Im Verein "Rationalpark" sollen sowohl junge als auch etablierte Wissenschaftler aus verschiedenen Fachrichtungen zusammengeführt werden
In Innsbruck gibt es mit dem Verein "Rationalpark" seit rund vier Jahren eine Plattform für interdisziplinäre Wissenschaft. Ziel des Vereins für Philosophie und Kulturwissenschaften ist es unter anderem, sowohl junge als auch etablierte Wissenschaftler unterschiedlicher Fachrichtungen zusammenzuführen. Außerdem will man Wissenschaft individuell ausüben und sich von "selbstzentrierten Ikonen und deren kindischen Wettbewerben, Intrigenspielen und Vorurteilen" der Branche abgrenzen. Gegründet wurde der Verein, der heuer nach Wien expandieren soll, vom 31-jährigen Werner Hanselitsch und von Thomas Gimesi, ebenfalls 31. derStandard.at hat die beiden zum Interview gebeten.
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derStandard.at: Wie würden Sie den Wissenschafts-Standort Österreich generell beschreiben?
Hanselitsch: Im Großen und Ganzen eher schlecht beziehungsweise sind wir weit davon entfernt, unser Potenzial auszuschöpfen. Es gibt einige gute Einzelkämpfer, aber es fehlt an Visionen, am Budget und am politischen Willen, Veränderungen durchzusetzen. Auch wenn wir dankbar für die Unterstützung des Wissenschaftsministerium für unsere Publikationen sind, ist die Gesamtsituation nicht gerade optimal oder gar erfreulich.
derStandard.at: Wie hebt sich Ihr Verein Rationalpark davon ab?
Hanselitsch: Wir versuchen eben nicht gegeneinander, sondern miteinander zu arbeiten. Wir haben Vision und sind allesamt Idealisten, die für ihre Ziele ihre Freizeit zur Verfügung stellen. Deleuze und Guattari (Philosoph und Psychoanalytiker; Anm.) haben bemerkt, dass sie "des Baumes müde sind" - und das sind wir auch.
Gimesi: Sich der "Baumstruktur", gesehen als eine strenge Hierarchie, ausliefern zu müssen, ist nach unserer Sicht nicht mehr zeitgemäß. Bislang war es mehr oder minder notwendig, den Marsch - oder wohl besser: das Kriechen - durch die Institutionen auf sich zu nehmen und die eigene wissenschaftliche Forschung jener der zugeordneten ProfessorInnen hintanzustellen. Nahm man dies hin, konnte mit der Möglichkeit einmal mitpublizieren zu "dürfen" oder gar ein ordentliches Dienstverhältnis in Aussicht gestellt zu bekommen, gerechnet werden. Da die wissenschaftliche Arbeit an Universitäten ohnehin zunehmend an Attraktivität einbüßt und die Abhängigkeit von "Autoritäten" durch Teamarbeit wettgemacht werden kann, sehen wir uns darin bestätigt, den unsererseits eingeschlagenen Weg weiterzugehen.
derStandard.at: Warum ist Interdisziplinarität aus Ihrer Sicht in der Wissenschaft wichtig?
Hanselitsch: Jede Fachrichtung verstellt sich gewisse Erkenntnisse durch die ihr entsprechende Herangehensweise an den jeweiligen Forschungsgegenstand. "Die Wissenschaft denkt nicht", wie M. Heidegger einmal bemerkt hat. Das heißt, nur wenn Grenzen zwischen den einzelnen Disziplinen aufgebrochen werden und neue, auch interdisziplinäre Ebenen erschaffen werden, dann ist man "im Denken", weil man über bestehende Systeme hinausgeht. Unsere Kraft liegt daher nicht in der Subversion - die Kritik ist ja bekanntlich tot - sondern in der akrobatischen Überhöhung im Rhizom (Metapher für Modell der Wissensorganisation und Weltbeschreibung; Anm.).
derStandard.at: In Ihrem Verein ist jede(r) WissenschaftlerIn willkommen, sich einzubringen. Das bedeutet einerseits Vielfalt. Birgt das aber nicht auch die Gefahr, laienhaft oder unprofessionell zu wirken?
Gimesi: Die Frage ist, was unter Professionalität verstanden wird. Sieht man in die Abteilungen für wissenschaftliche Fachbücher, so scheint es, dass Forschung nur in Werken von Verstorbenen oder von jenen, die im universitären Betrieb beheimatet sind "lebendig" ist. Ausnahmen hiervon, die nicht bewusst auf das Klischee des "Outlaws" oder des verkannten Genies setzen, sind nahezu inexistent. Versteht man also Professionalität als etwas, das nicht dem geläufigen Bild des "Berufsstandes" entspricht, dann trifft dies auf uns wohl durchaus zu. Professionelles Arbeiten bedeutet für uns einzig, sich nach den Regeln der Wissenschaftlichkeit zu richten: klare Argumentation, Kennzeichnung von übernommenen Ideen und dem Sich-Stellen einer öffentlichen Debatte. Bekanntheit und der Verkauf von großen Stückzahlen ist wohl kaum ein zwingender Garant für Qualität.
derStandard.at: Ein Blick auf Ihre Homepage zeigt: Die meisten publizierenden Vereinsmitglieder gehören eher der jüngeren Generation an. Sind bereits etablierte Wissenschaftler noch skeptisch gegenüber Ihrem interdisziplinären Ansatz?
Hanselitsch: Nein, überhaupt nicht. Diejenigen etablierten WissenschaftlerInnen zu denen wir Kontakt pflegen, sind allesamt begeistert davon, dass es bei uns nahezu keine fachspezifischen Allüren gibt und das wir freiwillig - nur aus Liebe zu dem, was wir tun - unsere Zeit und unser Wissen zur Verfügung stellen. Das Problem ist eher ein zeitliches: Etablierte Wissenschaftler sind - verständlicherweise - oft derartig in Ihrem Betrieb gefangen, dass eine Mehrbelastung kaum möglich ist.
derStandard.at: Sie veröffentlichen jedes Jahr einen Sammelband, in diesem Jahr lautet das Thema "Geben, Nehmen, Tauschen". Wissen Sie schon, welche unterschiedlichen Forschungsfelder einfließen werden?
Hanselitsch: Ja, natürlich. Unsere Mitglieder sind ja schon fleißig beim Verfassen ihrer Texte. Themen werden diesmal sein: Verführung und Spiel, Potlatch, psychoanalytische Forschungen zur Namensgebung, ein außergewöhnlicher politikwissenschaftlicher Ansatz zum Thema Teilhabe und Teilnahme und vieles mehr. Das Buch werden wir dieses Jahr im Herbst im Rahmen einer Podiumsdiskussion in Innsbruck präsentieren. Außerdem planen wir in nächster Zeit einige einführende Schriften herauszugeben. (mak, derStandard.at, 24.2.2010)