Schön, dass sich zunehmend auch konservative Politiker für das "skandinavische Modell" zu begeistern scheinen - Auch wenn manchen in Sachen Schulreform vielleicht noch ein paar Nachhilfestunden guttäten
Für die europäische politische Linke ist Schweden seit langem das Land, in dem man sich sozial-, bildungs- und wirtschaftspolitische Visionen holen und einen echten "real existierenden" Wohlfahrtsstaat studieren konnte. Wie es scheint, beginnen neuerdings auch Konservative die Rationalität und Effektivität des "skandinavischen Modells" zu schätzen. Vor einigen Tagen hat der frühere sozialdemokratische schwedische Ministerpräsident Göran Persson auf Einladung der Wirtschaftskammer in Wien einen Vortrag gehalten, der den ÖVP-Finanzstaatssekretär Lopatka so sehr beeindruckte, dass er Schweden als "Vorbild für Österreich" bezeichnete. In der Tat ist die Herangehensweise der schwedischen Politik, nämlich die Einbindung aller sozialpartnerschaftlichen Stakeholder, die Konsensbereitschaft und eine "evidence-based policy" , also eine Politik, die nicht wie die österreichische auf Lagermentalität und rational amputierter Fortschreibung des Status quo, sondern auf einer soliden Datenbasis beruht und sich an den Kriterien Fairness und Zukunftsfähigkeit orientiert, höchst eindrucksvoll.
ÖVP-Politiker wie Staatssekretär Lopatka wären allerdings gut beraten, sich vor "selektiver Wahrnehmung" zu hüten und nur die eine oder die andere gefällige schwedische "policy" herauszupicken. Wie alle Staaten ist Schweden ein komplexes soziales System, in dem alle Politikfelder interdependent sind und einander bedingen. Wenn er - so wie der Direktor des IHS, Bernhard Felderer - die schwedische (Struktur-)politik der vergangenen Jahrzehnte für "bewundernswert" hält, dann sollten er und seine Parteifreunde sich insbesondere für die schwedische Bildungspolitik interessieren.
Schweden hat 1962, als man in Österreich die aus dem 19.Jahrhundert ererbte selektive ständische Schulstruktur mit dem "SchOG 1962" abermals legistisch einbetonierte, ein demokratisches Gesamtschulsystem eingeführt. Diese "Mutter aller Gesamtschulreformen" , beruhte auf jahrzehntelanger Grundlagenforschung, die den Nachweis erbrachte, dass frühe schulischen Auslese unzuverlässig ist und Unterschicht- und Landkinder strukturell benachteiligt.
Es sollte den Bauernbündlern in der Volkspartei zu denken geben, dass in Schweden zu den entschiedensten Befürwortern der Gesamtschulreform die damalige Bauernpartei gehörte, die sich von der Schulreform eine Beseitigung des "Stadt-Land-Bildungsgefälles" erwartete, ein Ziel, das auch tatsächlich erreicht wurde.
Der "äußeren" Reform der Schulorganisation folgten eine Reihe "innerer" Schulreformen sowie eine Reform der Lehrerbildung und eine Dezentralisierung bzw. Kommunalisierung der Schulverwaltung. Schwedische Lehrer sind längst keine "weisungsgebundenen" , pragmatisierten Beamten mehr, sondern Vertragsbedienstete der schulerhaltenden Kommunen; sie arbeiten mit einem hohen Maß an professioneller Verantwortung in weitgehend autonomen Schulen.
Von wegen "flächendeckendem Angebot" an Ganztagsschulen in Wien: Alle schwedischen Schulen sind Ganztagsschulen mit einer durchwegs hohen Lebensqualität, die das Produkt eine sensiblen kreativen Schularchitektur ist. Der ganztägige Betrieb aller Schulen erspart den Kommunen die (in Wien absehbaren) Probleme der Balance von elterlicher Nachfrage und ganztagschulischem Angebot und sichert jener Schülergruppe eine extensive schulische Sozialisation, die sie am dringlichsten braucht: den Kindern mit Migrationshintergrund, von denen es in Schweden, das lange Zeit eine sehr großzügige Flüchtlings-und Asylpolitik betrieben hat, sehr viele gibt.
Jahrzehntelang haben sich schwedische Eltern darauf verlassen, dass die ihrer Wohnung nächstgelegene Schule nicht die "nächstbeste" , sondern die nächste und als "Stadtteilschule" oder Gemeindeschule auch die beste ist, mit kurzen Schulwegen und geringer räumlicher und "affektiver" Distanz zwischen Schule und Elternhaus.
In den 1990er-Jahren glaubte allerdings eine konservative Regierung, dem öffentlichen Schulsystem den neoliberalistischen Stachel "Privatisierung-Konkurrenz-Schulwahl" ins Fleisch drücken zu müssen und ermutigte und erleichterte die Gründung von öffentlich finanzierten Schulen in freier Trägerschaft.
Soziale Tugenden
Im letzten Jahrzehnt nahm die Zahl solcher Schulen deutlich zu; gleichzeitig mehren sich die Anzeichen dafür, dass das eintritt, was sozialdemokratische Politiker von Anfang an befürchtet haben, nämlich eine soziale Segregation durch das Abwandern besonders ambitionierter Mittel- und Oberschichteltern in diese Quasi-Privatschulen. Die Wirkungen und unerwünschten Nebenwirkungen dieses Schultyps zeichnen sich bereits als zentrales Thema der nächsten schwedischen Parlamentswahlen ab.
Schweden kommt dem OECD-Ideal einer "learning society" insofern recht nahe, als man zu gesellschaftlichen Zielen und Idealen nicht bloß unverbindliche Lippenbekenntnisse ablegt, sondern konkrete "opportunities to learn" , also Gelegenheiten zum Erlernen sozialer Tugenden und Einstellungen, schafft. Drei Beispiele:
1) Schweden ist eines der Länder, die mit Sorgfalt und großem Aufwand die Integration und Inklusion von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf in Regelschulen betreiben. Nur Kinder, die eine besonders aufwändig gestaltete schulische Umwelt brauchen oder einen außerordentlichen Bedarf an Therapie haben, besuchen Sonderschulen. So erlernen "normale" Kinder den natürlichen Umgang mit Vielfalt und Behinderung.
2) Auf den Bahnsteigen der Vorortzüge und in den U-Bahnstationen Stockholms gibt es große, mit dem Logo der Gratiszeitungen gekennzeichnete Behälter in denen man diese "Zeitungen" nach dem Durchschauen ("Lektüre" wäre wie bei den entsprechenden Wiener Produkten eine arge Übertreibung) entsorgen kann. Es funktioniert. So erlernen StaatsbürgerInnen Verantwortung für Stadtbild und Umwelt, Mülltrennung und die Unterscheidung zwischen einer Zeitung und Mist.
3) In den meisten schwedischen Restaurants, Cafes und öffentlichen Einrichtungen gibt es Wickeltische für Babys, und zwar nicht bloß in eigenen Wickelräumen oder in den Damentoiletten, sondern auch in den (wohl nicht zuletzt deswegen durchwegs sehr sauber gehaltenen) Vorräumen der Herrentoiletten. So erlernen echte Männer den Umgang mit vollen Windeln. (Karl Heinz Gruber, DER STANDARD, Printausgabe, 25.2.2010)
Zur Person: Karl Heinz Gruber lehrt Vergleichende Erziehungswissenschaft an den Universitäten Wien und Salzburg. Foto: Urban