Glosse

Blöde Fragen

24. Februar 2010, 19:54

...verlangen ebensolche Antworten. Ein Modell-Interview von und mit Nicola Werdenigg

 Wer sich die Mühe macht, die Fragen Sieger-Interviews zu vergleichen, wird feststellen, dass es selten Abweichungen in den stereotypen Fragefloskeln gibt. Es ist nicht weiter verwunderlich, wenn auch den Athleten die Fragerei so zum Hals heraushängt, dass ihnen nur mehr eintönige Antworten einfallen; zumal man nach dem Ziel den Sauerstoff eher zur Regeneration als zur Formulierung von Antworten benötigt. Stellvertretend für alle betroffenen Sportler und aus der ausgeruhten Position am PC, einige richtig blöde Antworten. (Die Fragen wurden einem Interview mit Andrea Fischbacher in einer Österreichischen Tageszeitung entnommen)

***

Wie war die Fahrt?

Es ging bergab und gab mehrere Kurven. In diesem Zusammenhang war es vor allem wichtig die Hangabtriebskraft richtig einzuschätzen und die Berechnung der auftretenden Fliehkraft voll in die Linienwahl einzubeziehen. Natürlich darf man während der Fahrt den Schnee nicht außer acht lassen. Er war diesmal besonders weiß, was eine große Herausforderung für das Auge darstellt, insbesondere an die Stäbchen und Zäpfchen. Auch der Luftwiderstand hat eine wichtige Rolle gespielt, deshalb habe ich noch kurz vor dem Start mit dem Taschenrechner eine Berechnung der aktuellen Strömungsverhältnisse angestellt. Es herrscht hier in Whistler ja ein extrem labiler Luftdruck und das Körpervolumen ist durch die exotische, nordamerikanische Kost auch etwas anders als zu Hause. Alles in allem kann ich sagen, dass die Fahrt recht konstant vom Berg ins Tal geführt hat und am Ende wieder einmal die Zeit durch hoch sensible Lichtschranken im Ziel gemessen wurde.

Wie haben sie sich im Ziel gefühlt?

Ich hatte nach dem Abschwingen eine Pulsfrequenz von genau 164 Herzschlägen pro Minute. Der Blutdruck konnte leider nicht gemessen werden, da sich unterwegs die Manschette des Messgeräts gelockert hatte. Die Laktose-Werte lagen im Normalbereich für so ein schwieriges Rennen. Ich war etwas durstig und erhielt von meiner Physiotherapeutin sofort die entsprechende isotonische Flüssigkeitszufuhr. Festgestellt habe ich sofort nach der roten Linie, dass ich an der Kopfhaut stark transpirierte, was wohl auf das hervorragende Isolationsmaterial im neuen Helm zurückzuführen ist. An den Zehen hat es etwas gekribbelt, das Öffnen der Skischuh-Schnallen hat aber sofort Abhilfe geschaffen. Meine erste mentale Reaktion nach Beendigung des Laufs, kann ich diesmal am besten mit der empirisch, psychologischen und soziologischen Analyse der Existenzweisen im Sinne von Erich Fromm beschreiben. Ich habe seine Maschinen fixierten Beispiele auf Ski, Skischuhe, Unterwäsche ja sogar die Hangneigung und elektronische Anzeigentafel umgelegt und die Frage "Haben oder Sein?" aus einem gänzlich neuen Blickwinkel betrachten können. Es ging dabei im Kern der Sache um die Abwägung von "Bestzeit haben" oder "Olympiasiegerin sein". Wenn Sie verstehen was ich meine?

Haben Sie Gold schon realisiert?

Wie Sie sicher wissen gibt es in der Philosophie zur Frage, was real ist, eine Vielzahl zum Teil erheblich widerstreitender Auffassungen. Dabei wird grundsätzlich die ontologische von der erkenntnistheoretischen und schließlich von der wissenschaftstheoretischen Sichtweise unterschieden. Ich neige persönlich eher zur Theorie der Agonie des Realen. Die aktuelle Realität ist für mich ein Kampf der festen Bezüge. So gewinnt die Goldmedaille auf Kosten der optimalen Fahrt an Macht. Ich habe mir deshalb schon überlegt, die Medaille einschmelzen zu lassen und mir daraus Zahn-Inlays anfertigen zu lassen, damit ich ständig daran erinnert werde, wie ich auf den letzten Metern vor dem Ziel, die Zähne zusammenbeißen musste. Sie müssen nämlich wissen, dass die sanitären Einrichtungen am Start nicht ausgereicht haben, um vor so einem schweren Rennen die Bedürfnisse aller Läuferinnen beinahe gleichzeitig zufrieden zustellen.

Wem haben sie nun zu danken?

Große Anerkennung gilt Mathias Zdarsky, der die alpinen Skiwettkämpfe zu Anfang des 20sten Jahrhunderts ins Leben rief. Ich möchte sogar soweit gehen und jenen Unbekannten Jägern danken, die vor mehr als 10.000 Jahren auf die Idee kamen Holzscheiter als Fortbewegungsmittel im Schnee zu verwenden. Ohne ihre Spitzfindigkeit stünde ich zweifelsfrei heute nicht auf dem Siegespodest. Gerne dankend erwähnen möchte ich auch alle Skilift-Hersteller. Da ich viel zu faul bin um einen Berg hinaufzugehen, wäre ich ohne Liftanlagen wohl eher Fallschirmspringerin als Skirennläuferin geworden.

Und Ihre Trainer?

Ja die werden sich bestimmt über meine Goldmedaille sehr freuen, da sie nun mit einiger Sicherheit auch in der nächsten Saison ihre Posten behalten dürften.

Wer sind ihre Vorbilder?

Im frühkindlichen Lernen von Sozialverhalten bin ich stark durch meine Familie geprägt, da ich das Glück hatte nicht im Waisenhaus aufwachsen zu müssen und Gott sei dank erst während der Latenzphase in den Skizirkus integriert wurde. Es gibt einige unkonventionelle Persönlichkeiten, auch unter den Toten, die mir sympathisch sind. Leider können oder konnten diese Leute nicht oder kaum Skifahren, deshalb kann ich sie, in mir wichtigen sportlichen Bereichen auch nicht nachahmen.

Was zeichnet sie als Rennläuferin aus?

In erster Linie, dass ich skifahren kann. Ich erhielt zwar als Kind Klavier-Unterricht, aber mit meinen Musikkenntnissen könnte ich niemals ein Abfahrtsrennen bestreiten. Man geht zwar davon aus, dass es im Hirn angeborene Strukturen für die Bearbeitung von Musik gibt und das Gefühl von Rhythmus und Harmonie, ist auch beim Skifahren sehr wichtig, trotzdem muss man vor allem am Anfang einmal das Bremsen lernen. Ich habe mir schon überlegt ob das erlernen der Pauke nicht sehr zweckdienlich für den Umgang mit unruhigen Pisten und den sogenannten "Schlägen" wäre, sozusagen mit Gegenschlägen zu operieren, hatte aber bisher dafür weder Zeit noch Lust.

Und mir waren als Kind schon Materialkenntnisse wichtig. So wusste ich bereits mit neun Jahren ganz genau wo bei einem Ski vorne und hinten ist. Wie schon früher angedeutet, halte ich die Auseinandersetzung mit physikalischen Gegebenheiten für sehr wichtig. Man darf einfach nie außer Acht lassen, dass Skirennen vom Berg ins Tal gefahren werden und nicht umgekehrt. Ich habe in der Praxis die Erfahrung gemacht, dass Newton, obwohl er kein Skifahrer war, den Nagel ganz genau auf den Kopf getroffen hat. Vielleicht sind deshalb Jesuiten auch nur mittelmäßige Skifahrer. Darüber denke ich übrigens oft sogar noch im Starthäuschen nach, wenn ich die FIS-Funktionäre so um mich sehe.

Welche Ziele haben sie für die nächsten Jahre?

Nun wie allgemein bekannt ist, sind die Merkmale eines Ziels Zielinhalt, Zeitrahmen und Erfüllungsgrad. Dazu kommt noch dass ein Ziel etwas ist, das man m ö g l i c h e r w e i s e schafft... man muss viele Hindernisse bewältigen! Und natürlich möchte ich bei meiner Zielsetzung die Ethik nicht vernachlässigen. So könnte ich mir kaum vorstellen, dass mein Ziel mit der Absolvierung eines Skirennens in völlig unbekleidetem Zustand zusammenhängen könnte. Damit würde man jene Kulturen vor den Kopf stoßen, die Nacktheit als anstößig empfinden. Mal ganz abgesehen davon, dass so etwas sehr ungesund sein könnte und deshalb als Vorbild für die Jugend nicht zu vertreten ist. Ich stecke allerdings mitten in der Realisierung eines ganz jungen Projekts - dem Anliegen nie mehr mit Scheiß-Fragen von Reportern belästigt zu werden. (Nicola Werdenigg)

Zur Person:

Nicola Spieß, verheiratete Werdenigg (* 29. Juli 1958 in Innsbruck) ist eine ehemalige österreichische Skirennläuferin. Ihre größten Erfolge feierte sie in der Abfahrt. Sie startete von 1973 bis 1979 im Skiweltcup und erreichte vier Podestplätze. 1975 wurde sie Österreichische Meisterin, bei den Olympischen Winterspielen 1976 belegte sie Rang vier im Abfahrtslauf.

Links:

edelwiser.com

Nicola Werdenigg auf wikipedia.de

Kommentar posten
18 Postings
derjungeroemer
01
27.2.2010, 11:22
ganz gutes thema (als pausenfüller)

nicht rasend originell abgehandelt (sollte man vielleicht einmal einem kabarettisten überlassen).
bischen zu langatmige antworten, ich hab jeweils ca. nur die hälfte geschafft.

ob ein zielrauminterview gelingt, hängt weniger von der güte der fragen ab, sondern davon, wie authentisch, wie emotional, wie originell der läufer antwortet bzw. zu antworten bereit ist.

immer ein highlight der sumann,
die fragen, die ihm gestellt wurden, waren genauso unoriginell wie immer.


Langstätter Toni
00

kann dir in allen punkten zustimmen :)

perfekt zusammengefasst

vis comica
10
26.2.2010, 15:15
Gutes Thema - völlig vergeigt!

parzenbua
02
26.2.2010, 12:20
nid wahnsinnig originell,

aber so schlecht a wieder nid. weil im grunde hots jo recht

Michael Holzermayr2
21
26.2.2010, 08:18
Gibt es eigentlich von Frau Spieß noch Interviews?

Oder sind die wegen Erfolglosigkeit unterblieben?

Nevim
13
26.2.2010, 09:08

"Sie startete von 1973 bis 1979 im Skiweltcup und erreichte vier Podestplätze. 1975 wurde sie Österreichische Meisterin, bei den Olympischen Winterspielen 1976 belegte sie Rang vier im Abfahrtslauf."

So "erfolglos" waere ich auch gerne mal.

Freizeitaktivitöten
 
23
26.2.2010, 07:05
Das ist ja teilweise nahezu kopiert

aus Umberto Eco's "Wie man mit einem Lachs verreist".

Nichts taugen als Skiläuferin und dann noch das. Na servus!

zischfrisch
74
26.2.2010, 01:44

vielen dank lieber standard, dass frau werdenigg mit dieser kolumne ein ventil geboten wird, ihren, durch mangelhafte sportliche leistungen aufgestauten frust, der durch die tatsache, dass sie im gegensatz zu vielen ehemaligen skikolleginnen nach ihrer karriere in grausamer bedeutungslosigkeit verschollen ist, offenbar noch verstärkt wird, abbauen kann. nicht auszudenken, was die gute frau sonst anstellen würde...

Gerfried Huber
01
28.2.2010, 17:43

Wow, ein österreichisches Posting in Reinkultur... da freu ich mich richtig

LiTaiPe
00
28.2.2010, 05:04
interessant...

sehr interessant wenn der durchnittsösterreicher der evtl. im hendlhaxn abnagen spitzenleistungen erbringt über "mangelnde sportliche leistungen" philosophiert (oder grunzt)

wie in jeder sportart ist die teilnahme am spitzensport nur durch die kombination absolutes ausnahmetalent + konstantes hartes training + äusserste disziplin + physische überlegenheit möglich. vom spitzensport unter die top 100 der welt zu gelangen ist es dann noch ein weiter grosser schritt, und von dort unter die top 3 der welt (medailienplätze) ist es dann nochmals ein quantensprung.

wieviele tennisprofis gibt es die täglich 6-7 stunden trainieren und es doch nur in die top 1000 schaffen? wieviele spitzenskiläufer - chancenlos selbst gegen juniorkader kinder ??

Truhe
 
00
27.2.2010, 20:55

Um dämlich herumzutrollen hätten auch weniger Wörter gereicht...

Mein Hund, die arme Sau, heißt Hojac.
11
26.2.2010, 00:38
Amüsant, trifft aber den Kern der Sache nicht.

Die möglicherweise minderbegabten Hanseln machen auch nur ihren Job, der da heißt die Vermarktungsmaschine mit anzutreiben. Wenn man was kritisieren will, dann vielleicht die auf die Spitze getriebene Vermarktung, die nach einem derart konformistischen Produkt schreit.

Dann würde man aber mitkritisieren, dass oder wieviel man damit verdient.

Tango68
00
26.2.2010, 00:27

@Nicola: dankeschön ;-)))

Ich frage mich, welche Ausbildung Pariasek & Co. genossen haben?

Dr. Lari and Mr. Fari
 
00
26.2.2010, 15:04
Sprechtraining.

Für Denk- und Logikschulung hatte der ORF kein Geld, zumal man bei Sportreportern da auch noch die Vorschulstufenkurse mitfinanzieren müßte.

Kyuss88
01
25.2.2010, 19:29

Großartig, danke dafür :D
Wenn ich die Interviews im Fernsehen sehe/höre, kommt mir nur noch das Fremdschämen. Wie kann man nur solche blöden Fragen stellen, die sich eh ganz von alleine beantworten?

lubo
01
24.2.2010, 19:58

köstlich:

"Festgestellt habe ich sofort nach der roten Linie, dass ich an der Kopfhaut stark transpirierte, was wohl auf das hervorragende Isolationsmaterial im neuen Helm zurückzuführen ist"

hcl
01
25.2.2010, 19:30

Amüsiert hat mich auch der Vergleich von Jesuiten und FIS-Funktionären.

Mein Hund, die arme Sau, heißt Hojac.
00
26.2.2010, 00:39

Das haben die Jesuiten nicht verdient.

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