derStandard.at-Inverview

Über den Tellerrand hinaus forschen

24. Februar 2010, 16:34
  • Artikelbild
    foto: privat

    Thomas Gimesi, Jahrgang 1978, hat Philosophie, Christliche Philosophie und Politikwissenschaft an der Universität Innsbruck sowie Sozial- und Kulturanthropologie an der Universität Wien studiert. Er arbeitet derzeit als Mediator und Konfliktberater in Wien.

     

  • Artikelbild
    foto: privat

    Der ausgebildete Bautechniker Werner Hanseltisch, ebenfalls Jahrgang 1978, hat Internationale Wirtschaftswissenschaften, Philosophie, Europäische Ethnologie und Christliche Philosophie studiert. Er ist derzeit als Webdesigner und Berater tätig.

     

Im Verein "Rationalpark" sollen sowohl junge als auch etablierte Wissenschaftler aus verschiedenen Fachrichtungen zusammengeführt werden

In Innsbruck gibt es mit dem Verein "Rationalpark" seit rund vier Jahren eine Plattform für interdisziplinäre Wissenschaft. Ziel des Vereins für Philosophie und Kulturwissenschaften ist es unter anderem, sowohl junge als auch etablierte Wissenschaftler unterschiedlicher Fachrichtungen zusammenzuführen. Außerdem will man Wissenschaft individuell ausüben und sich von "selbstzentrierten Ikonen und deren kindischen Wettbewerben, Intrigenspielen und Vorurteilen" der Branche abgrenzen. Gegründet wurde der Verein, der heuer nach Wien expandieren soll, vom 31-jährigen Werner Hanselitsch und von Thomas Gimesi, ebenfalls 31. derStandard.at hat die beiden zum Interview gebeten.

****
derStandard.at: Wie würden Sie den Wissenschafts-Standort Österreich generell beschreiben?

Hanselitsch: Im Großen und Ganzen eher schlecht beziehungsweise sind wir weit davon entfernt, unser Potenzial auszuschöpfen. Es gibt einige gute Einzelkämpfer, aber es fehlt an Visionen, am Budget und am politischen Willen, Veränderungen durchzusetzen. Auch wenn wir dankbar für die Unterstützung des Wissenschaftsministerium für unsere Publikationen sind, ist die Gesamtsituation nicht gerade optimal oder gar erfreulich.

derStandard.at: Wie hebt sich Ihr Verein Rationalpark davon ab?

Hanselitsch: Wir versuchen eben nicht gegeneinander, sondern miteinander zu arbeiten. Wir haben Vision und sind allesamt Idealisten, die für ihre Ziele ihre Freizeit zur Verfügung stellen. Deleuze und Guattari (Philosoph und Psychoanalytiker; Anm.) haben bemerkt, dass sie "des Baumes müde sind" - und das sind wir auch.

Gimesi: Sich der "Baumstruktur", gesehen als eine strenge Hierarchie, ausliefern zu müssen, ist nach unserer Sicht nicht mehr zeitgemäß. Bislang war es mehr oder minder notwendig, den Marsch - oder wohl besser: das Kriechen - durch die Institutionen auf sich zu nehmen und die eigene wissenschaftliche Forschung jener der zugeordneten ProfessorInnen hintanzustellen. Nahm man dies hin, konnte mit der Möglichkeit einmal mitpublizieren zu "dürfen" oder gar ein ordentliches Dienstverhältnis in Aussicht gestellt zu bekommen, gerechnet werden. Da die wissenschaftliche Arbeit an Universitäten ohnehin zunehmend an Attraktivität einbüßt und die Abhängigkeit von "Autoritäten" durch Teamarbeit wettgemacht werden kann, sehen wir uns darin bestätigt, den unsererseits eingeschlagenen Weg weiterzugehen.

derStandard.at: Warum ist Interdisziplinarität aus Ihrer Sicht in der Wissenschaft wichtig?

Hanselitsch: Jede Fachrichtung verstellt sich gewisse Erkenntnisse durch die ihr entsprechende Herangehensweise an den jeweiligen Forschungsgegenstand. "Die Wissenschaft denkt nicht", wie M. Heidegger einmal bemerkt hat. Das heißt, nur wenn Grenzen zwischen den einzelnen Disziplinen aufgebrochen werden und neue, auch interdisziplinäre Ebenen erschaffen werden, dann ist man "im Denken", weil man über bestehende Systeme hinausgeht. Unsere Kraft liegt daher nicht in der Subversion - die Kritik ist ja bekanntlich tot - sondern in der akrobatischen Überhöhung im Rhizom (Metapher für Modell der Wissensorganisation und Weltbeschreibung; Anm.).

derStandard.at: In Ihrem Verein ist jede(r) WissenschaftlerIn willkommen, sich einzubringen. Das bedeutet einerseits Vielfalt. Birgt das aber nicht auch die Gefahr, laienhaft oder unprofessionell zu wirken?

Gimesi: Die Frage ist, was unter Professionalität verstanden wird. Sieht man in die Abteilungen für wissenschaftliche Fachbücher, so scheint es, dass Forschung nur in Werken von Verstorbenen oder von jenen, die im universitären Betrieb beheimatet sind "lebendig" ist. Ausnahmen hiervon, die nicht bewusst auf das Klischee des "Outlaws" oder des verkannten Genies setzen, sind nahezu inexistent. Versteht man also Professionalität als etwas, das nicht dem geläufigen Bild des "Berufsstandes" entspricht, dann trifft dies auf uns wohl durchaus zu. Professionelles Arbeiten bedeutet für uns einzig, sich nach den Regeln der Wissenschaftlichkeit zu richten: klare Argumentation, Kennzeichnung von übernommenen Ideen und dem Sich-Stellen einer öffentlichen Debatte. Bekanntheit und der Verkauf von großen Stückzahlen ist wohl kaum ein zwingender Garant für Qualität.

derStandard.at: Ein Blick auf Ihre Homepage zeigt: Die meisten publizierenden Vereinsmitglieder gehören eher der jüngeren Generation an. Sind bereits etablierte Wissenschaftler noch skeptisch gegenüber Ihrem interdisziplinären Ansatz?

Hanselitsch: Nein, überhaupt nicht. Diejenigen etablierten WissenschaftlerInnen zu denen wir Kontakt pflegen, sind allesamt begeistert davon, dass es bei uns nahezu keine fachspezifischen Allüren gibt und das wir freiwillig - nur aus Liebe zu dem, was wir tun - unsere Zeit und unser Wissen zur Verfügung stellen. Das Problem ist eher ein zeitliches: Etablierte Wissenschaftler sind - verständlicherweise - oft derartig in Ihrem Betrieb gefangen, dass eine Mehrbelastung kaum möglich ist.

derStandard.at: Sie veröffentlichen jedes Jahr einen Sammelband, in diesem Jahr lautet das Thema "Geben, Nehmen, Tauschen". Wissen Sie schon, welche unterschiedlichen Forschungsfelder einfließen werden?

Hanselitsch: Ja, natürlich. Unsere Mitglieder sind ja schon fleißig beim Verfassen ihrer Texte. Themen werden diesmal sein: Verführung und Spiel, Potlatch, psychoanalytische Forschungen zur Namensgebung, ein außergewöhnlicher politikwissenschaftlicher Ansatz zum Thema Teilhabe und Teilnahme und vieles mehr. Das Buch werden wir dieses Jahr im Herbst im Rahmen einer Podiumsdiskussion in Innsbruck präsentieren. Außerdem planen wir in nächster Zeit einige einführende Schriften herauszugeben. (mak, derStandard.at, 24.2.2010)

Kommentar posten
13 Postings
Der Vater Staat
02
25.2.2010, 13:43
weiter so!

Gut, wenn gerade junge WissenschtlerInnen die spießigen Schrebergartenmentalität hinterfragen und einen Rationalpark begründen - weiter so!

kdalaryd
00
25.2.2010, 14:32

ok, aber erst kosten dann urteilen.

Der Vater Staat
00
25.2.2010, 17:23

Die Homepage ist jedenfalls sehr vielversprechend - und das Dossier besorge ich mir!

ordo ab chao
12
25.2.2010, 02:58
lol

"Mit der Annahme und anschließenden Veröffentlichung des eingesandten Textes erwirbt der Herausgeber (Rationalpark - Association for Philosophy and Cultural Studies) das ausschließliche Nutzungsrecht."

und

"Manuskripte können im gängigen Word-Format (.doc) oder im RichText-Format (.rtf) als E-Mail-Anhang an redaktion@rationalpark.com eingereicht werden."

leben wir denn in der steinzeit? noch nix von latex bzw pdf gehört?

Jonathan Möwe
04
25.2.2010, 09:50

Latex ist in Geisteswissenschaftlichen Disziplinen glaube ich noch nicht so vertreten. Bei reinen Textaufsätzen ist das auch nicht wirklich notwendig denke ich.

formosa
00
25.2.2010, 14:16

ich dachte sie wollen interdisziplinaer sein?

kdalaryd
00
25.2.2010, 02:19

die "regeln der wissenschaftlichkeit?"

ein häppchen für die beiden herren:
http://www.shaviro.com/Blog/?p=372

das sollte man sich tatsächlich anschauen.

rud L
12
25.2.2010, 01:32
nix mit christlich

mag ich
und angeberisch selbst inszenieren

dafür gibt es in Tirol das



SNOWBOARD

kdalaryd
00
25.2.2010, 00:43

lets go postnormal oder wie oder was?

kann man sich aber durchaus anschauen.

Christiane Amanpour
 
01
24.2.2010, 20:19
Beide Herren haben CHRISTLICHE Philosophie studiert

Ist damit die Philosophie seit Augustinus und die des Mittelalters gemeint, also ein Teil des Faches Philosophie (genauso wie z.B. buddhistische Philosophie ein Teil der Philosophie ist) oder wurde das an einer Theologischen Fakultät studiert?

Das macht imho einen Unterschied, was den wissenschaftlichen Anspruch betrifft.

Es kann natürlich auch sein, dass der/die JournalistIn da was missverstanden hat, sodass es fälschlicherweise zu dieser Betonung des "Christlichen" gekommen ist. An europäischen Universitäten (im Unterschied zu amerikanischen Colleges) ist diese Ausrichtung (außer sie findet in Theologischen Fakultäten statt) doch eher selten.

berm judas
01
24.2.2010, 21:44
gibt's wirklich

philosophie kann man in innsbruck wirklich 2mal studieren... auf der philosophisch-historischen und der katholisch-theologischen fakultät (http://www.uibk.ac.at/philtheol/). letztere haben den schwerpunkt - nona - eher auf aristoteles, mittelalter und analytische philosophie gelegt. lehrveranstaltungen auf beiden fakultäten zu besuchen mag für einige zwar "ketzerei" sein, ist aber zur erlangung eines umfassenden philosophischen verständnisses sicher nicht abträglich ;)
aber was hat das mit dem "wissenschaftlichen anspruch" der beiden herren zu tun?

Drew R. Man
00
25.2.2010, 12:50
na weil die theologischen fakultäten doch der reinste ideologieverein sind,

mit wissenschaftlichkeit überhaupt nichts am hut haben, eigentlich sowieso nichts an der universität verloren haben etc.pp.blabla.laberlaber.
wenn man sich die sache aber mal vorurteilsfrei ansieht und vergleicht, ist die philosophische ausbildung, die an den katholisch-theologischen fakultäten vermittelt wird, derjenigen an den philosophischen zum teil haushoch überlegen; man vgl. die sache beispielsweise nur mal an der universität wien...

alte frau
00
25.2.2010, 13:53

ja, leider sind an der philosophischen fakultät in wien einige unnötige schwätzer. es wird allerdings besser. die mehrzahl der jungen wissenschaftler ist durchaus kompetent.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.