Sozialstaatliche Gerechtigkeit auf dem Prüfstand

23. Februar 2010, 22:10

Stehlen sich die Pensionisten aus der Verteilungsdebatte einfach davon? - Von Andreas Kreutzer

Mit der Forderung nach einem Konto für Transferleistungen hat die ÖVP eine Verteilungsdebatte losgetreten, die Österreich hoffentlich nicht so schnell loswerden werden wird. Denn in der Tat ist es Zeit, über Verteilungsgerechtigkeit zu diskutieren, doch breiter, als die Auseinandersetzung derzeit läuft. Das Thema Umverteilung ist nämlich nicht nur eines zwischen jenen, die mehr, und jenen, die weniger verdienen, sondern primär zwischen jenen, die verdienen, und jenen, die nicht (mehr) verdienen.

Die Fakten: Die Reallohneinkommen aus unselbstständiger Arbeit pro Kopf stagnieren seit 20 Jahren nahezu. Lag der durchschnittliche Nettoverdienst 1990 auf Basis Vollzeitäquivalent bei 1300 Euro im Monat, werden 2008 inflationsbereinigt satte 1360 Euro ausbezahlt. Ein Plus von 4,6 Prozent in 18 Jahren! Das verwirrt, gab es nicht jedes Jahr harte Lohnrunden? Wurde die gute alte Benya-Formel still und leise außer Kraft gesetzt?

Mitnichten. Vielmehr ist die enttäuschende Dynamik des Reallohns Ergebnis eines radikalen Transformationsprozesses in der heimischen Wirtschaft. Zum einen gingen auf dem Weg von der Industrie- zur Informationsgesellschaft im gut bezahlten Produktionssektor seit 1990 rund 110.000 Arbeitsplätze verloren. Gleichzeitig stieg der Personalstand in eher mäßig bezahlten Dienstleistungsbereichen wie Handel, Gastronomie und persönlichen Dienstleistungen um 280.000 massiv. Das drückt die Durchschnittseinkommen. Zum anderen ändern sich Erwerbskarrieren dramatisch. Das durchschnittliche Beschäftigungsverhältnis hält aktuell über alle Branchen nur noch 1,6 Jahre. 2008 wurden mehr als 1,6 Millionen Arbeitverhältnisse neu begonnen. Auch das drückt die Durchschnittseinkommen.

Andererseits sind die Gehälter, insbesondere bei höheren Qualifikationen, in der Tat kräftig gestiegen. So weist die Lohnsteuerstatistik für 2008 bereits knapp 500.000 unselbstständig Erwerbstätige mit einem Jahreseinkommen von mehr als 50.000 Euro aus. Im Jahr 1990 verdienten etwa halb so viele Arbeitnehmer umgerechnet 470.000 Schilling (inflationsbereinigt). Doch auch im darunter liegenden Einkommensbereich gibt es zufriedenstellende Reallohnerhöhungen, sofern es sich um nicht unterbrochene Erwerbslebensläufe handelt. Dafür sorgt das Senioritätsprinzip, das nicht nur im öffentlichen Dienst, sondern auch in der Privatwirtschaft nach wie vor prächtig funktioniert, auch gestützt durch das praktizierte System der sozialpartnerschaftlichen Lohnverhandlungen.

Die Folge dieser je nach Qualifikation und Erwerbskarriere divergierenden Lohn- und Gehaltsentwicklung ist ein zunehmender Verlust der Einkommensmitte, zumal neue Jobs doch überwiegend in Billiglohnsektoren geschaffen wurden.

Dagegen wächst die Alimentierung des arbeitsfernen Bereichs mit einer vergleichsweise atemberaubenden Geschwindigkeit. Die Durchschnittspension liegt inflationsbereinigt 2008 um knapp 20 Prozent über jener im Jahre 1990. Der gesamte Pensionsaufwand stieg in den letzten 18 Jahren um mehr als das Doppelte. Dazu kommen der Aufwand fürs Pflegegeld im Ausmaß von rund 1,6 Mrd. Euro pro Jahr sowie Rentenansprüche aus der Unfallversicherung usw.

Verschärft wird die Situation durch eine prinzipiell steigende Pensionsbelastungsquote. Aktuell kommen auf 100 Erwerbstätige - auf Basis Vollzeitäquivalent - bereits 62 Rentenbezieher. Insgesamt stehen einem Nettoeinkommen aus unselbstständiger Arbeit von 78 Milliarden Euro bereits Transfereinkommen an Pensionisten von 30 Milliarden gegenüber. Der Einkommensbericht von Statistik Austria bringt es auf den Punkt: Im Durchschnitt liegt der monatliche Nettolohn nur noch um 250 Euro über der Durchschnittspension. Berücksichtigt man noch diverse Vergünstigungen für Rentner und die Nicht-mehr-Notwendigkeit einer privaten Pensionsvorsorge, schmilzt die Differenz gegen null. Da das Pensionssystem die Aufwendungen schon lange nicht mehr alleine tragen kann, wird Jahr für Jahr mehr Steuergeld aus Erwerbsarbeit zu den Transfereinkommen verschoben. 2008 waren es alleine für Pensionen und Pflegegeld rund 6,5 Mrd. Euro. Das sind rund acht Prozent der gesamten Steuerleistung Österreichs.

Ist das gerecht? Kurzum, bei der laufenden Verteilungsdebatte bleibt eine Bevölkerungsgruppe außen vor: Pensionisten. Und das stärkt nicht unbedingt das Vertrauen in den gerechten Sozialstaat.

Josef Wöss von der Arbeiterkammer Wien drückte unlängst an dieser Stelle sein Unverständnis über die laufende Diskussion aus und konterte die Kategorisierung in "Geber" und "Nehmer" mit Lebenszykluskosten und sozialen Ausgleichsmechanismen. Nur: Die heutigen Pensionisten haben weder für ihre Pflegekosten noch für ihre Lebenserwartung einbezahlt. Sie sind in der Tat "Nettoempfänger" . Und insofern lenkt der derzeitige Fokus der Verteilungsdebatte von der eigentlichen Herausforderung ab: einer grundlegenden Reform des Pensionssystem, vor allem mit Einschnitten in bestehende Pensionen. Würde man es nicht besser wissen, könnte man daher beinahe die Seniorenvertreter Blecha und Kohl hinter der ganzen Kampagne vermuten. (Andreas Kreutzer, DER STANDARD, Printausgabe, 24.2.2010)

Zur Person

Andreas Kreutzer ist Marktforscher und Unternehmensberater in Wien.

    Kommentar posten
    Posting 1 bis 25 von 89
    1 2 3
    Bluestone
    00
    25.2.2010, 05:45

    Was in der Statistik fehlt ist, wieviele nach wie vielen Beitragsjahren noch vor Pensionsantritt ableben.

    Dank der EU müssen wir auch den Neo-EU-Bürgern ihre Pensionsbezüge auf die Mindestrente auffetten, wenn sie es hier beantragen.

    Die Motivation, dem System einen positiven Beitrag zu leisten, sinkt bei mir täglich.

    50plus
     
    00
    24.2.2010, 21:14
    "Einschnitte in bestehende Pensionen"

    Ein echter Wunderwutzi, der Herr Unternehmensberater! Bescheidmäßig zuerkannte Pensionen zu kürzen, dürfte verfassungsrechtlich bissi problematisch sein, aber egal.
    Volkswirtschaftlich ist es sicher auch ganz toll, wenn einer relativ großen Bevölkerungsgruppe massiv Kaufkraft entzogen wird.
    Und für die junge Generation Praktikum ist es sicher auch super, wenn dann nicht einmal mehr Opa oder Oma die Finanznot vom Enkerl ein wenig zu lindern in der Lage ist.
    Wenn die Pensionen dann gekürzt sind, verdienen die Jungen sicher nicht mehr, sondern wird der DG-Anteil vom P-Beitrag (Lohnnebenkosten) gekürzt = weitere Gewinn/Einkommenssteigerung der Unternehmen zulasten vom einfachen Fussvolk. Die Umverteilung geht munter weiter!

    miss sofie
    05
    24.2.2010, 17:47

    Ein Unternehmensberater hat die Aufgabe - was wohl - Unternehmen zu beraten, damit die Gewinnzahlen stimmen.

    Um diese - seine Klientel - bestens zu bedienen, hetzt er jetzt Arbeitnehmer gegenüber Pensionisten auf! Die Optimierung von Arbeitsabläufen ist halt in vielen Betrieben schon ausgereizt - somit müssen neue Strategien zur Gewinnmaximierung erfunden werden.

    alois h.
    00
    24.2.2010, 19:44
    der artikel wurde ihm von den herren sorger und leitl diktiert

    herr pröll hat ihn korrekturgelesen

    alois h.
    14
    24.2.2010, 17:02
    stehlen sich die pensionisten

    eine frechheit, die verteilungsdebatte auf den rücken der pensionisten austragen zu wollen. wenns nach dem feinen herren unternehmensberater kreutzer geht, sollten die pensionisten möglichst bald in die "gruabn" hupfen. er vergißt aber, sie habe wesentlich dazu beigetragen, dass er heute diese hetzparolen verfassen kann und ein schönes leben hat. er sollte eher darauf hinweisen, dass 10 % der österreicher 54 % des geldvermögens und 61 % des immobilienvermögens besitzen. dies ist möglich, weil sie für ihre spekulatuionsgewinne und ihr vermögen keine steuern bezahlen, jeder arbeitnehmer aber jeden euro zu versteuern hat. herr kreutzer weiß auch nicht: es gibt so etwas wie produktivtätssteigerung.

    krokokater
     
    00
    24.2.2010, 16:43
    Wes Brot ich ess, des Lied ich sing...

    http://www.branchenradar.com/referenze... 549edd859/

    system1
    22
    24.2.2010, 13:53
    es ist vollkommen irrelevant, die MwSt von 20 auf 22% zu erhöhen,

    denn tatsache ist, dass in 10 jahren auch die 22% nicht mehr reichen werden. die logiosche frage die sich aus der hilflosigkeit unserer politik ergibt ist somit: wann ist es genug??? tatsache ist dass man in 20 jahren nicht 50% MwSt-satz haben wird können, ebenso die lage bei lohnsteuer und co. denn: das einkommen ist in erster linie für den jeweiligen arbeitenden gedacht. niemand geht arbeiten um irgendein system zu erhalten. wenn wir soweit kommen wird tatsächlich keiner mehr arbeiten gehen weil es sich nicht auszahlt.

    Waxolunist
    42
    24.2.2010, 14:35

    Auf 100 Arbeiter kommen 62 Rentenbezieher, 30 Sozailhilfeempfänger, 8 Beamten, 1 ÖBBler, 1 Postangestellter, 1 Polizist, 1 ASFINAG-Mitarbeiter, 0.2 Politiker, ......
    Im Endeffekt erhält jeder Arbeiter ungefähr 1.5 andere Menschen durch Steuern und Abgaben.
    Das kann sich nicht ausgehen.

    Herr und Frau Österreicher
     
    00
    24.2.2010, 15:59

    äh nein, das stimmt nicht!

    stefan81
    00
    24.2.2010, 14:05

    darum leistungen kürzen. massiv. sofort.

    wenn man schlimmes tun muss sollte man alles auf einmal machen - das hat schon der machiavelli gewusst...

    ladies and gentlemen, it's time!
    01
    24.2.2010, 13:02
    Mietfeder!

    Baer8
    17
    24.2.2010, 12:37
    Österreich hat viel zu viele Staatsdiener...

    und die sind nicht mehr finanzierbar. Allein durch die rückstandsfreie Auflösung der überflüssigen Landesregierungen unseres Zwergstaates könnte man sich viel Geld ersparen. Leute wie Voves und Schützenhöfer könnten dann im Straßenbau als Hilfskräfte eingesetzt werden.

    Gobi Todic
    00
    24.2.2010, 19:22
    fein

    also alle landesbedienstete zum ams - dort zahlt nämlich ... genau, der staat. (das sind dann wieder wir)

    böser wolf1
    110
    24.2.2010, 12:10
    Neoliberaler Klassenkampf?

    Die Analyse könnte auch anders lauten: Österreich ist ein Niedrigsteuerland was die Besteuerung von Kapital und Vermögen betrifft.

    Wer aufgrund des Konsums der Babyboomergeneration sein Vermögen gemacht hat, von dem DARF auch verlangt werden, dass er sich an den Lasten für Pension und Pflege gerade dieser Generation beteiligt.

    Darum Sozialversicherungsbeiträge auf Miet- und Pachteinkünfte, Vermögenssteuern, Wertzuwachssteuern auf Kapitalvermögen.

    Soziale Marktwirtschaft ist wieder angesagt als Gegenmodell zu "neoliberalem Klassenk(r)ampf".

    Der Wert von Kapital erschöpft sich nicht darin welche Rendite es erzielt, der Wert von Kapital zeigt sich vor allem darin, welche Leistung es für eine Gesellschaft zu erbringen bereit ist.

    Dimple
    11
    24.2.2010, 13:39
    Österreich ist zuallererst ein Hochsteuerland

    Und noch etwas: Wieviel mehr als 44% des BIP als Abgabenquote wollen Sie noch umverteilen? Soziale Marktwirtschaft heißt nicht nur einen Anteil abgeben, sondern auch einen Großteil behalten dürfen.

    lg
    Dimple

    böser wolf1
    013
    24.2.2010, 14:45

    Sie irren sich, "wer nur einen Teil abgeben und den GROSSTEIL für sich behalten will" der spricht von freier und nicht von sozialer Marktwirtschaft.

    Nur ein kleines Beispiel zur NICHTBESTEUERUNG von Vermögenszuwächsen. Wer Mitte Februar 2009 um 13.000 Euro 1000 RI Aktien gekauft hat, kann sie heute um rd. 34.000 Euro verkaufen und zahlt, weil bereits außerhalb der "Spekulationsfrist", keinen einzigen Cent an Steuern.

    Wer demgegenüber den gleichen Betrag (21.000 Euro oder 1.500 Euro 14 mal) als Gehaltsempfänger zu versteuern hat zahlt dagegen rd. 4.800 Euro an Sozialversicherung und Lohnsteuer und darin sind die Dienstgeberabgaben noch nicht einmal enthalten.

    Ist das faire Besteuerung?

    Mazzesinsulaner
     
    00
    27.2.2010, 15:14

    und wer die RE Aktien nahe zum Höchststand (ca 120) gekauft hat erleidet einen Verlust von ca 2/3 und die Allgemeinheit nascht auch nicht mit.

    Eine Vermögenszuwachssteuer darf keine Einbahn sein.

    Vito
     
    00
    26.2.2010, 12:54
    erschwerend kommt hinzu, dass der eine für sein geld

    hat arbeiten müssen, während der andere den ertrag in der hängematte liegend erhalten hat.
    (aber das hat ja pröll mit seinem diktum von der "sozialen hängematte" ohnehin schon scharf kritisiert.)

    Gobi Todic
    00
    24.2.2010, 19:24
    danke danke danke

    SO soll ein Posting aussehen!

    Ritzi
     
    00
    24.2.2010, 14:16

    Der Böse Wolf hat geschrieben: "Österreich ist ein Niedrigsteuerland was die Besteuerung von Kapital und Vermögen betrifft."

    Das hat mit der Gesamtabgaenquote nix zu tun. Was ist daran nicht zu verstehen?

    naihoit
    113
    24.2.2010, 10:23
    Nebelgrananten eines "Unternehmensberaters",

    um die "am unteren Ende der Einkommensverteilung" gegen einander aufzubringen, damit niemand danach fragt, wo denn die Reichtümer, die von uns allen erarbeitet werden, wirklich hin kommen.
    Oder, vereinfacht: wenn das BIP (also das, was alle miteinander erwirtschaften und was somit zur Verteilung kommt) von Jahr zu Jahr größer wird, dann kann es doch nicht sein, daß einzelne Gruppen weniger erhalten, es sei denn, andere nehmen ihnen ihren gerechten Anteil weg.
    Und der Hinweis auf die Einzahler, die immer weniger werden, ist auch schon vorgestrig, weil irgendwann in naher Zukunft nur noch sehr wenige Menschen arbeiten werden, den Rest erledigt die Technik und trotzdem wird mehr zur Verfügung stehen.

    Michael Jack Dundee
     
    00
    24.2.2010, 10:49

    Die Wertschöpfung findet immer statt, aber die Frage ist, wie wird das Geld richtig verteilt?

    Bertel Mann
    213
    24.2.2010, 10:01
    "Das Thema Umverteilung ist nämlich nicht nur eines zwischen jenen, die mehr, und jenen, die weniger verdienen, sondern primär zwischen jenen, die verdienen, und jenen, die nicht (mehr) verdienen"

    Diese Behauptung wird trotz Wiederholung durch die Hetzer nicht wahrer.
    Komischerweise fehlt nämlich bei den Fakten, der Hinweis auf die Steigerung der größeren Einkommen und vor allem der Hinweis auf die Steigerung der arbeitslosen Einkommen aus Vermögen, Vermietung, Verpachtung, Spekulation etc. Und gerade diese Schicht hat sich aus der Finanzierung des Sozialstaates verabschiedet.
    Und wer beim Umlageverfahren von "Einzahlung" schwadroniert, hat es entweder nicht verstanden oder polemisiert bösartig - oder beides.

    naihoit
    00
    24.2.2010, 10:26
    Ihr Posting macht mich trautrig.

    Ich wollte das gerade schreiben, Sie waren schneller.

    Sag' zum Abschied leise "Euro"
     
    32
    24.2.2010, 09:37
    Es gab einmal eine Zeit, in der verdienten die Tüchtigen- und die Faulen nicht.

    Aus dem Ebenbild des natürlichen Leistungseinkommen ist ein von ideologischen Begehrlichkeiten und staatlichem Kontrollwahn zerfurchtes Antlitz geworden.

    Menschen werden willkürlich in Klassen eingeteilt und mehr oder weniger künstlich enteignet. Andere leisten gar nichts und bekommen Zuschüsse. Die Höhe der Pensionen steht in keiner vernünftigen Relation zur erbrachten Lebensleistung mehr, sondern ist ein Spielball politischer Machtverhältnisse. In diesem Klima gedeihen Neid, Korruption und soziale Kälte.

    Wenn wir es nicht schaffen, die politische Willkür über die Einkommenssituation der Menschen zu eliminieren, werden wir nie wieder Gerechtigkeit bekommen.

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    Posting 1 bis 25 von 89
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