Picknick unterm sterbenden Radiogiganten

23. Februar 2010, 17:31

Nora Frey verabschiedete sich gemeinsam mit Radiokollegen bei einem Ausflug von dem Großsender, der seit 2010 Geschichte ist

An einem sonnigen heißen Julitag des vergangenen Jahres fand ein eigenartiges, trauriges Picknick am Fuße des Mittelwellensenders Bisamberg statt. Sentimentale Radiomacher und Ö-3-Mitarbeiter verabschiedeten sich vom höchsten Bauwerk Österreichs. Nun ist es soweit - am 24. Februar wird er gesprengt! Wir Radiomacher hätten anders entschieden.

Ö-3-Radiofreaks mit Herz und Seele, darunter Moderator Andi Knoll, die Picknick-Organisatoren Peter Dollack und Klaus Hörr und ich, mit den jeweils dazugehörigen Freunden, Frauen, Kindern waren zusammengekommen, um uns von dieser historischen "Persönlichkeit", mit 265 Meter das höchste Bauwerk Österreichs, zu verabschieden. Seltsam? Nein, wir sind Radiomacher. Der Sender ist unser Tool. Auch wenn sich die Zeiten ändern.

So saßen wir direkt unter dem wie ein riesiger Finger endlos in den blauen Sommerhimmel zeigenden Mast in einer duftenden Blumenwiese mit Blick weit über Wien und Klosterneuburg hinaus bei Brot und Wein, schlichteten kleine Kinderscharmützel unserer Nachkommen und sinnierten, was nebst den von uns über viele Jahre produzierten Radiosendungen denn noch alles über diesen Sender ausgestrahlt hätte werden können! Ein großes Potential geht verloren!
"Es wird ihnen noch leid tun", murrte einer von uns, "bis nach Nordafrika reichte die mächtige Mittelwelle". Wir waren uns einig, wir hätten anders entschieden.

Während im sparsamen Deutschland historische Sender konserviert und als spannendes lebendiges technisches Kulturgut der Nachwelt erhalten werden, holt dieser denkmalschützerische Aspekt in Österreich keinen Hund hinter dem Ofen hervor.

Es hatte sich schon lange unter den ORF-Mitarbeitern herumgesprochen, dass hierorts niemand dieses großartige, höchst interessante und geschichtsträchtige Monument erhalten will. Kein Denkmalamt, kein technisches Museum, kein Irgendwer.

Wiewohl - gar nicht stummer - Zeitzeuge, wird das höchste Gebäude des Landes am kommenden Mittwoch einfach in die Luft geblasen. Paff! Und der Mega-Mast knickt kontrolliert in das geräumte Umland. Menschen stehen herum und sehen zu. Das wars dann wohl. Leb wohl, Du technisches Monument, das Du angeblich zu teuer in der Erhaltung bist. (ca. 1. Mio Euro, sagte man mir, aber immer noch billiger als eine ORF Faxwahl mit ca. 1,4 Mio Euro). Mach Platz für was Besseres!

Schon sehe ich die glühenden Augen der Immobilienspekulanten über die herrlichen Wiesen und idyllischen Gärten der Hügel des Bisambergs gleiten. Schon liegen vermutlich in irgendwelchen Schubladen hinter ledergepolsterten Türen die "Entwicklungskonzepte" irgendwelcher dubioser Immobilienfonds und beschleunigt den Speichelfluss deren Fondsmanager.

Die Geschichte des Senders ist eine umfassende und unglaubliche. Er hat sogar die Zerstörungsversuche der abziehenden SS Truppen 1945 überdauert, einen Brand, einen Krieg.

Zuletzt wurde der Großsender Bisamberg im Mai 1999 verwendet. Bei unseren jugoslawischen Nachbarn herrschte Chaos. Der ORF sendete in Richtung Balkan Informationssendungen und auch "Nachbar in Not". Das nenne ich öffentlich-rechtlichen Auftrag. Es gab ein Anliegen, das hat Information und Hilfe bedeutet. Und Zivilcourage.

Die Eigentümer heute, die Betreibergesellschaft ORS, im Eigentum der Raiffeisen-Holding und des ORF haben dafür kein Verständnis.

Engagierte Einzelpersonen haben Initiativen ins Leben gerufen. Z.B. die des Wolfgang Vanek, der versucht hat, Menschen zu mobilisieren.

Wir, die Ö-3ler, zählen schon zu den letzten, die an jenem strahlenden Sommertag im Juli 2009 durch das Sendegebäude geführt werden.

In manchen Räumen herrscht der stille Charme der 60 Jahre, die Technik der gewaltigen, monströsen Sendeanlage ist ein Elementarerlebnis. Alles ist sauber, serviciert, gepflegt. Man könnte jede Sekunde wieder loslegen. Die riesigen Röhren, die Kühlungen, die fetten Kabel.

Dampflockgroße Dieselaggregate mit bis zu 500 PS sorgen für unabhängige Stromversorgung des Senders, dessen Baubeginn 1932 war, der 1945 gesprengt wurde und 1950, zuerst provisorisch, wieder in Betrieb ging.

Der Mast zu Österreichs erster Großsendeanlage für Mittelwellentechnik wird in weniger als 48 Stunden knicken und fallen. "Der Mast als Bauwerk ist nicht nutzbar, und seine Erhaltung finanziell nicht tragbar", sagt ein Experte im Bundesdenkmalamt.  "Wir bekommen keine Genehmigung", sagt ein Sendertechniker.

"Hier stirbt ein Stück Radiogeschichte", sagt ein Ö-3-Kollege, "Radio ist trotz Internet und TV, trotz blogs und youtube immer noch allgegenwärtig. Wir hätten hier unseren Nachkommen ein Stück Radiogeschichte hinterlassen können. Ein Radiomuseum, das uns die Vielfalt des Radios zeigt, in allen seinen Facetten als lebendiges Kommunikationsmedium, z.B. als Instrument der Bildung, der Information, Formatradio, aber auch als geschichtliches Instrument der Propaganda", so Peter Dollack, Leiter der ORF-TV-Thek und langjähriger Radioredakteur.

Ich wünsche mir, dass meine Ängste vor den Spekulanten falsch sind, dass dieser gigantische, beeindruckende Zeitzeuge stehen bleibt. Viele Radiomacher haben bis heute noch einen hohen Grad an Sendungsbewusstsein; Es wäre schön, wenn die Entscheidungsträger des ORS für dieses Kulturgut der österreichischen Medienlandschaft auch ein bisschen Senderbewusstsein entwickelt hätten.

Nora Frey
Radiomacherin über 20 Jahre

(derStandard.at, 23. Februar 2010)

Share if you care
Posting 1 bis 25 von 131
1 2 3 4

Sendungsbewußtsein erscheint mir gerade bei Radiomachern als höchst wünschenswert :-)...

Interessierte Nostalgiesucher

sind herzlich eingeladen, den 300 m hohen Sendemast des Ungarischen Rundfunks in Lakihegy (südlich von Budapest) zu besuchen. Seit etlichen Jahren ausser Betrieb steht er nach wie vor als technisches Denkmal.

So viel zum ORF-Kulturauftrag !

Liebe Nora Frey ich bedanke mich für diesen hervorragenden Artikel. Auf der Radioseite des Standards wurde der entsprechende Artikel einfach entzogen.
Ich habe auf unserer Homepage www.adxb.at einfach so zitiert: "Chance Kultur-Radiogeschichte vertan !
Die "Gründe" der Sprengung dieser prägnanten Wiener- bzw. Bisamberg- Wahrzeichen sind (meiner Meinung*) nur rein Spekulativ zu betrachten.
Da hat Rundfunk-Geschichtskultur leider nichts mehr zu suchen.
(Admin-Kommentar: FB*)
LG
Franz aus Wien

Gratuliere den ORF. Er hat das höchste Bauwerk Österreichs zerstört.

Und das ohne einen konkreten Grund dafür zu nennen.

Das nenne ich kulturelle Meisterleistung.

Jetzt erst recht: Mehr Senderleistung!

Pump up the Jam- Erhöht die Sendeleistung von 98.3 Superfly! Die Facebook-Gruppe mit Seele, Herz und Leistungsbereitschaft!


ohh, schade...

wo soll ich jetzt meinen elektrosmog herkriegen?
:-(

Schlecht recherchierter Titel

Der Sender Bisamberg wurde von uns (1476) bis ende 2008 genutzt. Dann wurde unter dem Deckmantel der Sparsamkeit von heute auf morgen (im Oktober bekammen wir bescheid das mit ende des Jahres abgeschaltet wird) abgedreht.
Über 1476 sendeten auch viele Volksgruppenradios, heute heissen wir Ö1 CAMPUS und senden nun mehr via Internet. Natürlich kaum zu finden wen man das nicht weiss das hier Volksgruppen und Private (ohne Bezahlung!) Radio machen. Versprochen wurde bezüglich Internetradio vieles, gehalten bislang kaum etwas.
Viel wichtiger ist natürlich das Wrabetz und Co in der Chefetage ordentlich verdienen und privilegien weiter geniessen können. ultur hat im ORF sowiso einen imer geringeren Stellenwert.

das höchte bauwerk österreichs zu sprengen, ohne ein höheres zu bauen, das ist echte furchengängerei!

Net bös sein

aber was könnten Sie sich dafür kaufen, wäre er stehen geblieben?

endlich wird platz für einen 25stöckigen hochhausheurigen, jawohl!

meinetwegen mit windrad.
für reisebustouristen und andere opernballfans.

Um es ganz klar zu sagen: den Sender braucht kein Mensch, er verursacht hohe Kosten und er verschandelt einen Berg.
Jedes Windkraftwerk hat -zig mal mehr Sinn als dieser alte Sender, aber wenn ersteres aufgestellt wird, regen sich die Leute auf, dass es die Gegend verhunzt. Und wenn zweiteres abgerissen wird, regen sie sich auf, dass ein "Kulturdenkmal" oder was weiß ich zu Grabe getragen wird.

ja das ist der unterschied zwischen "neu" und "alt"

der sender gehört zum berg, so wie ein gipfelkreuz. kultur ist nicht rational, und das ist gut so!!

dann hoffen wir mal

dass uns nicht irgendein saublödes Ereignis in eine Zeit zurück bombt in der ein leistungsstarker MW-Sender unerlässlich ist.


:)

Gerade hat es Bumm gemacht...

Lang ist´s her, dass ich diesen Sender

geliebt und gehasst habe. Geliebt, weil ich in meinen elektronischen Anfängertagen so gut wie mit jeder Schaltung Radio hören konnte, sobald irgendwo ein Lautsprecher angeschlossen wurde (was meine Freunde sehr beeindruckt hat). Gehasst, weil ich damals fast keine Schaltungen bauen konnte, bei denen das Phänomen nicht aufgetreten ist.

Auch ich trag mich wehmütig ins Kordulenzbuch ein...

Solange die Technik der Anlage erhalten wird, ist zumindest der Hauptteil gesichert...
Aber um den Sendemast tut es mir trotzdem leid, obwohl ich dem Argument der Kosten gegenüber Nutzen leider hilflos gegenüberstehe.
Gottseidank weiß ich nicht, wieviel Geld für die Erhaltung viel überflüssigerer 'Schätze' ausgegeben wird...

Kordula

war ein Film mit Paula Wessely in den 1930ern...

erste antwort ein opfer der zensur ...

(warum eigentlich?), aber probieren wir es in kurzform nochmals: die zusätzliche aussendung zur orf-publikumsrats-wahl (weil in der ersten die teilnehmernummer vergessen wurde) hat mehr gekostet als für die sanierung der sendemasten veranschlagt gewesen wäre.

Kondolenz

..ok, ok - ich sehs ein, den Staatsbürgerschaftstest werde ich nie bestehen wegen mangelnder Deutschkenntnisse.

Verzeihung....

....Kordolenz natürlich.

ich kordoliere

ich korduliere ihnen herzlich.

nur zum vergleich:

bei der 'publikumswahl', die der orf vor einem monat veranstaltet hat wurde in der ersten aussendung vergessen, die teilnehmernummer am formular einzutragen. deswegen erfolgte eine zweite aussendung, um auf diesen fehler hinzuweisen und den teilnehmern zu erklären, was sie wo hinschreiben müssen.

diese zweite aussendung war teurer als die sanierung der beiden sendemasten gekostet hätte.

Denkmalschutz, Denkmalschutz, Denkmalschutz!

... ich hab glaubt, i spinn, wie ich das glesen hab!

Leute seid´s irr, oder was!

Save the "Mostn!"

Damit hat die Anstalt endgültig ausgschis$% bei mir ... ;-(

Daß in Österreich technische Kulturdenkmäler nichts zählen ist doch ein alter Hut. Die würden doch glatt auch die Semmeringbahn schleifen, wenn da nicht das verdammte Weltkulturerbe wäre.

Posting 1 bis 25 von 131
1 2 3 4

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.