte ich auch alle Skilift-Hersteller. Da ich viel zu faul bin um einen Berg hinaufzugehen, wäre ich ohne Liftanlagen wohl eher Fallschirmspringerin als Skirennläuferin geworden.
Und Ihre Trainer?
Ja die werden sich bestimmt über meine Goldmedaille sehr freuen, da sie nun mit einiger Sicherheit auch in der nächsten Saison ihre Posten behalten dürften.
Wer sind ihre Vorbilder?
Im frühkindlichen Lernen von Sozialverhalten bin ich stark durch meine Familie geprägt, da ich das Glück hatte nicht im Waisenhaus aufwachsen zu müssen und Gott sei dank erst während der Latenzphase in den Skizirkus integriert wurde. Es gibt einige unkonventionelle Persönlichkeiten, auch unter den Toten, die mir sympathisch sind. Leider können oder konnten diese Leute nicht oder kaum Skifahren, deshalb kann ich sie, in mir wichtigen sportlichen Bereichen auch nicht nachahmen.
Was zeichnet sie als Rennläuferin aus?
In erster Linie, dass ich skifahren kann. Ich erhielt zwar als Kind Klavier-Unterricht, aber mit meinen Musikkenntnissen könnte ich niemals ein Abfahrtsrennen bestreiten. Man geht zwar davon aus, dass es im Hirn angeborene Strukturen für die Bearbeitung von Musik gibt und das Gefühl von Rhythmus und Harmonie, ist auch beim Skifahren sehr wichtig, trotzdem muss man vor allem am Anfang einmal das Bremsen lernen. Ich habe mir schon überlegt ob das erlernen der Pauke nicht sehr zweckdienlich für den Umgang mit unruhigen Pisten und den sogenannten "Schlägen" wäre, sozusagen mit Gegenschlägen zu operieren, hatte aber bisher dafür weder Zeit noch Lust.
Und mir waren als Kind schon Materialkenntnisse wichtig. So wusste ich bereits mit neun Jahren ganz genau wo bei einem Ski vorne und hinten ist. Wie schon früher angedeutet, halte ich die Auseinandersetzung mit physikalischen Gegebenheiten für sehr wichtig. Man darf einfach nie außer Acht lassen, dass Skirennen vom Berg ins Tal gefahren werden und nicht umgekehrt. Ich habe in der Praxis die Erfahrung gemacht, dass Newton, obwohl er kein Skifahrer war, den Nagel ganz genau auf den Kopf getroffen hat. Vielleicht sind deshalb Jesuiten auch nur mittelmäßige Skifahrer. Darüber denke ich übrigens oft sogar noch im Starthäuschen nach, wenn ich die FIS-Funktionäre so um mich sehe.
Welche Ziele haben sie für die nächsten Jahre?
Nun wie allgemein bekannt ist, sind die Merkmale eines Ziels Zielinhalt, Zeitrahmen und Erfüllungsgrad. Dazu kommt noch dass ein Ziel etwas ist, das man m ö g l i c h e r w e i s e schafft... man muss viele Hindernisse bewältigen! Und natürlich möchte ich bei meiner Zielsetzung die Ethik nicht vernachlässigen. So könnte ich mir kaum vorstellen, dass mein Ziel mit der Absolvierung eines Skirennens in völlig unbekleidetem Zustand zusammenhängen könnte. Damit würde man jene Kulturen vor den Kopf stoßen, die Nacktheit als anstößig empfinden. Mal ganz abgesehen davon, dass so etwas sehr ungesund sein könnte und deshalb als Vorbild für die Jugend nicht zu vertreten ist. Ich stecke allerdings mitten in der Realisierung eines ganz jungen Projekts - dem Anliegen nie mehr mit Scheiß-Fragen von Reportern belästigt zu werden. (Nicola Werdenigg)
Zur Person:
Nicola Spieß, verheiratete Werdenigg (* 29. Juli 1958 in Innsbruck)
ist eine ehemalige österreichische Skirennläuferin. Ihre größten
Erfolge feierte sie in der Abfahrt. Sie startete von 1973 bis 1979 im
Skiweltcup und erreichte vier Podestplätze. 1975 wurde sie
Österreichische Meisterin, bei den Olympischen Winterspielen 1976
belegte sie Rang vier im Abfahrtslauf.
Links:
edelwiser.com
Nicola Werdenigg auf wikipedia.de