Fiebertraum mit Alligator

24. Februar 2010 17:33
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    Foto: welan

    Ein Cop, der sogar Gangster beeindruckt: Nicolas Cage (Zweiter v. re.), Alvin "Xzibit"  Joiner und Vasallen in Werner Herzogs "Bad Lieutenant"

     

     

Werner Herzog hat sich seinen eigenen Reim auf "Bad Lieutenant" gemacht: Ein groß aufspielender Nicolas Cage verfängt sich in New Orleans in einem Sog aus Gewalt, Drogen und Bizarrerien

Wien - "Ich habe keine Ahnung, wer Abel Ferrara ist." Werner Herzog hat diese Wissenslücke bei verschiedenen Anlässen offen zugegeben. Das ist natürlich gelogen, wo er doch mit "Bad Lieutenant: Port of Call New Orleans" den wohl berühmtesten Film des italoamerikanischen Regisseurs noch einmal gedreht hat. Andererseits ist niemand anderem außer Herzog so viel Gleichgültigkeit gegenüber Vorlagen (und Regiekollegen) zuzutrauen. Sein Film ist ja auch kein lupenreines Remake, sondern eine freie Übertragung des Stoffes in einen anderen Kosmos. Einen, in dem zum Beispiel Leguane voll Liebeskummer verzweifelt ihrer Mäuler aufreißen.

Aber alles der Reihe nach. Am Anfang stand die mäßig originelle Idee des Produzenten Edward R. Pressman, "Bad Lieutenant" neu zu adaptieren. Von New York verlegte man das Geschehen in das vom Hurrikan Katrina versehrte New Orleans. Eine Schlange windet sich zum mit der Dreistigkeit eines B-Movies inszenierten Auftakt durchs Wasser, schnurstracks auf einen Gefängnisinsassen zu. Terence McDonagh, der Cop, der sich zuerst seine feinen Unterhosen nicht nassmachen will, rettet den Ertrinkenden, verletzt sich dabei so schwer, dass er den Rest des Films nur unter Einnahme von schweren Drogen bestehen kann.

Schon an dieser Ausgangslage erkennt man, dass Herzog im Unterschied zu Ferrara, bei dem es noch um große religiöse Themen wie Schuld und Erlösung ging, den Ball etwas flacher hält. Sein Blick auf den mit seiner Verfassung ringenden Helden fällt nicht unbedingt milder aus, aber er kokettiert unverhohlener mit dessen Ambivalenz: Für verrückte Grenzgänger hegte Herzog schon immer Sympathien. McDonagh hat einen brutalen Mordfall in einer Familie zu ermitteln, der ins Herz der lokalen Drogenszene führt. Doch seinem Streben nach Gerechtigkeit kommt permanent die eigene Sucht in die Quere. Je manischer er sich in die Umstände des Falls vertieft, desto mehr Gelegenheiten findet er, sich auch selbst einen Gefallen zu tun.

Wiedererweckter Star

"Bad Lieutenant" ist vor allem auch deshalb ein Glücksfall des Kinos, weil hier aus einer chaotischen Gemengelage etwas Unvermutetes entsteht. Der seit einigen Jahren in den USA tätige Herzog inszeniert seinen ersten Thriller deutlich mit eigener Handschrift, er hat dafür mit Nicolas Cage einen Hollywood-Star an der Seite, der zuletzt eher lustlos agierte. Doch plötzlich wirkt Cage motiviert, hellwach und geladen wie selten zuvor. Ein Getriebener, mit steifem Hals und angezogenen Schultern, der sich koksend in immer extremere Stimmungslagen schraubt: In einer Apotheke bedient er sich wutschnaubend selbst, als man ihn zu lange ignoriert, er überfällt gerne junge Pärchen, um an seinen Stoff zu kommen, selbst alte Frauen im Rollstuhl sind vor ihm nicht sicher.

Herzog übersteigert einerseits Standardsituationen, andererseits bettet er die mit Generika versehene Geschichte - Frankie (Eva Mendes), die Freundin McDonaghs, ist eine schutzbedürftigte Prostituierte - behände in die schwülstige Atmosphäre New Orleans' ein, ein perfektes Setting für einen fiebrigen Helden, der den Bezug zur Realität allmählich verliert. Von Herzog selbst gefilmte Alligatoren, die Boten einer animalischen Welt, lauern schon bedrohlich an den Rändern.

Da versteht es sich fast von selbst, dass hier kein Hohelied auf einen Helden anklingt, der sich aus eigener Kraft aus dem Sumpf zieht. In "Bad Lieutenant" regeniert sich Amerika auf mysteriöse Weise selbst - und wie vieles andere in diesem Film hat das eine durchaus komische Qualität: ein amerikanischer Traum, nur einmal etwas anders ausgelegt. (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.2.2010)

 

Kommentar posten
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paradeyugo
27.02.2010 23:18
na ja,

laut standard wird taxi driver wieder verfilmt. von scorsese mit de niro.

Alter Störenfried
28.02.2010 14:46
Mhm, ja, genau.

Das hat sich ja auch der Standard aus den Fingern gesaugt und wurde nicht von der APA übernommen, die es wiederum aus einem Filmmagazin übernommen hat.

667 one step ahead of the devil
25.02.2010 16:19
Großartiger Film.

Cage in Hochform, imho sehr sehenswert.

Schwammhirn mit Ei
 
25.02.2010 13:35
Herzog...

... war besonders mit Kinski ein Wahnsinn - eine kongeniale Ergänzung zweier Filmemacher wie die Tim Burton /Johnny Depp Paarung.

Der Ferrara Thriller war ein kleines Meisterwerk, was Herzog daraus gemacht hat, bin ich neugierig. Der gute Nic Cage weckt seit den letzten gefühlten 1000 Filmen leider Zweifel ... aber mal abwarten.

Aber es passt trotzdem: Ferrara und Herzog waren eine Zeit lang einander irgendwie ähnlich in ihrer filmischen Direktheit ...

Sir Panda
 
25.02.2010 17:14

mit Verlaub, Ferrara ist kein guter Regisseur. Er hat nie ein Meisterwerk abgeliefert. Auch nicht mit Bad Lieutenant. Es war ein guter Film überm Durchschnitt, aber nur dank der etwas unüblichen Thematik und der wie immer überragenden schauspielerischen Darstellung von Harvey Keitel.

FranzKK
 
02.03.2010 07:49

Ms 45, Bad Lieutenant, King Of New York, The Addiction sind IMHO sehrwohl Meisterwerke.

Alter Störenfried
26.02.2010 17:56
The Addiction

Ich war von "The Addiction" begeistert. Christopher Walken als Vampir hat mich sehr beeindruckt. Dennoch kann ich auch nicht umhin festzustellen, dass die meisten Ferrara-Filme nicht unbedingt überzeugen.

"Bad Lieutenant" ist mir auch in sehr guter Erinnerung geblieben, doch wenn ich da an "New Rose Hotel" denke, dann zweifle ich schwerstens an den Fähigkeiten Ferraras.

sollbruchstelle
25.02.2010 11:52

großkotz cage über herzog:
http://tinyurl.com/ykup5az

a ad - das kann man auch anders sehen
28.02.2010 11:33

"... and we need a writer, yeah." :-))


Naja, wenn Herzog IRL annähernd so nervig ist, wie im Grizzly Man, dann kann ich schon verstehen, dass Cage auszuckt... (Wobei ich nicht gedacht hätte, dass die Nicht-Performances von Cage und das Herumstehen in Szenen einen Artistic Process erfordern... :-)

Pi der Grieche
25.02.2010 11:06
kein Remake

Laut Herzog heisst hat Film nur deshalb diesen Titel, weil ihn der Prduzent so wollt, der auch den früheren Film mit Harvey Keitel produziert hat.
Die Ähnlichkeit betrifft, wenn überhaupt, den Protagonisten, ein liederlicher Cop dem ein warmes Zucken durchs Herz geht.

Es macht aber keinen Sinn die beiden Filme zu vergleichen, sie sind grundverschieden. Genauso gut könnte man ihn mit Serpico vergleichen wollen.

Sinnvoller ist der Vergleich mit den andern Herzogfilmen.
Meine Meinung dazu: Herzog hätte nie nach Amerika ziehen dürfen. Seither amerikanisiert er und das eher schlecht.

Derfdeswoarsein
 
25.02.2010 10:54
Nichts gegen Cage....

aber Harvey Keitel ist er keiner

Edwyn7
 
25.02.2010 14:28
...muss und soll er ja auch nicht...

....war gestern bei der premiere und muss sagen, daß
cage hier wirklich ne sehr gute, intensive vorstellung gibt.



Lethawae
25.02.2010 17:06

Ähnlich intensiv wie in Ghost Rider?

Ausgeflippter Lodenfreak
26.02.2010 15:24

Hoffentlich nicht ;-)))

Ich denke diese Rolle gleicht sehr der in "Bringing out the Dead" und hat auch etwas von "8 mm". In diesen beiden Filmen war Cage sehr gut in "Bringing out the Dead" sogar überragend.

Lorenzo von Matterhorn
 
25.02.2010 09:04

ein wiedererweckter Cage hört sich schon mal gut an,... eigentlich unfassbar, in was für schrottfilmen der zuletzt gespielt hat,...

auf der anderen seite klingt "eva mendes" dann doch wieder weniger gut,...

Lethawae
25.02.2010 09:22

Mir macht Eva Mendes in einem Film weniger Angst als Nicolas Cage - kein gutes Zeichen.

Sir Panda
 
25.02.2010 17:03

keine Angst, sie spielt eine drogensüchtige Prostituierte. In der Rolle kommt sie sehr glaubwürdig rüber ;)

Prof. Oz
25.02.2010 08:59
trailer

http://www.youtube.com/watch?v=o-GpX3TTvrE

auch mit dabei ist Xibit (hoffentlich ohne seinen ständigen PimpMyRide-Grinser..)

Dauerwurst
 
25.02.2010 08:47

bin ein großer fan des originals, von dieser fassung war ich eher enttäuscht. hab erst vor kurzem herzogs grizzly man gesehen, der hat mich begeistert, deshalb war ich sehr gespannt. aber für mich überspielt cage hier derart hemmungslos, daß es schon ins comicartige abgleitet. es gibt zwar ein paar atmosphärisch dichte, starke szenen, aber alles in allem mäandert die geschichte etwas willenlos auf der suche nach punchlines.

Lethawae
25.02.2010 08:50

"aber für mich überspielt cage hier derart hemmungslos, daß es schon ins comicartige abgleitet."

Macht Cage immer. Einer der miesesten Schauspieler aktuell, direkt eine Konkurrenz zu Al Pacino.

duke box
02.03.2010 20:44

cage ist ein ähnlich ausdrucksstarker schauspieler wie ottfried fischer.

wronskys ohren
25.02.2010 08:37

worse lieutenant

snufkin
25.02.2010 08:27
"Ein groß aufspielender Nicolas Cage"

Wow! Das gibt's?

1000 Kopfläuse können nicht irren
25.02.2010 10:44
Vielleicht hat er früher Pornos gemacht...

... wie andere auch!
*fg*

snufkin
25.02.2010 11:30

ja, in dieses metier würd er tatsächlich gut reinpassen :)

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