EU verklagt Athen

Generalstreik legt Griechenland lahm

24. Februar 2010, 17:34

Tränengas-Einsatz gegen Demonstranten - Gewerkschaften gegen drastische Sparpläne der Regierung - Schwere Vorwürfe gegen Deutschland

Athen - Aus Protest gegen das Sparprogramm der griechischen Regierung haben die Gewerkschaften das öffentliche Leben am Mittwoch weitgehend lahmgelegt. Wegen des landesweiten Streiks wurden sämtliche Flüge von und nach Griechenland gestrichen, auch Bahnverkehr und Fährbetrieb standen weitgehend still. Schulen und Behörden blieben geschlossen, für Kliniken wurde ein Notdienst eingerichtet. In Radio und Fernsehen gab es keine Nachrichten, es erschienen auch keine Zeitungen.

Die Streiks richten sich gegen das schmerzhafte Sparprogramm der Regierung, die damit gegen die massive Staatsverschuldung ankämpft. Zu den Arbeitsniederlegungen hatten die beiden wichtigsten Gewerkschaftsverbände des Landes aufgerufen, der für die Beschäftigten in der Privatwirtschaft zuständige Verband GSEE und der für den öffentlichen Dienst zuständige ADEDY. Der Protest wandte sich gegen die geplante Anhebung des Rentenalters, die Kürzung von Beamtenzulagen und Steuererhöhungen. Die Regierung will mit diesen Sparmaßnahmen das massive Haushaltsdefizit von zuletzt 12,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um mindestens vier Prozentpunkte senken.

Auschreitungen bei Demonstration in Athen

"Die Märkte müssen für die Krise zahlen", forderten Demonstranten auf einem Transparent. Die Gewerkschaften werfen der Regierung vor, mit ihrer Sparpolitik vor allem die Armen zu treffen. Sie haben für März weitere Proteste angekündigt. "Heute blickt Europa auf uns, heute demonstrieren wir für Hoffnung und Zukunft, gegen das Sparpaket", sagte der Chef der für die Privatwirtschaft zuständigen Gewerkschaft GSEE, Yannis Panagopoulos.

Er forderte die Regierung auf, dem Druck zu widerstehen und die Last der Krise nicht den kleinen Leuten aufzubürden, um ein Abgleiten Griechenlands in eine Rezession zu verhindern.   Gewerkschaftssprecher Stathis Anestis bezeichnete die Sparpläne sogar als kontraproduktiv: "Wenn alle diese Maßnahmen umgesetzt werden, wird die Arbeitslosigkeit in die Höhe schießen. Unser Land wird in eine massive Rezession abrutschen." Ministerpräsident Giorgos Papandreou hatte auf die Streikankündigung mit dem Hinweis reagiert, er habe zwar "Verständnis dafür", es gebe aber einfach "kein Geld".

Tränengas und Wasserwerfer

Am frühen Nachmittag kam es zu ersten Ausschreitungen. Die Polizei setzte Tränengas und Wasserwerfer gegen eine Gruppe Protestierender ein. "Etwa 50 Jugendliche versuchten die Universität zu stürmen, die Polizei wehrte sie mit Tränengas ab," erklärte ein Polizeibeamter.

Die Regierung spare an der falschen Stelle, kritisierte der Vorsitzende des Gewerkschaftsverbands GSEE, Yannis Panagopoulos. "Wir fordern eine gerechte Verteilung der Lasten, damit Gehaltsempfänger und Rentner nicht den Preis für eine Krise zahlen, für die sie nicht verantwortlich sind."

Umfrage: Mehrheit stützt Sparprogramm

"Ich streike gegen Lohnkürzungen. Andere haben das Geld gestohlen, und wir sollen nun dafür zahlen", zeigte sich der Staatsangestellte Michalis Koroleos kämpferisch. Trotz der Demonstrationsfreudigkeit der Griechen sind die Proteste gegen die Sparpolitik bislang eher symbolisch geblieben. Die Mehrheit der Bevölkerung will der Regierung Umfragen zufolge Zeit geben, ihr Programm umzusetzen. Der Streikaufruf wurde auch nicht durchgängig befolgt. "Ich will nicht streiken", sagte der 62-jährige Tankstellenpächter Dimitris Makrivellios. Die Menschen seien für die Krise mitverantwortlich.

Die Gewerkschaften konnten die Arbeitnehmer in den beiden wichtigsten Bereichen der griechischen Wirtschaft, des Tourismus und der Handelsschiffart, allerdings offenbar nicht zum Streik bewegen. Alle griechischen Frachter und Tanker fuhren normal. Das Hotelpersonal ging nach Angaben von Athener Hoteliers fast ohne Ausnahmen zur Arbeit. Auch viele Volksschullehrer unterrichteten trotz des Streiks ihre Klassen. Geschäfte und Supermärkte waren landesweit geöffnet.

Jüngsten Umfragen zufolge unterstützt aber eine Mehrheit der Griechen das Sparprogramm der Regierung. In einer am Sonntag von der Zeitung "Ethnos" veröffentlichten Erhebung erklärten 57,6 Prozent der Befragten, die bisher angekündigten Schritte gingen "in die richtige Richtung". 75,8 Prozent forderten, die Gewerkschaften sollten sich mit Protestaktionen zurückhalten.

"Deutschland hat uns nach Krieg nicht entschädigt"

Unterdessen erhebt Griechenland schwere Vorwürfe gegen Deutschland. Sein Land sei niemals für die Folgen der nationalsozialistischen Besatzung im Zweiten Weltkrieg entschädigt worden, sagte der stellvertretende Ministerpräsident Theodoros Pangalos am Mittwoch dem britischen Radiosender BBC. "Sie haben das griechische Gold weggenommen, das bei der griechischen Zentralbank lag, sie haben das griechische Geld weggenommen und es nie zurückgezahlt." Deutschland müsse das Geld nicht unbedingt zurückzahlen, aber "sie sollten sich wenigstens bedanken", fügte er hinzu.

Das harte Sparprogramm der sozialistischen Regierung sieht unter anderem einen Einstellungsstopp im öffentlichen Dienst und Gehaltskürzungen für Beamte vor. Eine Erhöhung der Mehrwertsteuern in den kommenden Wochen gilt als sicher. Drastisch erhöht wurden bereits die Steuern auf Tabak, Spirituosen und Treibstoffe.

Die Regierung wird von der EU wegen der hohen Verschuldung zu drastischen Einsparungen gedrängt, etwa zur Streichung des 14. Monatsgehaltes. Griechenland hat fast 300 Milliarden Euro Schulden. Die EU-Kommission hat die griechischen Staatsfinanzen unter ihre ständige Aufsicht gestellt. Athen muss in diesem Jahr rund 53 Milliarden Euro neue Schulden machen, mehr als 20 Milliarden Euro davon im April und Mai. Aus Angst vor einem Staatsbankrott verlangen die Investoren derzeit kräftige Risikoaufschläge für griechische Anleihen. Die Sorgen über die Zahlungsfähigkeit Griechenlands haben auch das Vertrauen in den Euro erschüttert. (red/APA/Reuters)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 776
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17
jesus mohammed
00
25.2.2010, 21:14
bei dem tränengas sind tränen noch das harmloseste

da nur medizin, die eigentlich bei magenschleimhautentzündung hilft, etwas gegen üble hautreaktionen bringt, indem man sie auf die haut schmiert, kann man sich in etwa vorstellen, was für nette importe aus deutschland kommen.
deswegen berichtet auch niemand von tränengas, sondern von gas

Menschenflüsterer
 
01
25.2.2010, 15:55
Es ist besser wegen Tränengas zu weinen, als wegen Hunger.

Wenn Polizisten und Soldaten, so wie große Teile der sonstigen Einwohner, kein vernünftiges Einkommen hätten, dann würden Demonstranten keine Gegner haben.

Es ist und bleibt halt so, dass die Habenden auf die Nixhabenden (oder umgekehrt) einprügeln.

Alles Programm von oberer Herrscherhand.

Herbert Hebenstreit
00
21.4.2010, 16:45
Laß Worten Taten folgen.....

stehe auch durch permanentes Schulden machen vor dem Privatkonkurs. Da Sie, geehrter Menschenflüsterer, mehr als ich zu haben scheinen,
bitte ich um eine entsprechende Überweisung.
Vielen Dank im voraus für Ihre großzügige Überweisung.

Bei mir hats gebrannt
00
25.2.2010, 11:28
Die Griechen werden bald darum betteln,

eine Kolonie Deutschlands zu werden. Bei Teutates.

caffènoir
00
25.2.2010, 09:03

aber trotzdem nicht so verschissen wie Österreich!

Bully Bullson
08
25.2.2010, 08:32
...ich weiß nicht, ob jemand gestern die ZIB gesehen hat...

...jedenfalls wurde dort gesagt, dass das griechische Parlament rd. 300 Abgeordnete haben würde. Die gewählten Volksvertreter verdienen auch ca. 8.000,--/Monat;- würden aber nur 5% Steuern zahlen! Und jeder der Abgeordneten hätte einen eigenen Dienstwagen, Chaffeur und Bodyguard....

...schon klar, dass die Griechen nicht deswegen 300 Mrd Schulden haben, aber es erklärt schon einiges...

Dalien
 
00
25.2.2010, 11:31
Wahnsinn!

Und jetzt rechne noch die ganzen Nebenjobs dieser "feinen" Gesellschaft hinzu.

Es wird nicht mehr lange dauern und der ZORN der griechischen Bevölkerung wird endlich die Richtigen treffen.

Alphysiker
10
25.2.2010, 04:46

Verantwortlich sind die griechisches Volk, und die deutsche Besetzung wahrend WK2. Naturlich die EU, IMF, und Goldman Sachs sind alle unschuldig....Haha, glauben viele Leute unsere elite-Medien noch?

Proud Citizen Of The EUdSSR
10
25.2.2010, 13:33

ich befürchte, ja

tommy prantherr
10
25.2.2010, 00:47
Leute, die Verteilungskämpfe beginnen jetzt!

Jeder ist sich selbst der nächste.

morphogenetisches Energiefeld
317
24.2.2010, 23:00
wenn man den Menschen

ihrer Grundlagen beraubt, dann beginnen Sie sich zu wehren.

Voellig fehlgeleitete und korrupte Politik endet irgendwann in einer Revolution, und das mit Recht: waehrend sich ein paar Herren an der Masse an Menschen bereichern, verhungert der Rest oder kaempft schwer mit dem ueberleben.

Es braeuchte generell und insgesamt, nicht nur in Griechenland mehr Verteilungsgerechtigkeit und ein gerechtes Lohnsystem.

Die Politik, EU-weit, nicht nur in GR. muss sich am Wohl der Menschen orientieren und nicht am Wohl von Grosskonzernen und Grossbanken, waehrend der Durchschnittsbuerger immer mehr ausgenommen wird wie eine Weihnachtsgans...

trestigres
 
00
Verteilungsgerechtigkeit ist nicht das Problem Griechenlands. Solche politischen Setzkastenparolen taugen weder zu erklären weshalb es zu dieser Staatsverschuldung gekommen ist, noch wie Griechenland es wieder heraus schafft. Griechenland hat als

krassester Trittbrettfahrer der Währungsunion jahrelang über seine Verhältnisse gelebt. Tiefe Realzinsen erlaubten ihm einen übermässigen Konsum, es verschuldete sich massiv und verlor an Wettbewerbsfähigkeit. Ob letztlich die jetzt eingeleiteten Massnahmen zum Ziel der Entschuldung führen oder ob eine Umschuldung oder ein Teilforderungsverzicht notwendig ist wird sich noch herausstellen. Wenn von Verteilung die Rede sein soll, dann davon, dass der Staat mehr "verteilt" hat als er einnahm. Griechenland ist mit einer überbewerteten Währung in die Union eingezogen, es hat sich Geld vom Unionstopf geholt, nicht um die Wirtschaft zu reformieren und Reformen voran zu treiben, sondern um Klientelwirtschaft zu betreiben.

Herbert Hebenstreit
00
21.4.2010, 16:58
@morphogenetisches Energiefeld

ich teile absolut Ihre Meinung bezüglich der Beseitigung von parasitären politischen Strukturen and Bankenmacht wie GS, deren CEO sich als Gottgleich und über dem Papst stehend, ansieht.
Aber haben Sie schon mal nachgesehen, wieviele Produkte Made in China und anderen Entwicklungsländern, sich in Ihrenm Haushalt befinden. Produkte, die von Leuten hergestellt werden, die ein Tageseinkommen von 1-3US$ haben.
Wer solche Produkte käuft und den Arbeitsplatzabbau hier beweint, wein nichts als Krokodilstränen.
Mal nachsehen und dann nachdenken.

wirdeinlichtleinseinamendedestunnels
00
25.2.2010, 03:42
ned amol die gänse

dürfen wir laut terrorparagraphen schützen...

F. Croma
05
24.2.2010, 23:25
Ein paar Herrn bereichern sich ?

Ihre Darstellungen gehen m.E. an der griechischen Realität vorbei (Ideologiegeschwafel). Jeder 4te wird vom Staat beschäftigt und damit es zur Anstellung kommt wird finan. nachgeholfen, wenn dieser in Position ist geht das monetäre Ringelspiel weiter. Da demonstrieren Beamte die u.U. ein unversteuertes Nebeneinkommen haben - Steuersatz wird gegen Schmiergeld vom Finanzbeamten herab gesetzt etc. Ihre Verteilungsgerechtigkeit - das Volk nimmt Schmiergeld und zahlt welches. Grosskonzerne na soviele gibt es in Griechenland wohl nicht. Revolution des Volkes - sie müßten gegen sich selbst revoltieren.

evolution2011
 
00
25.2.2010, 20:47

genau so läufts. Und eine Sanierung der Finanzen wird wenig bringen, solange die korrupte Justiz nicht saniert wird...

wirdeinlichtleinseinamendedestunnels
00
25.2.2010, 12:25
- einfach brilliant.

Proud Citizen Of The EUdSSR
17
24.2.2010, 22:49
4. Versuch

solange nicht jeder mensch auf der welt:
genügend zu essen hat um zu überleben;
einen behüteten platz, der wärme und sicherheit bietet sein eigen nennen kann;
zugang zu bildung hat;
mindestens solange gilt verbesserungsbedarf in der welt!
die sich abzeichnende revolution ist die beste möglichkeit die menschen aufmerksam zu machen auf die ungerechtigkeiten der welt und des systems!

capkin1
11
24.2.2010, 22:39
das 14. monatsgehalt in griechenland streichen

jetzt mal für alle, die die beamten in deutschland abschaffen möchten, schaut euch griechenland an. die beamten in deutschland haben noch nicht einmal ein 13. gehalt, was in der freien wirtschaft üblich ist. es gibt kein urlaubs- und weihnachtsgeld. die pension ist 60 % des letzten gehalts und streiken dürfen deutsche beamte auch nicht. jeder der jetzt noch nach der abschaffung des deutschen beamtentums schreit, sollte sich griechenland vor augen führen! das ist die konsequenz!

Walter Kaiser
01
25.2.2010, 09:35
Welcher Österreicher will deutsche Beamte abschaffen?

Proud Citizen Of The EUdSSR
00
24.2.2010, 22:27

wieso ist dieser artikel auf einmal wieder auf der international site? egal...

desillusionierend
13
24.2.2010, 22:21
arg ist, wie viele user hier auf die nationalistische hetze gegen "die griechen" aufspringen!

Proud Citizen Of The EUdSSR
20
24.2.2010, 22:26

stimmt...

wirdeinlichtleinseinamendedestunnels
34
24.2.2010, 20:36
Zuerst korrumpieren bis zum geht nicht mehr,

eu-förderungen im ganz grossen stil kassieren,
damit gut leben bis zum geht nicht mehr
und dann streiken u. die wankende volkswirtschaft niedermachen u. die schuld bei anderen suchen?
Geht's noch absurder?

Mit "avrio, avrio" wird es diesmal nimmer gehen.

georg alfa
 
11
24.2.2010, 20:07
Greece not alone in exploiting EU accounting flaws

REUTERS / SHIFTING LIABILITIES
European sovereigns’ game of shifting liabilities off their balance sheets once provided fruitful ground for the now tarnished securitization sector.
Italy kicked of the craze 10 years ago by selling a 4.5 billion euro securitization backed by unpaid social security payments at the Istituto Nazionale Previdenza Sociale (INPS).
The early years of the single currency was marked by a series of similar asset-backed securitizations for Italy and other states such as Portugal, Greece and Belgium.
Then in May 2005 Germany joined in, selling 8 billion euros of civil service pension rights backed by payments from former state-owned companies Deutsche Telekom (DTEGn.DE), Deutsche Post (DPWGn.DE)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 776
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.