Secession

Mit Kleenex gegen Klimt

23. Februar 2010, 17:51
  • Artikelbild
    foto: apa/ neubauer

Christoph Büchels "Swingerclub" in der Secession

Wien - Bereits die Front der Wiener Secession lädt den Kunstkonsumenten zur hygienischen Mobilmachung ein: Ein Toilettenpapierhersteller wirbt mit einem entzückenden Hundewelpen für sein ebenso reißfestes wie feuchtes Produkt ("Etwas weicher, etwas dicker, ein kleiner Luxus" ). Die aktuelle Kunstinstallation des Schweizers Christoph Büchel, die den Boulevard und diverse Kommunalpolitiker zur Weißglut treibt, stellt eine Form der Inbesitznahme dar.

Büchel eignet sich den geheiligten Kunstraum temporär an, um ihn amourösen Nutzungsformen zuzuführen. Zu diesem Zweck hat er im Souterrain einen Swingerclub eingerichtet, dessen Brachliegen während der Tagesöffnungszeiten eine besonders triste Stimmung vermittelt. Auf dem Marmortresen im Foyer begrüßen einen kopulierende Schildkröten. Allerlei Aphroditen und Genien flankieren eine Couchlandschaft, deren Zweck - die angeblich "zwanglose" Verabredung zur Ausübung promiskuitiver Sexualität - den Abendstunden vorbehalten bleibt.

Ab 21 Uhr schlägt die Stunde der Profis: Dann dürfen sich garantiert libertär eingestellte Nachtschwärmer an der umfangreichen Produktpalette von Element6 - Verein der kontaktfreudigen Nachtschwärmer (und natürlich aneinander) gütlich tun.

Im Halblicht des Tages nimmt sich die Zimmerflucht aus schlampig zusammengebastelten Kontakträumen wie ein Fernfahrertreff aus: In zwei Séparées liegen die Kleenex-Tüchlein griffbereit. Eine Bühne, von Säulen im ionischen Stil flankiert, gibt den Blick frei auf die unvermeidliche Stange - blankgerieben für die Bedürfnisse des erotischen Ausdruckstanzes.

Der Gipfel der Verruchtheit wartet im letzten Hinterzimmer: Dort steht ein Gynäkologenstuhl gleich neben einem Pranger für Haupt und Handgelenke. Bußfertige Swinger können auf einer modrigen Betbank um göttlichen Beistand bitten.

Provokationsversuche

Büchel, als Installationskünstler ein geübter "Provokateur" , lässt öffentlich über die Funktionsweisen eines ehrwürdigen Kunsttempels nachdenken. Angeblich habe ihn Klimts Vorliebe für erotische Sujets zu seiner Raumintervention inspiriert: komplett mit Sauna und (leider dysfunktionalen) Duschköpfen.

Und doch will einem die Versuchsanordnung nicht recht einleuchten: Dem Betrieb eines Swingerclubs liegt die Idee eines Freiheitsversprechens zugrunde, das vom realen Elend des schnellen, anonymen Vollzugs absticht. Wo der Sex zur Ware geworden ist, erzeugt der Verweis auf den Kunstbetrieb bloß Missverständnisse. Promiskuität spielt eben deshalb keine besondere Rolle, weil der Kunstbetrieb von Differenzen und Hierarchien lebt. Egalitarismus gehört zu seinen kaum einzulösenden Versprechen.

Niederschmetternd erwartbar die Reaktion in diversen Gratisblättern, die sich unisono über "Steuergeld für Sex-Kultur" (Heute) mokieren. Die tatsächlichen Installationskosten von 90.000 Euro sollen durch Eintrittsgelder und die Vermietung von Werbeflächen eingespielt werden - ganz abgesehen vom segensreichen Wirken einiger Sponsoren. Der Andrang auf die Secession jedenfalls hält sich tagsüber noch in stark überschaubaren Grenzen. Ein wackeres ORF-Team hielt, mit Kamera und Mikrofon bewaffnet, vor dem Portal eine Art Schildwache. (Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausgabe 24.2.2010)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 31
1 2
Saora Orian
00
26.2.2010, 11:18
Förderungen

leider sitzen diese herrschaften auch in allen gremien drinnen und bestimmen wer gefördert wird und nicht. es gibt viele gute künstler in wien die nichts bekommen und deshalb durch die finger schauen und unter schwierigsten verhältnisse ihre künstlerische qualität aufrecht erhalten müssen und denen ist diese Installation ziemlich wurst.

Netzwerker Pepi
03
25.2.2010, 17:28
Hahaha und nochmal Ha!

Was war denn schon für eine Reaktion zu erwarten in einem mittelalterlich-katholischen Land wie Österreich.
Als liebe Kinderlein: Schön brav bleiben, sonst kommt der Jesuit :-)

dasseigesagt
 
00
25.2.2010, 13:23

"Ein Toilettenpapierhersteller wirbt mit einem entzückenden Hundewelpen für sein ebenso reißfestes wie feuchtes Produkt."

tolles bild der secession, das man da in die welt trägt... herzlichen glückwunsch

riddler2008
 
00
27.2.2010, 10:16
Danke

kacenka mourkova
02
25.2.2010, 01:28
doppelt gescheitert

...die einen regen sich (erwartungsgemäß) auf - über eine provokation, die eigentlich keine mehr sein dürfte. die anderen mockieren sich über das seichte konzept. tja... alles in allem sehr berechenbare und vorhersehbare reaktionen. schade eigentlich - das anything goes trägt seine früchte in form von zum scheitern veruteilten skandalen.

prof. hans wurst
16
24.2.2010, 17:18
Die Kunst als Mediensklavin

Das Konzept ist zum Gähnen - als ob Swingerclubs was Neues wären und es kein Privatfernsehen gäbe.
Offensichtlich zielt die Provokation von Büchel auf die letzen wackeren Bildungsbürger, die die Kunst damit geschändet sehen.
Es sind fast nur noch solche Scheinprovokationen, mit denen es Künstler in die Medien schaffen. Was es für die Kunst selbst bedeutet, wenn nur noch die lautesten Rülpser wahr genommen werden, kann man sich ausmalen.
Und so sicher wie das Amen in der Kirche kommt auch der Ruf, man solle doch endlich die öffentliche Förderung für Kunst streichen. Verständlich.
Vielleicht wäre eine Art von Katharsis durch Aushungern nicht das Schlechteste, was der zeitgenössischen Kunst passieren könnte.

velvetways
01
27.2.2010, 13:43
aber die reaktionen

geben doch dem künstler mehr als recht. War scheinbar wirklich notwendig so etwas in der "altehrwürdigen" :-; Secession zu installieren.

So Nina
01
24.2.2010, 16:30
...und?

Wer probiert´s aus?

Threonin
11
24.2.2010, 16:20

Provozieren lassen sich dadurch meist eh nur Leute, die sonst nie in die Secession gingen.

Die Frage ist aber für mich auch eine Andere:

Wenn es dem Ruf der Secession tatsächlich schadet, so sollten die Verantwortlichen dafür zur Rechenschaft gezogen werden und so lange zahlen, bis der gute Ruf wieder hergestellt ist.

Abgesehen davon, wann ist der Gipfel der Provokation erreicht? Kann es dauerhaft Inhalt sein zu provozieren? Führt das nicht zu einer Gesellschaft, die nicht mehr provoziert werden kann? Werden diese "Künstler" dann arbeitslos?

riddler2008
 
00
27.2.2010, 10:18
Die Secession

ist wieder im Gespräch... der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit

Threonin
00
27.2.2010, 11:08

1) Im Gespräch sein ist nicht alles, aber wie gesagt bin ich kein prinzipieller Gegner dieser Ausstellung.

2) Ob mit dem Spruch auch gemeint war, dass Kunst vom Staat bezahlt werden soll? Freiheit tut weh und ist immer auch Freiheit am Markt.

Mahlzeit!
02
24.2.2010, 15:30
das sich so viele drüber aufregen, unverständlich...

... wer doch viel schlimmer man geht in den Swingerclub und muss sich eine Austellung über moderne Kunst ansehen...lol

Ausgeflippter Lodenfreak
03
24.2.2010, 14:50

Je mehr ich darüber erfahre, desto billiger erscheint mir die Installation. So wie die Boulvardmagazine auf den privaten Fernsehsendern, benutzt der Künstler das Sujet Swingerklub um Aufregung zu erzeugen indem niedere Instinkte angesprochen werden. Im Gegensatz zum Autor finde ich die Reaktion der Gratisblätter nicht niederschmetternd, sondern logisch. Dort passt das Thema hin, dort ist seine angestammte Heimat, dort regt sich vielleicht auch noch jemand wirklich darüber auf.
Mich erfüllt die ganze Sache ein wenig mit Traurigkeit, weil ich sehe wie gut sich der Kunstbetrieb vorkommt und wie billig er dabei oft ist.

pretty1
03
24.2.2010, 14:17
Traurig, daß es scheinbar immer noch Schwachsinnige gibt, die sich durch diesen unappettitlichen Nonsens "provozieren" lassen. Bestenfalls ein Gratis-Schlafmittel !

Leo N.
00
24.2.2010, 12:38
Pud*rn ist keine Kunst!

(Für eine/einen, die's/der's kann)

Mynnia
01
24.2.2010, 14:15

Naja, Bondage schon ;)

Christoph Pausz
00
24.2.2010, 12:02
wer hat vergessen wofür die secession steht...


http://www.facebook.com/group.php... 2378407975

Kein Kommentar
00
24.2.2010, 11:38
Hä? Hab da eine Frage....

Wenn die tatsächlichen Installationskosten nur EUR 90.000 betragen, wozu/wofür hat man dann - angeblich laut Medienberichten - eine Förderung von EUR 550.000 bekommen !?

Nur eine Zeitungsente?

Nachtsonne
00
28.2.2010, 11:08

nicht kassierte Miete kann auch unter Förderung fallen.

ob für das Grundstück (Stadt, falls das Haus ein Superädifikat wäre) oder für Ausstellungsstücke (?).

bixente uhudla
 
00
26.2.2010, 23:58

in der sezession passiert übers jahr etwas mehr als diese eine ausstellung/installation...

und überhaupt-glauben sie nicht alles,was sie in gratis und fast-gratis zeitungen zu lesen bekommen....

Iniesta
00
24.2.2010, 15:28

ente!

hulkjr
01
23.2.2010, 23:21
es ist angenehm

einen sachlichen artikel wie diesen zum aufregerthema zu lesen. da erübrigt sich glücklicherweise jeder weitere kommentar. dank an r.p.

john dom
01
23.2.2010, 22:59
element6bilderausstattung

um dem kulturtransfer die höchste würde und eine gediegene würze zu verleihen, spendet jeder secessionist dem pornoschuppen element 6 zwecks austausch der jetzigen schinken ein bildchen. das fänd ich angemessen und anständig. wow das konzept sollt ich bei der secession einreichen.

okami
01
23.2.2010, 22:33
... dessen Brachliegen während der Tagesöffnungszeiten eine besonders triste Stimmung vermittelt.

Ist es nicht genau das was die meisten in ihrem Leben haben; im schummrigen Licht des Eingestimmtseins ein wohliges Aufgehobensein - im grellen Tageslicht Nüchternheit, Leere und Tristesse?

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 31
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.