Nachlese

Sprengung - Der letzte Ausfall des Senders Bisamberg

23. Februar 2010, 19:20
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    foto: der standard/andy urban

    Das bisher höchste Gebäude Österreichs wird ab Mittwoch Geschichte sein - Der 265 Meter hohe Hauptsender auf dem Bisamberg wird in drei Tranchen gesprengt

    Livestream

20 Kilo Sprengstoff reichen, um die mächtigen Sender auf dem Bisamberg zu fällen - Die Anrainer müssen ihre Häuser ein paar Stunden lang verlassen

Wien - "Solange etwas einfach da ist, kann man es oft gar nicht richtig schätzen", sagt Christine und zieht ihre türkise Winterjacke noch enger um sich. Sie komme mit ihrer Familie immer wieder auf den Bisamberg, um die Aussicht zu genießen und spazieren zu gehen, erzählt die blonde Niederösterreicherin. Doch dieses Mal sind die vier aus Großengersdorf auf die verschneite Höhe gekommen, um zu fotografieren.

Nicht die Stadt, die einem dort zu Füßen liegt, auch nicht die malerische Villa Magdalenenhof, vor der sie stehen. Die beiden Sender, von ihren mächtigen Spannseilen gehalten, werden noch aus den unterschiedlichsten Perspektiven fotografiert. So lange sie noch da sind. Denn heute, Mittwoch, werden die rot-weiß-roten-Masten, die schon längst nicht mehr in Betrieb sind, gesprengt.

Wohnen mit Senderblick

Hassan Sarsam braucht keinen weiten Weg auf sich zu nehmen, um noch einen letzten Blick auf die Sender zu werfen. Er muss dazu nur aus der Küche ins Wohnzimmer gehen. Der Wiener hat seit beinahe 25 Jahren die Villa Magdalenenhof gepachtet, das Jagdschlösschen und der kleine Park davor sind im Frühjahr und im Sommer als romantische Location für Hochzeiten und Geburtagsfeste beliebt.

In der kalten Jahreszeit haben die Sarsams ihren Teil des Bisambergs fast für sich alleine. Auch Reinhard Gerer hat sein neues Lokal vis-a-vis bereits winterfest gemacht. "Doch seit Tagen kommen unglaublich viele Leute herauf, um noch einmal Fotos zu machen", schildert der 49-Jährige.

Als Sarsam und seine Frau Elizabeth 1986 auf den Bisamberg gezogen sind, waren die beiden Mittelwellensender noch in Betrieb. Damals konnte es schon vorkommen, "dass man in der Dachrinne und sogar im Backrohr Radioempfang hat". Was er vermissen wird, wenn die Metallmasten endgültig gefallen sind? "Bei jedem Gewitter haben Blitze in die Sender eingeschlagen und sind dann die Spannungsseile entlang gehüpft - das war schon ein toller Anblick", erzählt Sarsam.

Wenig nostalgisch ist der Blick von Michael Weber auf die Anlage. "Industrieruine" nennt sie der Pressesprecher der Österreichischen Rundfunksender-Gesellschaft ORS. 1995 wurde der Sendebetrieb eingestellt, 1999 gab es ein kurzes Intermezzo, um im Zuge des Zerfalls Jugoslawiens Informationssendungen in Richtung Süden zu senden.

Eine Sanierung der beiden Sendemasten wäre schlicht zu teuer gekommen. Alleine die Erneuerung der Spannseile aus Stahl hätte eine Million Euro gekostet. Daher hat man sich bei der ORS für die Sprengung entschieden. Wie viel die kostet? Genaue Zahlen kann Weber nicht nennen, aber sicher "nur einen Bruchteil der Sanierungskosten".

Um 12 Uhr soll der 120 Meter hohe kleinere Sender "wie ein Baum fallen". Drei Stunden später wird das bis dahin höchste Gebäude Österreichs, der 265 Meter hohe Hauptmast in drei Teilen gesprengt sein. "Es wird sicher weniger laut werden als ein Silvesterfeuerwerk", prophezeit Weber. Sprengstoff wird vergleichsweise wenig gebraucht. "Wir werden knapp 20 Kilo benötigen", erzählt Weber. Für Zuschauer wurden drei Viewing-Bereiche am Rand der Evakuierungszone eingerichtet.

Die Sarsams werden in der Früh ihre beiden Töchter ins Gymnasium nach Floridsdorf bringen, danach werden sie noch einmal kurz in ihr Haus zurück fahren, das sie so wie rund hundert andere Anrainer ab 10 Uhr räumen müssen.

Die Sprengung wollen sich Elizabeth und Hassan auf jeden Fall ansehen, vielleicht sogar filmen. Angst um ihre Villa Magdalenenhof haben sie keine. Und auch wenn es die Sender nicht mehr gibt, die Adresse wird noch immer Senderstraße 130 lauten. "Wir haben mit der Sprengfirma ausgemacht, dass wir ein Stück von der Spitze des kleinen Senders bekommen", erzählt Elizabeth. Der Teil soll später im Garten als Erinnerungsstück aufgestellt werden. Und dann werden die Sarsams so nahe am Sender wohnen, wie niemals zuvor. (Bettina Fernsebner-Kokert/DER STANDARD, Printausgabe, 24.2.2010)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 75
1 2
Robgeb er
00
24.2.2010, 23:12
.

Wer durfte da eigentlich vis a vis vom Magdalenenhof sich so ein großzügiges Haus mit Stall hinstellen???

Oz 1980
10
24.2.2010, 15:05
Bumm, Bumm, Bumm, Bumm!

...und weg ist auch der zweite.

erlich
00
24.2.2010, 15:04
... quasi ...

... finaler UMFALL!

ManDi77
10
24.2.2010, 14:51

Gleich ist er hin :-(

aucupium
00
24.2.2010, 13:04
hm.

schön waren die Sendemasten noch nie. *Aber* ich habe viele Jahre meiner Kindheit über an Wochenenden am Sendergelände verbracht und wir konnten im Löschteich baden :)

Das Gebäude findet ja weiterhin Verwendung, oder?

kein nick will mir mehr einfallen
04
24.2.2010, 12:40

der sprengungs-livestream auf tw1 funktioniert jedenfalls nicht. ist ein schönes beispiel für den feinen unterschied zwischen internet und mw: ersteres in super qualität, falls es eben gerade läuft, nicht zu viele gleichzeitig drauf zugreifen und die aufwändige technik vorhanden ist. zweiteres war europaweit mit einer schaltung zu empfangen die ich mir notfalls aus zwei transistoren und ein paar widerständen selbst zusammenlöten hab können.

Dr. Lari and Mr. Fari
 
00
24.2.2010, 13:34
äh, brauchst

da net vielmehr Kondensatoren und Drosselspulen?

clearlake
00
24.2.2010, 12:49
vermutlich überlastet....

tja, das kann bei (analog) TV nicht passieren.....

Oz 1980
01
24.2.2010, 15:09

Kann bei DVB-T auch nicht passieren, schließlich ist DVB-T ja auch ein Signal, das nur in eine Richtung läuft und somit absolut passiv empfangen wird.

clearlake
11
24.2.2010, 15:42
DVB-T ist nicht "besser" als Analog TV.

solange mans in der gleichen auflösung sendet. es hat eher nachteile (empfangsprobleme, eben WEIL es digital ist) - digitalisierung ohne (viel) sinn....

Oz 1980
00
25.2.2010, 13:38

Ich habe nirgends behauptet, dass DVB-T besser ist als Analog-TV, ich habe nur gesagt, dass es bei DVB-T das Bandbreitenproblem bei vielen Nutzern, das bei einem Livestream auftritt, nicht gibt.

Wolfgang Leitner3
09
24.2.2010, 11:36
Falschinformationen ohne Ende!

Ich verstehe es nicht: Sogar in den ORF-Radios wird davon berichtet, daß der Sender bereits im Jahr 2000 außer Betrieb gegangen ist. Dabei sendete man noch vor einem guten Jahr. Was auch nirgends erwähnt wird: Der Sender wurde 2000 sogar erneuert und für DRM (digitale Mittelwelle) vorbereitet, aber das soll wohl keiner wissen.

Dr. Lari and Mr. Fari
 
01
24.2.2010, 13:37
Der Mast wird wohl nicht für digitale Mittelwelle vorbereitet worden sein, denn das wäre ein Unding

Entweder man sendet mit 1476 kHz oder nicht - ob das Signal digital moduliert ist oder analog der Senderantenne (nix anderes ist der laaaaange Mast) egal.
Was modifizert werden müßte, ist die Elektronik im Gebäude - aber wahrscheinlich, da ja die EInrichtung unter Denkmalschutz steht, eh nur in einem kleinen Eckerl mit ein paar ICs und das wars. Es kommt ja auch bei den Leistungsstufen dann nur drauf an, WAS aufmoduliert wird aufs Signal, nicht aufs Trägersignal selbst.

der_kleine_nick
 
00
24.2.2010, 11:00
Das ist aber irgendwie blöd,

denn die Lichter des Sendemastens haben mir immer so schön nach Hause geleuchtet. Und nachdem der Bisamberg sozusagen mein "Hausberg" ist, wird mir was fehlen.

Wolfgang Leitner3
11
24.2.2010, 10:12
Armutszeugnis

Schon ironisch, daß der "neue" Übertragungsstandard DAB das gleiche "Todesdatum" wie die Mittelwelle hat! DAB, welches an der Bevölkerung vorbei im Geheimen abgestrahlt bzw. "getestet" wurde, wurde letztes Jahr, gleichzeitig mit MW 1476kHz, auch abgeschaltet! Statt dessen wird mittels rauschendem analogem UKW - ursprünglich und bis heute NICHT für den mobilen Empfang geeignet - fast genau so alt wie die MW-Anlage am Bisamberg - munter weiter gesendet. Danke ORF! Soviel zu den zitierten "alternativen Übertragungsmöglichkeiten". Es lebe der Fortschritt.

ManDi77
00
24.2.2010, 11:12

Ich finde UKW erlich gesagt nicht so schlecht. Nutze es auch mobil mit dem Handy und die Tonqualität ist für die Anwendung Radio wirklich ausreichend. Rauschen gibt es nur in der U-Bahn und kleine Knackser zwischendurch sind wahrscheinlich angenehmer als die Störungen, welche mit DAB auftreten würden. Obwohl ich DAB nie ausprobiert habe und es sich jetzt sowieso erübrigt hat.

Ich denke, dass mobiles Radio über des Internet realisiert wird - siehe z.B.: LoungeFM für das Iphone.

Wolfgang Leitner3
11
24.2.2010, 11:17
Dann stellen Sie mal 98,3MHz ein ...

... und sagen sie mir, wie Sie die Qualität finden. Oder fahren Sie in den Wiener Wald ... da hört sich der Genuß auf.

ManDi77
03
24.2.2010, 12:28

Ist aber klar. Dieser Sender wird vom Donauturm gesendet und hat einfach nicht die Sendeleistung, wie sie Sender vom Kahlenberg haben.
Vergleich: Radio Wien (Wien 1 - Kahlenberg 100kW) vs. 98,3 Superfly (Wien 4 - Donauturm 380W).

Wolfgang Leitner3
01
24.2.2010, 13:19

Das ist mir schon klar! Aber genau das wäre mit DAB - gleiche Reichweite und Leistung für alle Sender - behoben. Aber das will ja der ORF nicht.

Ich mag eben kein ORF-Radio hören (nur wegen der Sendeleistung), das ist mein gutes Recht. Vielleicht ist ja das allein der Grund, warum der ORF beim Radiotest so gut abschneidet?

UKW war und ist für den mobilen Empfang einfach per Definition nicht konzipiert und geeignet!

Dr. Lari and Mr. Fari
 
00
24.2.2010, 13:41
Es gibt:

analoges Radio auf UKW (und als winzige Nischenprodukte, die aber teils immer noch gewaltige Technik erfordern, viel "schwerer" als UKW!!: KW, MW, LW)
div. Kabelsysteme, z. T. mit umfangreichsten digitalen Sparten-Musikprogrammen
webradio

und dann noch DAB und DRM und was weiß ich...

Wer soll das bezahlen?
Wer hat das bestellt?
Wer hat soviel Pinkepinke,
Wer hat soviel Geld?!

ManDi77
01
24.2.2010, 13:38

Also im L-Band (1452–1492 MHz) braucht man Aufgrund der hohen Frequenzen auch eine höhere Sendeleistung (besonders für den Indoor Empfang). Im VHF-Band III (174–230 MHz) könnte man sagen, dass 1kw UKW ca. 5kw DAB entsprechen. Indoor schaut die Sache aber schon wieder anders aus - da ist UKW länger hörbar, wenn auch dann besser in Mono.

ManDi77
07
24.2.2010, 10:03

und durch einen tragischen Unfall wird der Sender in das denkmalgeschützte Sendegebäude krachen...

Paul K
26
24.2.2010, 09:49
ein armutszeugnis mehr

das sich ors, orf und die regierung selber ausstellt: in krisenzeiten ist ein mittelwellensender gold wert, weil weit strahlend und nahezu überall empfangbar. aber abgesehen davon: es geht auch um unsere stimme im ausland, um unsere wahrnehmbarkeit, die ja auch auf kurzwelle eingeschlafen ist. zumindest der kleinsender hätte - auch als kulturdenkmal - erhalten werden sollen. aber was will man von einer övp, die überall nach effizienz ruft und sich und ihrer klientel ständig die taschen auf kosten der unter- und mittelschicht und der bildung für alle füllt? und die spö im nirvana?? erstaunlich auch, dass die öffentlichkeit erst im letzten moment davon erfährt. nein, nicht erstaunlich, siehe oben ...

SprecherVienna
 
06
24.2.2010, 09:22
25.000 kg Sprengmaterial fuer ein "normales" Haus ???

Ich hoffe, dass nur vergessen wurde, das Komma an der richtigen Stelle zu setzen.
Mit dieser Menge koennte man den Suedbahnhof incl. aller Nebenbauwerke bis zum Matzleinsdorfer Platz sprengen. Die Recherchen sind manchmal echt fragwuerdig...

Power Hirsch
 
01
24.2.2010, 11:35

Die "Recherchen" sind sowieso lächerlich. Immerhin war der Sender bis Ende 2008 als Radio 1476 in Betrieb, also zu behaupten er wäre schon längst abgeschaltet worden ist falsch.

Gerade in Zeiten der europäischen Integration wäre ein MW-Sender, der bei Nacht große Teile Europas abdeckt ein interessantes Projekt zum Zusammenwachsen Europas. Sehr Schade, damit wird es in Österreich sicher keinen Mittelwellensender mehr geben, auch kein DRM.

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